Hören und Sehen und Spüren

Liebe Gemeinde;
Lasst Euch entführen von mir. Mein Name ist Johannes. Ich bin Grieche. Ich lebe so um 110 n. Christus. Und ich lebe auf Patmos. Das ist eine Insel in der Ägäis, etwas nördlich von Kos, dicht an der türkischen Küste gelegen. Und dort lebe ich in der Verbannung. Eine Sträflingskolonie ist es, wo Rom die Leute hin verbannt, die man mundtot machen will. Nein, zum Märtyrer wollten sie mich nicht machen, getötet haben sie mich nicht, mich hier nur ruhig gestellt, weil ich vorher wohl etwas zu deutlich Roms Kaiser, besonders den wahnsinnigen Nero, als Teufelsgeburt und Tier aus dem Abgrund bezeichnet habe. Na, das ist eine andere Geschichte.
Nun sitz ich hier am Tag des Herrn. Ihr wisst nicht was das ist? Na, Tag des Herrn, das ist Sonntag. Sonntag – und irgendwie will ich Gottesdienst feiern. So wie Ihr heute auch. Irgendwie ein bisschen Andacht und Besinnung finden…und dann höre ich was, nein, nicht den Wind, nicht das Rauschen des Seeganges, das ist was Anderes. Es spricht was zu mir. Sonntag, er lebt, Christus lebt, und er redet zu mir. Sonntag, er lebt, und ich sehe ihn lebendig.
Hören und Sehen. Hört und seht Ihr auch am Sonntag in Eurem Gottesdienst? Darf ich mich bei Euch umschauen?

Ja, Ihr seht. Auf dem Altar seht ihr den Gekreuzigten, Jesus Christus am Kreuz hängend, Euch anblickend. Und was seht Ihr noch? Statuen von Adam und Eva, sehr hübsch die Eva mit der Schlange- die ist eine Sünde wert-, eine Statue vom Christoforos, einige goldene Leuchter, einige andere Bilder und Büsten altehrwürdiger Personen, ein paar Modelle von Segelschiffen an der Decke-sehr hübsch, das alles. Aber alles tot. Ihr seht nur Totes. Selbst Euer Christus am Kreuz ist ein Todesbild.
Ich sehe mehr. Ich sehe ihn. Meinen Heiland, lebendig. In Weiß und Gold. Um ihn sieben Goldleuchter. In der Hand sieben Sterne. All das seht Ihr nicht. Aber – das wisst Ihr doch, dass Euer Weihnachtsstern, den Ihr hier Heilig Abend hängen habt, nicht alles ist? Dass Euer Kreuz nicht alles ist? Dass das hier, Euer Heiligenhafen, nicht alles ist? Ihr wisst doch, dass er die sieben Hügel Roms beleuchtet? Dass er der Stern ist aller sechs Erdteile? Und des Kosmos dazu? Dass er Gott ist auch in Afrika, auch in Amerika, im fernen Australien genauso wie in Moskau, auf Patmos und in Athen genauso wie in Jerusalem und Damaskus. Wisst Ihr das? Das Kirche viel mehr ist als Eure Gemeinde? Dass Kirche seine Familie ist in aller Welt? Dass Ihr der kleine Teil einer ganz großen Familie seid! Mir – Johannes- gibt das Kraft. Ich weiß, hier auf Patmos bin ich recht allein, aber ich bin nicht allein auf der Welt mit meinem Glauben. Es ist schön, zu etwas Großem zu gehören.
Und er spricht. Mein Heiland lebt, er spricht zu mir. Tut das Euer auch? Sagt Euch das Kreuzbild da vorne etwas? Aus seinem Mund geht ein zweischneidiges Schwert. Oha, das sind scharfe Worte. Aber die hört Ihr doch auch oder? Was sagt Euch denn der da am Kreuz?
Dass Ihr verworfen seid. Dass Ihr sterblich seid. Endlich. Irgendwann am Ende mit all Euren Künsten. Hilflos. Keine Taschen im letzten Hemd. Bettlern gleich. Bittere Worte sagt dieses Kreuz zu Euch. Aber auch süße Worte. Bitter und süß zugleich – Ihr Schleswig-Holsteiner mögt ja bitter-süß, nicht wahr? Süß, dass er an Eure Stelle tritt und Euch Euren Tod nimmt. Euer Schicksal teilt, Euer Grab füllt, und wenn Ihr dann da hinein sollt, dann ist das Leben darin. Wenn Ihr am Ende seid, fängt er mit Euch neu an. Wenn Ihr nicht weiter wisst, dann ist er Euer Licht.
Ja, das zweischneidige Schwert hört Ihr auch. Es ist ein verurteilendes und rettendes Schwert zugleich. Bitter-süß eben. Schön, dass wir hier das Gleichen sehen und hören.
Und dann spüre ich ihn. Wie er mich anrührt! Rührt er Euch auch an? Fühlt Ihr auch sein großes „Fürchte Dich nicht.“ Rührt er Euch an, wenn Ihr „Befiehl du Deine Wege“ singt, und die Stelle kommt mit „der wird auch Wege finden, da Dein Fuß gehen kann…“ Fühlt Ihr es dann, wie oft im Leben wirklich der Weg kam, wo Dein Fuß gehen kann? Rührt er Euch an im Augenblick, wo Ihr die Hostie nehmt und hört „Für Dich gegeben.“ Ja, für alle Welt, aber eben auch speziell für Dich. Für mich. Ja, der Gott aller Welt, und doch genau auch für mich ist er da.
Fürchte Dich nicht. Das ist sein letztes Wort an diesem Sonntag. An mich und Euch. Danke, dass Ihr mir ein wenig zugehört habt.
Amen

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