Sinn und Ziel

Liebe Gemeinde

Es waren nicht wenige Menschen, die vor genau einer Woche, am Heiligen Abend, einen ziemlichen Schrecken bekamen, als sie am Spätnachmittag zum Himmel blickten. Ein kräftiger Feuerschweif bewegte sich dort rasend schnell von westlicher in östlicher Richtung. Was mag den Menschen da alles durch den Kopf gegangen sein? Ist das ein Komet? Oder ein Ufo? Oder ein brennender Satellit? Ist das gar der Stern von Bethlehem – nur dieses Mal in der anderen Richtung? Oder kündigt dieser glühende Schweif den Weltuntergang an? Nach wenigen Minuten war die Erscheinung vorbei, und wenig später kam auch die einigermaßen beruhigende Aufklärung: es handelte sich um verglühende Rest einer Stufe einer russischen Sojus-Rakete. Um Elektro-Schrott also, um es ganz unspektakulär zu sagen. Keine ungefährliche Angelegenheit, doch passiert ist offenbar nichts.

Es kommt in unserer Zeit nicht häufig vor, dass Menschen so aufmerksam den Himmel beobachten, und dass Himmelserscheinungen für solche Aufregung sorgen. Zu sehr haben wir uns an die Kondensstreifen der Flugzeuge gewöhnt, die täglich den Himmel über uns durchkreuzen, und ebenso an leuchtende Satelliten und an Sonnen- und Mondfinsternisse, die allesamt vorher berechnete und angekündigte wurden, wie auch das erscheinen von Sternschnuppenschwärmen und Kometen. Was noch vor gut 100 Jahren Menschen in Angst und Panik versetzt hätte, ist für uns alltäglich geworden und regt im Grunde genommen niemanden mehr auf.

Zeichen am Himmel wurden dagegen von den Menschen früherer Jahrhunderte oft als Unheilsboten angesehen, als Ankündigungen von Pest und Krieg etwa. Darüber gibt es zahllose Berichte, die uns deutlich machen, in welchen Ängsten die Generationen vor uns lebten, weil sie nicht wussten und nicht einordnen oder deuten konnten, was da vor ihren Augen geschah. Aberglaube und Fantastereien mischten sich mit der Überzeugung, dass es schließlich Gott sei, der Himmel und Erde geschaffen und demnach alles in seiner Hand hat. Doch nicht immer hat dieser Glaube Ängste und Panik verhindert.

Nun haben wir eben einen kurzen Abschnitt aus dem 2. Mosebuch gehört, aus den Erzählungen von der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Von Ägypten herkommend, dem Sklavenhaus, wie sie es nannten, in dem es gleichwohl genug zu essen und zu trinken gab, brachen sie auf in Richtung auf das Gelobte Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen sollten. Doch der Weg dahin war gefährlich, beschwerlich, und außerdem waren Richtung und Führung unklar. Immer wieder wird uns davon berichtet, dass das wandernde Gottesvolk murrte, also meckerte und schimpfte, unzufrieden aufbegehrte, sich gegen Mose als den Führer auflehnte und auch Gottes Führung auf dem Weg in die große Freiheit nicht recht traute. Sehen wir heutzutage Bilder von Unruhen und Protesten in Syrien, im Gazastreifen und anderen Ländern und Gegenden des Nahen Ostens, dann können wir uns ein ungefähres Bild davon machen, wie das damals ausgesehen haben mag, wie brisant die Situation oft war und wie schnell die Stimmung umschlagen konnte.

Die Israeliten hatten es sich anders gedacht, als es kam. Wer damals eine ungefähre Vorstellung vom Weg von Ägypten hin zum verheißenen Land am Jordan hatte, der wäre einfach an der Küste entlang gewandert. Das wäre der kürzeste und bequemste Weg gewesen, trockenen Fuße sogarm denn den Suez-Kanal gab es ja noch nicht. Aber im Glauben an Gott geht es nun einmal nicht immer den kürzesten und bequemsten Weg. Diese Erfahrung sollte den Israeliten nicht erspart bleiben, wie sie auch bis heute vielen Menschen nicht erspart bleibt, die in persönlichen Nöten und schweren Zeiten auch fragen: Warum ist das so? Warum geschieht das ausgerechnet mir? Solche Fragen, solche unklare Richtungen des Lebens kennen wohl auch wir alle, und Gott scheint in solchen Augenblicken irgendwie verborgen zu sein. Würde er sich in irgendeiner Weise zeigen, dann wären wir möglicherweise eher zufrieden.

Der verborgene, unsichtbare Gott zeigt sich. Das ist die Botschaft des Predigttextes für den heutigen Silvesterabend. Die Himmelserscheinungen der dunklen Wolke und der Feuersäule werden als solche Zeichen genannt- als Zeichen für das Volk Israel, das sonst in die Irre gegangen oder vielleicht sogar lieber zurückgelaufen wäre. Wohlgemerkt, dieses Zeichen ist von Anfang an da, denn das Volk Israel befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in Ägypten, ist gerade erst aufgebrochen, und der legendäre Durchzug durchs Schilfmeer und die mühsame Wüstenwanderung steht erst noch bevor. Aber gleich zu Beginn steht ein Zeichen, wie ein Wegweiser, der die Richtung angibt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer einem solchen Wegweiser vertraut und folgt ist noch längst nicht am Ziel angekommen, aber hat immerhin die richtige Richtung eingeschlagen.

Wir mögen uns jetzt vielleicht den Kopf darüber zerbrechen, was es mit solchen Himmelserscheinungen auf sich hat, mit einer dunklen Wolke, die am strahlend blauen oder in der flimmernden Hitze über der Wüste graugelben Himmel eher unwahrscheinlich ist, oder mit der Feuersäule, die in der stockfinsteren Wüstennacht auch eher nicht zu sehen ist. Eine Fata Morgana? Vulkanische Erscheinungen? Besondere Lichtphänomene? Wir kommen nicht recht weiter, wenn wir das, was uns im 2. Mosebuch berichtet wird, zu erklären versuchen. Aber gedeutet werden kann es. Und zwar so, dass durch solche im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdige Zeichen den aufbrechenden Leuten etwas bewusst wurde, was sie sich merken sollten und auch merken konnten, so wie ein Markierungszeichen auf einer Wanderroute etwa, auf das man immer wieder trifft und das einem Gewissheit verschafft: Ich bin auf dem richtigen Weg.

Wolke und Feuersäule führen uns in eine zugegebenermaßen fremde Welt, in der noch ganz realistische Vorstellungen von der Gegenwart Gottes existierten. Erscheinungen, die die Menschen trösteten und ihnen Mut machten. Martin Luther hat einmal geäußert, man könnte solche Zeichen der Gegenwart Gottes fast mit den Sakramenten vergleichen, mit den leibhaftigen, konkreten Zeichen von Wasser in der Taufe bzw. von Brot und Wein beim Abendmahl. Auch diese sind natürliche Elemente, sichtbare und doch zugleich geheimnisvolle Zeichen der Gegenwart Gottes. Damit, so die Erfahrung vieler Christen, kommt man gut und gestärkt durchs Leben. Mit Wolke und Feuersäule, so die Erfahrung des alten Israel, sind wir damals gut durch die Wüste gekommen. Beide Erscheinungen sind nur der Beginn einer Reihe von wunderbaren, oft rätselhaften Geschehen, die das Volk Israel seit damals begleitet haben, woran es sich stets erinnert hat und was ihm in extremen Notsituationen bis in unserer Zeit hinein geholfen hat. So hat es mich sehr berührt, einmal davon zu lesen, dass ein Augenzeuge selbst das Feuer und den Qualm in den Krematorien von Auschwitz eben nicht als Höllenfeuer gesehen und bezeichnet hat, sondern sagen konnte, wenn auch unter Tränen: Selbst hier ist Gott – in dieser Rauch und Feuersäule.

Zurück zu unserer biblischen Geschichte. Wir mögen über Himmelserscheinungen in uralten Zeiten oder in der Gegenwart und über ihre jeweilige Deutung lächeln oder den Kopf schütteln, wir mögen ratlos daneben stehen oder aber meinen, alles erklären zu können – das eigentliche Wunder ist nicht, dass oder ob Gott sich irgendwelche Naturgesetze zu Diensten macht oder sie gar außer Kraft setzt, sondern das eigentliche Wunder ist es, dass Gott in die Geschichte der Menschen eingreift, Menschen anspricht und führt und so die Geschichte lenkt – andres, als wir es tun würden, und oft so, dass nicht alle es begreifen. Und ein Wunder ist es, dass Menschen dadurch in Bewegung gesetzt und in Bewegung gehalten werden, nicht wie festgewurzelt stehenbleiben, nicht geistig oder geistlich unbeweglich werden, sondern im Gegenteil sich auf den Weg machen, der vor ihnen liegt. Sei es eine 40jährige, strapaziöse Wüstenwanderung, sei es der Weg durch ein neues Jahr, dessen Anfang, Verlauf und Ende für uns noch im Dunkeln liegt. Auf Gottes Gegenwart, auf seine Führung zu vertrauen macht den Unterschied. Ob man mit Sorgen und Bedenken losgeht, oder mit verwegenen Prognosen und übertriebenen Wünschen, oder aber ob man mit Gottvertrauen losgeht, das macht den Unterschied. Gottes Wege führen immer weiter, so sagt uns die biblische Überlieferung Alten und Neuen Testamentes.

Können wir das auch so sehen und sagen? Heute, am Silvesterabend, dem Altjahrsabend, sehen wir noch einmal den Weihnachtsbaum in unserer Kirche, und vermutlich auch in unseren Wohnungen und Häusern. Mag er auch sehr heidnischen Ursprungs sein und von vielen als unnötiges Beiwerk abgetan werden – vielleicht ist ein solcher Baum doch auch, v.a. wenn er mit einer Krippe in Verbindung steht, ein leuchtendes Zeichen, das in die dunklen ersten Tage des neuen Jahres hinein scheint. Da werden wir weiß Gott auch Wegweisungen brauchen, Helligkeit und Wärme, die uns nicht nur schöne Gefühle und Wohlbehagen vermitteln, sondern Ermutigung, Stärkung und Trost.

Ein solches Zeichen wie der Weihnachtsbaum spricht anders zu uns, als Worte es tun, und auch anders als unsere Lieder es vermögen. So sprachen die Zeichen von Wolken- und Feuersäule eine andere Sprache als die, die das Volk Israel durch die Plagen vernommen hatte, mit denen die Ägypter geschlagen wurden, und auch eine andere Sprache als die Zehn Gebote, die dem Volk später als Wegweisungen mitgegeben wurden. So wie wir Menschen auch sehr unterschiedlich sind und alle Zeichen und Signale, die auf uns einstürmen, unterschiedlich deuten, so gibt Gott uns, seinen Menschen, offensichtlich auch verschiedene Möglichkeiten, seine Nähe zu erfahren, seinen Willen zu erkennen und danach zu leben. Dabei müssen wir, gerade an der Schwelle zu einem neuen Jahr, nicht ratlos oder unentschlossen einer Vieldeutigkeit gegenüber stehen bleiben, sondern können uns getrost auf den Weg machen – im Vertrauen auf den, der nun zwar nicht gesagt hat: Ich bin eine Feuersäule, die vor euch her geht, sondern: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Diesem Licht, Jesus Christus, wollen wir auch im kommenden Jahr folgend. Es wird nicht auf einmal alle Schatten und Dunkelheiten vertreiben, die womöglich auf uns warten, wohl aber uns die Kraft zu nehmen, ihnen entgegenzusehen und durch sie hindurchzugehen.

Und wenn es dann irgendwann einmal auch im kommenden Jahr wieder leuchtende Zeichen am Himmel gibt, von Kometen oder Satelliten verursacht oder wie auch immer, dann können wir diese mit der gebotenen Nüchternheit betrachten – und unseren Blick auf die wirklich wichtigen Zeichen lenken, die uns hier auf der Erde gegeben werden; die Zeichen der Zeit oder die Signale, die Menschen um uns herum geben. Dann hat unser Weg durch das neue Jahr einen Sinn, und mit Gottes Hilfe auch ein Ziel.

Amen.

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