Gott begegnet uns im Leben

Liebe Gemeinde,

wir stehen wieder vor einer Wende, deren Bedeutung allein in den Köpfen der Menschen liegt. Der Wechsel von einem Kalenderjahr zum anderen, von 2011 auf 2012, konzentriert auf diese Sekunde, an welcher der Zeiger auf 0.00 Uhr springt. In jenem Augenblick – so hat man es im Voraus versucht, zu berechnen – wird Feuerwerk in Deutschland angezündet, für welches die Menschen ca. 113 Millionen Euro ausgeben werden. Und parallel dazu schwirren SMS-Nachrichten durch die Luft, welche wahrscheinlich die Netze bei uns an den Rand der Leistungsfähigkeit bringen werden: Man rechnet mit ca. 300 Millionen Kurznachrichten in diesen ersten Minuten des Jahres 2012. Und dies alles, obwohl es objektiv gesehen nichts gibt, was diese Bedeutung rechtfertigt. Weder als Angst noch als Hoffnung. (Sie erinnern sich vielleicht noch an den Wechsel von 1999 auf 2000, als man dachte: Die Computersysteme würden den Übersprung nicht schaffen. Hier befürchtete man eine reale Bedrohung für unsere Gesellschaft. Freilich zu Unrecht, wie sich dann herausstellte.)

Und obwohl es objektiv – von außen her gesehen – keine Relevanz hat, dieser Zeigerwechsel der Uhr heute um Mitternacht, ist doch die Bedeutung von Silvester nicht zu unterschätzen. Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, ein Hinweis auf die Kraft der Bedeutungs-Zuschreibung im menschlichen Wesen. Als ob sich hier in einem kurzen, ja winzigen Punkt gleichsam konzentriert etwas wieder spiegeln würde, das wichtig ist für mein ganzes Leben oder zumindest doch für einen großen Teil davon.

So versichern sich nicht wenige Paare in jenen Minuten ihrer Liebe. Und wieder andere nehmen sich ernsthaft vor, etwas in ihrem Leben zu verändern oder einfach nur es konsequenter zu gestalten.

Um dieser Konzentration willen auf das Wesentliche oder zumindest Elemente daraus in wenigen Minuten zu Beginn eines neuen Kalenderjahres sind wir heute auch hier zusammen.

Hören wir dazu eine kurze Geschichte:

„In einer Stadt führte ein Seiltänzer in schwindelnder Höhe seine Kunststücke vor. Zum Schluss die Hauptattraktion: Er schiebt eine Schubkarre über das schwankende Seil. Als er sicher auf der anderen Seite angekommen ist, fragt er die Zuschauer, ob sie es ihm zutrauen, die Karre auch wieder zurückzuschieben. Die Menge klatscht begeistert Beifall. Er fragt aber noch ein zweites Mal, und wieder erhält er zustimmenden Beifall. Dann fragt er einen einzelnen, der unten am Mast steht: "Sie, trauen Sie es mir auch zu, dass ich die Karre wieder zurückschiebe?" "Aber sicher!" ruft der zurück und klatscht. "Dann", sagt der Akrobat, "dann kommen Sie doch herauf und steigen Sie ein, dann schiebe ich Sie hinüber!" – Nein, so hatte er es nicht gemeint, er wollte doch Zuschauer bleiben.“

Das Wesentliche, liebe Gemeinde, worauf sich christliche Gemeinde an solch einen aufgeladenen Zeitpunkt besinnen kann, ist jenes in der Geschichte angedeutete Vertrauen. Würde ich für mein eigenes Leben Vertrauen zu den Fähigkeiten haben, die ich an Gott preise und lobe? Oder klatsche ich Beifall, wenn mir dererlei erzählt und berichtet wird, halt mich selbst aber lieber zurück?
So ist die einzelne Stunde, der einzelne Tag in meinem Leben als Christ vom Datum her völlig gleich zu bewerten. Es ist gleich, ob ich an einem 17.August oder am einem 31.12. mich einlasse oder angesprochen werde von dieser Kraft Gottes: Hierin sind die Daten und Rhythmen eines Kalenderjahres völlig zweitrangig: Es kommt immer auf die Füllung, auf den Inhalt an. Bis 1582 – also noch zu Luthers Zeiten – begann das neue Jahr am 25.12.: Das wäre für uns ein vielleicht inhaltlich passenderer Ort gewesen – Christ ist geboren: Ein neues Leben ist möglich! Aber auch die Verschiebung auf den 31.12. können wir so gut nutzen: Inne zu halten, mein Leben zu bedenken, bewusst ein neues Kalenderjahr anzugehen mit der Gewissheit im Herzen: „Gott ist da – er ist mein Fels und meine Burg, mein Retter und mein Heiland.“

Dies nicht nur zu sagen – wie jener Zuschauer zu beklatschen, sondern mit dem eigenen Leben leben: Nur das kann die Kraft dieses Glaubens und dieser Hoffnung auf richtige Art und Weise bezeugen. In den Stürmen des Lebens, in Enttäuschung und Krankheit und Not nicht aufgeben, diesem Herrn über Leben und Tod zu vertrauen: Natürlich, liebe Gemeinde, ist solch ein Glauben ein Geschenk: Ich kann es nicht herstellen. Aber ich kann ausdrücken, dass ich es mir wünsche. Hoffen, dass ich dabei sein werde. Darum bitten, dass es sich so verhält.

Nehmen wir die zwei Liebenden, die sich als Paar in jener ersten Minute des neuen Jahres ihrer Liebe versichern. Keiner der beiden hat ja die Liebe für den anderen in seiner Hand, so als wäre dies etwas, was frei zu wählen und frei zu gestalten sein. Keiner kann sich dazu entschließen, den anderen zu lieben, sondern diese Liebe überkommt den Menschen und gestaltet ihn neu. Was aber geht, ist der Wunsch oder die Zusage, für diese Liebe einstehen zu wollen, daran fest zu halten, so weit es geht und darauf zu bauen, dass man nicht „abgebracht“ wird in der Zuneigung zu diesem Gegenüber.

Als Predigtwort für diesen Abend im Übergang zum neuen Jahr steht ein Text aus dem 2. Buch Mose, dem Exodusbuch, im welchem es um jene Zusage, um jenes Vertrauen geht. Die Geschichte des Auszuges aus Ägypten und damit aus der Sklaverei, ist für die gläubigen Juden ein Sinnbild geworden für die Tat Gottes an ihnen. Und es ist das Sinnbild geworden, um Christi Taten für die Menschheit zu beschreiben: Er führt sein Volk – die Kinder Gottes – aus der Sklaverei der Sünden und ermöglicht ihnen einen neuen Weg zu Gott, in sein Reich.

Wir lesen einen Abschnitt (die Verse 20-22 aus dem 13. Kapitel), welcher kurz vor der Durchquerung des Schilfmeeres folgendes berichtet:

[TEXT]

In einer Situation der Ungewissheit über die Zukunft, in einer Situation der Angst und der Not – bedenken Sie: die Fleischtöpfe Ägyptens sind gerade willentlich verlassen worden; was man jetzt hat, ist in der Schnelle gewordenes, ungesäuertes Brot, Staub und kein Dach mehr über dem Kopf, weil man auf der Flucht ist – in dieser Situation bekennt das Volk Israel die Gegenwart Gottes, welche sie führt und leitet: Nachts als leuchtendes Feuer, Tags als Säule aus Wolken.

Viel deutlicher und viel markanter ist jener Umbruch von der alten Zeit auf die neue Zeit für die Israeliten, als es heute Abend für die allermeisten von uns sein wird. Der Sekundenzeigen bewegt sich – besonders beobachtet – auf das neue Kalenderjahr. Dort aber wird alles umgekrempelt: das Wohnen – unklar. Die Versorgung mit Essen – unsicher. Die Dauer der Flucht – nicht planbar. Sicher ist nur eines: alles wird anders. Und das Volk nimmt sich vor, das Vertrauen auf diesen Gott, der rettet und befreit weiter zu haben, es nicht sinken zu lassen und sich weiter ansprechen zu lassen von den Zeichen seiner Gegenwart.

Das könnte auch für uns ein Inhalt sein, wenn wir heute Nacht den Himmel und die Raketen daran betrachten, wenn wir uns Glück und Segen wünschen für das kommende Jahr. Daran festzuhalten, dass Gott uns begegnen möchte in diesem Leben. Dass es Zeichen seiner Gegenwart für uns gibt, die darauf warten, von uns entdeckt und benannt zu werden. Und dies nicht nur aus der Distanz, wie der klatschende Zuschauer, sondern mittendrin, so dass wir tatsächlich und in Wahrheit Teil dieser Geschichte Gottes mit uns werden und bleiben.

So könnte es tatsächlich ein guter Beginn des Neuen Jahres werden, aus dem Jüdischen der gute „Rosch“, aus welchem – zumindest nach einer möglichen Erklärung – für uns der „gute Rutsch“ geworden ist. Der gute Beginn von 2012 – in Namen dieses befreienden und erhaltenden Gottes, der mit mir und meinen Leben zu tun hat und dessen Zeichen sich mir stellen auf meiner Wanderung im Leben.

Dies wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der unser Leben erhält, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen.

drucken