Loslassen und aufbrechen!

Gefragt nach den wesentlichen Momenten im ausklingenden Jahr, liebe Anwesenden, werden uns nur ein paar auserwählte Momente einfallen. Unabhängig davon, ob diese gute oder schlechte, traurige oder freudige Augenblicke waren. Nicht alles, was in zwölf Monaten passiert ist es wert und würdig, dass man sich daran erinnert. Schon gar nicht an einem so bedeutsamen Tag wie dem heutigen. Der Jahreswechsel steht bevor und während draußen schon die ersten Böller gezündet werden, sind wir hier versammelt um das alte Jahr auf unsere Weise zu verabschieden.

Bald liegt ein Jahr hinter uns, in dem wir gescheitert sind, in dem wir Erfolg gehabt haben, indem wir uns Ziele gesteckt haben und in dem wir diese Ziele verworfen haben. Wir waren auf dem Weg, im Großen, wie im Kleinen. Sei es, dass uns die weltpolitische Realität in ihren Bann gezogen hat, sei es, dass es im Kleinen größere und keiner Probleme gab, die es zu lösen galt.

Ähnlich wie dem wandernden Gottesvolk, dass sich auf seinen Weg durch die Wüste gemacht hatte, liegen auch hinter uns Momente der Gefangenschaft, der Sklaverei, der Verbitterung; und wohl auch Momente der Glückseligkeit, des Erfolgs, der Freiheit. Ein Jahr ist ja nie nur so oder so. Aufbrechen muss man.

Als die Israeliten aufgebrochen waren, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens weg von dem Vertrautem, hinein in eine ungewisses Zukunft, da hat die Wüste auf sie gewartet. Entbehrungen. Verzicht. Wie lange mag das Vertrauen in die eigenen Kräfte, in die eigenen Erwartungen stark genug sein, um auch diese Strapazen aushalten zu können? War es nicht viel besser dorthin zurück zu kehren, wo man hergekommen ist? Aber einfach so umkehren geht nicht. Sie sind auf dem Weg und sie müssen da durch. Hinter Ihnen liegt der Tod, vor Ihnen wartet immerhin noch ein kleines bisschen Hoffnung. So ungefähr muss die Quintessenz des Erlebten geklungen haben.

[TEXT]

Unsicherheit, Angst und Resignation sind keine guten Wegbegleiter. Gott schon. Unsicherheit, Angst und Resignation lähmen die Aktion, verhindern auf die Dauer das Fortkommen. Das weiß jeder. Wenn die Motivation sinkt, dann sinkt proportional dazu die Leistung. Loslassen und sich aufmachen fällt dann schwer.

Und auch wir brechen auf – auch nicht alleine – heute Abend, in ein neues Jahr. In eine ungewisse Zukunft, die wir nicht selber machen, wohl aber mitgestalten können. Hinter uns liegt ein ereignisreiches Jahr. Und jede und jeder von uns füllt dieses Satz mit eigenen Wörtern und Erinnerungen. Wir hängen den alten Kalender ab und ersetzen ihn durch einen neuen. Aus 2011 wird 2012 und wir verabschieden uns vom alten Jahr und gefragt nach den wesentlichen Momenten im ausklingenden Jahr werden uns nur ein paar auserwählte Momente einfallen. Der Verlust eines geliebten Menschen, das Ende einer Freundschaft, Veränderungen im Beruf, in der Beziehung zum Partner. Auch „die Hoffnung auf ein Wiedersehen nach langer Trennung und langem Schweigen – sie erfüllte sich nicht. Die vertanen Möglichkeiten, die Augenblicke hochfahrenden Zorns und tiefer Enttäuschung.“ (Stefan Remmert, Predigt über Ex.13,20ff. 2005).

Loslassen und aufbrechen. Die Israeliten können ein Lied davon singen und haben darüber sogar einiges geschrieben. Denn wie soll man das alles aushalten, wenn nicht mit Gottes Hilfe?

„Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.“ Es gilt, im wahrsten Sinne des Wortes, nach vorne zu sehen: „Man muss das Leben rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts“, sagt Sören Kierkegaard.

Nun, „Silvester ist wie Atemholen“ (Walter Meyer-Roscher, PSt. 1987/88; S. 79.). Durchatmen und nachdenken: Ungenutzte Möglichkeiten tauchen wieder auf. Geglückte Beziehungen und solche, in denen man gescheitert ist. Silvester versammelt all diese Erlebnisse und mit der Aussicht auf ein neues Jahr mag man beinahe euphorisch wieder aufbrechen. Es nicht unbedingt besser machen wollen, aber sich vornehmen, ich mache es anders. Wenn es dann besser wird, ist es gut!

Um sich aber so auf den Weg machen zu können, braucht es Vertrauen. Die Israeliten vertrauen sich ihrem Gott an und folgen ihm. Wo geht es lang? Es liegt kein Plan vor, dem man folgen könnte. was wird sein? Die Sorglosigkeit ist keine Erfindung des Menschen. Wir machen uns Sorgen, weil „alles, was auf uns zukommt, möglicherweise ängstigend wirkt. Wie gehen wir um mit den Gedanken an das, was sein könnte und was wir doch nicht wissen? Nur scheinbar sind wir die Herren der Zeit. Wir planen drauflos. […] Wir sind scheinbar die Herren der Zeit, und wissen doch nicht, ob es uns morgen überhaupt noch gibt.“ (Eugen Drewermann, Zwischen Staub und Sternen, München 1995, S. 51ff.).

Um dieser Erkenntnis zu begegnen braucht es Vertrauen in Gottes Führung. Ganz so wie an der Schwelle zum neuen Jahr. Wir können uns vornehmen, dieses oder jenes zu tun, aber ob es dann auch so kommt, das wissen wir nicht. Das können wir gar nicht wissen. Wir entwerfen grobe Zeichnungen, malen in den Sand. Jede Beziehung braucht Vertrauen.

Und Vertrauen ist immer auch ein Wagnis. Es kann enttäuscht werden, wie oft haben sie diese Erfahrungen schon machen müssen?

Und Gott sagt: Ganz egal, wie es dir geht, ob du nun vertrauen kannst oder nicht, „ich will mit dir gehen. Ich werde bei dir sein. Sicher nicht so, das du immer genaue Anweisungen empfängst, obwohl es Hilfen gibt und Hinweise. Es wird auch nicht so sein, dass du immer das Richtige tust, wenn du dich an mich hältst. Es geht auch nicht immer alles gut. All das garantiere ich dir nicht. Aber ich ziehe ein Netz unter dir. Das soll dir helfen, dass du weniger Angst hast. Es wird dich halten, wenn dich ein Unglück trifft. Das Netz hält dich auch, wenn du bei den Menschen durchfällst. Darum sage ich dir: Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir. […] Denn wenn einer zu große Angst hat, zittern ihm die Hände, und wie will er dann ruhig handeln? Wenn sicher einer zu sehr fürchtet, wird seine Stimme hart, sein Blick ungenau und seine Gefühle eng. Wenn du aber damit zu rechnen versuchst, dass ich bei dir bin, dann wird in dir eine Gelassenheit wachsen, die dich aus der Enge heraus in einen weiten Raum führt.“ (Horst Hirschler, Erzählende Predigten Gütersloh 1976, S. 36ff.)

Gefragt nach den wesentlichen Momenten im ausklingenden Jahr, liebe Anwesenden, werden uns nur ein paar auserwählte Momente einfallen. Aber ganz egal, was dann vor unserem inneren Auge auftaucht, diese Worte sollten dabei sein: „Siehe, ich will mit dir ziehen, spricht der Herr!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus!
AMEN!

drucken