Gottes Weisheit und das menschliche Kreuz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
"Philosophie" zu Deutsch: "Freundin der Weisheit",
so heißt die berühmte Schwester der Theologie, der Wissenschaft von den göttlichen Dingen. Die berühmtesten Philosophen der Antike, also Freunde der Weisheit und Erkenntnis der Welt waren allesamt Griechen. Sokrates, Platon und Aristoteles hießen sie und ihre philosophischen Werke und Erkenntnisse gelten bis in die heutige Zeit.
Philosophie, die mächtige und berühmte Schwester der Theologie, faszinierte die Griechen und die Antike Welt, weil sie versuchte Antworten auf die Frage nach der Existenz des Menschen, der Natur und der Welt geben wollte.
Auch in einfachen Bevölkerungskreisen war sie populär. Man erwartete spektakuläre Erklärungen und geheimnisvolle Interpretationen der Welt. Besonders die Korinther, die Einwohner der berühmten griechischen Hafenstadt waren erklärte Anhänger der Weisheit und Philosophie. Nicht nur der griechischen Philosophie, sondern auch Bewunderer jeglicher Art von menschlicher Weisheit, wie sie der Apostel Paulus nennt.
In diese nach Weisheit suchender und philosophisch gebildete Szene kam der Apostel Paulus nach Korinth, um das Wort von Christus dem Gekreuzigten auszubreiten.
Der Erfolg schien mäßig bis schlecht zu sein, wenn man den Worten des Apostels Glauben schenken darf.
Schwachheit, Furcht und Zittern kennzeichnen seinen Predigt- und Argumentationsstil in der Gemengelage der konkurrier-enden Meinungen und Strömungen über die Weisheit im antiken Korinth.
Weisheit war für die antiken Griechen quasi eine zur Allegorie gewordene Bestimmung der menschlichen Tugend. Weisheit als höchstes Tugendideal, als eine der Kardinaltugenden neben Gerechtigkeit, Tapferkeit, und Selbstbeherrschung.
Der Apostel Paulus traf also auf dieses philosophisch-gebildete Milieu und verkündigte dort allein Gottes Weisheit gegen alle Menschenweisheit, und predigte Christus den Gekreuzigten als Antwort Gottes auf die Frage der Menschen nach Erkenntnis, Wissen und Weisheit.

Menschenweisheit gegen die Weisheit Gottes und menschliche Ideale gegen das Wort und die Botschaft von Christus dem Gekreuzigten!

Nun, nach diesem kleinen historischen Exkurs und den Blick in die Geschichte des Christentums kommt man zum Resultat, dass griechisches Denken und antike Philosophie mit den Glaubenssätzen des Christentums eine perfekte Symbiose, ein harmonisches Miteinander eingegangen sind. Philosophie und Theologie sind seit Jahrhunderten sich gegenseitig respektierende, hin und wieder auch streitende altehrwürdige Schwestern.

Und doch bleibt über die Dauer der Zeit das gemeinsame von antiker Philosophie und modernem naturwissenschaftlichen Denken und Wissen wie z.B. in der Gentechnologie, Physik, moderner Medizin oder Astronomie am Beginn des 3. Jahrtausends, ob die Menschenweisheit der Weisheit letzter Schluss ist? Oder ob es noch eine Form der Weisheit und Vollkommenheit gibt, die über diese menschliche Weisheit hinausgeht?

Als Christen gibt uns der Apostel die Antwort vor.
Wir glauben an Christus den Gekreuzigten, der in der Person eines Menschen das Leid und den Tod auf sich nahm, um uns unvollkommene Menschen mit der Erlösung durch den vollkommenen Gott zu beschenken.
Oder anders:
der Gekreuzigte kennt als Gott und Mensch die Tiefen des menschlichen Leids, die Tiefen der menschlichen Angst und Verzweiflung, die Tiefen des Schmerzes und auch die Untiefen und größenwahnsinnigen Höhenflüge des menschlichen Geistes.
Auf der anderen Seite: Unergründlich tief ist die Gottheit, die Weisheit Gottes, die nur durch den göttlichen Geist ausgelotet wird, so der Apostel.
In die Tiefe Gottes kann man versinken und Angst davor bekommen. Deswegen fliehen die Menschen häufig vor Gott.
Sie flüchten sich in brillante Reden. Sie entwickeln gelehrte Gedanken. Sie pflegen eine ernsthafte Frömmigkeit. Sie gebrauchen den Glauben ans Kreuz als Machtinstrument. Sie „vergötzen“ sich selbst und erheben sich als Machthaber und Kontrolleure über andere Menschen. Sie schwören beim Gesetz und mit Gott zum Wohl des Volkes zu handeln und missbrauchen ihre Macht durch Korruption und Vorteilsnahme. So täglich aus den Medien zu erfahren.
Diese Erkenntnis ist bitter und ist ein Kennzeichen menschlicher Selbstüberschätzung, vermeintlicher Klugheit und systematischen Machtmissbrauchs. Menschliche Weisheit und Klugheit haben ihre Grenzen und vor allem ihre Abgründe.
Hingegen ist die Botschaft des Gekreuzigten die Antwort Gottes auf die Abgründe der menschlichen Selbstsucht, Selbstüberschätzung, des menschlichen Egoismus‘ oder biblisch gesprochen auf die menschliche Sünde.
Der Geist Gottes, der Geist Christi steht in seiner Tiefe und mit seinem Geheimnis dem allem entgegen.
Und die Botschaft des Gekreuzigten, Jesus Christus, offenbart die Tiefe und das Geheimnis Gottes.
Gottes Antwort auf die Sünde des menschlichen Hochmuts, der Selbstüberschätzung und persönliche Arroganz lautet:
bereue deine Tat und Fehler, zieh deine Konsequenzen und versuche hinfort nicht mehr so weiterzuleben.
Denn der Gekreuzigte ist gekommen, um sich mit seiner göttlichen Liebe und Gnade über uns alle zu erbarmen:
für Arme, Alte, Arbeitslose, für Kranke, Verzweifelte und Sterbende, für Hungernde und Vertriebene, für die Opfer von Krieg, Unfall und aller Art von Gewalt und noch viele mehr, die ihn suchen und brauchen…
Gottes Tiefe hat sich offenbart in Jesus Christus für uns.
Für uns wirkt der Geist Gottes mit all seiner Weisheit und seinem Wissen in und aus der Tiefe.
Und wer einmal begriffen hat, dass das Leben eine Tiefe besitzt und nicht "seicht" und "oberflächlich" ist, und wer die Antwort Gottes darauf Gottes kennt, der weiß, dass die Antwort auf diese Frage aus der Tiefe der Gottheit beantwortet wird. Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott und kann sich der Tiefe Gottes nicht mehr entziehen.

Und unser Gott heißt Jesus Christus. Die Antwort Gottes gegen alle menschliche Oberflächlichkeit, allen Atheismus und allen Unglauben lautet: Christus der Gekreuzigte hilft uns aus unseren Abgründen, schwarzen Löchern und.
Und der Gekreuzigte und Auferstandene ist die Antwort Gottes auf den Ruf des 130. Psalms:
"Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.
Herr höre meine Stimme! lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens. Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte:"

So wie das Gebet des Psalmisten aus der menschlichen Angst und Not kommt, so weiß unser Verstand, dass nach der Kreuzigung, nach dem Leid die Auferstehung, die Freude und Herrlichkeit folgen.
Gott weiß Bescheid über unsere Ängste, Nöte, Verzweiflung und über unsere Abgründe, aber aus der Tiefe seiner Gottheit verheißt er uns durch Jesus Christus Hilfe und Trost.
Und wer dies jemals im eigenen Leben erlebt hat, der weiß durch den Glauben, dass die Weisheit Gottes tiefer geht als alle menschliche Oberflächlichkeit und alle menschliche Weisheit.
Wer jemals aus der Tiefe der eigenen Angst zu Gott gerufen hat und die Antwort Gottes vernommen hat, der weiß auch die Antwort mit Furcht, Schwachheit und Zittern aufzunehmen.
Wen Gott in seinen Fundamenten erreicht hat, der kann nicht mehr von ihm lassen. Der Apostel wusste dies und er war sich auch darüber im Klaren, dass dies für die Korinther gelten könnte, trotz deren Liebe für menschliche Weisheit und Philosophie.
Und Menschen, die sich von der Botschaft des Gekreuzigten ergreifen lasse, die erfahren eben, was es bedeutet, was Gott vor aller Zeit her für seine Menschen will.
Da braucht es eben dann keine besondere Verpackung oder menschlicher Gedanken, denn da erweist der Geist seine Weisheit und Kraft.
Bleibt nur noch die Bitte Oettingers an Gott:
"Herr, schenke mir die Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, dich ich ändern kann und die Weisheit das eine von dem andern zu unterscheiden."

Der Geist Gottes schenke uns diese seine Weisheit.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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