Alles beginnt mit dem Sehen

Liebe Gemeinde,
„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“: Dieser Werbespruch war in den Wochen vor Weihnachten auf Plakatwänden auf Bushäuschen und im Fernsehen überall zu sehen Mit diesem Slogan ist es einer großen Elektrowarenkette, in diesem Jahr wieder gelungen, an die Spitze der besten Werbungen zu gelangen.
„Weihnachten wird unterm Baum entschieden!“, Ist das so, frage auch ich mich heute am Christfest, am eigentlichen Weihnachtsfeiertag? Was finden wir heute unterm Baum?
Vielleicht abgefallene Tannennadeln, ein Stück zusammengeknülltes Geschenkpapier, das am Heiligen Abend nach der Bescherung vergessen wurde, vielleicht auch ein Stück angebissenes Nussplätzchen das beim Aufräumen spät in der Nacht übersehen wurde.
Hoffentlich finden wir unterm Baum aber auch eine Krippe. Es muss gar nichts besonderes sein, keine kostbare Schnitzerei, aber eben eine Krippe wie man sie kennt, mit Maria, Josef, dem Kind, Ochs und Esel.
Die Krippe, liebe Gemeinde, macht den Unterschied, und unter diesem Gesichtspunkt stimmt der Satz tatsächlich: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“.
Wo unterm Baum keine Krippe steht, wo der eindeutig christliche Bezug fehlt, da ist auch dann auch kein Weihnachten. An der Krippe unterm Baum entscheidet sich´s!
Ohne Krippe unterm Baum heißt das Fest eben nur „süßer die Kassen die Klingeln“. Und wenn die Geschenke das einzige sind, was Menschen noch unter den Weihnachtsbaum stellen und suchen, dann sollten wir dem Weihnachtsfest einen neuen Namen geben, wie z.B. „Tag des Tannenbaums“.
Die Krippe unterm Baum entscheidet, liebe Gemeinde, ja darauf kommt es an!
Und das, was damals im Stall und in der Krippe geschah, versuchen wir Jahr für Jahr an Weihnachten immer wieder neu zu entdecken und zu verstehen. Die vorgegebenen wechselnden Predigttexte aus der Bibel wollen helfen, sich immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln der Krippe zu nähern.
Heute hilft uns dazu ein Text aus dem 1. Brief des Johannes im 3. Kapitel:
„Seht, wie sehr uns der Vater geliebt hat! Seine Liebe ist so groß, dass wir Kinder Gottes genannt werden. Und wir sind es in der Tat. Die Welt versteht uns nicht, weil sie Gott nicht erkannt hat. Meine lieben Freunde! Was wir später sein werden, ist jetzt noch nicht sichtbar. Aber jetzt sind wir Kinder Gottes.“ Soweit das Bibelwort
„Alle Jahre wieder“, so beginnt ein alt bekanntes Weihnachtslied und gerade in diesem „alle Jahre wieder“ liegt die Gefahr der Gewöhnung. Die Gefahr, dass wir meinen, schon alles über Weihnachten zu wissen, dass im Grunde genommen schon alles gesagt ist.
Darum ist es gut, dass der heutige Bibeltext mit dem Aufruf: „Seht!“ beginnt. „Seht“, macht eure Augen auf. Schaut noch einmal genau hin. Meint nicht, dass ihr schon alles wisst. Seid einfach offen für Neues.
Gerade an Weihnachten fällt es den meisten Menschen besonders schwer, offen zu sein für Neues. Man möchte z.B., dass am Liebsten nur die alten und bekannten Weihnachtslieder gesungen werden. Die traditionellen Weihnachtslieder sind eben vertraut und wecken alte Erinnerungen. Aber es gibt doch auch neues wunderbares Liedgut, das die Augen öffnet und neu sehen lehrt..
„Seht!“ macht die Augen neu auf und seid neugierig wie ein kleines Kind, das voller gespannter Erwartung sein Weihnachtsgeschenk in der Hand hält.
„Seht, wie sehr uns der Vater geliebt hat! Seine Liebe ist so groß, dass wir Kinder Gottes genannt werden“, schreibt der Bibeltext.
Dass Gott in menschlicher Gestalt, in einem Kind in die Welt kam, wie es die biblische Botschaft erzählt, bedeutet auf der einen Seite eine Absage an alle Heilsbringer der Geschichte, die unsere Welt durch Stärke und Gewalt retten wollen.
Eine katholische Theologin nennet dies in der aktuellen Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung: „Das Wagnis der Verletzlichkeit“. Und sie schreibt sehr treffend, durch das Wagnis der Verwundbarkeit „entsteht eine Macht, die sogar Diktaturen zu stürzen vermag“.
„Seht, wie sehr uns der Vater geliebt hat!“
Dass Gott in einer Krippe zur Welt kommt ist zugleich eine unglaubliche Aufwertung des Menschen. Gott liebt den Menschen so sehr, dass er sie alle zu Kinder Gottes gemacht hat.
So wie das Kind in der Krippe „Gottes Sohn“ genannt wird, so dürfen wir uns als „Kinder Gottes“ bezeichnen.
Leider hat es fast 2000 Jahre gedauert, bis sich diese Vorstellung, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, auch gesellschaftlich durchgesetzt hat, z.B. in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wo es im ersten Artikel heißt:
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“
Als Kinder Gottes, als Kinder des gleichen Vaters dürfen wir in allen Menschen Geschwister sehen. Verschieden ja, aber doch Mitglieder einen großen Familie.
„Seht, wie sehr uns der Vater geliebt hat.“
Alles beginnt mit dem Sehen, liebe Gemeinde! Die Weisen aus dem Morgenland haben zuerst einen Stern gesehen, die Hirten sahen den Stern, dann sind sie ihm gefolgt.
Nach dem Sehen kommt das Gehen, das sich auf den Weg machen. erfüllt von dem was sie gesehen haben kehren die Weisen und die Hirten zurück um der Welt von dem zu erzählen, was sie erlebt haben.
Liebe Gemeinde, um Weihnachten besser zu verstehen, muss man es immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten.
Wer Kinder, vielleicht ein kleines Kinder in der Familie hat, wie sie als Tauffamilie, sieht das Geschehen in der Krippe auch mit anderen Augen und kann die Verletzlichkeit des Gottes Sohnes z.B. in ganz anderer Weise nachempfingen. Verständlich auch, dass man sich in so einer Lebenssituation ganz anders über Gottes Schutz und Begleitung denkt, als man es früher gemacht hat.
Scheinbar Bekanntes kann eine neue Bedeutung in unserem Leben bekommen, wenn es uns gelingt mit anderen Augen zu sehen.
Wie man Weihnachten mit anderen Augen, aus einem anderen Blickwinkel sehen kann, erlebte ich in diesem Jahr beim Lesen meiner Weihnachtspost. Im Brief einer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge aus Nürnberg fand ich folgender Text:
„An Weihnachten war der Stern der Wegweiser – für die Hirten und die Könige. Für die Armen und die Reichen, die das Jesuskind sehen und das Wunder der Heiligen Nacht begreifen wollten.
Für unsere Jungs hier wünsche ich mir auch manchmal so einen Wegweiser – ein klares Zeichen, das ihnen sagt: Ja, hier geht es lang, hier ist der Weg und ein Ziel vor Augen. Manchmal würden unsere Jungs gerne einen Stern vom Himmel holen – so weit scheint für sie, was für uns so selbstverständlich ist: …Die Sicherheit, hier bleiben zu können wäre das Wichtigste, das gebraucht wird, um ein aus den Fugen geratenes Leben wieder in den Griff zu bekommen. Aber genau das können wir ihnen nicht geben. …Ich wünsche mir für unsere Jugendlichen mehr offene Herzen und Türen.“
Soweit Ausschnitte aus dem Weihnachtsbrief der Wohngruppe Bahia, einer Einrichtung der Rummelsberger Diakonie für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Nürnberg.
Was Weihnachten bedeutet ändert sich, wenn wie einen anderen Blickwinkel zulassen Alles beginnt mit dem Sehen und das Sehen führt unweigerlich zum Handeln. Die Hirten und die Weisen haben genau es vorgemacht.
Und wer es ihnen nachmacht, dem kann es auch genau so ergehen, wie es Johannes in seinem heutigen Bibelwort beschreibt: Die Welt versteht uns nicht, weil sie Gott nicht erkannt hat.
Wer aus Liebe zu Gott und zu den Menschen sein Leben verändert und anders handelt, der macht dann manchmal Dinge die bei anderen Kopfschütteln, Unverständnis oder Ablehnung hervorrufen.
„Die Welt versteht uns nicht“, ist eine Feststellung, der ersten Christen, die wir heute genau so aussprechen können.
„Weil sie Gott nicht erkannt hat“ schreibt Johannes. Weil sie unterm Weihnachtsbaum nur nach den Paketen gesucht haben und nicht das Wunder der Krippe gesehen haben.
Wer dagegen in die Krippe schaut, sieht den menschlichen Gott, der unsere Welt heil machen will, und diesen menschlichen Gott, gilt es auch zu verkünden.
Weihnachten, die Botschaft der Krippe, ist die kompromisslose Hinwendung Gottes zu allen Menschen. Gott selbst macht uns Mut an die Kraft der Schwachen und Verletzlichen zu glauben.
Alles beginnt mit dem neu Sehen wie es schon Paul Gerhard so treffend formuliert hat:
Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nicht weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wäre
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!

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