Egal wann Neujahr ist, es ist schön

Neujahr ist ein schöner Tag – finde ich. Ein neues Jahr hat begonnen und ich hatte bisher immer das Gefühl, dass man das spürt. Jedenfalls hatte ich immer das Gefühl, dass ich es spüre: Etwas neues hat begonnen. Der Neujahrsmorgen war für mich immer ein guter Morgen – auch wenn es manchmal ein später Morgen war und er auch sonst so manche Probleme hatte.

Ich behaupte, dass das vielen Menschen so geht. Selbst wenn manch einer am Neujahrstag noch mit den Folgen der Silvesternacht zu kämpfen hat: Die Tatsache, dass ein neues Jahr angefangen hat, erfüllt die meisten Menschen zunächst mal mit Zuversicht.
Auch wenn die Frage „Was mag das neue Jahr wohl bringen? Was wird 2012 geschehen?“ immer auch ein bisschen skeptisch klingt. An sich freuen sich die meisten auf ein neues Jahr. Spannung liegt in der Luft. Bei manchen auch Erleichterung, dass 2011 nun endlich vorbei ist. Für viele Menschen war es kein gutes Jahr. Aber oft sind es gerade die, die besonders viel Schlimmes erlebt haben, die sagen: „Es kann nur besser werden.“

Eigentlich ist es aber doch recht putzig, dass dieser Tag bzw. der Jahreswechsel an sich emotional so aufgeladen ist. Denn eigentlich passiert ja gar nichts. Es gibt ein großes Fest, eine Nacht voller Böller und Raketen, einen dicken Kopf und einen neuen Kalen­der – sonst ist nix!

Eigentlich ist der Tag ziemlich willkürlich gewählt. Warum ist ausgerechnet der 1. Januar der Neujahrs­tag?
Weil die Römer das mal so bestimmt haben. Die hatten eigentlich den 1. März als Jahresanfang gesetzt und haben dann 135 v. Chr. auf den 1. Januar gewechselt – warum weiß eigentlich keiner so genau.
Und die Christenmenschen haben diesen Tag auch zunächst auch nicht einfach übernommen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die eigenartigsten Tage genommen:
– Im byzantinischen Reich fing das Jahr am 1. September an, weil dieser Tag als Tag der Schöpfung von Himmel und Erde galt. Warum?
– In Teilen Deutschlands, vor allem aber in England und Schottland wurde im Hochmittelalter der 25. März als Neujahrstag begangen: Maria Empfängnis – der Tag als der Heilige Geist zu Maria kam, neun Monate vor Weihnachten.
– Bis ins 16. Jahrhundert war aber der 25. Dezember, der Weihnachtstag der Neujahrstag schlechthin. Auch Luther machte sich für diesen Tag stark.
Dass sich dann doch der 1. Januar wieder durchgesetzt hat, liegt wohl daran, dass es sich mit einem Monatsersten besser rechnen lässt. Und das war halt der nächste Monatserste nach Weihnachten.

Interessant ist aber: Es muss einen Neujahrstag geben und zwar nicht nur damit man weiß, wann man das nächste Jahr zählt. Wir Menschen brauchen anschei­nend so einen Neuanfang, einen Einschnitt, einen Zeitpunkt, vor dem wir noch einmal zurückblicken und nach dem wir dann vor allem nach vorne blicken.
Und ein Tag mitten in der Weihnachtszeit, kurz nach Weihnachten, das ja auch ein Fest des Neuanfangs ist, passt gut.

Ein neues Jahr hat also begonnen. Wir haben 2011 jetzt abgeschlossen. Haben zurückgeblickt. Das Fernsehen tut das ja immer schon ab Anfang/Mitte Dezember für uns. Aber ich denke, die meisten von uns hier haben auch eine persönliche Rückschau gehalten – mehr oder weniger.
Nun liegt das neue Jahr vor uns. Es ist ein bisschen wie ein neues Land, dass es zu entdecken gilt. Vor meinem inneren Auge entsteht dabei ein Bild:
Ich habe einen kleinen Berg erstiegen und blicke jetzt das erste Mal hinüber auf die andere Seite. Und da breiten sich vor mir weite Ebenen aus. Grünes Gras soweit das Auge reicht und mittendrin schlängeln sich breite Flüsse durch das Land. Linker Hand kann man in der Ferne das Meer sehen. Das Land ist leer – in dem Sinne, dass man keine Menschen sieht. Kein Häuser, keine Städte. Keine Anzeichen menschlicher Zivilisation: keine Felder sind erkennbar, keine Zäune grenzen die Wiesen und Weiden voneinander ab. Und irgendwo ganz in weiter Ferne am Horizont im Dunstschleier fast verborgen ist ein weiteres Gebirge: Das Ende dieses neuen Landes.
Es ist jetzt an mir und an den Menschen, die diesen Weg mit mir gehen, dieses Land zu gestalten.

Der Blick vom Berg – das hatte auch Mose am Ende der Wüstenwanderung. Er blickte vom Berg Nebo auf das Heilige Land. Betreten durfte er es nicht mehr.
Nach seinem Tod übernahm Josua die Führung des Volkes Israel. Passenderweise ist diese Stelle aus dem Alten Testament heute der Predigttext für den Neu­jahrstag:

[TEXT]

Es ist ein guter Text für diesen Tag. Ein guter Text für jeden Neuanfang. Gott begleitet sein Volk auf seinem Weg ins neue gelobte, verheißene Land – Gott begleitet uns in das weite Land eines neuen Jahres.

Es ist gut, dieses Versprechen noch einmal zu hören. Letztendlich hat uns Gott schon bei unserer Taufe versprochen bei uns zu sein. Aber das kann man leicht vergessen und nicht selten passieren Dinge, die uns zweifeln lassen, ob das noch so gilt. Deshalb ist es gut sich am Anfang eines neuen Jahres zu erinnern: Der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Ich bleibe noch ein bisschen bei dem Bild vom weiten Land, das sich vor mir ausbreitet.
Es stellt sich natürlich immer die Frage: Was mache ich jetzt in diesem neuen Land? Welchen Weg gehe ich? Wie werde ich dieses Land gestalten? Was sollte ich zuerst tun, was danach? Und: Was sollte ich am besten ganz lassen?
Als das Volk Israel in sein verheißenes Land einzog, hatten sie kurz zuvor von Gott einen Leitfaden an die Hand bekommen. Gottes Gesetz.
Und das sind mehr als die zehn Gebote. Es ist eine ganze Reihe von Dingen, die einen bestimmten Geist atmen.
Und für mich auf meinem Weg gilt das genauso. Jesus Christus, sein Leben und Lieben mit und für die Menschen – das ist ein guter Leitfaden. Mein Glaube, der mir hilft und mich stark macht. Die Hoffnung auf Gottes Hilfe und Beistand.

Das klingt alles fast schon banal. Einfach. Tausendmal gehört. Aber es ist weder banal noch einfach. Lasst uns auch im neuen Jahr Gott an unserer Seite wissen und dem Weg Jesu folgen – so gut es geht.
Denn wir alle wissen und haben unsere Erfahrungen: Immer wieder werden wir scheitern, werden Dinge tun, sagen und denken, die nicht richtig sind.

Ich bin nicht vollkommen. Ich bin oft ratlos und hilflos und ganz verloren auf meinem Weg durch dieses riesige, herrliche neue Land.
Aber Jesus Christus spricht: »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« (2. Kor 12,9)
Die Jahreslosung hat genau die Antwort auf dieses Problem.

Der Apostel Paulus war bei seiner Lieblingsgemeinde in Korinth in Misskredit geraten. Man warf ihm seine Unzulänglichkeiten vor. Und das waren vor allem körperliche Unzulänglichkeiten: Er sei kränklich, keine blendende Erscheinung und gut predigen könne er auch nicht (insofern eine gute Beruhigung für uns Pastoren!). Aber das, so Paulus, ist letztendlich egal.
Denn Jesus Christus spricht: »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Nicht in den Starken, die haben ja ihre eigene Kraft.
Die Schwachen sind es, die die Kraft des Höchsten besonders nötig haben und in ihnen ist sie wirksam. Jesus ist denen besonders nahe, denen es gerade nicht gut geht. Die krank sind, oder ratlos oder hilflos und ganz verloren auf ihrem Weg sind.

Neujahr ist ein schöner Tag – finde ich. Ein neues Jahr hat begonnen und ich hatte bisher immer das Gefühl, dass man das spürt. Jedenfalls hatte ich immer das Gefühl, dass ich es spüre: Etwas neues hat begonnen.
Und ich kann mit guter Zuversicht in dieses neue Jahr gehen. Es wird seinen Schrecken haben und seine Ängste und Nöte bringen – das weiß ich. Aber ich weiß nicht, welche das sind und ich will es auch nicht wissen – nicht früher als unbedingt nötig.
Aber ich weiß Gott an meiner Seite, ich habe einen Wegweiser im Herzen und ich weiß, dass gerade in den Zeiten der Not eine helfende Hand an meiner Seite ist.
Und ich hoffe, dass ich das nicht vergesse.
Und ich hoffe, dass wir alle das im Herzen tragen.
Denn es gilt immer. Am Neujahrstag, an allen Tagen. Selbst wenn wir Neujahr am 23. Juli feiern würden, warum auch immer wir das tun sollten.

drucken