Gott kann uns begegnen, wenn wir vom hohen Ross herunterkommen

Liebe Gemeinde,
was ich gerade gelesen habe, finde ich eine großartige Geschichte. Eine Geschichte, die von Anfang bis Ende vollgepackt ist mit Motiven. Eine Geschichte die mit diesen Motiven eine ganze Menge an Wahrheiten transportiert, die wohl in ihrer Vielfalt kaum zu Ende zu denken sind. Aber eines scheint sich mir als Grundmotiv durchzuziehen: Der Glaube an Gott fällt nicht vom Himmel. Der Glaube an Gott, er wird vermittelt von denen, die bereits zu diesem Glauben gefunden haben.
Und dabei sind oft vor allem die einfachen Menschen wichtig, so wie Naamans israelitische Sklavin oder seine Mägde und Knechte. Aber natürlich auch alle anderen, an denen sich erleben lässt, wie der Glaube an Gott Kraft, Mut und Hoffnung gibt. Kraft, Mut und Hoffnung auch in scheinbar aussichtlosen Situationen. Und wie so Heilung vermittelt wird, wo niemand sie mehr erwarten konnte.
Der Glaube an Gott fällt nicht vom Himmel, sondern er kann dann angenommen werden und Heilung bringen, wenn Menschen ihre vorgeprägten Erwartungen an das Handeln Gottes aufgeben und sich offen halten für das andere, dass Gott ist und das er zu tun vermag.
Aber gehen wir der Geschichte noch einmal nach.
Vorgestellt wird uns ein vortrefflicher Mann. Einer, der etwas kann, und der es zu etwas gebracht hat. Ein erfolgreicher Mann. Naaman, der Feldhauptmann. Mit seinen Erfolgen hat er es an die Spitze des Staates gebracht. Über ihm nur noch der König. Macht, Ruhm und auch Reichtum, all das gehört zu seiner Stellung.
Doch was ihm jetzt bevorsteht, ist ein grässlicher Absturz. Weil er krank ist, Aussatz hat. Und das bedeutet, dass er wohl aus allen seinen sozialen Bezügen ausgestoßen wird.
Der Name der Krankheit, er zeigt gleichzeitig auch die soziale, die gesellschaftliche Konsequenz für die Betroffen an: Sie sind ausgesetzt. Ausgesetzt aus der Familie, dem Beruf, den Freundschaften, den Städten und Dörfern. – Vom Verteidigungsminister zum Landstreicher und Bettler, dem keiner mehr zu nahe kommen wird. Was für eine Perspektive des Abstiegs.
Interessanterweise ist diese Perspektive zwei ganz unterschiedlichen Menschen nicht egal. Die eine Person ist sein Herr, der König. Er weiß offensichtlich, was er an ihm hat. Und er will ihn nicht verlieren. Also lässt er fast unheimlich scheinende Reichtümer aufbringen, mit denen er sich die Heilung erkaufen will. Für Geld kann man alles haben. Das ist wohl seine Erfahrung, die er nun umzusetzen gedenkt.
Aber dies alles erst auf den Rat, der entführten Magd von Naamans Frau, einer jungen Israelitin. Was mag sie wohl bewogen haben, ihrem Herrn diesen Rat zu geben? Wir wissen es nicht. Aber wir kennen das Ergebnis. Der einfache Glaube an Gottes heilendes Handeln er bringt die Dinge in Bewegung. Und, und das halte ich für das wichtigste an dieser Geschichte, und, dass sie in fremder Umgebung ihren Glauben bekannt hat, ihn öffentlich macht: Sie hält nicht mit ihrem Glauben hinter dem Berg, sie weiß um den Propheten und sie bekennt ihn als Propheten in dem Moment, wo sie meint, das seine Hilfe gut sein könnte.
Und Naaman macht sich mit all diesen Reichtümern auf. Und er begeht denselben Fehler, wie ihn später die Weisen, die Magier aus dem Orient begehen. Er meint, die göttliche Macht dort zu finden, wo auch menschliche Macht sich befindet.
Scheinbar immer wieder ein Fehler, den reiche und mächtige Menschen begehen. Ihre eigene Macht, ihren eigenen Reichtum sehen sie in göttlicher Bestätigung. Und darum geben sie sich manchmal so unangreifbar. Darum meinen sie jede moralische Entrüstung über ihr Tun aussitzen zu können.
So erscheint mir zumindest auch das Verhalten unseres Bundespräsidenten, der gar nicht wahrzunehmen scheint, wie weit sein Geflecht von Wohlverhaltens- und Protegierungsbeziehungen von der Welt der meisten Menschen in diesem Land entfernt ist.
Weil die Mächtigen und Reichen oft so denken, darum werden sie so beratungs- und kritikresistent. Weil sie (mehr oder weniger bewusst) meinen, die göttliche Zuwendung gepachtet zu haben. Und darum verstehen sie wohl manchmal gerade überhaupt nicht, wie Gott ist. Wie weit entfernt von aller Macht Gott zu finden ist. Dass es die Krippe und nicht der Königspalast ist, in der Gott und die Welt zusammenkommen.
Naaman also sucht auch im Palast. Ein fast fataler Fehler. Denn der König von Israel weiß um die Beschränktheit seiner menschlichen Fähigkeiten. Er weiß, von wem allein Hilfe kommen kann: „Bin ich Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich sollen den Mann von deinem Aussatz befreien?“ Für ihn wird die unerfüllbare Bitte zum Kriegsgrund. Noch hat hier Macht nach Macht gesucht. Und das Aufeinandertreffen findet fast einen tragischen Ausgang.
Aber noch hat auch darin Naaman seine Lektion wohl nicht gelernt. Die heftige Reaktion seines Königs, die dringt nun bis zu Elisa. Und er, er kann Gottes Hilfe vermitteln und bietet seine Hilfe an. So zieht Naaman zu ihm. Wie es so schön heißt, hielt er mit Rossen und Wagen vor seiner Tür. Wie gesagt, Naaman hatte seine Lektion noch nicht gelernt. Er kam mit der Meinung seines Herren, dass für Geld alles zu haben sei. Für all das Geld, was doch seine hohe Stellung nur unterstrich. Was ihn auszeichnete als Menschen mit Macht.
So kommt er – und kriegt von Elisa eine Zumutung vor den Kopf geknallt. Zumindest in seinen Augen eine Zumutung. So hat er sich das nicht vorgestellt. Das ist erniedrigend. Einzusteigen in die Schlammfluten des Jordan. So belanglos. So unliturgisch. So wenig wunderhaft.
Das macht ihn zornig. Muss die Heilung eines so bedeutenden Mannes, wie er es ist, nicht viel spektakulärer sein? Was er erwartet, sind wohl hunderte Sänger im Heiligtum – wenigstens. Und prachtvolle Priestergewänder. Und auch er käme gesalbt und parfümiert. Und würde in großer Geste die Heilung annehmen. Ein Pracht-, ein Festgottesdienst, das müsste der Rahmen sein. Er würde ja auch alles bezahlen. Aber bitte nicht so belanglos. Bitte nicht so alltäglich, so bäuerlich – im Fluss waschen.
Zum Waschen gibt es doch goldene Badewannen und schöne Damen, die Öl ins Wasser geben und die Haare frisieren, den Bart schneiden, die Nägel pflegen.
Im Fluss waschen sich die Armen, die es sich nicht anders leisten können, die niemand haben, der ihnen den Rücken schrubbt.
Nein, er hat seine Lektion immer noch nicht gelernt. Selbst Gottes guten Weg für ihn vor Augen wird er erst einmal zornig. Weil er Gott so nicht haben will. Er will ihn nicht als einen, der ihm zeigt wo es langgeht. Er ist doch ein Mensch der es gewohnt ist, anderen zu zeigen wo es langgeht. Er muss sich nichts sagen lassen. Er weiß, was gut für ihn ist. Er erwartet, dass sich auch Gott auf ihn einlässt.
Hier möchte ich einmal in der Geschichte anhalten, liebe Gemeinde. Anhalten, weil es doch so schön und so einfach ist in Naaman in dieser Situation hineinzuschauen. Und weil wir so vielleicht auch die eine oder andere Parallele ziehen und denken: Ja, so sind sie eben die Mächtigen. Die müssen ihre Lektion noch lernen. Mag sein. Oft stimmt das wohl.
Aber haben wir sie gelernt, unsere Lektion. Lassen wir uns auf das ein, was Gott uns mitgibt für unser Leben oder versuchen wir es nicht auch, besser wissen zu wollen als Gott. Verpassen wir unser Heilwerden nicht auch immer wieder dadurch, dass wir schon vorher wissen, wie es Gott machen sollte. Und dann taucht vielleicht auch bei uns die Meinung auf, dass für Geld alles zu haben ist.
Und dann ist auch mancher Kollektenschein, manches Geldstück in der Sammelbüchse so gemeint: „Lieber Gott, wenn ich dir das hier gebe, dann musst du aber jetzt auch, mein Bein wieder gesund machen, dann musst du meine Probleme in der Schule lösen, dann musst du etwas für meine Ehe tun, dann musst du meine Schwiegermutter endlich auch mal auf mich hören lassen …. Denken wir nicht auch manchmal tief in uns drin, Gottes Zuwendung sei käuflich, mit Geld, mit Wohlverhalten, mit bravem Einhalten selbstgesetzter Gebetszeiten, mit Verzicht, mit frommen Radio- und Fernsehsendern. Sieh her Gott, wie ich dir geben, nun gib du mir. Haben wir da unsere Lektion gelernt. Oder hat dann unser eigener Stolz nicht nur eine andere Farbe als der machtvolle Stolz des Naaman?? ¬…
Er zumindest lernt nun seine Lektion. Und er kann sie lernen, weil er wieder Hilfe bekommt. Es sind seine Diener, die den Mut aufbringen, den stolzen Naaman von seinem hohen Ross runter zu holen. Ich finde das richtig und gut und erstaunlich mutig. Denn sie halten ihm ja geradezu wie in einem Spiegel vor, dass es sein machtvoller Stolz ist, der verhindert, wieder heil zu werden. „Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!“
Ich möchte mal alle Diplomatie aus den Worten rausnehmen, dann klingt es so: „Du überheblicher Mistkerl, von dem wir alle abhängig sind. Du denkst wohl alles tanzt immer nach deiner Nase. Hier kriegst du mal deine Grenzen gezeigt. Wenn du nur einmal aus deiner Welt rausgucken würdest, dann könntest du sehen, dass auch andere Menschen neben dir leben. Zum Beispiel solche, für die es selbstverständlich ist, sich in einem Fluss zu waschen, zum Beispiel solche, für die es selbstverständlich ist, sich um ihr Leben selbst zu kümmern, und die noch selbst eine Schwamm über ihren Buckel führen können. Mit Geld und Gold um dich zu schmeißen, das entspricht deinem Stand. Aber jetzt sollst du mal was tun, was einfachen Menschen entspricht und da wirst du zickig. Komm runter von deinem Ross. Komm auf die Füße. Du bist auch nur ein Mensch, wie jeder andere. Und wenn du das nicht begriffen hast, dann schau nur in den Spiegel.“
Naaman hat es offensichtlich begriffen. Und so wird er heil. Eine gute, eine schöne Veränderung.
Sie erinnert mich an meine Zeit im Krankenhaus. Wie hatten einen Oberarzt, für den Schwestern und Pfleger geradezu Befehlsempfänger waren und sonst Luft. Unter seine Würde. Der war dann damals für einige Zeit in Kambodscha. Was er dort im Einzelnen erlebt hat, weiß ich nicht. Aber er kam zurück, als einer, der uns von diesem Zeitpunkt als Menschen wie er selbst angesehen hat. Und es war erkenn- und spürbar, wie ihm dies selbst gut tat. Er hatte ein ganzes Stück zu sich als Mensch zurückgefunden.
Wie in unserer Geschichte Naaman. Und so hat er Gott gefunden. Weil er von seinem Ross herunterkam. Weil er sich mindestens zweimal darauf einließ, den Glauben der einfachen Menschen um ihn herum ernst und aufzunehmen. Weil er Gott in seiner Niedrigkeit ernst nahm. So, und nur so fand er seinen Frieden.

Amen
Dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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