Gottes Liebe wählt anderes …

Wie schon unser Psalm und unsere Schriftlesung fordert uns heute auch der Predigttext heraus, unsere Vorstellungen von erstrebens- und lebenswertem Leben zu überdenken. Stellen wir uns dieser Herausforderung, indem wir auf einen Ausschnitt aus dem ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth hören. Ich lese Kapitel 1, die Verse 26-31 nach der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. Wenn im Sportunterricht Basketball gespielt werden sollte, begann es immer damit, dass zwei sogenannte Mannschaftsführer jeweils im Wechsel ihre Mannschaft zusammenstellen sollten. Klar, wer da zuerst gewählt wurde: die am besten den Ball in den Korb setzte, der am geschicktesten die Gegner umspielen konnte, jedenfalls: möglichst fit, möglichst kräftig, möglichst groß, möglichst schnell und vor allem bei den anderen beliebt sollten die sein, die zur eigenen Mannschaft gehören sollten.
 
Die Kleinen und Ungeschickten, die mit den zwei linken Händen, die ängstlichen, die vor jedem Ball zurückzuckten, die, die keinen kräftigen Stoß aushielten, die wollte keiner. Mit denen konnte man doch kein Spiel gewinnen?!
 
Aber ist das heute denn anders? Schwach oder stark? Unbedeutend oder angesehen? Ohnmächtig oder einflussreich? Arm oder reich? Krank oder gesund? Natürlich, ​wenn ich könnte, würde ich ​stark, ​reich, ​gesund, ​klug, ​einflussreich wählen. Das Andere ist nicht angesagt in einer Welt, die auf Macht, Stärke, Schönheit und Erfolg fixiert ist.
 
Das zeigen doch auch Redewendungen wie: „Geld regiert die Welt“ „nur keine Schwäche zeigen“ „Was mich nicht umbringt, macht mich nur stark.“ Oder auch so ein schnoddriger Spruch: „Besser schön und reich als krank und hässlich.“
 
Dieses Denken und Fühlen ist tief in uns verankert. Schon als kleine Kinder sind wir enttäuscht, wenn wir nicht so schnell und gut sind wie andere. Und im Alter oder in Zeiten von Krankheit fühlen wir uns nutz- und wertlos, weil wir scheinbar nur noch eine Belastung für andere sind.
 
Und all das ist auch nachvollziehbar. Aber es wird gefährlich, wenn wir diese Werte verabsolutieren und alles andere dem unterordnen.
 
Wie groß diese Gefahr ist, können wir auch daran ablesen, wie stark die Bibel, wie sehr Gott sich an anderen Werten orientieren:
 
Hier steht sie ja noch – die Krippe von Weihnachten. So können wir noch einmal einen Blick auf die Mannschaft Gottes werfen, wie er sie sich ausgewählt hat.
 
Da ist dieses verletzliche, dem Hass der Mächtigen ausgelieferte Baby. Weder die Villen der Reichen, noch die Regierungssitze  der Einflussreichen sind sein Zuhause, sondern die Hütte der Besitz- und Machtlosen. Und da sind der Vater – ein einfacher Handwerker, und die Mutter – ein junges, ungebildetes Mädchen. Und vor den wohlhabenden Weisen sind es die unbedeutenden, nach schlecht bezahlter Arbeit riechenden Hirten, die das Heil, die Erfüllung all ihrer Erwartungen vom Leben hier in diesem Stall aufleuchten sehen.
 
An dieser Mannschaft hat also Gott sein größtes Wohlgefallen, mit ihr will er seiner Liebe in dieser Welt zum Sieg verhelfen. Wenn das nicht unsere Wertorientierung in Frage stellt!
 
Und Maria, die einfache Frau aus dem Volk, besingt diese Umkehrung unserer  Werte in einem der schönsten Texte der Bibel, dem Magnifikat. „Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen… Gott stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“
 
Nun wäre es aber eine unangemessene Vereinfachung der christlichen Botschaft, wenn wir die Gleichung aufmachten:
Arm = gut ​< – > ​Reich = schlecht
Mächtig = böse​< – >​Ohnmächtig = moralisch wertvoll,
und schon gar nicht: Gesundheit sei abzulehnen ​und ​Krankheit sei erstrebenswert
 
Wer hätte denn sonst den Gelähmten zu Jesus bringen sollen? Und hätte sonst sich Jesus von den mit ihm ziehenden, wohlhabenden Frauen unterstützen lassen? Und hätte er sonst seine Freunde aufgefordert, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist?
 
Und so geht es auch Paulus nicht darum, Reichtum, Einfluss, Bildung und Weisheit an sich abzulehnen. Das alles gehört auch zu den guten Gaben Gottes, für die wir mit Recht dankbar sein dürfen – und deren Verlust uns auch schmerzen darf.
 
Es geht ihm darum, dass wir uns nicht an diese Gaben binden, uns von diesen so abhängig machen, dass ein Leben ohne Geld, ohne Gesundheit, ohne Einfluss usw. nichts mehr wert ist. Und es geht ihm vor allem auch darum, dass wir uns auf solche Gaben nichts einbilden und schon gar nicht besondere Rechte ableiten – etwa im Sinne von: „wer’s Geld gibt, schafft an“.
 
Aber warum dann die besondere Betonung, ja sogar Seligpreisung der Armen, Machtlosen und Leidtragenden? Sind denn die nur aufgrund ihrer Lebensumstände bessere Menschen, näher dran am Wesentlichen des Lebens? Auch hier würden sowohl Jesus als auch Paulus eindeutig abwinken:
 
Auch die sind nicht besser, auch unter diesen gibt es Leute,
– die andere abzocken
– oder sich nur bequem auf ihr so schwieriges Schicksal berufen
– oder sich resigniert und verbittert verkriechen
– und jedem anderen sein Glück neiden.
 
Nein, – so hält Paulus vehement fest, niemand, wirklich niemand hat irgendetwas vorzuweisen. Niemand hat etwas vorzuweisen, um sich vor den Menschen und Gott rühmen zu können. Nur eines hat er vorzuweisen, nämlich dass er Geschöpf  Gottes ist. Und als Geschöpfe Gottes sind alle gleich – egal ob reich, ob krank, ob gebildet, ob schwach – gleich geliebt und gleich wert geachtet – jedenfalls in Gottes Augen. So können wir es schon vom Propheten Jesaja (Kap. 43, 4) hören.
 
Aber trotzdem sieht Jesus wie Paulus bei der ersten Gruppe die größere Gefahr, dass sie die Grundbestimmung ihres Lebens vergessen, nämlich als Ebenbilder Gottes zu leben.
 
Liebe Gemeinde, und ich denke, wer bereit ist, sich selbst und das Leben überhaupt wirklich mit wachen Augen wahrzunehmen, der wird schon sehr bald die Gefahren von Erfolg, Reichtum, Geld und Ansehen ahnen. Wie schnell uns diese korrumpieren können, dazu müssen wir nicht erst die Zeitungen lesen. Ja selbst die Einstellung und der Wunsch  „Hauptsache gesund“, der ja schon das Bewusstsein für die Unverfügbarkeit beinhaltet, kann sehr schnell zu einem ungesunden Gesundheitswahn führen.
 
Auf der anderen Seite haben viele von uns sicher auch schon die Chancen erlebt, die in leeren Händen, in der Einfachheit des Geistes, ja selbst in Krankheitszeiten liegen können.
 
Wie wunderbar ein Schluck frischen Wassers schmeckt, kann doch erst der wirklich Durstige wertschätzen. Und nur mit leeren Händen können wir wirklich entdecken, dass das Wesentliche im Leben immer nur als Geschenk entgegengenommen werden kann.
 
Mir ist diese erfolgreiche Geschäftsfrau noch sehr gegenwärtig, die mir beim Trauergespräch mit Tränen in den Augen sagt: „Wissen Sie – die fünf Jahre seit der Diagnose meines Mannes waren eigentlich die besten unserer gemeinsamen Zeit. Ich möchte sie keinesfalls missen. Wir kamen uns so nahe, wie wir seit unserer Verliebtheitsphase nicht mehr waren. Wie viel haben wir noch ganz bewusst gemeinsam gemacht und jeden Tag als etwas ganz besonderes erlebt– Vorher war alles andere viel wichtiger: die Arbeit, das Abbezahlen der Schulden, das Pflegen der Geschäftskontakte und und und. Nun aber haben wir uns wieder – vielleicht sogar das erste Mal – die Zeit genommen, uns auf das Wesentliche zu besinnen, haben über vieles gesprochen, was so lange unausgesprochen zwischen uns stand, ganz bewusst Zeit mit den Kindern und Enkeln verbracht. Und wissen Sie, in diesen Jahren habe ich erst wirklich gemerkt, was ein freundliches Nachfragen, ein ungefragtes Hilfsangebot, ein stilles mitfühlendes Zeichen bedeuten kann. Ja, auch wenn es seltsam klingen mag: Ich bin dankbar für diese schwere Zeit.“
 
Liebe Gemeinde, ich bin überzeugt, so manche oder mancher von Ihnen könnte ähnliches berichten. Diese Frau ist ganz sicher nicht die einzige – wenn auch mich sehr berührende – Zeugin für diese tiefe göttliche Wahrheit, die Jesus nicht nur verkündet, sondern für die er auch gelebt, gestorben und auferstanden ist. „Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich… selig ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Ja, Gott schaut die Niedrigkeit von uns Menschen an, und er will und wird daraus Großes machen, wenn wir es nur zulassen.

Amen.

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