Alles beginnt mit dem Erbarmen

Die Bibel ist voller Geschichten – wie ein großes Märchenbuch. Und viele dieser Geschichten erzählen etwas von der Wirklichkeit des Menschen (auch wie im Märchen) und von der Wirklichkeit des Handelns Gottes mit Menschen. Und da ist der wesentliche Unterschied, der auch in unserer heutigen Geschichte deutlich wird – eine lange Geschichte:

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Die Geschichte ist viel mehr als Nacherzählung irgend eines tatsächlichen Geschehens. Sie ist Theologie. Gestaltet Erzählung. Genaue historische Hintergründe sind kaum aufzudecken.

Da ist ein Mädchen, dass wurde im Folge kriegerischer Ereignisse verschleppt, sie war sozusagen ein Vorläufer des Volkes im Exil. Sie ist Leibsklavin einer Frau. Deren Mann ist ein einflussreicher Kriegsherr, der schwer krank ist. Sie nimmt trotz ihrer Abhängigkeit Anteil an dem Leid des Mannes.

Darum gibt sie einen Hinweis, wie Heilung gelingen kann. Der geht zum König um sich dort Hilfe zu holen. Dort erhält er ein Empfehlungsschreiben. Eigentlich ist damit die Geschichte schon zu Ende. Denn der König in Israel ist stinksauer. Erstens lassen sich auch Könige nicht gerne sagen, was sie tun sollen. Und zweitens: typisch für die komischen Völker mit ihren eigenartigen Religionen: Ich bin doch nicht Gott, ich kann doch niemanden gesund machen. Was bildet sich dieser Aramäer eigentlich ein. So argumentiert der König und wittert eine reine Provokation: Sucht der Streit.

Die Wirklichkeit ist, dass ein jüdischer König kein Prophet, kein Priester und nicht gottgleich ist, was ein aramäischer König nicht verstehen kann. Aber so ist das. Wir leben aus Vorurteilen und verurteilen darum gerne.

Aber Elisa , der Mann Gottes kriegt das Geschehen mit und greift ein. Er sieht die Chance, dass die Kraft des Gottes Israels bekannter wird. Aber er macht keine Werbeaktion. Er lässt den mächtigen Mann vor der Tür stehen und schickt einen Boten mit einer Nachricht: Baden im Jordan. Lächerlich – so geht doch kein anständiger Heilungszauber. Schon wieder droht alles zu scheitern. Und schon wieder sind die kleinen Leute da, die dem Mächtigen sagen: Jeden Zirkus hättest Du mitgemacht, dann kannst Du auch jetzt 7 Mal im Jordan baden.

Das Bad wird für ihn nicht nur zum Bad der Genesung, sondern zu einem echten Bad der Wiedergeburt. Er glaubt dem Gott, der ihn durch manche Mittelsleute geheilt hat.

Unsere Geschichte endet in eine ganz seltsamen Handel. Naamann wendet sich dem Glauben Elisas zu und erhält zugleich die Erlaubnis weiter mit seinem König an kultischen Verpflichtung teilzunehmen. Aber er nimmt noch eine Ladung von Israels Erde mit um Israels Religion in seinem Land feiern zu können – Erde von dem Land, das dieser Gott, den er nun als wahren Gott bekennt, seinem Volk geschenkt hat. Es ist keine heilige Erde, es ist Gabe Gottes an das Volk, an das er sich freiwillig gebunden hat, von der er mitnimmt um seinen Altar zu bauen.

Man kann auch nicht einfach alle Götter anbeten (Multireligiös ist nicht!). Darum bittet er um Verzeihung, wenn er in seinem Land, in seiner Stellung wohl auch Teil der dortigen Religion sein muss und an ihr teilnehmen muss – zumindest äußerlich. Sie wird ihm gewährt.

Der Gott der Bibel ist ein menschenfreundlicher Gott. Er erträgt Kompromisse – auch im Glauben, wo sie sachlich begründet sind.

Es geht auch um das Verständnis der Macht Gottes, der allein die wirkliche Gesundheit schaffen kann. Darum darf ich bitten, das kann ich nicht anordnen. Zwei Welten prallten in unserer Geschichte aufeinander, die auch heute noch im Widerspruch stehen:

Die Welt klarer Verhältnisse. Da wird befohlen und gehorcht. Da zählen Macht und Geld. Alles ist käuflich. Der Herrscher befiehlt seinen Geistlichen, dass sie beten sollen. Damit ist alles gesagt. So wurde auch der Buß- und Bettag in Preußen eingeführt.

Da ist die Welt des Glaubens an Gott. Hier bleibt es Gottes freie Gnade, wem er hilft und wem nicht. Diese freie Gnade verstehen wir oft nicht, und wir können da wenig bewegen. Der Prophet untersteht halt nicht irgendwelchen Mächten. Er ist Diener Gottes und kann nur mit dessen willen handeln und keine Wunderdinge selber vollbringen.

Für mich bleibt: Es sind oft nur die kleinen unbedeutenden, die mir helfen zu Gottes Willen zu finden, wie das Mädchen und die Diener, die Naeman auf die Spur Gottes bringen. Es reicht nicht einfach nur das große Wort, die große Predigt. Alles beginnt in unserer Geschichte mit dem Erbarmen der Sklavin, die ja auch andere Probleme hat. Auf dem Mitleid der nicht direkt Betroffene liegt wohl ein Segen.

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