Tango tanzen

Jes 30,15
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark

2. Mos 31,15
Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebten Tag ist Sabbat, völlige Ruhe, heilig dem Herrn.

Pred 4,6
Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühen und Haschen nach Wind.

Liebe Gemeinde,

Am letzten Tag des Jahres versammeln wir uns, um innezuhalten. Was war alles gewesen? Seltsam oft, wie wenig wir am Ende noch von dem wissen, was uns aktuell vielleicht sehr bewegt hatte.

Ein paar Stichworte reichen sicherlich, um das vergangene Jahr noch einmal zu erinnern: E 10 sollten wir tanken, EHEC bedrohte vornehmlich den Norden. Wo Fukushima liegt, wissen wir wahrscheinlich noch. Die Energiewende ist Vergangenheit und Zukunftsaufgabe zugleich. Das Thema Bankenkrise hatten wir auch 2010 schon im Kalender notiert. Ab Herbst erschreckte uns der bis dahin eigenartig unentdeckte Naziterror dreier armer Seelen. 2011 ist zum Todesjahr für Bin Laden und Gaddafi geworden.

2011 erfreute manches Damenherz mit königlichen Hochzeiten. Sportereignisse ließen uns jubeln oder fluchen. Auch schon Geschichte! 2011 wurde neben der Wehrpflicht auch so mancher Doktor-Titel kassiert.

Genug. Ich will nicht noch einmal den oft unerträglichen Lärm der Medien wiederholen. Wichtiger, als die Schlagzeilen sind ja sowieso die persönlichen Überschriften, die uns in den Lebenskalender geschrieben wurden.

Oft sind es nur wenige Tage gewesen, die alles andere mit gefärbt haben.

Für jede/n von uns wird das Jahr 2011 in ganz eigener Erinnerung bleiben. Als Jahr der Freude, wenn uns an herausragenden, herrlichen Tagen Leben und Erfolg beschert war. Als Jahr der Trauer, wenn wir einen lieben Menschen zu Grabe tragen mussten. Diese Tage färben alles andere.

Wir sind durchs Leben gehetzt. Staunen, wie schnell ein Jahr vorbei ist. Mancher wird dankbar sein, dass es rum ist.

Heute haben wir uns zum Gottesdienst versammelt, um Dank zu sagen für die Lebenstage. Wir haben uns versammelt, um uns zurüsten zu lassen, für das, was kommen wird. Woher bekommen wir Kraft, Lebenskraft, Zuversicht für die Zukunft, für das neue Jahr?

Jesaja scheint es gewusst zu haben. Vorsichtig, im Konjunktiv, als Möglichkeit formuliert er diesen Satz: Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark

Dieses Bibelwort soll am Ende dieses Jahres uns leiten
Ich möchte mit ihnen, liebe Gemeinde, über den Wert der Stille nachdenken und füge dann eine Besinnung über die Bedeutung von Rhythmus an.

Stille. Dieses Wort nehmen wir als erstes auf.

Stille ist fein wie Glas. Und so wie Glas das Licht und die Farbe der Umgebung aufnimmt, so auch die Stille. So, wie die besonderen Tage ein ganzes Jahr für die Erinnerung färben, so färbt sich Stille durch das, was sie hervorruft.

Das, was vorausgegangen ist, gibt der nachfolgenden Stille Charakter und Farbe.
Stille ist wie Glas: Sie nimmt die Färbung und Stimmung ihrer Umgebung auf.

Wir spielen diesen Gedanken, dieses Bild einmal durch. Vier Szenen, die in Stille enden:

Was wir als Kinder erlebt haben: Man würde so gerne etwas sagen. Der Befehl „Sei still!“ aber schneidet das Leben ab. Der Mund muss verschlossen bleiben, obwohl tausend wichtige Worte nach draußen laufen möchten und schlimm war es, wenn dann auch noch der Körper unter fremdes Kommando gesetzt wurde: „Zapple nicht so rum“. Solche Stille war unerträglich, weil sie voll gesogen war mit Zwang, Druck und Qual.

Es gibt betroffenes Schweigen. Unerträgliche Stille. Auch sie nimmt Färbung aus dem, was vorher passiert war.
Ein heftiger Streit. Worte fliegen hin und her. Und Gesten untermalen die Wut. Bis der Schlag erfolgt: Mit der Hand oder mit dem verletzendem Wort. Auf einmal ist alles ruhig. Vielleicht hört man nur ein leises Weinen.
In die Unerträglichkeit der Stille wird ein Satz gesprochen: Sag doch was. Und die Stille ist voll von Betroffenheit.

„Peinliches Schweigen“ steht über dem nächsten Bild. Man sitzt beieinander und hat die paar Sätze des Smalltalks schnell durchgekaut. Dreimal hat man schon über das Wetter gesprochen und das es heuer noch keinen Schnee gab. Aber dann breitet sich das peinliche Schweigen aus wie Eis. Hier nun nimmt die Stille die Stimmung der Fremdheit auf.

Und dann gibt es die Stille, die Ruhe, die der Seele gut tut. Ohne Worte ist man die letzten hundert Meter gestiegen. Der Schweiß steht auf der Stirn. Dann eröffnet sich der weite Horizont. Niemand sagt etwas, denn wir spüren, wie unsere Seele die zauberhafte Färbung dieses Augenblicks aufnimmt und zu ihren Schätzen legt.

Oder: Ich stehe da, habe meinen Kummer ausgesprochen, und seine/ihre Hand berührt mich still. Worte müssen nicht gesprochen werden. Hier nun glüht die Stille in der Farbe der Liebe.

Solche Stille, die uns erhebt, die uns aufbaut und Kraft gibt, solche Stille ist gemeint, wenn es im Alten Testament heißt: Durch Stillesein würdet ihr stark. Es ist nicht die erzwungene Ruhe, nicht das angstvolle Verstummen. Es sind nicht die Eisigkeit betroffener oder peinlicher Augenblicke.

Es ist die Stille, die Ruhe, die sich im Innern ausbreitet, wenn wir gute Worte hören, Worte voll ehrlicher Kraft. Es ist die Ruhe, die in uns wächst als Wurzelgrund wenn wir beten oder singen.

In den Fortgang unserer Gedanken nehmen wir einen zweiten Bibelvers auf:

2. Mos 31,15
Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebten Tag ist Sabbat, völlige Ruhe, heilig dem Herrn.

Dieser Bibelvers aus dem 2. Mosesbuch verbindet unser Thema „Stille“ mit dem eingangs erwähnten, zweiten Wort: Rhythmus.

Was ist Rhythmus? Ein Beispiel:
Schritt. Schritt. Wiegeschritt.
Für einige von Ihnen ist allein durch diese drei Worte schon klar, um welchen Tanz es geht. Schritt. Schritt. Wiegeschritt.
Natürlich, das ist der Grundschritt des ……Tango.

Und was erkennen sie hier?

"Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt."

Wir erkennen nichts mehr, wenn dem Leben kein Rhythmus mehr innewohnt. Wir leben wie im Film „Speed“, d.h. wir haben Angst, er flöge alles in die Luft, wenn wir zu langsam würden.

Schauen wir einmal mit den Augen eines Kindes auf unser Leben:
Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Nacht. Schritt. Schritt. Schritt….. usw.

Ein Kind kann da nichts erkennen.

Ich denke, sie wissen, auf was ich hinaus will. Leben braucht Rhythmus. Ein Tango lebt davon, dass auf zwei schnelle ein ruhiger Schritt folgt. So wird dieser Tanz überhaupt erst als Tango erkannt. Und wer von uns Tanzen kann, weiß, welch wunderbare Variationen und Figuren es im Tango gibt. Der Grundschritt aber wird niemals aufgegeben.

Viele Menschen leben heute ohne Rhythmus, ohne wirklichen Wechsel von Ruhe und Aktivität. Natürlich haben wir Pausen – Ruhephasen – Nichtstue-Zeiten – aber aus all dem ergibt sich noch kein Rhythmus, nichts, was unsere Kinder erkennen könnten als Grundform des Lebens.
Dass wir ständig das Gleiche tun hat mit Rhythmus nichts zu tun.
Wenn wir keine wohltuende Stille mehr haben, wird unsere Seele trüb wie falsch gespülte Gläser. Darum formuliert die Bibel mit Autorität:

Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebten Tag ist Sabbat, völlige Ruhe, heilig dem Herrn.

Dieser Rhythmus aus Arbeit und Ruhe ist wesentlich für unser Leben.
Vor ein paar Jahren hatte ich mal wieder einen Spleen. Ich hatte mir einen Bonsai gekauft. In seiner Pflegeanleitung heißt es: Die Ruhephase ist für den Baum wichtig. Ein Baum, der ständig der Wärme ausgesetzt ist und darum auch ständig wachsen muss, verliert an Widerstandskraft. Überfordern sie ihren Baum nicht.

Und wie ist das mit uns? Ich stelle nur diese einfache Frage: Wie ist das mit uns?

Heute stehen wir am Ende eines Jahres. Schauen noch einmal zurück: Welchen Rhythmus habe ich gelebt? Wie viel Stille habe ich mir gegönnt? Hatte das Jahr hinter mir nur Termine, Arbeitstage und Arbeitswochen? Habe ich die Tage runter gerissen oder gelebt? Hatte das Jahr auch Rhythmus? Hatte es Rhythmus, der mir bekömmlich war, Rhythmus und Stille, die mich leben ließen.

Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark. Jesaja formuliert eine Möglichkeit, vorsichtig, im Konjunktiv. Was er meint, kann man mit einem Satz sagen:

Zerstört nicht den Rhythmus aus Ruhe und Arbeit. Flieht die Stille nicht. Sucht sie in Gott, im Gottesdienst. Diese Stille färbt ab, färbt das Leben in hellen Farben: Schenkt Ruhe der gehetzten Seele, schenkt Trost dem trauernden Herzen, schenkt Zuversicht dem verzagten Gemüt: Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark.

Im Buch Prediger heißt diese Einsicht so: Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühen und Haschen nach Wind (Pred 4,6).

Schritt-Schritt- Wiegeschritt.
Werkeln, werkeln, langsam tun.

Man kann nur Tanzen wenn man ein Gefühl für Rhythmus hat und einen Partner, der das auch versteht. Ein sicherlich ungewöhnliches Bild: Aber was wäre, wenn Gott sie zum Tanz aufforderte, liebe Gemeinde? Könnten sie es mit ihm wagen, aufs neue Parkett zu gehen. Natürlich! Gott versteht es wunderbar, uns zu führen. Oder gilt immer noch, was Jesus sagte: Wir haben euch aufgespielt, aber ihr wolltet nicht tanzen (Lk 7,32).

In Dankbarkeit, in Ergebenheit, mit Wehmut, mit Tränen, mit Lachen … wie auch immer .. schauen wir auf das Lebensjahr 2011 zurück. Für das kommende Jahr gebe ich Ihnen, falls sie noch ein Plätzchen frei haben im Regal der guten Vorsätze diesen Bibelvers mit:

Durch Stille und Hoffen wirst du stark. Na, mal schauen, ob wir nächstes Jahr um diese Zeit Staub wegblasen müssen, wenn wir ins Regal greifen nach diesem Spruch?

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