Kinder Gottes

Predigt von Pfarrer Albrecht Burkholz, Messel
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!
Liebe Weihnachtsgemeinde,
Sie haben sicher gestern abend Geschenke bekommen. Ich habe Ihnen auch ein Geschenk mitgebracht.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob es so ein Geschenk ist wie damals als Kind, wo man Strümpfe bekam und dazu eine höfliche Miene aufsetzen musste. Oder ob hier in der Kirche gleich wieder ein moralischer Anspruch mit dem Geschenk verbunden ist. Einem geschenkten Gaul soll man zwar nicht ins Maul schauen, aber man muss doch mal schauen, worauf man sich da einlassen soll. Ja, schauen wir mal.

Auspacken

Es ist eine Adoptionsurkunde. Gott sagt uns zu: Du bist mein Kind. Das steht so in der Bibel. Ich lese 1. Johannes 3,1 Seht, wie viel Liebe Gott uns geschenkt hat, damit wir Gottes Kinder genannt werden und wir sind es.
Wir können uns heute gar nicht mehr richtig vorstellen, was das bedeutete. Sohn Gottes konnte höchstens der König genannt werden. Oder das Volk Gottes als Ganzes, nicht aber ein einzelner normaler Menschen. Dass wir Kinder Gottes sind – damit ist eine ungeheure Würde verbunden. Wir sind Kinder des himmlischen Königs. Wir sind das, was wir uns immer gewünscht haben: Prinzessin und Prinz. Mit großen Vorrechten ausgestattet. Geliebt. Geachtet. Reich.
Stellen wir uns das einmal vor. Ich habe gerade eine nicht so gute Zeit in meinem Leben. Ich finde, es fehlt mir an Respekt und Achtung. Und dann tut sich ein Erbonkel in Amerika auf, der ziemlich viel Geld hat. Schon allein die Ankündigung wirkt wahre Wunder in meiner Umgebung. Die Menschen in meiner Umgebung sehen mich mit ganz anderen Augen an. Und ich trete ja auch ganz anders auf. Ich muss mir an der Arbeit nicht mehr alles bieten lassen. Ich bin nicht wirklich auf diese Arbeit angewiesen, denn in naher Zukunft werde ich reich genug sein. Hinter dem Respekt, den ich nun bekomme, ist auch Neid, klar. Aber das ist nicht so schlimm. Wichtiger ist, dass ich nun einen anderen Stellenwert habe, in meinen eigenen Augen und in den Augen der anderen. Das schaukelt sich gegenseitig hoch und ich nehme so meine neue Stellung an, meinen neuen Stellenwert. Ich bin ein Erbe. Ich bin geachtet und reich. Es gibt eine Verschiebung in der Wahrnehmung: ich nehme mich selbst anders wahr. Die anderen nehmen mich anders wahr. Das ist auch nicht ganz einfach. Die Freundschaften müssen neu austariert werden. Aber ich bin innerlich gewachsen und ich werde weiter daran wachsen. Ich bin wer. Ich bin ein Erbe.
Hier, liebe Gemeinde, ist die Adoptionsurkunde. Gott sagt uns zu: Du bist mein Kind. Du bist Erbe des himmlischen Königs. Wir können das innerlich annehmen und jetzt schon anders auftreten, als Prinzessinnen und Prinzen, als Menschen, die von einem ungeheuren Reichtum leben, aus der Fülle Gottes leben, denen es an nichts mangelt. Wir können uns selbst schon anders wahrnehmen und dann werden uns die anderen auch anders wahrnehmen.

Es ist kühn, was uns die Bibel da zusagt. Kinder Gottes sind wir. Ich möchte dieses Geschenk noch ein wenig weiter ausführen. Ich habe noch ein Geschenk dabei.

Bildband

Wenn wir Kinder sind, dann können wir die Erwachsenenposition einmal lassen. Wir haben nicht die Verantwortung. Gott hat die Verantwortung und wir dürfen uns entspannen. Dazu hilft es uns, wenn wir uns in den Sessel setzen und schöne Bilder anschauen. Das ist nur ein Beispiel. Jeder von uns hat eigene Methoden zur Entspannung. Wichtig ist, dass wir innerlich zur Ruhe kommen, weil dieses innere Bild uns stützt und stärkt: wir sind Kind, Kind Gottes. Jemand Größeres und Stärkeres hat die Verantwortung. Ich muss nicht alles selbst machen und selbst organisieren. Ich kann die Sorgen abgeben an den Gott, der uns sieht und bewahrt. Weihnachten ist ein Fest, das uns in die Kindheit scheint. Wir dürfen uns an die Kindheit erinnern und wieder ein Stück von der Unbeschwertheit und Geborgenheit und kindlichen Freude erleben. Auch wir Erwachsenen dürfen Kinder unter dem Baum sein. Wir dürfen vertrauensvoll wie Kinder sein, weil das göttliche Kind in uns geboren wird und uns zu kindlichem Vertrauen, unbegrenzter Hoffnung und Hineinkuscheln in die göttliche Liebe ermutigt.
Stellen wir uns eine Person vor, die gewohnt ist, immer schnell die Verantwortung für alle zu übernehmen. Sie ist sehr gut darin. Viel Gutes hat sie bewirkt und es haben nicht viele gesehen, dass das an ihr liegt, was das Gutes geschehen ist. Aber manchmal übernimmt sie sich. Manchmal mutet sie sich zu viel zu. Ich wünsche dieser Person sehr, dass sie Momente findet, wo sie Kind sein kann, Kind Gottes sein kann, einfach geborgen und ohne Verantwortung. Damit sie gestärkt weitergehen kann und dort Verantwortung übernimmt, wo es für sie dran ist. Dass sie so viel Last sich auflädt, wie es für sie angemessen und gut ist.

Ich habe noch ein weiteres Geschenk, das uns ermöglichen soll, dieses tolle Bild der Gotteskindschaft anzunehmen.

Verbandskissen

Als ich gerade 19 war, fing mein Theologiestudium in Tübingen an. Ich war weit weg zu Hause und ich fand: das ist ein großes Abenteuer. Ich hatte das Gefühl: Gott gibt mir einen großen Freiraum zum Nachdenken, zum Erkunden des Lebens. Und Gott ist da, wenn etwas schief geht. So wie ich mir auch sicher war, dass meine Eltern da sind, wenn etwas schief geht. Mein wichtigstes Gefühl war: ich bin frei und das ist genau das, was Gott für mich will. Nach einer etwas frommen Gemeinde mit mancherlei Einschränkungen und Ängstlichkeiten gegenüber der modernen Welt fand ich jetzt Freiheit einfach dran.
Liebe Gemeinde, so ist Gott zu uns. Er gibt uns eine große Freiheit. Wir dürfen und sollen uns ausprobieren und entwickeln. In uns stecken große Möglichkeiten. Wir haben alle viele Gaben und Talente. Wir dürfen sie mutig einsetzen. Wir sollten unsere vielen Möglichkeiten nicht ängstlich verstecken. Gott ermutigt uns zur Freiheit, zum Ausprobieren, zum Weiterentwickeln, zu neuen Ideen und neuen Wegen. Und wenn etwas schief geht?
Das Verbandskissen sagt uns: das ist nicht schlimm. Dinge gehen schief. Bei uns allen gibt es Dinge, die misslingen. Und es gibt Dinge, die gelingen. Wir sollten uns durch das Misslingen nicht den Mut rauben lassen, das Gelingen neu und anders zu probieren.

Ich hätte statt dem Verbandskissen auch ein Netz nehmen können. Ich finde das Bild vom Sicherheitsnetz auch nicht schlecht. Wir laufen über breite Balken und untendrunter ist ein Sicherheitsnetz. In einem Lied heißt es: du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand. Wir können im Vertrauen und mutig leben, denn Gott ist da, um uns zu heilen, zu trösten, zu verbinden und aufzufangen.

Wir alle leben in einer Mischung aus Misslingen und Gelingen, aus Erfolg und Misserfolg, aus Scheitern und dem Gefühl: da fließen Dinge wie durch ein Wunder zusammen und ich wachse über mich hinaus und alles passt zusammen.
Wenn ich Klavier spiele und die Konfis beim Konfitag begleite, dann verspiele ich mich praktisch immer. Trotzdem klappt es, denn ich singe weiter und komme wieder rein. Ich kann mich jetzt hinterher tierisch über das Verspielen ärgern. Oder ich kann mir sagen: vor ein paar Jahren konnte ich überhaupt noch nicht Klavierspielen. Also ist es doch ein Fortschritt.
Es gibt manchmal Phasen im Leben, da häuft sich das, was uns das Leben schwer macht. In Familiengeschichten ist das manchmal zu sehen, dass es da bestimmte Jahre gibt, wo sich Schwieriges häuft.

Wir müssen da einfach durch und geduldig aushalten. Es werden Zeiten kommen, wo das Gelingen wieder stärker wird. Und manchmal gibt es mitten in schwierigen Zeiten so etwas wie ein Aufatmen. Da kommt jemand und hört mir zu und die Last wird leichter. Oder im Gespräch vergesse ich das Schwierige und erinnere mich an schöne Zeiten und diese Erinnerung bringt ein Leuchten in meine Augen zurück.

Was auch immer geschieht, unsere eigentliche Wirklichkeit ist: wir sind Kinder des Allerhöchsten. Für uns ist gesorgt. Wir dürfen uns entspannt und vertrauensvoll in Gottes Arme legen. Und wir dürfen frei sein und auf die Nase fallen, weil da jemand ist, der uns verbindet und auffängt.
Und der Friede Gottes…..

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