Defragmentieren Sie ihre Seele!

Liebe Gemeinde,

1. Die Klugheit der Computer
Ihr Computer kann zwar nur bis zwei zählen, bzw. nur zwei Zustände unterscheiden: Strom an/Strom aus. Da er das aber sehr schnell kann, verdeckt er seine wahre Dummheit. In einem aber ist er wahrscheinlich klüger als die meisten Menschen. Was er macht? Er achtet auf die Klarheit seiner Funktionen, er achtet auf innere Ordnung. Ein Computer hat es tagtäglich mit enormen Mengen an Information zu tun. Das schadet ihm nichts, da er keine Gefühle, keine Emotionen kennt. Aber allein die Maße der Eindrücke schätzt er als Gefahr ein.

Und wie reagiert ihr Computer – falls er nicht gar zu alt ist? Er defragmentiert sich, d.h. er bringt seine Dateien wieder in Ordnung.
Ein Computer arbeitet wie mancher in der Küche. Man reist Schubladen auf, nimmt Werkzeuge in die Hand, schiebt Töpfe hin und her, benutzt Gewürze, die offen stehen bleiben. Alles landet dort, wo gerade Platz ist.

So macht das ein Computer mit Dateien. Er nimmt sie, wie es notwendig ist und legt sie danach dort ab, wo eben Platz ist. Mühsam versucht er im Hintergrund, dabei den Zusammenhang nicht zu verlieren. Alte Geräte sind deswegen immer langsamer geworden. Bis sich der Besitzer erbarmt und die Defragmentierung durchgeführt hatte.

Neuere Computer werden einmal am Tag aufgeräumt. Die auf der Festplatte verstreuten Fragmente werden in einer Ruhepause wieder zusammengesetzt. Deswegen heißt der Vorgang "Defragmentieren".

2. Ortbeschreibung Patmos
Hier beginnt unser Predigtext. Johannes- so der Name des Autors – hatte sich zurückgezogen auf die der Türkei vorgelagerte Insel Patmos. Er nennt den Grund: Er sei dort "wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses von Jesus." Manche vermuten, er sei als Christ dorthin ins Exil geschickt worden oder er stünde unter Hausarrest. Das mag so gewesen sein. Wir werden es nicht mehr herausbekommen. Und ist auch nicht wichtig, warum er auf Patmos sitzt. Wichtig ist, dass er dort zur Ruhe kam.

Historisch gesehen gehört Johannes in das Ende des 1. Jahrhunderts. In Rom herrscht Domitian, ein Kaiser, der sich gerne als "dominus et deus" (Herr und Gott) anreden lasst. Da die junge Glaubensgemeinschaft der Christen die göttliche Verehrung eines Menschen verweigerte, begegnete man ihnen skeptisch. Es gab erste, staatliche Maßnahmen gegen die Gemeindeleiter/innen.

Von Patmos aus wendet sich Johannes an sieben Gemeinden, die alle in der heutigen Türkei liegen. Zuerst aber beschreibt er sich selbst:
"Ich bin euer Mitgenosse" d.h. ein Bruder in Christus. Er hebt sich selbst nicht hervor. Er betont die Schicksalsgemeinschaft: "Ich habe Anteil an der Bedrängnis." Das mag ein Hinweis auf Verachtung und Aussonderung der Christen sein. Aber vielleicht steckt da noch viel mehr dahinter: Johannes mag jemand gewesen sein, der nach Wahrheit suchte und tausend Antworten auf seine Frage bekam. "Ich weiß nicht, was ich glauben, wem ich trauen soll." Bedrängnis kann einfach heißen: Ich habe soviel Kummer. Bedrängnis ist auf jeden Fall immer eine Belastung der Seele und der Stimmung.

Johannes schreibt nicht nur als ein Bedrängter. Er schreibt auch als jemand, der weiß, wo hingehört: Ich bin euer Mitgenosse im "Reich Gottes". Das klingt nun ganz anders. Hier spricht er von Heimat, vor Zugehörigkeit, von Glaube. Er verwendet genau das Wort, das auch Jesus für seine Hoffnungsbotschaft, für das kommende Gottesreich verwendet hat. "Das ist meine geistige Heimat, die ich mit euch teile", sagt Johannes damit, wenn wir seine knappen Worte etwas weiter auslegen und er fährt fort: "Mit euch, liebe Brüder und Schwestern, teile ich die Geduld, die Standhaftigkeit, die Ausdauer, die uns mit Christus verbindet. Als Glaubende sind wir unterwegs. Wir schauen mutig mit klopfendem Herzen nach vor. Wir leben das, was Jesus uns verkündet hat als Gemeinschaft obgleich wir bedrängt, verlacht, verfolgt oder gar wirklich angegriffen werden. Wir schauen nach vorn. Dazu braucht er Ruhe, innere Ruhe, Zeit, Fragmente zu ordnen, Zeit den Überblick nicht zu verlieren. Diesen Überblick schildert er uns sehr bildhaft mit den literarischen Motiven einer "Vision".
Ehe wir uns der Vision zuwenden, schauen wir auf uns selbst.

3. Seelische Datenbanken
Wir Menschen laufen durch die Woche. Was haben sie am Montag gemacht? Und am Dienstag (evtl. Gesprächspause). Seltsam – da leben wir so dahin und alles ist so enorm wichtig und wehe, man verpasst etwas. Aber am Tag danach ist es vergessen. Kaum jemand führt noch Tagebuch. Das machen auch nur noch die Computer …
Wir füllen uns oft sehr gehetzt – und hetzen uns meistens selber am meisten. Unser Kopf sammelt Eindrücke über Eindrücke – und nun kommt das ganz wesentliche dazu – alles, was wir sehen und wahrnehmen, ruft Gefühle, Emotionen in uns hervor.
Obgleich uns das selten bewusst wird: Unsere Seele sammelt. Sie sammelt Eindrücke und Erlebnisse. Selten denken wir wirklich darüber nach.

Montag kriegt man die Schulaufgabe zurück. Natürlich könnte man sagen: "Fünf" ist eine Information, die ich zur Kenntnis nehme und an Vater und/oder Mutter weitergebe. Aber so nüchtern ist das nicht. Diese "Information" verhagelt den Tag, die Seele, die Stimmung. So könnten wir jetzt die ganze Woche durchgehen.

Bleiben wir bei diesem Gedanken. Nicht wenige von uns schauen auf mehrere Lebensjahrzehnte zurück. Was hat sich da nicht alles angesammelt! Nein, es geht nicht nur um die dunklen Themen. Unsere Seele, unser Innerstes könnten wir vielleicht auch als eine Art Datenbank beschreiben, eine Ansammlung von Fragmenten, Bruchstücken, Hoffnungen, Glückstagen, herrlichen Zeiten, Schulderfahrungen, Einsamkeit und Schicksalsschlägen.
Wann haben wir Zeit, das alles zu sortieren, in Zusammenhang zu bringen, zu bedenken, damit wir die Orientierung, damit wir die Lebenskraft nicht verlieren als Getriebene? Wann haben wir Zeit, Ordnung in all die Erlebnisse zu bringen, wenn wir denn nicht einfach nur dahin leben wollen, gleichgültig und gelangweilt?

4. Sonntag: Das Bild Christi schauen.
Wenn man ganz vornehm vom Sonntag reden will, dann nennt man ihn den "Tag des Herrn". Diese Formulierung – auf griechisch "kyriake hemera" lautend – taucht ein einziges Mal in der Bibel auf. Sie steht im Anfang unseres Textes.

Der heutige Sonntag trägt die Bezeichnung: "Letzter Sonntag nach Epiphanias", der letzte Sonntag nach dem "Erscheinungsfest" Jesu in dieser Welt. Von diesem Aufleuchten der Wahrheit in Christus, von seiner Herrschaft, von seiner Zukunft handelt die so ausführlich beschriebene Vision.
Sie ist voller Anklänge an Texte des Alten Testaments.
Johannes beschriebt das Grundbild des christlichen Gottesdienstes. Er beschreibt Christus. Manchem mag das sehr unzugänglich, sehr verworren erscheinen, wie er das macht.

Betrachten wir eine paar Einzelheiten aus seinem Bild: Es zeigt Christus, umgegeben von allerlei Symbolen. Jesus steht in der Mitte, umgeben von sieben Leuchtern, die Symbole für die Gemeinden sein sollen, an die Johannes schreibt. Sieben Sterne hält in seiner Hand. Ein uns sehr fremdes Bild, das aber damals jeder kannte. Er war das Bild für einen Herrscher. Heute haben wir andere Bilder: Es reicht ein Stern auf der Motorhaube, Designer-Kleidung, I-Phone und eine roter Teppich, über den die Auserwählten, die Herrschaften, die Glamourösen laufen und statt Leuchtern blitzen die Fotoapparate auf.
Weder Domitian noch andere, die sich wie Gott verehren lassen, sind Gott. Gott ist nur Christus allein, will Johannes mit seiner Vision wohl sagen. Christus ist das Licht der Welt. Das feiern wir an jedem "Tag des Herrn".
An Jesus entscheidet sich, was wahr und was falsch ist, bedeutet das Bild vom zweischneidigen Schwert. Auch ein Symbol, das Menschen damals gerne trugen, um sich als Richter und Herren zu zeigen. Christus ist Herr und Richter dieser Welt. Das feiern wir an jedem "Tag des Herrn". Sagt Johannes.

In seiner Vision ordnet er seine Gedanken über Christus. Er hat diesen heute vielleicht seltsamen Weg gewählt, indem er Christus durch Symbole beschreibt. Aber so fremd ist das gar nicht, wenn wir genauer darüber nachdenken. Auch wir zeigen oft in unserer Kleidung, wie wir uns geben und was wir für "Marken" tragen, wozu wir uns zählen und wie wir denken.

Und dann spricht Jesus:
Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Was aber ist Sinn der ganzen Beschreibung? Das lässt sich mit einem Satz sagen: An jedem Tag des Herrn verneigen wir uns vor diesem Bild, verneigen wir uns vor Christus als dem wahren Herrn des Lebens, hören auf sein Wort. An jedem Tag des Herrn feiern wir unsere Zusammengehörigkeit als Brüder und Schwestern im Glauben, versammeln uns um das "Licht der Welt", haben Anteil an Gottes Zukunft und üben unsere Seele in Geduld und Hoffnung. Am Sonntag schauen wir das Bild Christi.

5. Bringt das was?
Bringt das was, wenn ich in den Gottesdienst gehe? Ich vermute, dass vor allem die Präparanden diese Frage stellen möchten. Bringt das was?
Ich zögere mit der Antwort. Nicht, dass ich es nicht wüsste, aber ich will nicht einfach sagen: Gottesdienst ist nützlich. Ich sage lieber: Im Gottesdienst, am Sonntag, am Tag des Herrn haben wir eine wöchentliche Einladung dazu, Christus zu begegnen. Man kann nicht sagen, was es bringt. Wer sich aber darauf eingelassen hat mit offenem Herzen, wird diese Stunde der "Defragmentierung der Seele" nicht mehr missen wollen.
Gottesdienst, so hat es jemand gesagt, ist die Feier unseres tiefen Wunsches nach Leben, nach Wahrheit, nach Orientierung, nach Ganzheit.

Ein gute Freundin von uns hat sich vor einem Jahr als Landärztin niedergelassen. Anfang dieser Woche hatte ich mit ihr telefoniert. "Ich mache jetzt eine Fortbildung als Psychiaterin", erzählte sie mir und nannte auch den Grund. "Über die Hälfte meiner Patienten klagen über Beschwerden an ihrem Körper, aber ich merke immer deutlicher, dass eigentlich ihre Seele krank ist. Pillen und alle Medizin, die ich verschreibe, helfen nur an der Oberfläche."
Ob das daher kommt, dass nur noch wenige der Christen in den Gottesdienst gehen? Das wäre interessant, darüber zu diskutieren.

6. Mutig leben
Johannes ist auf seiner kleinen Insel Patmos wohl einiges klar geworden. Auf die junge Christenheit warten schlimme Zeiten. Die mächtigen Herren der Welt dulden es nicht, wenn man sich ihnen widersetzt. Das mag uns Angst machen, sagt er, und nennt sich darum einen "Mitgenossen der Bedrängnis". Sein Glaube aber gibt ihm Kraft, zu leben. "Mit euch teile ich das Leben in der Kirche, das Leben in Geduld, die Hoffnung, den Glauben." Und dann schreibt er ein sehr rätselhaftes, oft sehr düsteres Buch über das, was kommen wird. In alles aber webt er als Faden das Wichtigste hinein: Den Glauben an Christus, die feste Gewissheit, dass er alles zu einem guten Ende führt.
Im Gottesdienst haben wir jeden Sonntag eine Gelegenheit, unser Leben zu bedenken. Haben Gelegenheit, dieses Faden in unser Leben zu weben. Bringt das was?

Ich wurde vom Geist ergriffen, hatte Johannes gesagt, und damit meinte er den Glauben. Er hat ihn befähigt, sein oft wirres Leben, seine Gedanken, all die Fragmente aus Verlust und Liebe, aus Erfolg und Beschämung, aus Flucht und Erfolg, aus dunklen und hellen Tagen zusammen zu sehen, zu defragmentieren. So bringt er Ordnung in seine Seele.

Wozu dient seine Vision, die auf uns so fremd erschien? Sie stellt uns Christus vor Augen. Solange wir dieses Bild haben, können wir leben, haben wir Mut, haben wir Hoffnung. Schade, wenn für viele Menschen der "Tag des Herrn" nur zum Ausschlafen dient. Da sind unsere Computer trotz all ihrer Dummheit klüger als wir. Sie defragmentieren, was sie beschäftigt hatte, bringen Ordnung in all die Dateien. Schade, wenn uns ein einfaches "Abschalten", ein "standby" am Sonntag genügt. Das könnte das System unseres Lebens durcheinander bringen und ermüden.

Amen

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