Vom Schneider und vom Ruhm Gottes

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

1. Tapferer Schneider
Liebe Gemeinde,
ich habe einen Schneider in der Leipziger Straße. Der Schneider ist türkischer Abstammung, man hört es noch gerade so an seinem Akzent. Und mit türkischer Abstammung ist er natürlich ein Moslem.
Als ich letzte Woche meinen defekten Rucksack abgeholt habe, fragte er mich, was ich denn eigentlich beruflich mache.
Ich erzählte ihm, dass ich evangelischer Pfarrer sei hier in Fulda Ziehers-Nord.

Wir kamen ins Gespräch.

Viele Pfarrer seien bei ihm Kunden, meinte er. Und ich setzte nach: bestimmt alles Katholische.
Ja, das sei wohl so, meinte er dazu, aber er kenne den Unterscheid kaum, außer dass ich wohl ein Kind und eine Frau haben dürfte, meine katholischen Kollegen aber nicht.
Ich musste lachen. So ist das.
Dann wurde er auf einmal ganz ernst und guckte mich fest an: „Die Deutschen haben alle keinen Glauben“, stieß er hervor.
Da seien viele zwar noch Kirchenmitglieder, aber glauben würden die Menschen nicht.
Er erzählte von seinen Nachbarn, denen er immer wieder nahelegte, die Kirche am Sonntagmorgen zu besuchen.
„Wenn man schon selbst nichts davon versteht, dann doch wenigstens für die Kinder, die den Glauben wenigstens kennenlernen sollten, wenn das schon bei den Erwachsenen versäumt wurde.“
Dann musste er lachen: „Stellen Sie sich das nur vor: Ich bin am Freitag vor Weihnachten aus der Moschee vom Gebet gekommen und habe meinen Nachbarn gesagt: ‚Geht wenigstens Weihnachten in irgendeine Kirche! Es stehen hier doch so viele herum, der Weg ist kürzer als zur Moschee.‘ Er, der Moslem, versucht Menschen dazu zu bringen, in die Kirche zu gehen.“

Wir unterhielten uns weiter.
Ich erzählte ihm, dass nicht alles so schlecht sei, dass mir ganz viele Menschen begegnen, die fest an Gott glauben und die ihr Leben nach ihm ausrichten.
Nur ist dieser Glaube eben nicht so ohne weiteres sichtbar. Kirchen stehen in Fulda viele herum – aber Glauben findet im Herzen statt.

Ich konnte ihn nicht überzeugen.
Die Kirchen in Deutschland seien ihm zu leer. Es gibt so viele Menschen – wo sind die denn alle, wenn Gottesdienst ist? Wer an Gott glaubt, der freut sich doch daran, der lebt das so, dass er das immer wieder zum Ausdruck bringen will. Und zwar so, dass er dies an einem Ort tut, wo andere ganz genauso denken. Dazu seien die Kirchengebäude doch da, oder?
Ich gab ihm recht. Die Kirchen sind immer zu leer. Plätze sind immer noch frei. Sogar im kleinen Bonhoefferhaus. Außer beim Krippenspiel und zur Konfirmation.
„Aber da kommen die Leute ja gar nicht wegen Gott“, entgegnete er rasch. „Da kommen die Leute, weil sie sich über ihre Kinder, Enkel und Freunde freuen. Die glauben trotzdem nicht.“
Ich bekräftigte noch einmal meinen Eindruck, dass es auch in Fulda unter den Deutschen sehr viele echte Christen mit echtem Glauben gebe, und verabschiedete mich mit dem reparierten Rucksack in Händen.

Eines aus dem Gespräch blieb bei mir besonders hängen: Ein Moslem versucht, Menschen zum Glauben zu bringen. Zum Glauben an egal welchen Gott – ob nun Allah oder Jesus – es spielte für ihn überhaupt keine Rolle.
Hauptsache glauben – und diesen Glauben dann auch nach außen tragen!

2. Predigttext
In eine ähnliche Richtung zielt unser heutiger Predigttext aus dem Ersten Brief des Paulus an die Korinther im 1. Kapitel:

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.
27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,
29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,
31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

3. Der katholische Priesteranwärter und der Pietismus
Liebe Gemeinde,
„Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wir sollen uns nicht verstecken mit unserem Glauben.
Wir sollen unseren Glauben nicht nur im Herzen haben. Wenn der eigene Glaube sich nur in der Innerlichkeit verkriecht, dann verkümmert er.
Das ist wohl das, was mein muslimischer Schneider in der Bevölkerung wahrnimmt und wo gegen er angeht.

Verändern wir einmal den Blickwinkel und gehen aus der Schneiderwerkstatt zu einem klassischen Feld der kirchengemeindlichen Arbeit: Auch aus dieser Woche!
Beim Hausabendmahl bei einem sehr alten und schwerkranken Ehepaar sehe ich mich plötzlich einem katholischen Priesteranwärter am Kaffeetisch gegenüber sitzen, der gerade sein Theologiestudium aufgenommen hat.
Er wollte wissen, was denn mit „evangelischem Pietismus“ gemeint sei.
Die liebe Frau aus unserer Gemeinde, die mich begleitet hat, um mir beim Abendmahl zu helfen, erklärte es ihm:
Eine besondere Form des evangelischen Glaubens, der auf der einen Seite ganz in die Innerlichkeit gerichtet ist, auf der anderen Seite aber auch ganz klar nach außen hin die eigene Frömmigkeit betont.

Pietisten sagen eher schon einmal Dinge über ihren eigenen Glauben, die sich mancher normale Christ nicht zu sagen getraut oder sogar verkneift.
Etwa Sätze wie: „Das machen wir, wenn Gott will und wir leben!“ oder auch: „Mit Jesus im Herzen schaffen wir das!“

Rasch ging das Gespräch dann in die Richtung, dass wir „normalen“ Protestanten oft ganz verkopft sind und unsere Frömmigkeit nicht so recht ans Herz lassen würden.
Und wenn wir das dann doch einmal täten, würden wir dafür keine Worte finden – vielleicht weil diese Worte uns dann als zu unvernünftig erscheinen.
Das sei ja auch so in Ordnung;
und ich nickte dem Studenten der katholischen Theologie am Kaffeetisch freundlich zu.

Ja, liebe Gemeinde, das ist schon so in Ordnung.
Und doch habe ich den Eindruck, dass ein bisschen mehr „Ruhm Gottes“ uns Protestanten gut zu Gesicht stehen würde.
Im Grunde verhalten wir uns nämlich genau so, wie es der Apostel Paulus für die Gemeinde von Korinth nicht haben will.
Wir rühmen uns unserer eigenen tollen Sachen, die wir anpacken, schon mal viel eher. Für die Bonhoeffergemeinde klingt das dann so:
„Das war ein schöner Filmabend hier bei uns im Hause, das haben wir gut gemacht!“
„Mensch, 165.000,-€ für die neue Orgel haben wir schon, was sind wir fleißige Sammler.“
„Ja, unsere Gruppen wachsen momentan immer weiter, teilweise haben wir hier im Bonhoefferhaus vier Veranstaltungen gleichzeitig.“
„Das ist ja schon eine besondere Gemeinde, die Bonhoeffergemeinde!“
(auf die eigene Schulter klopfen)

Stimmt alles.
Und ich bin davon auch tatsächlich begeistert und auch überzeugt.
Und erzähle das auch gern weiter.
Ist wohl auch Teil meiner Aufgabe.

Aber eines darf ich, dürfen wir dabei nicht vergessen: Warum wir das alles machen: Doch wohl zum Ruhme Gottes, oder nicht?

Weil wir in unsrem Herzen glauben, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, der für uns die Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung ist.

4. Das Christentum als Religion der kleinen Leute?
Oder nicht? Gehören wir eher zu dem, was ein Ausleger dieses Predigttextes schon 1975 geschrieben hat?
„Christentum ist die Religion kleiner Leute.“ … Unsere eigenen Gebildeten möchten wohl für Jesu Leiden und Sterben Achtung aufbringen, aber an seine Auferweckung von den Toten zu glauben sei „Torheit“. Dennoch meinte man: „Die Religion muss dem Volk erhalten bleiben.“ Das war im Grunde die Situation um 1910. Die christlichen Kirchen schrumpfende Mittelstandskirchen: unzählige Proletarier überzeugte Atheisten, viele Gebildete bestenfalls Pantheisten, zwischen beiden der nach Bildung strebende Mittelstand, dessen Nachwuchs mehr und mehr aus der Kirche hinauskonfirmiert wurde, um aus Naturwissenschaft oder Philosophie seine Weltanschauung zu beziehen. Solange aber die „Obrigkeit“ aus christlichen Fürsten bestand, solange christliche Geistliche Schulaufsicht übten, die Soldaten in Gottesdienste geführt wurden und selbst die humanistischen Gymnasien zu Beginn jeder Woche christliche Andachten abhielten, war unser Volk offiziell ein christliches Volk.
Seit diese Illusion durch zwei Weltkriege und eine Revolution zerstört worden ist, Religionsausübung als Privatsache angesehen wird und in allen öffentlichen politischen Kundgebungen nicht mehr in Erscheinung tritt, gerade weil Christen wie Nichtchristen als verantwortungsbewusste Staatsbürger ihre humanistischen Ziele gemeinsam bekunden – sind wir als die „aus Gott in Christus Jesus erwählten“ nach mehr als 1000 Jahren wieder in die Situation der ersten Christen versetzt worden und lernen wieder sehen, dass Paulus jene drei Begriffe Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung zur Vertiefung und Vervollständigung dessen hinzugefügt hat, was die göttliche Weisheit mit ihrem uneinsichtigen Kosmos (als der denkenden Menschheit auf verschiedensten Stufen der Kultur) erreichen will.“

Also: Wenn wir nicht anfangen, wieder mehr und öffentlich Gott zu loben: Wie soll denn da die schöne Nachricht von Jesus in die Köpfe der Menschen gelangen, die Gott längst vergessen haben?
Eine Obrigkeit, die dafür sorgt, dass die Menschen hübsch am Gottesdienst teilnehmen, die gibt es ja zum Glück nicht mehr.

Jetzt sind die Christen jeder für sich und als Kirchengemeinden mehr denn je gefordert, Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen.

Was wäre wohl aus dem Christentum geworden, wenn die Korinther und Paulus und alle anderen nur gesagt hätten:
„Was ich glaube ist meine Sache. Bitte behaltet auch ihr euers für euch.“

Ne Weltreligion wäre jedenfalls nicht daraus entstanden!

5. Religion in orange (Gott 5.0) : Mit Rudolf Bultmann auf der Entmythologisierungsbahn
Wir sollten wieder viel mehr Gott rühmen.
Nicht nur heimlich und still.
Ob da aber der Weg meines Schneiders oder die Herzensfrömmigkeit des Pietismus der richtige ist, das weiß ich nicht.
Der ist ja nun mittlerweile auch um die 400 Jahre alt (also der Pietismus, nicht der Schneider!).

Und Kopfmenschen sind wir irgendwo doch alle.
Da hat die Dame vom Kaffeetisch auf jeden Fall recht.
Wir müssen wohl wieder neu lernen, so von Gott zu sprechen, dass unser Verstand und unsere Vernunft uns dabei nicht auslachen.

Oder wie es einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, formuliert hat:
„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“

Liebe Gemeinde, dieses Bild vom Gott „da oben“ und wir „hier unten“ ist doch längst erledigt.
Das kann kein klar denkender Mensch mehr so glauben ohne sich mit lauter gedanklichen Tricks selbst zu überlisten.

Aber dennoch – oder vielleicht nun sogar noch mehr! – können wir an Gott glauben und ihn rühmen.

Wenn all der Wunderglaube und all diese irrealen antiken Vorstellungen nun über Bord geworfen werden müssen, damit wir unseren eigenen Verstand nicht opfern, dann bleibt doch viel mehr Raum für das Entscheidende an Gott.

Und dieses Entscheidende ist das, was sich uns offenbart hat:

Nämlich Jesus Christus.

Der Glaube an ihn als der Erscheinungsform Gottes, die uns Menschen wegen seines Menschseins am nächsten steht, benötigt doch all die Wunder und Mythen nicht.
Es genügt ein einziges, an dem festzuhalten ist: Jesus ist Mensch geworden, ist gestorben und ist auferweckt worden von den Toten.
Oder um es im Anschluss an Paulus ein wenig philosophischer auszudrücken:
Gott hat das, was nichtig ist, auserwählt, damit das, was ist, außer Kraft gesetzt werde.
Er ist derjenige, der das Nichtseiende ins Sein ruft.
Er macht sich klein bis zum Nichts-Sein.
Das ist der Tod.
Und den überwindet er.
Und holt das Leben da hinein, wo kein Leben mehr war.

Aber ist das jetzt nicht auch wieder ein Mythos?
Einer, der auferstanden ist?
In seiner einfach verstandenen Form auf jeden Fall.
Da ist es genauso ein Mythos wie etwa die Wiedergeburt von Isis und Osiris in der Religion der Alten Ägypter oder der Weihnachtsmann.
Aber wenn wir das, was da bei und mit Jesus geschehen ist, als eine geschichtliche Tatsache begreifen, dann wird aus dem mythischen Bild ein kosmisches Ereignis.

Da geht es dann nicht mehr darum, einen alten Mythos zu sezieren, sich darüber zu verwundern und dann hinter sich zu lassen, sondern da geht es: um das Ganze der Welt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Wiedergeburt von Isis und Osiris gehen dich nichts an, da sie ins Reich des Mythos gehören. Und der Weihnachtsmann ebenso.

Die Auferstehung Jesu Christi ist aber Dreh- und Wendepunkt Deiner persönlichen eigenen Geschichte in dieser Welt hier und heute.
Diese ist derartig entscheidend, dass es höchste Zeit ist, dass wir uns wieder mal öfters darauf besinnen, Gott etwas lauter zu rühmen.

Es hängen ja nur so Dinge daran wie das ewige Leben, ein Leben ohne Ängste, ein Leben, das sich bei Gott selbst aufgehoben weiß.

Darum: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wie?

Zum Beispiel, indem ihr anfangt, ein wenig lauter euren eigenen Glauben zu bekennen.
Indem ihr, wenn ihr mir zustimmt, laut ein Amen zurückruft nach der Predigt.
Indem ihr frisch Getauften euch dem christlichen Glauben stellt – mit dem Wort der Bibel, mit Gottesdiensten, im Gebet, im Austausch mit anderen.

Und freilich auch indem ihr alle Religion nicht zur Privatsache werden lasst, sondern wie mein tapferer Schneider die Menschen immer wieder darauf aufmerksam macht, dass es das Leben selbst ist, das schöner und besser wird für den, der glaubt.

Amen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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