Unterwegs

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,
heute Nacht gehen wir in das Jahr 2012 hinüber.

Was wird das neue Jahr bringen?
Wird es sein wie das alte?
Und wie ist das alte Jahr gewesen?

Vielleicht war es ein gutes Jahr. Vielleicht ist manches ge-lungen. Vielleicht ist ein Kind geboren worden. Vielleicht war dieses Jahr geprägt von Liebe und Zuneigung, von Gewinn und guten Entscheidungen.

Vielleicht war es auch ein eher schlechtes Jahr. Vielleicht hat der eine oder die andere etwas verloren – einen Menschen, eine Liebe, eine Arbeitsstelle. Vielleicht war dieses Jahr ge-prägt von Verlust oder Streit? Die Unwetter des vergangenen Jahres haben etwas beschädigt? Vielleicht habe ich eine falsche Entscheidung getroffen. Vielleicht geht es mir gesundheitlich schlechter.

Was wird das neue Jahr bringen?
Veränderungen zum Guten oder zum Schlechten? Oder geht es weiter wie bisher? Wir wissen es nicht. Wir befinden uns im Übergang.

Im Übergang befand sich auch das Volk Israel. Es war aus Ägypten ausgezogen. Sie waren unterwegs ins Land, das Gott ihnen versprochen hat.
Ich lese
2. Mose 13,20-22
20 Von Sukkot wanderten sie nach Etam und schlugen da ihre Zelte auf; dort
beginnt die Wüste. 21 Gott zog immer vor ihnen her, tagsüber in einer Wolkensäule,
um ihnen den Weg zu zeigen, nachts in einer Feuersäule, um ihnen
den Pfad zu erhellen. So konnten sie Tag und Nacht wandern. 22 Die Wolkensäule
wich bei Tage nicht von der Spitze des Zuges, die Feuersäule blieb
dort bei Nacht.
Israel hatte die Jahre der Sklaverei hinter sich gelassen. Der Pharao musste es schließlich ziehen lassen. Und nun waren die Israeliten unterwegs in die Freiheit. Nun befinden sie sich am Rande der Wüste. Die Unsicherheit ist groß.

„Wohin gehen wir überhaupt?“ fragt sich eine junge Frau na-mens Sarah.
„Die Kinder sind müde! Tag und Nacht laufen, nur in der lan-gen heißen Mittagszeit ruhen. Wie lange werden sie das noch schaffen?“

„Du siehst doch die Wolkensäule da vorne.“ Antwortet ihr Mann Levi.
„Wir können uns gar nicht verirren. Wir werden sicher in dem Land ankommen, das Gott uns zeigen wird. Mose weiß, was er tut. Er weiß auch, dass wir Kinder dabei haben. Wir tun einfach, was er sagt!“

„Wir haben immer getan, was jemand anders uns gesagt hat. Wir sind doch auf dem Weg in die Freiheit. Vielleicht wird es mal Zeit, darüber nachzudenken, was wir tun!“ entgegnet Sa-rah.

„Sei ruhig, die Lage ist schon gefährlich genug. Lauf ein-fach!“. „Dann nimm du mal den Kleinen!“

„Ja, klar! Sieh einfach auf die Wolkensäule. Solange die da ist, ist alles in Ordnung!“

„Gut, dass es jetzt hell ist!“ denkt Jonathan. „Die Feuersäule nachts ist mir unheimlich. Wenn die einmal über das Lager fegt, steht alles in Flammen! Dass ich in meinem Alter noch einmal so weit gehen müsste! Naja, besser so als in Ägypten bleiben, lange hätte ich die Schufterei nicht mehr ausgehalten.“

„Komisch!“ denkt Mose. „Das Land liegt doch im Osten. Wie-so führt uns die Wolkensäule von hier nach Norden? Gut dass sich die anderen in der Wüste nicht auskennen, sonst hätte ich längst Ärger. Ich hoffe stark, Gott weiß, was er tut!“

Die Israeliten wandern weiter. Manchmal sieht sich jemand ängstlich um.

Jonathan meint: „Sie kommen nicht! Bei dem Sand hier wür-den wir die Staubwolke der ägyptischen Streitwagen einen halben Tag bevor sie da sind, sehen.“
„Und das Hufegetrappel hören.“ Ergänzt Rahel. „Sie werden doch kommen. Der Pharao hat seinen Kronprinzen verloren. Er wird sich rächen wollen!“

Sie wandern nach Norden. Die Luft riecht anders. Es riecht nach Wasser. Salzwasser. Eine leichte Brise kommt auf.

„Wieso laufen wir auf das Meer zu?“ fragt sich Mose. „Da geht es nicht weiter. Gott, dir zu vertrauen, ist gar nicht so einfach. Hier sitzen wir in der Falle. Was hast du jetzt wieder vor?“

Plötzlich Schreie: „Da hinten die Staubwolke, hört ihr das Hufgetrappel?“ „Ich hab es gewußt!“ denkt Rahel.

Die Menschen schreien Mose, ihren Anführer, an: „Du hast uns nur hierher geführt, damit wir alle sterben!“ „Halt vertraut Gott!“ schreit Mose zurück und denkt:“ Es wird jetzt Zeit, Gott, dass du mir zeigst, wie wir hier wieder rauskommen.“
Sarah ist ganz starr. Sie fragt sich: „Sind wir einem Monster gefolgt, einer gefährlichen Gottheit, die uns einfach nur ver-nichten will? Haben wir der falschen Macht vertraut? Sind wir getäuscht worden?“

Mose streckt die Hand aus und berührt mit seinem Stab das Wasser. Es kommt Wind auf. Das Wasser teilt sich. Die Israeliten laufen hindurch. Das ägyptische Heer wird von den Wogen weggespült. Keine Gefahr mehr. Sicherheit! Was für ein Wunder.

Haben Sie sich auch schon mal die gleiche Frage wie Sarah gestellt: Was ist das für ein Gott, dem ich folge? Was ist das für ein Gott, den ich hier in der Kirche verehre? Ich dachte Gott zeigt mir den Weg. Ich dachte: „Gott ist da und beschützt mich!“ Und was passiert? Ich bin in eine ausweglose Situation geraten. Ich kann nicht weiter, ich kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Und jetzt? Müsste Gott mir nicht helfen? War mein Vertrauen sinnlos? Ist Gott feindselig? Oder gibt es ihn einfach nicht?

Wir sehen heute keine Wolkensäule tagsüber und keine Feuer-säule nachts vor uns. Und doch versuchen wir Gott zu vertrau-en. Wir versuchen das, obwohl wir in einer Umgebung leben, in der viele sagen: Es gibt keinen Gott. Dein Vertrauen hat keinen Grund. Und tatsächlich geht es uns manchmal wie den Israeliten. Wir fühlen uns in die Irre geführt. Wir geraten in Situationen, in denen wir uns hilflos und bedroht fühlen. Offensichtlich gehört das zum Weg des Glaubens dazu. Es ist nicht leicht, dann weiter zu gehen und weiter zu hoffen.

Aber wenn wir das tun, dann können wir manchmal eine Erfahrung machen wie sie die Israeliten gemacht haben: Wo erst kein Weg zu sein schien, tut sich doch ein Weg auf. Wo die Situation aussichtslos erschien, geht es doch weiter. Es passiert ein Wunder und wir werden gerettet.

Wir sind manchmal unsicher. Aber es spricht viel dafür, dass Gott da ist und dass wir Gott vertrauen können. Viele Men-schen über Jahrtausende haben Gott vertraut, und ihnen wurde geholfen.

Wir können mit Zuversicht in das neue Jahr gehen, denn Gott geht mit.
Wir sind nicht alleine. Wir sind mit vielen anderen zusammen unterwegs in unserem Leben, mit unseren Familien, mit den Menschen hier in der Gemeinde, mit Freunden und Nachbarin-nen, denen wir helfen und die uns helfen. Gott ist da. Vielleicht nicht immer so sichtbar wie damals bei den Israelitinnen. Trotzdem wissen wir, dass Gott da ist. Zum Beispiel wenn wir nachts beten, wenn die Dunkelheit groß geworden ist und dann ein heller Lichtschein unser Herz erfüllt. Wir wissen dass Gott da ist, wenn das Telefon klingelt und die Person, auf die wir gewartet haben, wirklich anruft. Wir wissen, dass Gott da ist, wenn die Enkelin sicher mit dem Auto angekommen ist, obwohl Schnee lag und sie noch nicht so lange den Führerschein hat.

Und wir wissen auch, dass Gott da sein wird, wenn eines Tages die Zeit gekommen ist, diese Welt zu verlassen und dorthin zu gehen, wo es keinen Schmerz und kein Leid mehr gibt und wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Ja, dann werden wir ganz sicher wissen, dass Gott da ist. Bis dahin begnügen wir uns mit den kleinen Wundern, die uns das Leben hell und lebenswert machen. Von diesen Wundern, die uns spüren lassen, dass Gott da ist, wünsche ich Ihnen einen ganzen Korb voll im Jahr 2012. Lassen Sie uns in das neue Jahr gehen im Vertrauen darauf, dass Gott da ist und uns beschützt und uns den Weg zeigt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewi-gen seligen Leben.
Verfasserin: Pfarrerin Elke Burkholz, Hanauer Straße 19 in 64409 Messel

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