Naaman lernt dazu

Liebe Gemeinde: „

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Welch Verheißung in unserem Wochenspruch. Grenzenlos wird es sein, wenn Gottes Reich vollkommen ist. Kein Unterscheid mehr zwischen Arm und Reich, Mann und Frau, Inländer und Ausländer: Alle beisammen an SEINER Tafel in SEINEM Reich. Ein weiteres Bild, liebe Gemeinde, für die Hoffnung, welche wir Christen teilen, gerade, wenn wir unsere Welt jetzt ansehen in ihrer Zerrissenheit und ihrer Unvollkommenheit.

Wir hören dazu unser Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem AT, dem 2. Königsbuch aus dem 5. Kapitel: „

[TEXT]“

Was für eine moderne Geschichte, liebe Gemeinde! Da hört jemand in einer für ihn bedrängenden Situation, hier konkret einer Krankheit – (es könnte jedoch auch etwas völlig anderes sein) – hört von diesem Gott, der das Volk Israel sein eigen nennt und beschließt, dort sein Glück zu versuchen. Und er macht es, wie wir es heute noch machen: Nimmt also mit Geld und Macht, also viel von dem, was seine Stellung ausmacht und meint, er könne sich einkaufen bei Gott. Ihn quasi bezahlen für seinen Wunsch. „Zehn Zentner Silber, 6000 Goldgulden usw.“ Bis dahin versteht er Religion noch als Dienstleister: Wo man etwas haben will, muss man also etwas hinlegen. Je besser mal bezahlt, umso besser das, was man bekommt. Aber das ist das Erste, was er sehen und lernen muss: Die Beziehung zu diesem Gott ist nicht wie die zu den toten Götzen. Dieser Gott entzieht sich dem gängigen System: Er ist nicht zu kaufen oder zu beschwichtigen durch Opfer und andere Gaben. Er ist nicht handhabbar. Unsere Zeit ist aber eine solche: Scheinbar lässt sich doch alles regeln durch diese grundlegende Geschäftsidee: „Eine Hand wäscht die andere.“ Oder: „Wenn ich genügend Geld habe, kann ich mir doch eigentlich alles kaufen.“ Im Mittelpunkt stehe aber immer ich, denn um mich dreht sich ja diese Welt. Naaman muss sehen, dass bei diesem Gott die Gesetze der Welt nicht funktionieren. Das Geld, der Handel, seine Macht: All das ist ihm hier zu nichts nutze. Damit verbunden ist sein zweites Lernen: Auch die weltliche Macht kommt bei diesem Gott an ihre Grenzen: Ein König sendet dem anderen einen Brief: „Regel du das bitte für meinen Diener!“ Aber der König von Israel, der diesen Gott schon besser kennt, zerreißt seine Kleider und bekennt darin sein eigenes Unvermögen: „Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte?“ Naaman muss erkennen: Hier hilft nicht Geld noch Einfluss. Auch dieser König, der Höchste in seinem Lande, kann ihm nicht helfen. Vielmehr, in Unkenntnis der Lage, kann der König von Israel nichts anderes als einen Affront in dieser Bitte erkennen: „Seht, wie der König von Aram Streit mit mir sucht!“ Eine moderne Geschichte, die auch davon erzählt, wie sehr wir immer noch fixiert sind auf die „Großen“, die „Mächtigen“, so als wäre mit ihrem Amt, mit ihrer Stellung ein Vermögen jenseits dieser Gesellschaft verbunden: als könnten sie uns näher bringen an eine Heiligkeit, die wir Kleinen eben nicht erreichen können. Aber dieser Gott ist anders: er wählt sich nicht die Mächtigen, die Potentaten dieser Welt, sondern er weist auf das Geringe, das Kleine, wenn er sich offenbart. Haben Sie es noch im Ohr? Ein Sklavenmädchen muss Naaman auf diese Macht Gottes hinweisen. Es ist diese eine Linie, liebe Gemeinde, die sich bis zu Christus in der Schrift durchzieht: Der Mann aus Nazareth wird nicht deswegen so gefährlich , weil er mit Macht und Schwert die Obrigkeit und das System bedroht, sondern gerade weil er diese Linie des Alten Testamentes wieder stark macht: Die Kranken, die Geringen, die Armen, die Ausgestoßenen – auch die haben ein Recht auf Gottes Wort, auf seine Hilfe. Wie bedrohlich muss das damals gewesen sein, im Angesicht des gewaltigen Tempels in Jerusalem mit seinem Glanz und seiner priesterlichen Machtfülle. Da kam einer, den diesen Geringen, die vom Tempelbesuch ausgeschlossen waren, sagte: Dir gilt die Liebe Gottes – deine Sünden sind dir vergeben! Naaman muss es erst lernen und wir Heutigen immer wieder mit ihm: Dass wir uns nicht blenden lassen vom Äußeren eines Menschen. Seine Würde nämlich ist anders begründet – sie hat damit zu tun, wie Gott den Menschen anblickt.

Naaman aber hat Glück – der Prophet hört von seinen Versuchen und lässt ihn kommen. Aber schon wieder werden Naamams Vorstellungen umgeschmissen: Da fährt er doch vor mit „Rossen und Wagen“, um Elia zu begegnen, aber der schickt nur einen Boten raus. Ja, wie kann das sein? Noch einmal muss Naaman sehen, wie anders Gott doch handelt. Hat nicht Naaman eine besondere Krankheit in einer besonderen Stellung, die einer besonderen Behandlung bedarf? Nein, das hat er nicht – selbst im Leid ist er nicht hervorgehoben unter den anderen vor Gott. Auch hier: Eine moderne Geschichte, denn auch das nimmt in unserer Gesellschaft immer gegenwärtig: Sein eigenes Leid, seinen eigenen Nachteil zu begreifen und zu behandeln, als wäre es einzigartig und besonders. „Seht her, wie schlecht es mir geht. Das, was ich habe, hat sonst keiner auf der Welt!“ So als wollte man sich über seine Krankheit eine Auszeichnung und Belobigung verdienen. Aber auch hier: Krank zu sein, Nachteile zu haben, zu leiden ist nichts Besonderes in dieser Welt.

Wiederum von den Geringen, von seinen Diener muss der Mächtige überredet werden doch den Weisungen des Propheten zu folgen. Er soll siebenmal im Jordan untertauchen. Und vielleicht, liebe Gemeinde, darf man dies auch einmal ganz praktisch verstehen: Naaman, der von sich so überzeugt ist, wie es besser nicht gehen kann, soll ruhig einmal „abtauchen“, verschwinden. Als ob Raum geschaffen werden sollte in diesem mächtigen und sicherlich zu selbst wie anderen ebenso strengen Feldhauptmann, damit endlich auch Gott Platz in ihm findet. Abtauchen in diesem symbolträchtigen Wasser, welches natürlich an sich genauso wenig Wirkung hat, wie anderes Wasser auch, welches aber von jeher als das Grenzwasser gilt, das wir heute auch noch im Sprichwort benennen: „über den Jordan gehen“ heißt ja eine Grenze (hier vom Leben zum Tode) zu überschreiten. Naaman soll diese Grenze erfahren, die Grenze seines Ichs, die Grenze seiner Möglichkeiten und Raum geben dieser anderen Welt, dieser anderen Macht – sie erfahren und sich berühren lassen von der Andersartigkeit dieses Gottes. Naaman, das muss man ihm lassen und darin dient er uns moderen Menschen als Vorbild, hat all diese Dinge gelernt und zugelassen. Er hätte ja von Anfang an mit seinem ganzen Silber und Gold beleidigt wieder abziehen können. Aber Nein: Stückchenweise hat er sich auf diesen Gott eingelassen, zugelassen, dass er sich ihm nähert. Seine Krankheit ist dann verschwunden, aber nur wie nebenbei. Wichtiger und prägender bleibt ihm diese Erfahrung, dass man bereit sein muss, von all dem zu lassen, worauf er bisher baute – im „Haben“ wie im „Nicht-Haben“. So erst wollte Gott ihm sein Wirken zeigen.

Dass Naamans Geschichte für den gläubigen Juden auch bedeutete: Ein Ausländer kann Gottes Gnade ebenso erfahren wie ein Mitglied des Gottesvolkes, geht in diese gleiche Richtung. Versuche nicht zu besitzen, was du geschenkt bekommen hast, sondern sei froh, sei dankbar, dass Gott in deinem Leben wirken will.

Wie heißt es in einer Anekdote so schön: "Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?"

"Weil sich niemand mehr so tief bücken will."

Naamann hat dazu gelernt.

Und der Friede Gottes, der einen wird, wo wir es schon verloren glaubten, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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