DIe Provokation der Schwäche

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste,
schauen wir uns also um: Wer sitzt da neben uns? Vor uns, hinter uns? Nicht viele Weise, Mächtige, Vornehme? Stattdessen Törichte und Schwache, soweit das Auge reicht? Die christliche Gemeinde als Ansammlung von Dummen und Schwachen, von Schwachköpfen?

Schnell geraten wir ins Abseits, wenn wir dieses Statement des Paulus zum Wesen der christlichen Gemeinde nur oberflächlich hören. Es geht um mehr, als nur die Feststellung, dass die wirklich Mächtigen unserer Tage heute Morgen nicht unter uns sitzen. Die telefonieren vielleicht gerade miteinander, welche Zeitung was zu welchem Zeitpunkt wie bringen soll oder nicht bringen soll. Die sitzen vielleicht zu dieser frühen Sonntagmorgenstunde vor den Bildschirmen und bereiten sich schon auf die Eröffnung des morgigen Börsentages vor.

Liebe Gemeinde, wir haben die Provokation, die der Apostel ausspricht, auch noch nicht entdeckt, wenn wir jetzt anfangen würden uns einander vorzurechnen, wie arm dran wir doch eigentlich sind, im Vergleich zu den Reichen dieser Welt. Und dass wir ja irgendwie alle an irgendeiner Stelle schwach sind, sei es beim Geld oder bei der Bildung. Und deshalb beruhigt sitzen bleiben können.

Nein, Paulus meint etwas anderes. Er präsentiert eine Sicht auf die Welt und die Menschen und die christliche Kirche, die es in sich hat.

Er sieht uns damit beschäftigt, das Niedrige zu verlassen und uns zum Höheren aufzuschwingen. Er sieht uns daran arbeiten, besser, schneller, effektiver, eindrucksvoller zu werden. Er sieht uns tagaus tagein danach trachten, unsere Möglichkeiten zu erweitern und an Stärke zuzunehmen. Er sieht, wie wir die Grenzen immer weiter hinausschieben, das gestern noch Unmögliche morgen möglich zu machen. Er sieht uns um unser Ansehen kämpfen, um unser Renommee, unsere Würde. Er sieht uns Außerordentliches leisten und danach auch das noch toppen. Er sieht Wachstum auf alle Ebenen der Gesellschaft, der Wirtschaft, des Wissens und der Bildung, des persönlichen Glücks. Überall wird es größer, mehr, besser…

Nur eins funktioniert einfach nicht: Die Erkenntnis Gottes. Da nützt alle Bildung nichts, das will nicht gelingen. Trotz aller menschlichen Weisheit. Obwohl wir den Tag zur Nacht machen, jederzeit alle unsere Fragen googeln können und mit allen rund um den Globus jederzeit kommunizieren: Die Leute kommen nicht zu uns und fragen, wie es denn um den gekreuzigten Christus bestellt sei. Nein, der Tote am Kreuz – den will man schon als Mensch nicht sehen. Und dann noch als Gott verehren? Das ist abstoßend. Das ist dumm. Eine Torheit, würde der Apostel sagen.

Aber so läuft das auch nicht.

Gott hat sich umentschieden. Oder – so könnte man es auch sagen – sich endgültig und eindeutig festgelegt.
In eben diesem Gekreuzigten: Er möchte das Schwache auswählen, um seine Sache in der Welt voranzubringen. Er lässt das Starke links liegen und vertraut auf die Kraft der Schwäche. Der Torheit. Er setzt auf das Kleine, das Geringe, das Übersehene, das Verachtete. Auf das, was in unseren Augen nichts ist!

Und er tut das, um damit den Mächtigen und Starken ein Schnippchen zu schlagen: Ihr werdet leer ausgehen. Auf dem Weg, den ihr geht, werdet ihr Gott nicht finden. Es wird vielmehr offen am Tage liegen, dass ihr an Gott vorbeigeht. Nur wenige von Euch werden zu ihm finden. Und nur wenige werden deshalb in seiner Gemeinde zuhause sein.

Was macht er falsch, der Mensch, der stark sein will? Mächtig. Souverän. Unverletzlich?
Der Apostel nennt es das Rühmen.

Der Starke muss sich immer wieder vor seiner eigenen Leistung verneigen, sich seiner Stärke wieder und wieder versichern. Er kann nicht anders, als sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Das ist Bestandteil des Spiels, die ständige Siegerehrung, das ständige Kämpfen und Jagen nach den besten Plätzen, den günstigsten Startpositionen, der meisten Aufmerksamkeit und am Ende des höchsten Preisgeldes. Und dieses Rühmen ist nicht etwa auf das Feld der Wirtschaft und der Politik begrenzt. Das gibt es im kollegialen Zusammenspiel, im Familienverband und sogar im religiösen Sektor zuhauf.

Am Ende geht es allein um mich und meine Leistung. Der ich alles verdanke. Alles rühmt sich selbst. So sieht sie aus, unsere Welt. Paulus ist ziemlich schonungslos.

Und schaut dann vom Kreuz her auf das Geschehen.
Gott mag uns töricht erscheinen, so schreibt er an die Korinther, aber er hat einen anderen Blick auf uns: Was schwach ist, das ist bei ihm angesehen.
Der Bedürftige. Der, der etwas braucht, was er beim besten Willen und in allem Rennen und Jagen nie bekommen kann, der steht bei ihm gut da.
Wer weiß, dass er sich grundsätzlich immer verdankt. Und der deshalb dankbar lebt. Der ist bei ihm gut angesehen.
Wer wenig vermag und doch fröhlich das lebt, was er kann. Der findet seine Aufmerksamkeit.
Wer sich von ihm beschenken lässt, der findet ihn, mit dem will er es zu tun haben.

Solche Leute sind wir also, liebe Gemeinde. So ein Sammelsurium von Menschen, die aufgehört haben, ständig von sich zu erzählen, sich zu präsentieren, sich gut zu verkaufen und an ihrer Fassade zu basteln. Töricht, dumm, so sagen die anderen dazu, die nichts anderes kennen. Schwach und unwichtig, so stehen wir da. Aber das ist die Art, in der Gott uns Menschen begegnen will.

Das bedeutet: Alles, womit wir uns selbst wieder aufplustern wollen, alles, womit wir uns selbst wichtigmachen, hindert unsere Gottesbegegnungen.
Alles Mitlaufen auf dem Weg nach oben, alles Dahinstürmen auf den immer schnelleren Wegen, alles „Um-jeden-Preis-dabei-und-drann-bleiben“, dieses ständige „Grenzen-nach-außen-schieben“ trennt uns von Gott. Macht uns also ärmer.

Und wie wir schon deutlich sehen können: Es macht uns krank. Ausgebrannte Menschen bleiben links und rechts an diesem Weg liegen. Depression heißt die neue Volkskrankheit. Wir sind für diesen Turbolader nicht geschaffen. Wir sind für dieses „Immer-stark-sein“ nicht gebaut. Wir haben Grenzen, die beachtet werden wollen.
Wenn der Körper Signale zeigt, ist es für die Seele immer schon lange höchste Zeit.
Und – ja richtig – wir erinnern uns: In der Stille sind bislang die meisten Menschen Gott begegnet. In der Balance. In der Ruhe.

Heutzutage scheint es eher die Krise zu sein. Wenn nichts mehr geht, wenn alle Sicherungen durchgebrannt sind, wenn man – wie töricht – sinnlos in einem Bett liegen muss, dann kommt sie endlich wieder zum Vorschein, die wichtige Frage nach dem Sinn des Lebens. Nach Gott. Muss es immer erst soweit kommen?
Aber wer zum Liegen kommt, kann nicht mehr umheragieren, nicht mehr rennen und jagen, nicht mehr getrieben werden… Der ist schwach. Und wessen soll sich ein Schwacher rühmen? Ein Nichts-Mehr-Könner?

Da gibt es dann nur noch einen: Den, der auch den Schwachen immer noch leben lässt. In seinen Grenzen. In der Balance zwischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Zwischen Tun und Lassen. Arbeit und Ruhe. Freude an sich selbst und Freude an den anderen. Beibehalten von Bewährten und Suche nach Neuem.

„Damit sich nur ja niemand rühme…!“ Das klingt, als sei dies die schlimmste Krankheit, die uns befallen könnte. Ist sie auch.
Und die Medizin, die der Apostel verschreibt, ist der Mann am Kreuz: Machen wir uns das klar, liebe Gemeinde, halten wir uns das vor Augen: Diese Gegenbewegung Gottes!

Während wir ständig damit beschäftigt sind, die Grenzen nach außen zu verschieben, mehr zu bekommen und mehr zu leisten, reduziert Gott bewusst seinen Spielraum und lässt sich festnageln.
Während wir dahinjagen und immer mehr sein wollen oder besser sein müssen, weil andere es ständig von uns erwarten, nimmt Gott sich zurück in seiner Macht und Stärke. Wird Mensch. Fährt seine Möglichkeiten zurück. Auf das niedrigste Level. Am Anfang der Jesusgeschichte passt er in eine Krippe und am Ende in ein Grab.

Und eben diesen geschundenen, missachteten, übersehenen, göttlichen Menschenkörper trifft am Ostermorgen die Gotteskraft. Diese Schwäche ist am Ende endgültig die wirkliche Stärke.

Liebe Gemeinde, das ist nicht zu begreifen. Für die Weisheit der Welt ist das eine Torheit. Dumm. Nicht nachvollziehbar.
Aber wir sind hier, weil wir ahnen, dass genau das und nichts anderes die Wahrheit ist. Die Wahrheit, der wir ja letzten Endes immer hinterherlaufen. Und von der wir zehren und leben.

Schauen wir uns um. Wir, die wir hier zusammen sind, haben alle eines gemeinsam: Wir nehmen Gott ernst.
Wir verehren das Zeichen seiner Schwäche: Jesus Christus, den Gekreuzigten.
Wir ahnen, dass hier der Frieden ist, den wir suchen. Die Balance, die Richtigkeit aller Dinge.

Und das Dümmste, was wir nun tun könnten, wäre wieder gedankenlos mitzulaufen, wieder dabei zu sein bei der Jagd nach Ruhm und Ansehen und Macht und Stärke.

Wir sind ausgestiegen, so wahr Gott selbst es so gemacht hat. Wir sind Aussteiger.
Und nun dürfen wir schwach sein. Dinge nicht können, nicht schaffen. Fehler machen und schuldig werden. Langsamer treten. Chancen verstreichen lassen. Alles das gehört jetzt zu unserem Leben dazu.

Wir können anhalten. Immer. Wir können uns beschränken. Auch wenn es uns schwerfällt.
Und schließlich: Wir können die Schwachen und die Schwächen unter uns sehen. Und gelten lassen. Und manchmal einander helfen. Und ganz oft die Mängellisten dem Gekreuzigten vorlegen. Wir müssen ja nicht mehr stark sein.

Sagen wir es kurz: Wir können als freie Menschen leben. Erlöst, beglückt, befreit.

„Er hat es aber gefügt, dass ihr in Christus Jesus seid, der unsere Weisheit wurde, dank Gott, unsere Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung. So soll gelten, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn."

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