Status confessionis

Naeman, der Syrer, ist auch so ein Typ, der es gewöhnt ist, dass Menschen zu ihm kommen. Er ist schließlich der Feldhauptmann des Königs. Einer, der es gewohnt ist Befehle zu geben, die dann natürlich befolgt werden.

Und: Er muss in dem was er tut wirklich gut sein, denn er ist reich. Seine Kriegsführung muss also sehr klug und gewinnbringend und erfolgreich sein. Wahrscheinlich ist er ein Macher, so einer, der spät ins Bett geht, um früh wieder aufzustehen. Er ist das Zentrum seiner Armee. Mächtig, wichtig und unantastbar. Naeman ist mutig und erfolgreich, Menschen respektieren ihn, er ist gefürchtet und bekannt. Aber er ist nicht perfekt. Seine militärischen Errungenschaften, seine Lebenserfolge können ihn nicht vor Schaden bewahren. Es gibt eine Grenze des Einflusses. Naeman ist schwer krank. Er ist aussätzig. Und das bedeutet langfristig, den Verlust der gesellschaftlichen Stellung. Seine Macht löst sich auf, buchstäblich! Wenn jeder sieht, dass Du gezeichnet bist, dann werden die Freunde schnell weniger. Naeman weiß das und er will etwas dagegen tun. Der Zufall will es, dass er über Umwege von einem Propheten hört. Dieser Mann hat womöglich die Kraft ihn zu heilen. Naeman ist ein Mann der Tat und sogleich macht er sich auf den Weg, hält den Dienstweg ein und bittet seinen König, für ihn in eigener Sache an den israelischen König zu schreiben.

In seinem Land, in seinem engeren Umfeld gibt es keinen, der ihm helfen könnte. Der Stratege muss das lernen und setzt fortan seine Hoffnung auf einen Fremden, von dem er zufällig gehört hat. Dieser fremde ist Elia. Einer, der weiß, was sich gehört. Sowohl religiös als auch politisch. Er ist viel zu gering, dem Hauptmann persönlich entgegenzutreten. Darum schickt er lieber seinen eigenen Boten. Das sorgt natürlich für Verwirrung, entbehrt aber auch nicht einer gewissen Komik, wenn man sich vorstellt, dass der große Naeman samt seiner Entourage gleich zweimal vor dem Haus des Propheten aufläuft. Elisa muss aufpassen, dass er den Bogen nicht überspannt, aber die schon vorgenommene Änderung des Standpunktes auf Seiten von Naeman, befähigt diesen wohl schon, Dinge anders zu bewerten. (W. Stählin, Predigthilfen III, AT 1959, S. 121.)

Naeman gebührt Respekt. Sicher: Dieser syrische Hauptmann muss ganz schön verzweifelt sein. Ich bin mir sicher, dass er schon alles versucht hat, alle in seinem Reich tätigen Ärzte, Heiler und Götter ausprobiert und angerufen hat – immer ohne Erfolg. Jetzt bleibt ihm nur noch dieser fremde Prophet. Aber was sollte er tun? Er war am Ende. Und wir werden Zeuge, wie die „Störung an der vitalen Basis der (eigenen) menschlichen Existenz den Menschen in den status confessionis führen“ kann. (G. v. Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. I, . 287.)

Der status confessionis, die Frage, nach des Pudels Kern und meinem Verhältnis zu Gott, ist ein kirchlicher Dauerbrenner: Die Frage nach dem status confessionis meint „die Unterscheidung zwischen solchen Angelegenheiten, die eine klare Entscheidung erfordern, weil sie das Wesen des Evangeliums und das Sein der Kirche selbst betreffen, und anderen Angelegenheiten, in denen eine Pluralität von Meinungen möglich ist. Es gibt Fragen, in denen ein Standpunkt bezogen werden muss, d.h. in denen es nicht die Möglichkeit gibt, sich neutral zu verhalten, sich rauszuhalten.“ (Institut für Theologie und Politik, Münster, http://www.itpol.de/?p=244; siehe auch die Barmer Theologische Erklärung 1934, Artikel 2 und 3).

Um es auf den Punkt zu bringen: Naeman muss einen Standpunkt beziehen und sich dafür verändern. Nicht nur in seiner geistigen Haltung, sondern auch räumlich. Er, der es wohl gewohnt ist, von seinem Ross herab zu blicken muss ganz tief runter. Und das gleich ganze siebenmal. Und das auch noch in einem fremden Land. Aber so ist das: Die Situation lässt ihm keine andere Wahl und der nötige Wechsel des status confessionis auch nicht.

Die Figur des syrischen Hauptmannes Naeman, dessen Name übersetzt so viel wie „der Angenehme“ bedeutet, hat keine andere Wahl. Er muss Dinge tun, die gar für ihn nicht angenehm sind. Er muss das lernen. Es gibt noch ein anderes System neben seinem: Z.B. siebenmal untertauchen in einem Fluss über dessen Beschaffenheit wir nicht viel wissen oder auch Demut. Naeman hat meine volle Sympathie. Immerhin lässt er sich auf all das ein, was da von ihm verlangt wird. Oder ist es nur die Verzweiflung die ihn treibt?

Naemans Reaktionen auf jeden Fall sind mir nicht unbekannt: Ich möchte mich erkenntlich zeigen für Gutes, das mir widerfährt. Aber ich erkenne auch, manche Dinge geschehen einfach und erfordern keinen materillen Dank. Naeman „glaubt an die Käuflichkeit der Dinge und muss ich eines Besseren belehren lassen. […]“ Er muss in so vielen Dingen umdenken und lernt am Ende, dass „nicht die zehn Talente Silber und sechstausend Lot Gold“ die Wendung bringen, wohl aber sein Glauben an den Gott Israels (M. Peitz in: Assoziationen, Bd. 4, 1981, S. 44.)

Und diesen Glauben, seinen neuen status confessionis, soll er sogleich in die Tat umsetzen und in seinem Land vertreten: „Zieh hin mit Frieden!“, so verabschiedet der Prophet den Hauptmann. Es ist alles bezahlt, es ist nichts offen. Keine Zauberei, kein Geld der Welt, keine menschliche Macht hat dir geholfen. Es war Gott der Herr, von dem wir gehört haben, dass er kein Monopol-Gott ist, sondern der auch für andere da ist, der dir geholfen hat.

Dieser Gott fordert kein Geld, dieser Gott ist kein Hexenmeister. Dieser Gott ist barmherzig und fordernd. Und er will deinen Glauben und das du dich darauf einlässt.

Amen!

drucken