Ich stehe dir bei, wo du auch bist

Liebe Gemeinde,

das neue Jahr hat begonnen. Gerade 11 Stunden ist es alt. Aber beginnt mit dem „neuen“ Jahr wirklich etwas „Neues“? Eigentlich ist doch nur die Jahreszahl auf dem Kalender neu. Und für die meisten von uns geht es genauso weiter wie vorher. Morgen früh wird der Wecker klingeln, und wir werden wieder unserer Arbeit nachgehen: im Haushalt und in der Familie, im Beruf, in der Schule, im Ehrenamt und wo auch immer.

Natürlich beginnt für manche von uns heute bzw in diesem Jahr wirklich ein neuer Lebensabschnitt: der Wechsel in eine andere Schule, der Beginn einer Ausbildung, eine Veränderung im Beruf, ein Kind wird erwartet, eine Hochzeit geplant, die Zeit der Erwerbstätigkeit endet und das Rentenalter beginnt.

Für jede und jeden sieht das, was uns erwartet, anders aus. Eines aber ist uns allen gemeinsam: wir wissen vorher nicht genau, was auf uns zukommt. Die Zukunft liegt im Verborgenen, im Dunkeln. Wir können den ersten Schritt tun, den zweiten planen, aber spätestens beim dritten sieht alles ganz anders aus, als es ursprünglich von uns gedacht war.

Und noch eines ist uns gemeinsam: wir haben keine Wahl! Der Kalender schiebt uns nach vorn, die Zeit nimmt uns mit, ohne zu fragen, ob wir mitwollen. Wir sind eingewoben in die endlose Reihe der Minuten, Stunden, Tage, …

Und dann hören wir den Predigttext für den 1. Tag des neuen Jahres. Er steht bei Josua im 1. Kapitel:

[TEXT]

Ja, liebe Gemeinde, da ist unsere Situation schon eine ganz andere als die des Josua. Der stand am Ufer des Jordan– vor sich den großen Fluss, hinter sich die Wüste. Er war der Anführer des Volkes Israel geworden, nachdem Mose gestorben war. Und nun sollte er die Israeliten in das Land führen, das Gott ihnen versprochen hatte. In das Land, in dem „Milch und Honig fließt“. Die Viehherden waren so zahlreich und wilder Honig so reichlich, dass das Land Kanaan zu recht so genannt wurde. Für die Israeliten, die in der Wüste immer wieder mit Hunger und Durst zu kämpfen hatten, muss das wie die Beschreibung des Schlaraffenlandes geklungen haben.

Uns wird mit 2012 kein Land versprochen, in dem Milch und Honig fließt. Wir können auch nicht wählen wie Josua. Der hätte wieder umkehren und sagen können: „So schlimm war es in der Wüste ja nun doch nicht.“ Die Wüste war eben nicht nur der Ort der Ausgrenzung und der Not, nicht nur der Ort der Entbehrung und Angst vor Verfolgung. Die Wüste war auch der Ort der Gottesbegegnung und der Erwählung; der Ort der Ruhe und der Besinnung auf sich selbst. In der Wüste sind sich die Israeliten ihrer Identität als Volk Gottes bewusst geworden.

Und das neue Land? Gewiss, Milch und Honig, das klang gut. Aber da waren auch die befestigten Städte der Kanaaniter, da waren Menschen, die rein körperlich größer waren als die Israeliten und die eine andere Kultur, eine andere Religion, ein anderes Herkommen hatten. Da war so viel Ungewissheit, Angst vor Unbekanntem und nicht zuletzt die Riesenverantwortung, die Josua übertragen worden war.

Ja, liebe Gemeinde, was haben wir heute mit Josua vor ungefähr 4000 Jahren zu tun? Nun, ich denke, dass, wenn wir die Situation des Josua – von der wir heute wissen, dass sie entscheidend für die ganze weitere Glaubens- und Weltgeschichte war – in die kleine Münze unseres Alltags umwechseln, dass wir uns dann sehr schnell und unmittelbar von dem Predigttext angesprochen fühlen.

Denn Wüsten und neues Land kennen wir doch auch. Festhalten an Vertrautem und sich arrangieren mit Widrigkeiten auf der einen und der Wunsch nach Veränderung und neuen Aufgaben auf der anderen Seite; die Hoffnung auf ein Leben, in dem volles, gutes Leben möglich ist auf der einen und die Angst vor dem Unbekannten, Fremden auf der anderen Seite.

Ob es sich dabei um einen Tag oder eine längere Zeit handelt, auf die sich unsere Hoffnungen und Vorbehalte, unsere ambivalenten Gefühle richten, ist dabei unwichtig. Was zählt, ist, dass wir Josua verstehen können. Wage ich den ersten Schritt oder drehe ich lieber um?

Wir wissen, warum Josua gegangen ist. Weil Gott ihm sehr nachdrücklich versichert, dass er, Gott, ihn, Josua begleiten würde. Gott hat ihm in einer Weise Mut gemacht, die ich ganz wunderbar finde. Er hat nämlich keine Mogelpackung verkauft! Er hat nicht gesagt: „Das ist doch alles nicht so schlimm.“ Nein, in der Aussage „Hab keine Angst“ steckt, dass es Situationen geben würde, die Josua sehr wohl ängstigen würden. In der Aussage „sei stark und mutig“ ist enthalten, dass es Situationen geben würde, in denen Josua sehr wohl schwach und verzagt sein würde. Aber Gott bleibt dabei nicht stehen. Er verspricht Josua, ihn niemals im Stich zu lassen und immer bei ihm zu sein.

Nun klingt das ja schön und gut und vor allem so fromm, wenn wir hören, dass Gott sagt, dass er uns begleiten will, bei allem, was wir tun. Aber auch hier ist Gott sehr sachlich, überlässt uns nicht irgendwelchen abgehobenen Gedankengebäuden. Nein, er sagt: „Wenn du, Mensch, dich an das hältst, was ich dir als Grundlage für dein Leben gesagt habe, d.h. wenn du meine Gebote hältst und wenn du ganz vom Geist dieser Gebote durchdrungen bist, dann wirst du einen Navigator, eine innere Kompassnadel haben, die dich nie im Stich lassen werden.“

Wie beruhigend, aber auch wie aufrüttelnd. Aufrüttelnd, weil ich den Josuatext nicht einfach nehmen kann und ihn für meine Zwecke missbrauchen. Ich kann eben nicht rufen „Auf zu neuen Ufern“ und weder auf die achten, die ich mitnehme noch auf die, die ich an dem neuen Ufer treffen werde. Ich kann eben nicht sagen „ich bin mutig“ und Mut und Entschlossenheit mit Rücksichtslosigkeit verwechseln.

Und auch wie beruhigend, weil es mit den Geboten ganz eindeutige Kriterien für ein Tun gibt, das von Gott begleitet wird.

Es wird also darauf ankommen, dass wir die Gebote Gottes nicht aus dem Auge verlieren. Dann können wir uns zuversichtlich, stark und mutig an unseren je eigenen Jordan stellen. Denn wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gott mit uns ist, bei allem, was wir tun. So gehen wir in das Jahr 2012. So gehen wir in die Zukunft. Ein anderer Name für Zukunft ist Gottesland. Weil Gott mit uns geht.

Ich habe es dir gesagt! Sei stark und sei mutig! Lass dir keine Angst einjagen, lass dich nicht einschüchtern, denn ich, dein Gott, stehe dir bei, wo du auch bist."

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