Ganz undramatisch: Gott ist erkennbar.

Ich sage es ihnen gleich: Paulus hat es auch diese Woche nicht geschafft. Schon letzte Woche hatte er sich ja im Brief an die Korinther nicht nur im Ton vergriffen, sondern inhaltlich auch völlig falsch begonnen. Man wollte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, als man Paulus so reden hörte. Schließlich will wohl niemand von uns zu den Verachteten, Dummen, Schwachen und Armen gehören. Das war letzte Woche.

Diese Woche steht auf der Agenda des Apostels eine Abhandlung über das Kreuz Christi und seine Bedeutung für uns. Aber auch die Weisheit der Welt will er erklären und scheitert doch. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ganz froh bin, dass wir im neuen Testament andere Stellen finden, übrigens auch von Paulus, die prägnanter, klarer, deutlicher und damit viel besser sind als die Stelle, die ich Ihnen jetzt vorlese.

[TEXT]

Ich gebe zu, die ganze Sache ist nicht ganz leicht, wenn man es so zu hören bekommt, aber auch in Schriftform sind diese Sätze nicht ohne weiteres weg zu lesen. Sie haben es sicherlich auch so gelernt: Wenn man etwas sagen will und sein Anliegen nach drei Sätzen noch nicht auf den Punkt gebracht hat, kann man es auch vergessen. Ist doch so! Eine klare Rede soll man führen. „Deine Rede sei Ja, Ja! Nein, Nein!“ Ohne Schnörkel und lästige Füllwörter ans Ziel. Ohne Umwege und Extrarunden. Klar und deutlich soll man sein.
Prägnante Sätze soll man den Leuten geben. Etwa so: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Kennt jeder, kann jeder. Oder auch: Fürchte dich nicht! Das sind zwei gute Beispiele für kurze Sätze, die alles beinhalten, was in der jeweiligen Situation gesagt werden muss.

Aber: Worum geht’s Paulus denn?
Zu allererst will er uns auf eine ganz wichtige Sache aufmerksam machen. Gott ist erkennbar! Dass wäre doch schon ein prägnanter Satz, wie ihn sich unsere Gemeinschaft wünschen würde. Klar, verständlich und Anspruch erhebend. Aber wie bloß füllt man diesen Satz in modernen Zeiten?
Sie merken es sicher schon, wenn man Dinge unterfüttern will, anreichern möchte mit Inhalt, dann reichen drei Sätze oftmals nicht aus. Dann muss man ausholen und etwas länger antworten und fragen: „Wie ist Gott erkennbar?“
Sie verzeihen es mir, wenn ich jetzt nicht auf den allseits bekannten Allgemeinplätzen unserer bisweilen – notwendigerweise – rudimentären christlichen Sprache flaniere. Ich verzichte hier auf die knappe, wenn auch richtige Beweisführung, Gott ist in der Liebe erkennbar; dafür ist heute nicht die Zeit! Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Aussage, dass Gott die Liebe ist, ist sicher richtig, aber doch zu kurz greifend. Denn wenn man Gott erkennen will, dann geht es nicht ohne persönliche Beteiligung. Gott ist kein Abstraktum, kein Fatum. Und er ist auch nicht immer nur mit der Liebe zu erklären.
Gott ist das Sein! Schon wieder so ein prägnanter Satz, der aber genau auf die Mitte unseres Predigttextes zielt. Paul Tillich hat ihn gesagt und was er damit meint, ist schnell erklärt: Das, „was dich unbedingt angeht.“ Darum geht’s. Vielleicht können Sie mit dem Wort „Gott“ ja auch gar nichts anfangen, weil es im Laufe der Geschichte schon so oft missbraucht worden ist für alle möglichen Kampagnen, Vorhaben und Eroberungen. Dann ersetzen Sie diesen Begriff doch einfach durch das Wort „Tiefe“. Und „dann sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt.“ (Paul Tillich, In der Tiefe ist Wahrheit, zitiert n GPM 1975, S. 82.). Am Ende bleibt dann ein weiterer prägnanter Satz: Gott ist die Tiefe

Nun: Was wäre ein menschliches Leben ohne Tiefgang? Es wäre so wie die unerträgliche Leichtigkeit des Seins es beschreibt: Unerträglich. Leider gilt das bisweilen auch für den Tiefgang: Er unterscheidet nicht zwischen schönen und unschönen Momenten. Er reißt dich mit, so oder so. Du spürst die Liebe tief in dir genauso wie die Trauer oder den Schmerz. Tiefgang ist neutral, er ist der Sache nach erst mal nur tief. Aber „Nur in der Tiefe ist Wahrheit!“ Stimmt.

Im seichten Wasser kann ich bis auf den Grund sehen. Das ist angenehm, aber nicht ehrlich. In der Tiefe kann ich das nicht und um nicht hinweg gerissen zu werden brauche ich Haltepunkte. Dinge, an denen ich mich fest halten, mich ausrichten kann. Auch da gibt es mehrere Angebote. Und gleich vorab stelle ich schon mal klar: Die Wissenschaften sind per se nicht schuld. Wer Paulus an dieser Stelle so interpretiert begeht einen folgenschweren Fehler, denn erst, „wenn diese Wissenschaften das Heil der Welt zu produzieren vorgeben, werden sie von diesem Text getroffen.“ (Henning Schröer, GPM, Nov 1975, S. 81.)

Ich kann mich also absichern mit der Wissenschaft oder ich halte mich an Jesus Christus. Aber Gott erkenne ich nicht durch die Wissenschaft. Und hier schließt sich der Bogen zum Kreis: Gott ist erkennbar am Kreuz. Legen Sie bitte jetzt sofort allen Demutshabitus ab und begegnen der Tiefe des Kreuzes, seiner Wahrheit als das was sie ist: Der Weg zur Erkenntnis Gottes. Keine Wissenschaft, auch keine Exegese, keine Suche nach dem Gottesteilchen wird uns diesen Gott aufschließen. Nur das Kreuz vermag es uns, diesen Gott in seiner ganzen Tiefe zu offenbaren.

Und so gilt: Gott ist erkennbar! „Nicht durch Weltweisheit, die wir als Wissenschaft brauchen, aber auch nicht durch Ächtung des Verstandes. Er ist erkennbar durch den gekreuzigten Christus. Das Kreuz Christi ist nicht ein religiöses Statussymbol, sondern der wahre Ort der Erkenntnis von menschlicher Vermessenheit und Gottes Unbeirrbarkeit.“ ( H. Schröer, a.a.O., S. 89.) Klar, am Ende ist seine Tat an Christus eine Liebestat, aber in der Tiefe ist es auch eine Mahnung: „Mit diesem Galgenzeichen ist unsere Eitelkeit vereitelt. Gott ist erkennbar in einer Weisheit, die nicht die Summe oder Ganzheit von Welt, Gesellschaft, Humanismus, Leben oder Ordnung ist, sondern die Differenz, die uns auf unser wahres Maß bringt!“ (Ebd.)

Das, was am Ende übrig bleibt, wenn wir alles raus rechnen, abziehen und wegstreichen ist Gott, der in diesem Fall der Weisheit der Welt gegenüber steht. Und so wie es scheint, hat Paulus das auf seine Weise ganz gut auf den Punkt gebracht: Hat er doch, wenn auch etwas unbeholfen, erkannt, dass es eine gewisse Spannung zwischen der Weisheit Gottes und der Weisheit der Welt gibt. Schon mal erlebt? Nun: Die Weisheit der Welt kann den Glauben bedrohen, macht ihn aber nicht unmöglich oder gar überflüssig. Paulus warnt mit seinen komplizierten Zeilen davor, die Weisheit der Welt zu einer Hagia Sophia zu machen. Die Verabsolutierung dieser, ist das Verhängnis und die Verlockung des Menschen.
Gott ist die Leerstelle mit der ich zu rechnen habe. Er ist nicht im CERN zu finden und auch nicht in der absoluten Hinwendung zu den beweisenden Wissenschaften. Gott ist in der Tiefe und das ist im doppelten Sinne des Wortes gemeint. Er ist nicht verfügbar, aber sichtbar. Er ist nicht einfach zu haben. Es reicht folglich auch nicht, einen antik-romantischen Armor von den Kanzeln zu predigen. Gott ist viel tiefer und geht viel weiter, als menschliche Rede und Kunst in der Lage wären dieses mit unseren dürftigen Mitteln darzustellen. Genau diese Klarheit scheint bisweilen zu fehlen. Zu oft waten wir durch seichtes Wasser, gemütlich am Strand entlang. Das mag daran liegen, dass wir viel zu lange Drumherum reden oder dass manch anderer scheinbar gar nichts zu sagen hat. Es ist eine Krux. Und richtig schlimm wird es, wenn man über etwas reden soll, aber nicht so ganz genau weiß, wie. Meist kommt dabei nichts Vernünftiges heraus, denn wenn die Materie, die ich erklären soll, sowieso schon kompliziert ist, muss die Rede darüber folglich noch prägnanter sein.
Gott ist erkennbar!
Gott ist das Sein!
Gott ist tief und nur in dieser Tiefe ist Wahrheit!
Oder um es mit den nüchternen Worten eines undramatischen Hans- Jochen Vogels zu sagen: „Die Botschaft des Evangeliums gibt einem die Gewissheit, dass nicht alles in der Macht vom Menschen liegt, sondern dass es auch noch etwas außerhalb und darüber gibt. Und dies schützt einen davor, sich bei allen notwendigen Anstrengungen völlig zu übernehmen.“ (in Pst IV, 1. Halbd., 1981, S. 100.)

drucken