Mein Kraft ist in den Schwachen mächtig

Liebe Gemeinde!

1. Wo sehen wir uns?
Ich stelle ihn jetzt gleich zwei Fragen, mit der Bitte, sich selbst zuzuordnen. Das können sie für sich tun. Ein Handzeichen ist nicht notwendig.

Welcher Gruppe von Menschen würden sie sich zuordnen? Ich nenne zwei Gruppen, die uns der deutsche Philosoph Hegel zum Nachdenken vorgibt.

Frage eins lautet: Zählen sie sich zu den Herren, wobei es hier nicht um Mann oder Frau geht.
Oder – Frage zwei – zählen sie sich zu den "Knechten"? Das ist ein Begriff alter Zeiten. Ich denke, sie wissen ihn zu übersetzen in die Gegenwart einer "Dienstleistungsgesellschaft".

Woran macht man fest, zu welcher Gruppe man sich zählen könnte? Entschärfen sie die Frage bitte nicht mit einem "sowohl als auch". Hegel würde widersprechen: Man gehört einer Gruppe an, niemals beiden.

Woran macht man es fest, will man zu den Herren gehören? Am Beruf, an der beruflichen Stellung? Ich will mal Chef sein, hatte mit jemand in einem Bewerbungsgespräch gesagt. Das war uns, die wir über die Vergabe entscheiden mussten, kein gutes Motiv. Was sind "Herren"? Entscheidet sich das am Konto-Stand oder Immobilienbesitz, an Macht und Einfluss? Ist die Zugehörigkeit zum Jetset notwendig? Muss man in den Zeitungen stehen?

Die Gruppe der "Knechte" ließe sich wohl leichter definieren. Dazu mag sich jeder, der zu den Lohnempfängern gehört, zählen.

2. Ein kleiner Philosophie-Kurs
Wir bleiben noch bei diesem philosophischen Thema, das uns – ich verspreche es – hinführen wird zum Verständnis dessen, was Paulus geschrieben hat.

Befragen wir als nächstes die klassische Philosophie. Wie ist das mit den Herren und den Knechten? Die Philosophie ging von Aristoteles bis Kant stets davon aus, dass es natürlicherweise immer diese beiden Gruppen gäbe. Man kannte die Herren, man wusste um die Sklaven, die Hörigen und Unfreien. Diese Ordnung zu hinterfragen, kam kaum jemandem in den Sinn.

Die Herren sind nach philosophischer Meinung diejenigen, die ihren Verstand bemühen. Das sind diejenigen, die planen, die Ideen haben. Das sind diejenigen, die den anderen, den Knechten sagen, was sie zu tun haben.

Unser deutscher Philosoph Hegel war der erste, der diese als natürlich und gottgegebene Ordnung infrage gestellt hat.

In einem seiner Werke (Phänomenologie des Geistes) setzt er sich mit diesem Thema auseinander. Es ist sehr interessant, wie er bestimmt, was den Herren ausmacht. Das ist derjenige nämlich, der sein Leben wagt und es aufs Spiel setzt, weil er frei ist von der Angst vor dem Tod. Die Knechte hingegen entscheiden sich für das Leben und müssen sich darum mühen, das Leben zu erhalten, müssen arbeiten, den Acker bestellen, Werkzeuge produzieren, Waren verkaufen.

"Und wovon leben die Herren?" fragt Hegel weiter und gibt auch die Antwort: Sie leben von dem, was ihre Knechte erarbeiten. Darin sind die Herren von ihren Knechten abhängig, sind also Knechte ihrer Knechte. Hegel fasst es so zusammen:
"Die Wahrheit des Bewusstsein ist das knechtische Bewusstsein."

Und was soll uns eine so abstrakte Philosophenweisheit sagen?

3. Die Basics erfassen!
"Euer Glaube stehe nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft", hatten wir bei Paulus gehört.

So hatte er es seiner korinthischen Gemeinde geschrieben. Eine Gemeinde, die er gegründet hatte, mit der er aber ständig im Streit lag, weil sie seiner Meinung nach die christlichen Basics noch nicht wirklich verstanden hatte. Immer wieder hämmert er ihnen mit unendlichen langen Sätzen ein, was es heißt, im Glauben an Christus Jesus zu leben.

"Ich halte es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten." Das ist der Basis-Satz des Paulus. Was das bedeutet, an den Gekreuzigten zu glauben, will er auslegen, offenbar machen.

Gegner hatte er wohl viele: Propheten, Erleuchtete, Gnostiker und wie sie alle hießen. Heute würden wir von Esoterik, Selbstmanagement, Empowerment, mentalem Training u. dgl. reden.

Anfang der Woche habe ich so einem Mental-Trainer zugehört. Er sprach flott und gefällig bei einem Neujahrsempfang und hatte tolle Tipps, wie man sein Ego stark machen könne.

Das mag alles recht und gut sein, aber Glaube, so Paulus, haben wir nicht begriffen, wenn wir ihn in allerlei Lehren darstellen. Es geht nicht um menschliche Weisheit, es geht um die Erweisung der Kraft und des Geistes. Es gibt ja heute genug christliche Gruppierungen, die sich über bestimmte Auffassungen und Lehren definieren. Mag ja berechtigt sein, würde Paulus wohl sagen, aber die Basics habt ihr darin noch nicht erfasst.

Und was ist die Basis des Glaubens? Ich halte es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Er ist der Herr, er ist Kyrios.

Von ihm heißt es als dem wahren Herrn: Er ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Wer den Tod annimmt und ihn nicht fürchtet, der ist Herr, hatten wir eben von Hegel gelernt.

4. Diener – besser keine Herren!
Die Herren dieser Welt aber spielen mit dem Leben. Nein, nicht mir ihrem, mit dem Leben der anderen. Was in Syrien geschieht, zeigt uns wieder einmal diese grausame Realität. Die Herren dieser Welt machen sich die Todesangst der Unterworfenen zunutze.

Wir reden von Weisheit, sagt Paulus, aber eben nicht von der Weisheit der Herren dieser Welt. Wir reden von der Weisheit der Mündigen (Luther hat das mit "Vollkommen" übersetzt). Wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit. Dieses Mysterium ist offenbar geworden in Christus. Er ist der Herr. Er hat sich dem Tod gestellt und darin das Leben gewonnen: Nicht für sich, für uns.

Das Wort "Herr" ist heute ein blasse Buchstabenansammlung geworden. Die Bibel hatte dieses Wort für Gott reserviert. Ein deutscher Dichter (E. Wiechert, Jerominkinder; zitiert nach "Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament", L. Coenen u.a. S. 945)sagt es so:

"Früher hieß nur einer Herr und das war Gott. Können sie sich denken, dass man Herr Moses oder Herr Abraham sagte? Und dann ging es auf die Könige über, dann auf den Edelmann und heute ist auch der Pedell ein Herr. Es gibt zu viele Herren auf dieser Erde. Deshalb ist sie so herrlich und deswegen wird es kein gutes Ende mit ihr nehmen".

Denkt man an das, was wir als Zuschauer (Knechte will ich ja nicht sagen) unserer politischen Ereignisse erleben, möchte man dem Dichter recht geben. Unsere Politik ist auf die Bühne gekrochen und führt uns Possen vor wie im Kindergarten, wo man darum streitet, wer der "Bestimmer" ist. Possen, die lächerlich, aber nicht wirklich unterhaltsam sind. Ja, das Wort "Herr" ist ein leeres Wort, ein Textbaustein in Briefanreden geworden.

In einem anderen Brief überliefert Paulus ein Lied, das Christus besingt:
Er, der in göttlicher Gestalt war, entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz".

Die Wahrheit des Bewusstsein ist das knechtische Bewusstsein. Anders gesagt: Die Wahrheit des Lebens ist der Dienst für das Leben und darin für Gott.

Welcher Gruppe gehören wir an als Christen: Den Herren oder den Knechten, den Dienern?

Denken wir kurz auch kurz über das Wort "dienen" nach (vgl. ebd. S. 946f).

Heute haftet diesem Wort der Geruch des Entwürdigten an. Dienst hat den Beigeschmack von Unfreiheit. Persönliche Abhängigkeit erscheint uns fatal. Dienstmädchen will niemand sein. Man "diente" unfrei und zu Gehorsam verpflichtet.

Die frühen Christen hatten für ihre Lebensauffassung ein Wort verwendet, das eher den Anklang an Straßenkehren und dgl. Tätigkeiten hatte. Sie nannten das, was ihr Leben untereinander bestimmen sollte, diakonein. Das eigentlich geläufigere Wort "leitourgeio", das in unserem Fremdwort Liturgie weiterlebt, und das Ehrendienste für die Gesellschaft meinte, mied man wohl deswegen, weil es den wohltätigen Dienst der Herren bezeichnete. Für einen anderen zu leben, ihm die Lebensstraße zu kehren, ihm den Vorrang zu geben, fand man im Wort Diakonie besser ausgedrückt. So lebte man das in Christus offenbar gewordene Mysterium, die Wahrheit des Lebens, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Diese Jahreslosung – auch ein Pauluszitat – fasst das alles zusammen. Wir dürfen dieses Wort nicht als Heiligsprechung unserer Mittelmäßigkeit verstehen. Es ist ein Zuspruch, eine Anmutung, eine Einladung zum Leben im Dienst als Diener Christi. Womit die Frage beantwortet ist, wozu wir uns zählen dürfen als mündige Christen.

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