Denke daran, dass Du ein Gott bist

Liebe Gemeinde;
Paulus redet von der Weisheit Gottes, die offenbar etwas Anderes ist als die Weisheit dieser Welt. – Lasst uns einmal alles beiseitelegen, Bibel, Gesangbuch, Konfirmandenwissen, Katechismus usw.

Stellen wir uns neben Paulus, ja? Sagen wir: 50 n. Chr. Ein Neues Testament gibt’s noch nicht, als Bibel nur die Mosebücher und Profetenbücher. Und es gibt eine Geschichte, erzählt von Gläubigen, von einem gekreuzigten Verbrecher aus Nazareth, der von den Toten auferweckt worden sein soll, zur Zeit und unter der Herrschaft des Statthalters Pilatus in Jerusalem. Paulus gehört zu denen, die das glauben. In Korinth gibt es auch einige dieser Gläubigen. Nicht viele, ein paar nur, eher unter Hafenarbeitern und Sklaven sind sie zu finden. Dummes Zeug, orientalische Ammenmärchen, wieder so eine Geschichte dieses jüdischen Wüstengottes mit einem Herz für Sklaven und Taugenichtse.

Szenenwechsel. Rom. Ewiges Rom. Der Imperator zieht im Triumph in die Stadt ein. Jubel, Heil Dir Caesar. Verzückte Menge. Ein Priester steht hinter dem Imperator, und er flüstert ihm unablässig zu: Denke daran, dass Du nur ein Mensch bist. – Ja, so war das noch vor 150 Jahren, als man die Götter Roms noch fürchtete. Nun aber ist es anders, nun steht da der große weise Mann Roms Seneca, und seine Schule, und die rufen dem Imperator zu: Denke daran, dass Du ein Gott bist. So glaubt man jetzt. Der Mensch ist göttlich. Imperator, Caesar, sei dessen würdig, benimm Dich wie ein Gott sich benimmt, edel, hilfreich und gut, gerecht und vielleicht auch einmal gnädig. Das ist die Weisheit, die zu Paulus Zeiten galt. Und nicht nur zu Paulus Zeiten.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Goethe.

Der Mensch ist gut, und wenn nur genügend Menschen das erkennen, dann formt ihr gemeinsamer Wille sich zu einer Regentschaft der Tugend. So Rousseau.

Und wer nicht tugendhaft sein will, der kommt unter die Guillotine. Robespierre.

Jeder ist seines Glückes Schmied. Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott. Volksmund-Sprichworte.

Gott ist tot. Und wir haben ihn getötet und sind an seine Stelle getreten, folgert Nietzsche messerscharf. Und ist nicht glücklich damit, sondern lässt den Menschen der das verkündet, am helllichten Mittag mit einer Laterne herumlaufen, weil es dunkel geworden ist mit diesem Menschgott. Dunkel unter den Guillotinen der französischen Revolution, unter den Scheiterhaufen der Inquisition, dunkel unter den „achso-göttlichen“ Kanonen von Verdun, dunkel unter den Heilrufen im Sportpalast, den Stalinorgeln, Bomben und Gaskammern. Dunkel unter dem Atompilzen über Hiroshima und Nagasaki…edel sei der Mensch, hilfreich und gut—denke daran, dass Du ein Gott bist, sagt Seneca, Weisheit der Welt, schöne Worte, schon Roms Kaiser Nero und Caligula dachten daran, dass sie Götter sind – aber ganz anders, als Seneca meinte, Blutgötter waren sie.

Weisheit der Welt, das Hohelied des Menschen, Paulus und die Hafenarbeiter und Sklaven in Korinth singen dieses Lied nicht mehr mit. Seltsam, dass dieses Hohelied des göttlichen Menschen bis heute nicht verstummen will, dabei muss man sich doch nur die Bilder in den Geschichtsbüchern und den Abendnachrichten ansehen, um ganz kleinlaut zu werden über unsere angebliche, edle, gütige, uns von Natur aus eigene Göttlichkeit.

Ach ja, wo wir gerade beim Bild sind….seht Euch das Bild an auf dem Altar. Ein Verbrecherbild? Ein Opferbild? Ein Weisheitsbild, ein Liebesbild ist es. Der Mensch am Kreuz. Geschunden, hilflos, unedel, armselig, angeklagt, verdammt zu sterben. Ist dieses Bild wahrer, aufrichtiger, ehrlicher als Senecas, Goethes, Rousseaus und Leni Riefenstahls Triumphbilder?
Ja, aber es gibt doch das Andere: Sieg, Glück, Hochgefühl, Triumph, ich könne die ganze Welt umarmen: Wir genießen das, aber wir hören auf den Priester hinter uns, der uns zuflüstert: Denke daran, dass Du nur ein Mensch bist.
Ein Mensch bist: Immer auch unedel, egoistisch, nicht des Glückes Schmied und nicht den Lebenslauf im Griff haben, immer auch schuldig, leidend; – aber seht Euch das Bild an, da vorne, seht noch einmal hin. Zu diesem Menschen, der so gar nicht göttlich ist, bekennt sich Gott. Den liebt er, den lässt er leben, ewig leben, den holt er aus dem Grab und aus der Höhle, da Dich der Kummer plagt – und er und ich und Ihr und wir -all die 7 Milliarden auf dieser Erde sind in diesem Bild vereint. Weisheit Gottes. Herrliche Weisheit ist das, sagt Paulus. Herrlich – nicht „Denke daran, dass Du ein Gott bist.“ Sondern: „Vergiss nicht, Du bist ein Mensch; und Du bist geliebt.“

Was wollen wir mehr? Lasst uns das mit Paulus zusammen aufschreiben und nennen das dann „Neues Testament“. Denn: Uns hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Amen

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