Weihnachten wird an der Haustür entschieden!

Liebe Gemeinde,

Es ist eine Ursehnsucht im Menschen, sich einmal gemütlich niederzulassen und sich für immer einzurichten, einmal geborgen und daheim zu sein.

An Weihnachten lebt dieser Wunsch besonders intensiv. Das Fest des Friedens, der Liebe und der Familie.

Entsprechend gestimmt hören wir alle Jahre wieder die vertraute Geschichte. Vom Kind in der Krippe. Dem Stall mit den Tieren. Maria und Josef. Hirten. Könige und Engel.
Wir haben sie uns zurechtgemacht, heimisch, wohnlich und vertraut. In Krippen geschnitzt und auf Postkarten abgebildet. Geborgenheit und Vertrautes ausstrahlend. Das Bild der kleinen heiligen Familie mit den Besuchern und Gästen. Hirten und Könige. Alle angekommen und festlich gestimmt.
So mögen wir es an Weihnachten. Wir richten uns gemütlich ein. Alles ist ruhig. Stille Nacht.

Und dann dies.
Kreischende Kinder, schreiende Mütter, wild herumhüpfende Väter. Und im Hintergrund Oma und Opa, die eine La-Ola Welle machen. Dazu in der Mitte ein kleiner Tannenbaum, schrill und bunt geschmückt.
Weihnachten in Deutschland 2011. Dazu eine Auswahl an aktuellen Elektroartikeln. Laptop, Smartphone, Spielekonsole und Flachbildfernseher –

Von wegen stille Nacht.
Weihnachten wird unterm Baum entschieden.

So lautet das Motto des „Ich-bin-doch-nicht-blöd-Konzerns“. Vielleicht haben sie ja einen dieser Werbespots gesehen.

Weihnachten wird unterm Baum entschieden, das klingt fast so wie „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt.“ Und wenn man ehrlich ist, wird unterm Baum ja auch tatsächlich verteidigt, nämlich die Gewinne der Elektronikbranche.
Die Konsumgesellschaft wird unterm Tannenbaum verteidigt.
Weihnachten wird unterm Baum entschieden – ist nur die Frage, wessen Weihnachten.

Ich habe keine Ahnung wie ich von diesen schrillen und lauten Weihnachtsbildern dahinkommen kann, was Weihnachten wirklich ausmacht. Dahin, wo es wirklich entschieden wird.
Also weg vom Tannenbaum und hin zur Weihnachtsgeschichte.

Ich beginne mit einer kurzen Erzählung. Wenn sie Ihnen bekannt vorkommt, dann ist das beabsichtigt.
Deutschland im Spätherbst 2011. Es ist die Woche nach dem ersten Advent. Draußen ist es feucht und grau. Nebel hängt in den Straßen. Auf dem Marktplatz einer kleineen Stadt stehen ein Mann und eine Frau, beide so zwischen dreißig und vierzig. Sie sehen müde aus, abgekämpft. Als ob sie schon einen langen Weg hinter sich haben. Ihr Hab und Gut tragen sie in zwei Rucksäcken mit sich herum. Man sieht, dass sie auf der Straße leben.
Die Frau ist hochschwanger.

Wir befinden uns an den Hügeln des Taunus, im schönen Ort Kronberg, ein ziemlich exklusives Fleckchen. Eine Villa reiht sich an die nächste. Laut Statistik leben hier die reichsten Mensch in ganz Deutschland. Banker. Börsenmakler. Wirtschaftsführer.
Ein Ort, an dem alles klingt, als habe er für Monopoly Modell gestanden. Schloßhotel. Parkstrasse. Golfclub. Sogar eine Burg gibt es.

Der Mann und die Frau wirken ziemlich fehl am Platze. Dürfen die das überhaupt? Hier langgehen? Eigentlich wäre der Ort geeignet wie kein zweiter – und doch gehört ganz schön Mut dazu, hier nach einem Platz zum Schlafen zu fragen.

Es ist Mittagspause. Die beiden setzten sich vor eine Bäckerei und bitten um etwas Geld. Nach einer halben Stunde die ersten Münzen, verbunden mit dem Hinweis „Aber nicht für Drogen.“ Schließlich schickt die Verkäuferin die beiden weg, man merkt ihr das schlechte Gewissen deutlich an, „hier dürfen Sie nicht bleiben, sonst kriege ich Ärger“ und steckt ihnen eine Tüte mit Brötchen zu.

Die beiden gehen den Hügel hoch, Richtung Burg, und klingeln an den großen Toreinfahrten der Villen, argwöhnisch beäugt von Kameras. Wenn überhaupt einer reagiert, dann ablehnend. So geht das den ganzen Nachmittag. Einmal kommt ein Dienstmädchen heraus und drückt ihnen 20 Euro in die Hand. Sie gehen weiter. Hinter ihnen ein Schweif aus Licht, herbeigezaubert von den Bewegungsmeldern.

Sie kehren um. Eine Frau mit ihrer Tochter quert die Straße. Das Mädchen schaut sie an und ruft. „Mama, da sind wieder die faulen Feiglinge.“
Dann klingeln sie beim örtlichen Pfarrer. Ob er einen Platz für die Nacht hätte. Sie seien schon lange unterwegs, und die Frau wäre schwanger. „Nein, das geht hier nicht.“ „Aber Sie sind doch Kirche“, kommt als Antwort. Der Pfarrer ringt sichtlich mit seinem Gewissen. Dann verschwindet er hinter einer Tür und kommt mit einer großen Tüte gefüllt mit Vorräten zurück. Er gibt ihnen 15 Euro, „sie müssen verstehen“, sagt er, selber nicht überzeugt …

Am Ende des Tages stranden sie vor einem großen Hotel. Vielleicht haben die ja ein kleines Zimmer übrig. Ein Plakat wirbt für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. „Hier sind wir richtig“, denken die beiden.
Sie gelangen irgendwie in den Saal, argwöhnisch beäugt von den Gästen in festlicher Abendgarderobe. Schließlich nimmt ein Hotelmanager sie zur Seite und geleitet sie nach draußen, „das passt heute wirklich nicht“, sagt er, „wir haben hier eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Wir sammeln für blinde Kinder in Bangladesh.“

Weihnachtsgeschichte aktuell.
Und das schlimmste – sie ist genauso passiert.

Diese Geschichte ist wahr!
und gleichzeitig ist sie auch nicht wahr.

Denn der Mann und die Frau die Frau waren nicht wirklich obdachlos. Der Mann ist Reporter und die Frau ist Schauspielerin. Das was ich hier in einigen Auszügen zusammengefasst habe, ist den beiden in der Woche zwischen dem ersten und zweiten Advent passiert. Sie können es nachlesen in der letzten Ausgabe der Zeit. Da kriegt man beim Lesen richtig Beklemmungen.

Es ist beeindruckend zu lesen, wie zwei gutsituierten Menschen, etwas, das als Rolle begann plötzlich zur zweiten Haut wird. Zunächst haben sie mit großer Distanz und schlechtem Gewissen zu kämpfen (Darf man so was tun?), und dann trifft sie jeder ablehnende Satz persönlich ins Mark.
Der Selbstversuch hatte zum Ziel, zu gucken, wie richtig reiche Leute auf das Thema Armut reagieren. Der Reporter und die Schauspielerin wollten zwei Lebenswirklichkeiten miteinander konfrontieren, die sonst nur in Statistiken, oder im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aufeinandertreffen.

Auch wenn es so scheint, es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen. So nach dem Motto, wer reich ist, hat kein Herz. Die beiden haben die ganze Zeit überlegt, wie sie wohl reagieren würden, wenn jemand vor ihrer Tür stehen und um ein Bett für die Nacht bitten würde.
Und ich hab das beim Lesen auch die ganze Zeit überlegt und mich gefragt, ob ich wohl wie der Pfarrer reagieren würde, der sie weiterschickt und ihnen als Ablass für sein schlechtes Gewissen eine große Tüte mit Vorräten in die Hand drückt.

Klopfet an, dann wird euch aufgetan.

Plötzlich wird Realität, was man in unzähligen Krippenspielen gesehen oder auch selber gespielt hat: Das junge Paar, das von Wirt zu Wirt geht, um einen Schlafplatz bittet und jedes Mal abgewiesen wird, bis der Dritte sie schließlich zum Stall bringt.

Hier wird Weihnachten an der Haustür entschieden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN

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