Vor der Schwelle

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,
Silvester, Altjahresabend sagen wir auch, der letzte Tag des Jahres 2011, das plötzlich alt aussieht.

Und wir feiern Gottesdienst. An einem Samstag.
Wir sind gekommen, um diesen besonderen Tag zu markieren. Es ist uns wichtig, einen Schlusspunkt zu setzten und Gott dabei zu haben. An der Schwelle des Alten zum Neuen geht es – so glauben wir fest – nicht ohne ihn.

Die Schwellen haben es ja in sich. Sie bezeichnen den Unterschied zwischen dem, was war und dem was kommt. Sie takten unser Leben. Geben ihm Rhythmus und Maß. „Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon wieder ein Jahr vorüber…“

Ohne die Schwellen wäre das Leben ein einziger ununterscheidbarer Fluss. Ein Erlebnisbrei. Wir brauchen sie, die Schwellen – selbst in unserer niedrigschwelligen Zeit.

Die Grenzen zwischen hüben und drüben. Die Gräben zwischen hier und dort. Die Türen, durch die wir gehen, wenn wir hinein- oder hinaus wollen. Die Zäune die uns zeigen, dass hier fremdes Terrain beginnt. Die Linien, die den Spielball drinnen oder draußen sein lassen und über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Unsere Geburt ist die erste Schwelle, die wir überschreiten. Wir feiern dieses Wunder Jahr für Jahr und erleben eine Geburtstagsfeier als persönliche Wertschätzung – und feiern das Geschenk des Lebens.

Und unser Tod wird die letzte Schwelle sein – jedenfalls in diesem Leben. Dazwischen liegen diese unzähligen Grenzen, Türen, Linien und Schwellen. Und immer wenn wir uns einer solchen Linie nähern steht die Frage: Was wird kommen? Was soll werden? Was wird bleiben, wie es bisher war, und was wird sich ändern? Worauf ist Verlass und was steht zu befürchten? Und dahinter noch die tiefe andere Frage: Wo geht es lang? Was ist das Ziel? Hat mein Weg Sinn?

Vielleicht haben wir es schon bemerkt, liebe Gemeinde, liebe Freunde: Schwellengespräche sind die interessantesten, manchmal die eigentlich wichtigen. Da war man stundenlang beisammen und hat über alles Mögliche geredet. Und dann kommt der Abschied, alle sind schon im Mantel, die Türklinke in der Hand. Und bevor man endgültig die Tür öffnet, über die Schwelle tritt und die Tür schließt, kommt noch ein Thema auf, das Thema. Das musste noch raus. Das wollte noch angesprochen werden. Anders wollten wir nicht auseinandergehen…

Schwellen haben es in sich. Das Überschreiten einer Schwelle ist immer eine Grenzerfahrung. Für den allerletzten Übergang, hinein in die Ewigkeit, leuchtet uns das sofort ein. Für die kleine Schwelle eines Jahreswechsels ist es nicht ganz so akut. Aber auch hier gilt:

Wir nehmen Dinge mit hinüber, die wir nicht abschütteln können. Anderes bleibt zurück und ist unwiederbringlich verloren. Wir haben schon unsere Pläne für 2012 und wissen schon, wo und wann und worauf wir aufpassen müssen. Und zugleich liegt da ein großes schwarzes Loch vor uns. Am Ende wissen wir nicht einmal, ob wir noch alle Tage des neuen Jahres erleben werden.

Auf der Schwelle stehen wir, genauer: vor der Schwelle und sind im Gespräch. Mit einem alten Bibeltext und mit Gott.

Von wunderbaren Zeichen hören wir. Von einer Wolkensäule am Tag und einer Feuersäule bei Nacht. Licht und Sicht vom Himmel bis auf die Erde reichend. Beide ziehen vor dem wandernden Gottesvolk her. Wer kann sich da noch verlaufen? Mit diesen göttlichen Navigationsgeräten ist man gut präpariert. Gut dass es Gott gibt. Gut, dass er führt. Wir brauchen ihm nur noch hinterhergehen. Was kann uns geschehen im neuen Jahr!

Aber die Bibel erzählt uns noch mehr und trifft damit unseren Nerv: 40 Jahre sind die Israeliten im Zickzackkurs durch die Wüste gezogen. Haben sich aufgerieben, waren verzweifelt, haben gezweifelt. Wollten zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, haben gegen Ihre Führer rebelliert, sich ein Goldenes Kalb gemacht, ihren Gott vergessen. Trotz Wolkensäule am Tag und Feuersäule bei Nacht.

Hinter der Schwelle bei Etam am Rande der Wüste lag eben diese Wüste. „Midbar“ „Kein Wort“, so die Übersetzung aus dem Hebräischen. Niemand da. Kein Laut. Kein Wasser, keine Nahrung, keine Hilfe, kein Leben.

Und doch: Wasser aus dem Felsen und Brot vom Himmel. „Man hu?“, „Manna“, „Was ist das?“. Ja, was ist da geschehen, wie sollen wir das begreifen, was da hinter der Schwelle geschieht? Menschliche Verlassenheit, Verlorenheit, letztlich der Tod und zugleich ein Gott, der mitgeht, der da ist, der in den entscheidenden Augenblicken hilft, der rettet, wenn es darauf ankommt.

So hatte er sich ja vorgestellt, ganz am Anfang, bevor es über die Schwelle heraus aus dem Gefängnis Ägyptens ging: JHWH heiße ich, der „Ich bin da.“

Seltsames berichtet die Bibel: Israel hat einen Gott, der sich nicht abschütteln lässt. Der sein Volk selbst dann nicht im Stich lässt, wenn er vergessen wird. Der nicht müde wird, seine Zeichen an den Himmel zu setzten. Und auf die Erde. Damit wir wissen wo‘s langgeht. Und der es unbegreiflicherweise still und leidend aushält, wenn diese Zeichen von seinen Menschenkindern ignoriert werden, gering geschätzt und manchmal verlacht.

Der es geschehen lässt, dass die Menschen sich selbst den Himmel hell machen und alles und jedes beleuchten und immer und auf jedem Schritt wissen müssen, wo sie sich gerade befinden und sich dazu immer ausgeklügeltere kleine technische Kästchen ausdenken.

Und dennoch vielleicht noch nie zuvor so wenig wussten, welche Richtung ihr Leben haben soll, worauf letztlich alles zuläuft und warum sie überhaupt noch selbst laufen sollen.
40 Jahre zu Fuß unterwegs. Undenkbar. Wüste und Hitze – nicht ohne Klimaanlage. „Midbar“ – „Wüste“ ohne ein Wort. Stille. Unerträglich.

Sind sie von gestern, die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule bei Nacht? Haben sie ausgedient, liebe Gemeinde?

Unter uns nicht! Keineswegs. Deshalb sind wir ja gekommen, an einem Samstag, zum Gottesdienst. Wir brauchen diese wunderbaren Zeichen der Anwesenheit Gottes. Sonntag für Sonntag haben wir nach ihnen Ausschau gehalten. In dem, was wir gehört haben aus der Bibel. In dem, was wir gesungen haben, im Gesangbuch. In dem, was wir geschmeckt haben am Tisch des Herrn. In dem was wir gefühlt und gedacht und beschlossen haben. In dem, was uns getröstet hat. Was uns irritiert hat. Was uns geholfen hat.

Immer war der Sonntagsgottesdienst für uns die Schwelle in eine neue Woche hinein. Der Anfang, die Prägung der Tage danach. Und wir haben ein positives Vorzeichen vorgesetzt bekommen, vor unsere Tage einer anstrengenden Woche, vor unsere Lebenszeit, vor die Wochen dieses Jahres, das heute Abend alt geworden ist und manchmal einer Wüste glich, in der wir von Oase zu Oase gezogen sind.

Das wird so bleiben. Auch 2012. Auf die Wolke ist Verlass. Und das Feuer wird sichtbar bleiben. Freilich wird es uns nicht zu leicht gemacht. Wir müssen – wie bisher auch schon – das feste Zutrauen haben, dass beide da sind. Tag und Nacht. Dass Gott seinem Namen alle Ehre macht: „Ich bin da!“

Dann mag es im Zickzackkurs voran gehen. Dann mag es dauern. Dann mag es anders kommen, als wir es uns ausgemalt hatten. Dann mögen uns Ereignisse überrumpeln und Sichergeglaubtes verloren gehen. Dann können wir wieder einmal von uns selbst enttäuscht sein und – sogar das – ab und an vergessen, mit welchem Namen sich Gott vorgestellt hat: Wir werden ihn nicht los. Hinter dieser Schwelle nicht und hinter allen anderen, die danach noch kommen werden auch nicht. Was für eine Perspektive!

Also gehen wir getröstet und gelassen hinüber.

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