Tragisch

Liebe Gemeinde;
Jahreswende. Was wendet sich? Das Kalenderblatt. Aus 2011 wird 2012. Ansonsten steht da wieder: 1. Januar. Immer das Gleiche, trotz aller guten Vorsätze, nur man altert, die Welt altert, wann wird denn endlich einmal alles Anders und Neu?!
Wann wendet sich das Blatt wirklich? Wann kommt eine Zeit ohne Fukuschima, Krieg und Krise?
– Kennen Sie Sophokles und seine Tragödie „König Ödipus“? Wie Ödipus versucht, seinem Schicksal zu entrinnen und doch,- ohne es zu wissen-, tut, was er nicht will: Das Orakel von Delphi prophezeit Ödipus Vater, dem König Laios von Theben: Dein Sohn wird Dich töten und seine Mutter heiraten. So wird Ödipus von seinen Eltern nach der Geburt ausgesetzt, damit er stirbt und das Orakel nicht recht behält. Ein Hirte aber findet das Baby, erbarmt sich und zieht ihn groß. Ödipus kommt an den Hof von Korinth, wo er als Adoptivsohn des dortigen Königs groß wird. Ödipus erfährt als Erwachsener in Delphi nun ebenso, er werde Vater töten und Mutter heiraten. Entsetzt flieht er aus Korinth, er denkt ja, seine Adoptiveltern seien seine echten Eltern, er kommt nach Theben, gerät dort mit seinem echten Vater Laios einander, und tötet diesen. Und heiratet seine echte Mutter Iokaste, ohne zu wissen, wer sie ist, und am Ende, als er durch den Hirten, der ihn fand und aufzog, alles erfährt, blendet er sich selbst als Strafe für seine Verblendung, während seine Mutter sich erhängt.- Menschliche Tragik. Schuldig werden ohne Schuld zu sein. Das will uns diese alte Tragödie, in der Sophokles einen mythischen Stoff, der ihm vorgegeben war bearbeitet hat, vor die Augen malen.
Schuldig werden ohne Schuld zu sein. Das ist eine nachvollziehbare Erfahrung. Der Mensch erfindet etwas und beherrscht die Folgen nicht. Fukushima. Er stürzt Tyrannen und macht sich Neue. Die Revolutionen in Ägypten und wohl auch Libyen werden uns das wieder lehren. Er legt sein Erspartes an und denkt nicht dran, dass zu jedem Guthaben auf anderer Seite Schulden stehen: ohne Schulden keine Guthaben. Finanzkrise. Entschuldung heißt Guthaben abbauen, weniger Geld, keine rosigen Aussichten. Das alles ist unsere Verblendung. Schuldig werden ohne Schuld zu sein. Etwas Gutes wollen – Erfinden, Freiheit, Sparen- und am Ende Unheil ernten, neue Unfreiheit, durchbrennende Technik, wackelnde Banken, die das Ersparte verliehen haben und nun zittern, ob sie es zurück bekommen. Unsere Tragik, es wendet sich also nichts. Weil der Mensch sich nicht wendet. Weil wir sind was wir sind: Fehlbar, die Welt geistig durchdringend, aber nicht begreifend, das Leben gestaltend, aber ohne es zu führen und in der Hand zu haben, vernünftig und doch auch immer unvernünftig, alles wollend aber lange nicht alles könnend, alles im Griff meinend und doch mit leeren Händen am Ende.
Oder? – Auch eine Erfahrung: Immer wieder ging es weiter und stand der Mensch auf. Was ist das in uns? Verstand? Nein, ein Gefühl schafft das in uns. Nennen wir es ruhig Glauben. Im 2.Mosebuch zieht Gott dem Volke durch die Wüste voran, führt es, unsichtbar verhüllt in Wolke und Feuer, aber nie von ihm weichend.
„.20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“
Glaubst Du, dass das so ist? Unsichtbar verhüllt, aber immer mit uns? Niemals weicht die Wolke von uns am Tage noch das Feuer des Nachts. Niemals weichen Gottes Hauch und Feuer von uns.
Glaubst Du, dass es so ist? Es ist immer noch weiter gegangen. Trotz unserer Verblendung und trotzdem wir keinen Gott sehen, wir fühlten und fühlen es, und das gibt uns Kraft zum Leben. Zum Weiterleben trotz aller Tragik und trotzdem sich das Blatt einfach nicht wenden will! Sophokles lässt den Ödipus in tiefer Tragik enden, er blendet sich selbst und stürzt in tiefe Nacht und Verzweiflung ob seiner Schuld, an der gar nicht schuld war. Ödipus ist eine ganz bedauernswürdige Gestalt.
Aber es gibt doch eine andere Tragödie. Sie wird aufgeführt auf jedem Altar, immer dann, wenn es heißt „In der Nacht da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach es…“ und „Christi Leib für Dich gegeben, Christi Blut für Dich vergossen.“ Diese andere Tragödie, die Gott selbst aufgeführt hat in Jerusalem und die auf Golgotha gipfelt, sie endet da nicht, sie endet ja im Leben. Es ist immer noch weiter gegangen. Der Unsichtbare verlässt uns nicht. Dieser Glaube ist auch Erfahrung. Und das ist gut so. Glaubst Du das?
Amen

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