Die Geschichte von Naaman (narrative Predigt)

Wenn ein Professor sich um eine Stelle bewirbt, dann muss er immer eine Bewerbungsvorlesung halten – „Vorsingen“ nennt das dann der gemeine Student. Im Jahr 1996 hat Erik Aurelius sich um einen Lehrstuhl in Göttingen beworben, den er dann auch bekommen hat.
Von 1997 bis 2004 war er Professor in Göt­tingen. Heute ist er Bischof von Skara in Schweden – er ist schließlich auch gebürtiger Schwede.
In seiner Bewerbungsvorlesung damals hat er eine ganz bemerkenswerte These aufgestellt. Er hat näm­lich gesagt, dass die Hauptaufgabe eines Theologen und eigentlich sogar die Hauptaufgabe eines Christen­menschen darin besteht Geschichten zu erzählen. Der Kern der Verkündigung des Evangeliums ist das Erzählen von Geschichten. Geschichten auszulegen, sie zu verstehen – das kommt schon von ganz allein beim Erzählen und wenn nicht, dann kommt es auf jeden Fall erst später. Zunächst geht es darum, das weiterzugeben, was uns auch schon geschenkt wurde.

Ich denke, Aurelius hat recht und so will ich seinem Anliegen heute Folge leisten. Und muss ich sogar ein Stück weit. Denn die Geschichte, die ich Ihnen und Euch jetzt erzähle, ist uns heute eben auch als Predigttext auf den Weg mitgegeben.

– Die Geschichte von Naaman –

Es war an einem schönen Tag im Frühling als Naaman sich auf den Weg machte.
Nach Israel wollte er reisen. Ins Land der Feinde, ins Land, das er besiegt hatte. In das Land, das danke seiner Leistung nun seinem König untertan war.
So ganz wohl war ihm nicht bei der Reise. Und wirklich sicher, dass es einen Sinn machte nach Israel zu diesem sagenhaften Wundermann zu gehen, war er auch nicht. Eigentlich wäre er am liebsten zuhause geblieben und hätte endlich einmal genossen, dass alle ihn respektierten, dass alle ihn anerkannten und dass einige in sogar fürchteten.

Das war nicht immer so gewesen. Eigentlich brachte Naaman alles mit, was man als Mann in Aram brauchte. Er kam aus einem guten Hause. Seine Vater war ein angesehener Mann und seine Mutter eine schöne Frau. Seine Kindheit war sehr schön gewesen. Er hatte lesen und schreiben gelernt und dass man seiner Heimat und seinem König immer treu ergeben sein sollte.
Daran hatte er sich immer gehalten. Als er erwachsen war, hatte er gelernt zu kämpfen. Und er war gut. Das lag auch daran, dass er sehr groß und kräftig war. Aber er war auch geschickt. Er konnte mit dem Schwert kämpfen wie kein anderer und den Speer traf er auch aus großer Entfernung sicher ins Ziel. Immer wenn der König in den Krieg zog, war Naaman an seiner Seite. Der König hatte schon früh von ihm gehört und hatte seinen Lerneifer und seine Geschick­lichkeit im Kampf beobachtet.
Aber Naaman war keine dumpfer Schläger, sondern obendrein ein sehr intelligenter junger Mann, der ein untrügliches Gespür für Strategie und Taktik hatte. Das merkte auch der König schnell und so machten Naaman Karriere im Heer von Aram.

Nun muss man wissen, dass Aram eigentlich ein kleines Königreich war, so wie alle Reiche damals sehr klein waren. Nur Ägypten und Assyrien waren mächtige Staaten mit Frucht erregenden Militärma­schinerien – aber die waren weit weg und gerade sehr mit sich selbst beschäftigt.
Aram jedenfalls war ein kleines Land. Es gab keine Berufsarmee, sondern der König, der fast sein halbes Volk persönlich kannte, rief, wenn es nötig war, zu den Waffen. Und wenn der König rief, dann kam man. Ansonsten ging man seinen Geschäften nach.

So war es auch bei Naaman. Auch privat war er erfolgreich. Von seinem Vater hatte er Land geerbt und von seiner Mutter ein Gespür für gute Geschäfte. Und ab und an zog er in den Krieg – schließlich war der sogar zum Feldhauptmann ernannt worden, zum Obersten des ganzen Heeres von Aram (nach dem König natürlich).

Alles lief so schön, wenn dann nicht der Aussatz ge­kommen wäre. Die Krankheit kam ohne Vorwarnung über ihn. Fast über Nacht. Und sie ließ sich nicht verheimlichen. Als sich sein Gesicht langsam aber sicher veränderte, konnten es alle sehen und alle begannen darüber zu reden. Alle redeten über ihn, aber niemand redete mehr mit ihm.
Wenn man vorher über ihn sprach dann mit Interesse oder sogar mit Bewunderung. Aber nachdem der Aussatz gekommen war, sprach man über ihn nur noch mit Abscheu und Ekel. Und ein stückweit konnte er das auch verstehen, denn er ekelte sich vor sich selbst: vor seiner Haut, die in Auflösung war, von den eitrigen Wunden, die seinen Körper bedeckten.

Warum er? Warum hatte ausgerechnet er diese Krank­heit bekommen? Er wusste es nicht. Er hatte nie etwas böses getan. Er war seinem Land und seinem König treu ergeben. Er hatte auch Arams Gott immer geopfert. War in den Tempel gegangen und seine Opfer waren immer größer als vorgeschrieben. Er durfte sogar gemeinsam mit dem König im Tempel dienen. Eine Ehre, die nur wenigen zu Teil wurde.
Er hatte niemanden bestohlen, betrogen oder sonst irgendein Unrecht begangen. Warum nur wurde ausgerechnet er mit dieser Krankheit bestraft?
Er merkte mit der Zeit, dass auch der König auf Distanz ging. „Kein Wunder“, dachte Naaman. Aber auf ihn und seine Fähigkeiten verzichten, konnte und wollte der König auch nicht. Denn trotz aller Entstellungen und Geschwüre, Naamans Fähigkeiten im Kampf waren noch immer ungebrochen.
Und als es gegen Israel ging, war Naaman wieder dabei. Als Feldhauptmann führte er das Heer. Und er führte es zielsicher zum Sieg.

Die Israeliten waren geschlagen wie nie zuvor. Der Triumph in Aram war riesig und bitter war die Schmach für Israels König, als er seine Waffen vor Naaman nieder legen musste. Vor einem Aussätzigen. Hohe Tributzahlungen musste Israel von nun an Aram zahlen und zahlreiche Männer und Frauen mussten von nun an in Arams Häuser als Sklaven Dienst tun.
Auch Naaman hatte ein junges Mädchen mitgenom­men – als Geschenk für seine Frau. Von nun an diente ihr das Mädchen in Haus und Küche.

Und Naaman kehrte als siegreicher Feldherr heim und endlich kam auch ein bisschen Respekt zurück. Man begann auch wieder mit ihm zu reden, statt immer nur über ihn.

Ausgerechnet dieses Mädchen aus dem besiegten Volk war es, das ihn auf diese äußert merkwürdige Idee mit der Reise brachte:
Sie erzählte ihm von Elisa. Von Elisa hatte Naaman schon vorher gehört. Elisa kannte jeder, nicht nur in Israel. „Mann Gottes“ nannte man ihn. Einen Diener des Gottes Israels. Einen Propheten. Einen Wunder­mann. Angeblich konnte er Wunder vollbringen, wenn er seinen Gott anrief. Konnte Kranke heilen und sogar die tödlichsten Gifte unschädlich machen. Natürlich hatte er von Elisa gehört. Und nun kam ausgerechnet dieses dumme Ding aus Israel ihm mit Elisa an. Elisa könnte ihn heilen, hatte sie gesagt.
Naaman konnte damit nicht viel anfangen. Was konnte dieser Prophet schon ausrichten? Was konnte der Gott Israels schon ausrichten, wenn schon Arams Gott nichts ausrichten konnte.
Wie oft hatte er in Arams Tempel geopfert, hatte gebetet und nichts war passiert. Er hatte alle möglichen Reinigungsrituale durchlaufen – keine Reinigung, keine Heilung. Arams Gott konnte (oder wollte?) ihm nicht helfen. Und Arams Gott musste größer und mächtiger sein als der Gott Israels. Wie hätte er, ein Diener Arams, sonst Israel schlagen können. Nein, diesem merkwürdigen Gott Israels traute Naaman nichts zu.

Als Naaman seinem König von dem Vorschlag seiner Sklavin berichtete, hatte er eigentlich mehr einen Scherz über die Dummheit und Einfalt der Israeliten machen wollen. Aber sein König nahm es für bare Münze. Sagte, er solle gehen. Gab ihm sogar einen Brief für Israels König mit, den feigen Hund. Sagte ihm, er solle Geschenke mitnehmen. „Sind denn hier alle verrückt geworden“, dachte sich Naaman.
Und dann war plötzlich unterwegs gewesen. Nach Israel. Zu den Feinden. Zu den Unterworfenen.

Der Empfang in Israel war nicht schön. Der König hatte den Brief zerrissen, hatte geflucht über seinen König. Hatte Verrat gewittert, eine Falle befürchtet. Hatte vor Zorn seine Kleider zerrissen. „Ein Land voller Verrückter“, hatte Naaman wieder gedacht.

Schließlich hatte er ihn aber zu Elisa geschickt. Und da stand er, Naaman, Feldhauptmann des Königs von Aram, Bezwinger Israels, vor dem Haus des Gottes­mannes. Und? Ließ der sich blicken? Kam er zu ihm heraus? Rief er seinen Gott an? Nichts.
Er schickte seinen Diener heraus. Und ließ ausrichten, Naaman möge zum Fluss Jordan gehen und sich sieben Mal darin waschen. Was soll das? Brauchte er, Naaman, dafür einen Propheten? Sieben mal waschen. Als hätte er sich nicht schon oft genug von seinem Aussatz rein zu waschen versucht. Ist denn den Jordan besser als andere Flüsse?
Naaman tobte vor Wut. Er verfluchte diesen Elisa: War der nur dumm oder war unsäglich arrogant? Und er verfluchte sich selbst: Wieso hatte er sich nur auf diese blödsinnige Reise eingelassen. So ein Unfug.

Naaman packte seine Sachen und machte sich auf den Heimweg. „So ein Reinfall“, dachte er.
Die Männer, die ihn begleiteten, waren aber anderer Meinung. Sie versuchten ihn zu überzeugen, es doch wenigstens zu versuchen. Was schadete es denn sieben Mal im Jordan zu baden. „Naaman“, sagten sie, „was hättest du denn getan, wenn etwas größeres, schwierigeres verlangt hätte? Hättest du das eher getan?“
Naaman überlegte. Wahrscheinlich nicht, dachte er. Er hielt das alles hier für Mumpitz. Die Israeliten hielt er für ein einfältiges Volk, dass einem dummen Gott nachlief und nicht mal darin konsequent war. Elisa hielt er für einen arroganten Idioten. Nichts war gut in Israel. „Aber was soll’s“, dachte er, „rasten musste er sowieso, warum nicht am Jordan. Und wenn er schon war, konnte er auch baden. Von ihm aus auch sieben Mal. Schaden konnte es nichts und vielleicht, vielleicht – nicht dass er wirklich darauf hoffte – half es ja doch ein bisschen. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben.“

Und dann geschah das, womit er im Leben nie gerechnet hätte. Worauf er selbst im Traum nicht gehofft hätte. Er hätte seine rechte Hand und das Leben seiner Mutter verwettet, dass es nichts bringt, aber nach dem siebten Bad im Fluss war der Aussatz weg und Naaman sag aus, als wäre nie etwas mit ihm gewesen. Geheilt!
Naaman kehrte sofort um. Er flog förmlich zu Elisa zurück. Viel fast vom Pferd, als er vor dessen Haus ankam. Er warf sich vor Elisa auf den Boden und ließ ihm alle Geschenke, die er mitgebracht hatte überge­ben. Dass Elisa nichts haben wollte, ließ er nicht gelten. Und als er vor im saß stammelte er mehr, als das er sprach: »Ich weiß jetzt«, sagte er, »dass kein Gott existiert in allen Landen, außer in Israel. Ich will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein dem Herrn, deinem Gott.
Nur darin wolle der Gott Israels mir gnädig sein: Wenn mein König in den Tempel des Gottes Arams geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel in Aram, dann möge der Herr mir vergeben.«
Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!

– Ende –

Das ist die Geschichte von Naaman. Sie steht im 2.Kön. Genauso. Oder jedenfalls so ähnlich.

Es ist eine eindrückliche Geschichte. Eine Geschichte von einem großen doch klein war, der hoch aufstieg und gleichzeitig tief gefallen war. Es ist eine Ge­schichte von Misstrauen gegenüber dem Fremden. Eine Geschichte von Kleinglauben und davon, wie unsinnig es sein kann den eigenen Glauben für größer zu halten, als den anderer. Es geht um Männer die Macht suchen und Macht finden und dann doch erkennen müssen, dass eine noch höhere Macht gibt. Und dass diese Macht sich ganz anders zeigt, als sie denken. Es geht darum, dass manchmal die einfache Lösung auch wirklich die Bessere ist. Und es geht darum, dass Menschen letztendlich doch immer irgendwie ein Problem damit haben allein Gott zu vertrauen.
Und – und das macht dies eben zu einer schönen Geschichte – es gibt ein Happyend. Und eine weise Erkenntnis: Ich weiß jetzt, dass kein Gott existiert, außerdem Gott Israels. Es gibt nur einen. Und der zeigt sich an den wundersamsten Orten auf wunder­samste Weise. Immer anders als man denkt. Und er tut im kleinen große Wunder.

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