Denk doch mal an Deine Berufung

Was ist ihre Berufung?
Entschuldigen Sie, dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber der Predigttext tut das auch.
Deshalb nehme ich mal an, Paulus hätte den Predigttext des heutigen Sonntags nicht an die Christen in Korinth geschrieben, sondern an sie persönlich.
Und er begänne also mit:
„Liebe Herta oder lieber Fritz, denk doch mal an deine Berufung!"

Und weil sie wüssten, dass dieser Brief eine wichtige Lebenshilfe ist, würden sie sich genau damit auseinandersetzen, Satz für Satz.

Und da stünde also: „Schau dir doch mal deine Berufung an!"
An was würden Sie da denken?
Was ist ihre Berufung?

Ihr Beruf, das wär klar. Aber Berufung, das ist irgendwie mehr. Er hätte auch for-mulieren können:
„Wozu hat Gott dich ins Leben oder ins Christsein gerufen?“

Ich lasse ihnen etwas Zeit ihre persönliche Antwort zu überlegen.
Wozu hat Gott Sie ins Leben oder ins Christsein gerufen?

(Denkpause)

Manchmal ist es ja gut, sich die ganz grundsätzlichen Fragen in Erinnerung zu ru-fen, um sich wieder auf Kurs zu bringen.
Halten sie ihre Antwort fest, wir werden später wieder darauf zurück kommen.

Im Falle der Korinther war die Kurskorrektur nötig. Die Gemeinde hatte sich nach Paulus` Weggang prächtig entwickelt. Nun aber gab es Streit und konkurrierende Parteiungen. Plötzlich gab es Paulus-Anhänger, Apollos-Anhänger und Kephas-Anhänger.
Paulus schüttelt sich bei dem Gedanken, dass es Paulus-Anhänger geben könn-te. „Ist Paulus denn für Euch gekreuzigt worden?“ schreibt er kurz vor unserer Briefstelle.
Aber es geht noch um mehr, um problematische Glaubensauffassungen. Offen-sichtlich eine große theologische Selbstüberschätzung, ein Glaubensenthusias-mus, der meint, alles ist möglich, alles ist erlaubt, ein Fasziniertsein von der eige-nen Weisheit und Klugheit.
Und Paulus fürchtet, dass das Wesentliche des Christentums verloren geht.

Deshalb schreibt er, was heute unser Predigttext ist (1.Kor 1,26-31)
26 Seht doch auf eure Berufung!
Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vor-nehme,
27 sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu-schanden zu machen.
28 Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten,
29 damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.
30 Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung.
31 Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn; so heißt es schon in der Schrift.

Kommt runter vom hohen Ross, bleibt mal auf dem Teppich, schreibt Paulus also salopp gesagt.

Berufung, das meint eben nicht, zumindest zu allermeist nicht, dass ich von Gott berufen bin, ein unglaublich toller Hecht zu sein. Berufen wird man eher zu einem Dienst.
Auch bei der Berufung zum Bundespräsidenten geht es nicht um das Geschenk der Machtfülle für die eigene Person, dass ich dann meine, ich könnte nun einer Zeitung den Krieg erklären, um die Veröffentlichung unangenehmer Wahrheiten zu verhindern, sondern es auch bei dieser Berufung darum, dem Land zu dienen; eine Verwechslung der Politiker sehr leicht erliegen.

Und ähnlich ist es vielleicht auch mit ihrer persönlichen Berufung.

Dabei ist das doch zunächst mal tröstlich, dass es vermutlich eben nicht um die Berufung geht, ein ganz toller Hecht sein zu müssen.
Das ist ja vielleicht das was es ihnen auch schwer gemacht hat, die Frage zu be-antworten. Die Vorstellung, Berufung müsste was ganz ungewöhnliches meinen.

Ja, als Paulus darauf sieht, wen Gott denn berufen hat, zu der Gemeinde in Ko-rinth zu gehören, ist sein Fazit. „Nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme.“
Ja er kann sogar sehr unschmeichelhaft formulieren: „das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, das Verachtete.“
Das ist nur Realismus – die Gemeinde in der wohlhabenden Handelsstadt Korinth bestand zu großen Teilen aus Hafenarbeitern und Sklaven. Sie hat Gott berufen, zur Gemeinde zu gehören.

Und das, die Berufung des Unscheinbaren ist ein Grundzug unseres Glaubens.

Vom namen- und kinderlosen Abraham, über den Hirtenjungen David bis zu den Menschen, denen Jesus sich zuwendet: Es sind eher die kleinen Leute, die beru-fen werden.
Und selbst die Berufung des Heilands der Welt, die wir in der Schriftlesung gehört haben, war auch nicht die Berufung eines studierten Rabbi oder Königs- oder Priestersohnes, sondern des Sohnes eines einfachen Handwerkers aus Nazareth.

Und ebenso schonungslos, wie Paulus die Korinther beschreibt, sieht er auch sich selbst. Kein großer Redner, sagt er, und mit einer peinlichen Krankheit geschla-gen. Gott lässt es zu, dass der Satan ihn schlägt, schreibt er. Er bekennt, dreimal zu Gott gefleht zu haben, davon befreit zu werden. Aber er bekommt von Gott ei-ne Antwort, die er dann für sein Leben ganz ernst nimmt und mit der er dann lebt.

Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Und der zweite Teil ist nun zur Jahreslosung für das Jahr 2012 geworden.
Das liest sich für mich wie die Zusammenfassung des Predigttextes – geschrie-ben für die eigene Person des Paulus. So etwas wie der Leitspruch des Paulus zum Umgang mit seiner eigenen Berufung und seiner empfundenen Schwäche.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Und wie wahr das ist zeigt mir auch ein Blick in die Kirchengeschichte. Diese Schwachen, die die ersten Gemeinden gebildet haben – oft unter Anfeindungen der Mächtigen – die haben das Fundament der Kirche gelegt, waren als Christen anziehend für viele.
Dagegen aber die Zeiten, in denen die Kirche stark war im Mittelalter, sind im Nachhinein betrachtet oft sehr finstere Zeiten gewesen, in denen gerade nicht Gottes Kraft gewirkt hat.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ – sich an diesem Leitspruch für die eigenen Berufung zu orientieren, das ist ungeheuer spannend.

Ich muss mir nicht überlegen, wo ich denn nun überragende Leistungen vorwei-sen kann, um das als meine Berufung zu bezeichnen zu können.
Ich muss nicht im Gerangel bei der Zur-Schau-Stellung meiner Leistungen mitma-chen.

Meine Kraft wirkt in den Schwachen sagt Gott.

Und deshalb möchte ich sie abschließend noch einmal einladen, zu überlegen, was ihre Berufung ist.

Vielleicht etwas, was sie wirklich gut können,
mit dem Sie anderen dienen können.
vielleicht viele, ganz unscheinbare Dinge,
vielleicht einfach dies, ganz Unscheinbar als Christin oder Christ auf dieser Welt zu leben.

Und: Um die eigene Berufung zu wissen, das macht etwas aus im Leben. Das gibt ein anderes Lebensgefühl. Und das wirkt nach. Man setzt vielleicht sogar Schwer-punkte anders.

Und sagen sie nicht „ich habe keine Berufung“. Wenn wir unseren Glauben ernst nehmen, dann hat Gott sie ins Leben gerufen, dann haben sie ein Berufung.
Es geht nur darum, diese zu entdecken.

Vielleicht nutzen sie die nachfolgende Orgelmeditation, dem noch einmal nachzu-sinnen.

Amen.

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