Kinder unter sich

Liebe weihnachtliche Gemeinde, liebe Freunde, liebe Gäste,
da schauen wir in diesen Tagen die Krippe an und das Kind darin, das göttliche Kind, den „Gott Gerneklein“, geboren von Maria, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Und dann werden wir selbst Kinder genannt. „Kinder Gottes“. Gottes Krippenkinder sind wir, vielleicht manchmal auch ein Kindergarten, egal, auf die Beziehung kommt es an: Er ist unser Vater – durch das Kind in der Krippe. Tröstet uns, wie einen eine Mutter tröstet, durch den Sohn der Maria. Gottes Kind. So darf sich jeder nennen, der dem Christuskind volles Vertrauen schenkt.

Nun, das wissen wir bereits, liebe Gemeinde. Warum wird uns das am heutigen Weihnachtsfesttag noch einmal ausgerichtet? So nachdrücklich proklamiert, fast beschwörend vor Augen gehalten?

Weil wir Probleme haben. Weil auch wir dieselben Probleme haben, die die Leute, die nach dem Christuskind benannt sind, schon von Anfang an hatten. Probleme, die man bekommt, wenn man Christ ist. Probleme, die der Schreiber des 1. Johannesbriefes unumwunden anspricht: Probleme mit den anderen und Probleme mit uns selbst.

Zuerst zu den Problemen mit den anderen:

"Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht."

Das ist logisch, liebe Gemeinde. Wer Gott nicht kennt, kennt auch seine Kinder nicht. Es macht uns zu schaffen, wenn wir von unserem Vater schwärmen – das tun wir tatsächlich ab und an – und dabei auf wenig Gegenliebe stoßen. Es kränkt uns, wenn unsere Zeitgenossen, die Basics des Glaubens nicht mehr kennen, die Kirche meiden, uns für rückständig halten und Weihnachten ganz und gar ohne das Kind in der Krippe feiern.

Die freundliche Gleichgültigkeit unserer Zeitgenossen uns gegenüber macht traurig. Dabei sind wir gar nicht allein um uns besorgt, sondern um die Ehre dessen, den wir verehren.
Da ist unser eigentliches Problem. Wir sind so extra. So anders. Nicht mehrheitsfähig. Und nur wenige verstehen, was wir meinen, wenn wir mit ihnen über unseren Glauben reden.

Warum kann unser Vater nicht etwas deutlicher auftrumpfen? Gar nicht um unseretwillen, aber um seinetwillen? Warum kann er uns nicht so leuchten lassen, uns so anziehend und ansteckend machen, dass „die Welt“ glaubt? Oder er macht es ohne uns…?

Warum kein durchschlagender und sichtbarer Beweis, dass wir richtig liegen? Recht haben?

Weil wir Kinder sind. Und Kinder wachsen noch. Sie werden noch groß und stark. Da kommt noch etwas anderes – obwohl alles schon da ist, in uns angelegt.

"Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden."

Es dauert noch. Seid geduldig und stark. Starke Kinder. Steht zu Eurer Schwäche! Solange ist die Kirche immer noch ein bisschen Kindergarten. Haltet die Spannung aus. Lauft ihr nicht davon! Fast hören wir Gott sagen: Ich habe doch auch klein angefangen…!

Liebe Gemeinde, in Spannungen aushalten, das ist anspruchsvoll. Gern sind wir dabei, sie aufzulösen.
Doch es ist nur scheinbar eine Hilfe, den Glauben an den Nagel zu hängen, weil wir so wenig überzeugend sind. Es ist keine wirkliche Lösung des Problems, die sogenannte Welt zu meiden, um sich zurückzuziehen auf die Insel der Seligen.

Man kann diese Spannung auflösen, indem man einfach geht. Das ist die Problemlösung „Flucht“.
Man kann sie auflösen, indem man so tut, als sei der eigene fromme Kreis der Nabel der Welt und der Hort der reinen Wahrheit. Die anderen sind dann die Dummen, die Bösen, die Irrenden. Das ist die Problemlösung der „Überheblichkeit“. Aus der Wagenburg heraus wir die Welt entweder ignoriert oder ständig schlecht gemacht.

Aber weder das Davonlaufen, noch die ignorante Überheblichkeit sind wirkliche Lösungen. Bei der ersten bleibt man ständig auf der Flucht und bei der zweiten endet man irgendwann als Sekte.

Was sollen wir nun tun?

Wir schauen das Kind in der Krippe an!
Flucht geht nicht: Ein Neugeborenes kann nicht weg. Und Ignoranz ist ihm fremd, es saugt geradezu alles um sich herum auf, um es mit kindlichem Selbstbewusstsein aufzunehmen oder auszublenden. Und jede Wertung, jede Verunglimpfung liegt ihm fern.

Das Kind in der Krippe hat sich zudem nicht ins Allerheiligste des Jerusalemer Tempels legen lassen – sondern draußen vor die Tür. In die Welt hinein. In genau die Welt, die Gott nicht kennt und uns deshalb auch nicht kennt. Er will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Das Kind in seinen Windeln! Keine Macht, kein Auftrumpfen, keine Massenaufläufe, keine Popkultur, kein Modetrend, keine Mehrheiten. Nichts davon.

Einfach nur Gott als Kind. Was für eine Spannung! Gott als Kind!
Aus eben dieser Spannung werden die Kinder des Gotteskindes zeitlebens nicht entlassen.

Also: Halten wir sie aus und nutzen ihre Energie! Da fließt ja Strom: Hoffnung! Trost! Liebe! Und auch Infragestellung aller Mächtigen und Starken. Und die Kleinen und Unbedeutenden sind plötzlich wichtig! Gott als Kind – ein fremdes Maß kommt ins Spiel. Das scheinbar Letzte ist plötzlich erst das Vorletzte. Das scheinbar Nicht-Existierende ist schon ein wenig zu sehen. Und es geht immer um alles, ums Ganze, nie nur um eine Insel oder Arche oder einen heiligen Rest!

Schauen wir in die Krippe: Gottes Kinder werden wir genannt – und wir sind es auch. Wir sind es auch! Und alle sind eingeladen, dabei zu sein.

Liebe Gemeinde, das zweite angesprochene Problem ist noch größer als das Erste.
Das Problem mit uns selbst: Das Problem mit der Sünde, die ja immer noch da ist, obwohl wir Gottes Kinder sind. Also das Problem mit unserem Unvermögen, unserer Unvollkommenheit, unseren Missgriffen und Missverständnissen, unseren Fehlern und Schwachstellen. Letztlich das Problem damit, dass wir immer noch und immer wieder Schuld sind.

Geht denn das mit der Gotteskindschaft zusammen? Ich müsste doch ein ganz anderer sein. Viel besser. Viel besonnener, viel menschenfreundlicher.

"Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt."

Genau! Das ist die bedrückendere Spannung! Anspruch und Wirklichkeit, Vorsatz und Realisierung in meinem Christenleben. Was ich tun sollte und wie oft ich daran scheitere.
Wieder kann man sich aus dem Staub machen. Weglaufen vor sich selbst. Die Verantwortungstaste auf „Stumm“ stellen. Ich bin es natürlich nicht gewesen. Schuld haben immer die anderen.

Und wieder kann man sich überheben: Ich halte alle Regeln ein! Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Aber diese Haltung macht aus dem Glauben Moral. Wer sich richtig verhält, ist auf der richtigen Seite. Und manchmal endet man auf diesem Weg in der Hölle der Doppelmoral…

Dabei schauen wir doch ein Kind an! Ein Kind fragt uns nicht nach den Regeln. Jedenfalls nicht zuerst. Ein Kind möchte geliebt werden. Ein Kind braucht Augenkontakt, Körperkontakt, Zärtlichkeit, Nähe.

Gottes Kinder sind wir. Und auch wir brauchen den Zuspruch der Liebe. Eine Zuwendung, die nicht erst etwas sehen will, etwas haben will, bevor sie liebt, sondern die einfach da ist.
Manches bringt ein Gedicht besser auf den Punkt:

„Muss man ein Fachmann sein, in Sachen Glauben, um dich zu finden, Gott?
Aber du bist ja wie dieses Kind.

Muss man ein guter Mensch sein, ein besserer als ich, um dir zu begegnen, Gott?
Aber du bist ja wie dieses Kind.

Muss man den Verstand an den Nagel hängen, um dich zu begreifen, Gott?
Aber du bist ja wie dieses Kind.

Vielleicht muss man ein Kind sein,
wie dieses Kind. Oder wieder so werden.
Ganz tief innen, von Herzensgrund, wie dieses Kind.“

Das Kind in der Krippe macht uns zu Kindern. Nun sprechen wir Kindersprache miteinander – und mit Gott! Unbeschwert und ein bisschen naiv! Wir lachen viel, glucksendes Kinderlachen! Uns verbindet das Kindervertrauen, das kindliche Zutrauen ins Leben. Und der Realismus. Ab und an ruft schon mal einer: „Der Kaiser ist ja nackt!“… Und die scheinbar Erwachsenen erschrecken zunächst und lachen dann doch mit.

"Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist."

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, es kommt also ein Tag, an dem wir ihn sehen werden wie er ist. Den, der uns jetzt schon lieb hat, ohne dass wir ihn sehen können. Und ohne dass wir dafür etwas tun könnten.
Dieser Tag ist der Augenblick, an dem die Spannungen aufgehoben werden in runde Vollkommenheit. An dem unsere Widersprüchlichkeiten und Wunden, unser schwacher Glaube und unsere matte Liebe im Glanz Gottes glänzen werden. Dieser Tag kommt. Daran glauben wir.

Bis dahin sind wir eingeladen, dieses Glänzen schon im Gesicht des Kindes zu sehen, das uns geboren ist. Schauen wir hinein in die Krippe: Freundliche Augen sehen uns an:

"Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!"

drucken