Licht der Hoffnung

Liebe Gemeinde!

In diesem Jahr lasen wir zwei bzw. drei Bücher, die uns einfach nicht loslassen, uns immer wieder aufs Neue beschäftigen. Es sind dies zum einen das Buch der Journalistin Sabine Bode Die vergessene Generation zum anderen die beiden Bücher der Ärztin Heike Groos: Ein schöner Tag zum Sterben sowie Das ist auch euer Krieg.

Sabine Bode beschreibt in Die vergessene Generation anhand von Interviews, wie sehr die Kriegskinderjahrgänge 1930 – 1945 unter den Kriegseinwirkungen und Folgen gelitten haben und noch heute darunter leiden. Diese Traumatisierungen wurden außerdem vielfach verstärkt durch die nicht beachteten, verdrängten Kriegstraumata der Eltern und Großeltern, die teilweise bis zum Ersten Weltkrieg zurückreichten. Der Zweite Weltkrieg war unsere Elterngeneration ein Tabuthema; deshalb wurde in den Familien auch so gut wie nie darüber gesprochen. So wurden wir als Kinder dann auch mit unseren Ängsten und Macken nicht wirklich wahrgenommen; denn wir waren ja Kinder und haben darum auch keine Probleme und wenn, dann hatten unsere schulischen Leistungen unsere Sorge zu sein.

In ihrem Buch Ein schöner Tag zum Sterben berichtet Heike Groos tagebuchartig von ihren Einsätzen als Stabsärztin der Bundeswehr in Afghanistan und wie sehr sie diese traumatisiert haben. Über zwei Jahre war sie insgesamt in mehreren Einsätzen in diesem Land und jeder Einsatz hatte seinen besonderen und nachhaltigen dramatischen Verlauf. Sie musste dort ihren Dienst als Notärztin ausüben und war deshalb immer mit den ersten nach einem Bomben- oder Selbstmordattentat zur Stelle. Zu Beginn ihrer Afghanistan-Zeit hatte sie durchaus auch Freunde unter den Afghanen, insbesondere unterstützte sie auch einen einheimischen Arzt, insbesondere dann, wenn er Frauen zu behandeln hatte. Die Anschläge bewirkten ziemlich schnell, dass sie in jedem Afghanen, der ihr auf der Straße begegnete, einen Feind sah und sich deshalb außerstande sah, diesem Arzt weiterhin zu helfen. Schwer traumatisiert hat sie ihren Dienst in der Bundeswehr quittiert und ist aus Deutschland ausgewandert, um zu lernen, mit den flash-backs, dem blitzlichtartigen Auftreten schlimmster Einsatzbilder so umzugehen, dass es sie nicht mehr belastet. In ihrem zweiten Buch, Das ist auch euer Krieg, gibt sie die Berichte von den ähnlichen Erfahrungen und Erlebnisse ihrer Kameraden in Afghanistan, sowie die von Entwicklungshelfern wieder.

Wer diese Bücher liest, kann sich ihnen und folglich den Fragen nach der eigenen Betroffenheit nicht entziehen. Damals, 1939 – 1945 und die fünf bis etwa zehn Jahre danach, lebten wir in einer alles anderen als heilen Welt und müssen feststellen, diese ist im Laufe der Jahre nicht besser geworden – im Gegenteil: Die Greuel sind globalisiert und werden uns durch das Fernsehen hautnah ins Wohnzimmer gebracht. Eine Änderung zum Guten können und wagen wir nicht festzustellen. Dennoch feiern wir wieder voller Hoffnungen Weihnachten und haben gestern an Heiligabend die Botschaft der Engel gehört und Frieden auf Erden . Reden wir uns mit dem jährlich wiederkehrenden Weihnachtsfest nicht etwas schön, produzieren wir nicht eigentlich für den Moment eine heile Welt, die es nie geben kann, uns aber als wunderschöner Traum glücklich macht? Oder ist unsere Hoffnung auf eine bessere Welt doch nicht so utopisch, wie die heutige Realität uns lehren will?

Hören wir dazu aus dem Buch des Propheten Jesaja im 11. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Israel, Gottes auserwähltes Volk, von dem einmal – wie es in der Abraham-Verheißung heißt – das Heil für die ganze Welt ausgehen soll, hat den Bund mit Gott gebrochen, ist treulos geworden. Während König David mit all seinen Schwächen und vielen Fehlern noch für diesen Bund gekämpft hat, sind seine Nachkommen und Thronnachfolger Generation für Generation immer mehr von Gott weggerückt, so dass schließlich keiner der Davididen mehr lebte und nun das von Gott zeitweilig verlassene Israel sein Dasein in der babylonischen Gefangenschaft fristen musste.

Noch heute erinnern sich Juden an diese schreckliche Zeit der Verbannung und auch wir, die wir mit Christus nun zum Gottesvolk gehören, lassen uns mahnend daran erinnern, wenn in Psalm 137 gebetet wird:

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten …“

In dieser bedrückenden Situation der nach Babylon Verschleppten steht einer ihrer Männer auf und tröstet sie, indem er ihnen Gottes Erbarmen verkündet: All diese Not wird ein Ende haben, ja mehr noch, Gott der HERR wird die ganze Welt, seine Schöpfung wieder heil machen: Die kleinen Kinder werden einträchtig mit den gefährlichsten Giftschlangen spielen und die wildesten Raubtiere ganz friedlich gemeinsam mit ihren bisherigen Beutetieren weiden.

Schöne Bilder, phantasievolle Bilder, utopische Bilder ohne jeden Bezug zur Realität, die der Prophet den Menschen damals und auch uns heute vor Augen stellt; denn die immer schlimmer werdenden Naturkatastrophen heutzutage und die Feindbilder in der Politik sprechen eine andere Sprache.

Wenn solche Visionen – ein Leben in und mit Gottes Frieden – zur Realität werden sollen, dann muss zuvor einiges geschehen. Aber sind nicht solche Visionen, in denen die Kühe friedlich zusammen mit den Bären weiden werden, in denen alle Raubtiere zu Vegetariern werden, sind das nicht eher Utopien für Spinner und weniger für unsereins, die wir gewohnt sind, uns den harten Tatsachen des Alltags zu stellen?

Doch dieser Prophet damals wußte noch viel mehr und sagt es uns auch heute: Damit die Welt so ist, wie Gott sie sich gedacht hat und noch immer wünscht, muss grundsätzlich etwas Neues entstehen, damit Gottes allumfassender Friede entstehen kann.

Ich habe Ihnen zwei Madonnenbilder von Kurt Reuber, einem evangelischem Pfarrer, Arzt und Maler mitgebracht. Sein letzter Einsatzort war ein Feldlazarett im Kessel von Stalingrad. Heiligabend 1942 zeichnet er auf die Rückseite einer sowjetischen Landkarte die linke der beiden Madonnenbilder und setzt dazu die Worte Licht, Leben, Liebe. Diese Zeichnung heftet er an den Eingang seines Unterstandes, zündet eine Kerze an und hält seinen Kameraden eine kleine Andacht. Für einen Moment gelingt es, sich den Schrecknissen der Kämpfe im und um den Stalingradkessel zu entziehen, sich geistlich, seelisch zu stärken, um sich dann mit vermehrter Kraft wieder den anstehenden Lazarettpflichten zuzuwenden. Mich berühren an diesem Madonnenbild die Ruhe und die Geborgenheit, die Maria ausstrahlt, welches sie darüber hinaus als Licht, als Hoffnung in unsere schlimme Welt sendet.

In der zweiten Madonna, der sogenannten Gefangenenmadonna, nimmt Kurt Reuber ein Jahr später das Motiv der Stalingradmadonna auf und hält seinen Kameraden im sowjetischen Kriegsgefangenenlager in ähnlicher Weise wie im Kessel eine kleine Weihnachtsandacht. Sehr bewegend finde ich, wie intensiv sich in der Madonna das Leiden der deutschen Soldaten in der russischen Kriegsgefangenschaft widerspiegelt und dennoch ein winziges Licht von der Madonna und dem Kind ausgeht: Die Situation der Gefangenen ist schrecklich, aber nicht ohne jede Hoffnung!

Und liest man die beiden Bücher der ehemaligen Bundeswehr-Ärztin Heike Groos, dann wird man einerseits geschockt von den schlimmen Erlebnissen, denen Menschen sich aussetzen müssen, aber andererseits scheint in ihren Berichten und denen ihrer Kameraden die Hoffnung und auch das Wissen darum auf, dass sie diese Schrecknisse in ihrem Leben werden überwinden und ihr Leben in ihrem Frieden neu ordnen werden können.

Ebenso war der Prophet in der verzweifelten Situation des Exils erfüllt von großer Hoffnung, als Gott ihm deutlich machte: Von David leben zwar alle seine Nachkommen nicht mehr; aber übrig geblieben ist ein kleiner Seitentrieb, dessen Vater auch Isaï, Davids Vater, ist.

Trotz all des Schlechten, das in der Welt geschieht, verliert Gott die Seinen nicht aus dem Blick. ER sendet uns seine Hoffnungszeichen, seine Lichtzeichen. Gerne sprechen wir vom „Licht am Ende des Tunnels“. Und wer hat das nicht selber auch schon einmal erlebt: Die momentane Situation ist schier ausweglos, so dass wir uns schon aufgeben wollen. Doch dann begegnen wir einem Menschen, hören ein Wort, vielleicht im Radio, sehen ein Bild, lesen irgendwo einen Satz und plötzlich schimmert in unserer Dunkelheit ein Licht auf, das uns neue Hoffnung schenkt und uns wieder aktiv werden lässt.

Um mit dem Propheten zu reden, ist das unser „Reis aus dem Stamm Isaï“, auf dem der „Geist des HERRN“ ruht. So ist die Erfüllung dieser Verheißung in Jesus Christus bereits geschehen. Und wir werden dessen immer wieder neu versichert, indem wir in größter Not und tiefster Traurigkeit erleben dürfen, dass unsere Zukunft nicht verloren ist, sondern in Gott Wirklichkeit ist. Deshalb sagt der Prophet von dieser Hoffnung:

Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN…

Diesen „Geist des HERRN“ zeichnet aus, dass er einen jeden von uns genau im Blick hat und weiß, was im Einzelnen jeweils gerade notwendig ist. Zugleich bewirkt der „Geist des HERRN“, dass auch unser Blick geschärft wird für die Not unseres Nächsten, dass wir Ideen haben, wie wir im Einzelfall wirksam helfen können, sei es, dass wir selber anpacken, sei es, dass wir Hilfe vermitteln.

Genau deshalb hat Kurt Reuber seine Augen wegen der eigenen Not nicht vor der Not der seiner Kameraden verschlossen. Deshalb schenkte er ihnen im Kessel von Stalingrad und in der Gefangenschaft diese Bilder von Maria und dem Christuskind. Und genauso die Ärztin Heike Groos, die trotz all der schlimmen und massiv psychisch krankmachenden Erlebnisse im Afghanistankrieg darauf hofft, mit ihrem eigenem Bericht und denen ihrer Kameraden eine Änderung zum Positiven zu erreichen: Das Licht der Hoffnung und der Liebe soll sich in der Welt mehr und mehr ausbreiten, sodass Friede werde auf Erden… wie die Engel es den Hirten verkünden.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Weihnachtszeit und dass es uns gelingt, das Licht der Weihnacht in uns und für unsere Nächsten über das Fest zu retten und zu bewahren, damit es wenigstens in unserer kleinen Welt ein wenig friedvoller wird und bleibt! Denn:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Amen.

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