Weihnachten wird unterm Baum entschieden

Wie oft hab ich mich über die Werbung geärgert in den Wochen vor dem Fest. Sie auch? Keines der schönen Klassiker von den Weihnachtsliedern blieb verschont. Mal eben ein paar Buchstaben geändert, schon war der Titel des bekannten Weihnachtsliedes zur Werbeschlagzeile verändert: Frech geklaut, nur leicht umformuliert. Im Gegensatz zu unserem Ex – Verteidigungsminister muss sich hier niemand rechtfertigen für die geliehenen Formulierungen. Mittlerweile hat das ganze etwas nachgelassen. Irgendwann war die Methode nicht mehr originell. Alle gängigen bekannten Weihnachtslieder, jedenfalls deren Anfang waren restlos vermarktet. Und wenn trotzdem noch mal eines verdreht wird, kennt man es schon. Man denkt nicht weiter darüber nach.

Anders in diesem Jahr. Ein Werbespruch ist es, der die Gemüter erregt. Der Slogan ist eine Mischung von Bekenntnis und Mahnung. Man sieht ihn auf den Plakaten, in den Prospekten und Werbespots eines großen Elektronikhauses. Er handelt davon, wo Weihnachten entschieden wird. Na, wo wird Weihnachten entschieden? Unterm Baum. Weihnachten wird unterm Baum entschieden, heißt es.

Ist das so? Manche von uns winken ab und sagen. Auf gar keinen Fall. Materielles, käufliches ist doch zweitrangig. Weihnachten kommt es auf ganz andere Dinge an. Ideelles. Friede auf Erden, große Gefühle. Ist das bei dir das Wichtigste? Schön für dich.

Aber mach dir nichts vor: Für ganz viele in unserm Land, gerade unter denen, die in keine Kirche gehen an Heiligabend, wird Weihnachten nur unterm Baum entschieden. Dafür haben sie doch die Kröten beiseite gelegt schon im Herbst. Obwohl das eigentlich nicht über war nach der dicken Autoreparatur und der gepfefferten Ölrechnung. Aber das wollen wir doch nicht riskieren, dass unser Kleiner ein langes Gesicht macht, wenn er das Geschenk auspackt. Und es kommt was anderes zum Vorschein als die Nr. 1 auf seinem Wunschzettel. Was er schon seit Wochen immer mal wieder mal einfließen ließ, angebracht oder unangebracht. Wir hatten ihm natürlich klar zu verstehen gegeben: Schlag dir das aus dem Kopf. Das ist weit über unserem Budget. Außerdem ist das begehrte Teil ein Zeitfresser und pädagogisch wertlos. Aber er hatte nicht locker gelassen. Hatte beharrlich aufgezählt: Die anderen aus der Klasse haben es inzwischen fast alle und die übrigen kriegen es jetzt bestimmt. Na ja, dann wollen wir mal nicht so sein. Und die leuchtenden Kinderaugen entschädigen einen dann hoffentlich für die Grenzüberschreitung.

Und wieder mal ist eine Entscheidung zu Weihnachten gefallen, die wir anfangs so eigentlich nicht wollten. Denn das ist das scheinbar Unvermeidliche, trotz bester Vorsätze offenbar Unabänderliche an diesem Fest: Die Wünsche, die wir selber an den Heiligabend haben. An die Feiertage. Wie die sich gestalten.

Wen wir am liebsten dabei haben wollen und wen nicht. Das entscheiden nicht wir. Darüber ist wieder mal andernorts entschieden worden.

In der Familientradition, an der nicht gerüttelt werden darf. Oder es haben sich in diesem Jahr durch ein tragisches Ereignis die Voraussetzungen für Weihnachten verändert. Diesmal bleibt ein Stuhl leer. Nun sind gewohnte Konstellationen durcheinander geraten, und wir wissen nicht, wie wird es. Oder es kommt jemand hinzu, der noch nie dabei war. Und wir wissen nicht, wie wird es.

Also da wird uns ganz viel Spielraum genommen. Ohnehin haben in dem seit Jahren unverändert zu Grunde liegenden Weihnachtsdrehbuch die meisten von uns eine festgelegte Rolle. Der können wir nicht entrinnen. Da kann ich vielleicht wenigstens noch mit dem Geschenk, über das ich entscheide, Einfluss nehmen.

Aber wird Weihnachten durch das ultimative Geschenk wirklich schöner? In seinen Lebenserinnerungen schildert Erich Kästner, wie seine Eltern Jahr für Jahr geradezu einen Wettbewerb veranstaltet haben, wer von beiden das Geschenk hinzaubert, über das sich der kleine Erich am meisten freut. Und das waren wirklich tolle ausgesuchte Sachen. Nicht einfach gekauft. Handgefertigt in wochenlanger Arbeit. Vater und Mutter versuchten sich gegenseitig zu übertreffen. Die Folge war: Der Sohn Erich fürchtete sich vor dem heiligen Abend. Erst packte er das Geschenk des Vaters aus, zeigte seine Freude, aber nicht zu sehr. Dann das der Mutter. Immer galt es diplomatisch sein, um dem Frieden unterm Tannenbaum zu sichern.

Wenn Weihnachten nur unterm Baum entschieden wird, kann das sehr anstrengend sein. Und doch ist es Fakt, dass sich für unendlich viele in unserem Land das Fest fokussiert auf genau diesen Moment. Das ist eigentlich das Bedrückende an den Spots des Elektronikmarktes. Wie alle sich auf die Geschenke stürzen, das Papier aufreißen. Das Konsumprodukt ans Herz drücken.

Dennoch möchte ich nicht mit einstimmen in die heftige Kritik, die von Kirchenseite kam an dem Slogan. Weil er bei aller Unverschämtheit immerhin auf etwas sehr wichtiges den Focus legt, das schon ganz in den Hintergrund getreten war: Das Heute.

Weihnachten ist heute. Bei wie vielen Adventsfeiern, die oft sogar Weihnachtsfeiern genannt werden, wünscht man sich Frohe Weihnachten, singt Stille Nacht und O du fröhliche. Wochenlang wird bei uns Weihnachten vorweggenommen. Wie anders machte es dagegen der alte Diakon unserer letzten Gemeinde in Bremen. Wenn der gefragt wurde, machen Sie denn gar keine Weihnachtsfeier mit den Gruppen, die Sie leiten. Mit dem Posaunenchor, dem Flötenchor, dem Kindergottesdienst. Er sagte dann immer klar und fest: Nein. Unsere Weihnachtsfeier findet am Heiligen Abend in der Kirche statt!

Weihnachten wird unterm Baum entschieden, das ist eben nicht nur eine Aufforderung einer großen Firma an die Verbraucher, kauft rechtzeitig und groß genug. Darin steht, fast schon verschüttet, das Wissen darum: Dieser eine Tag, der Weihnachtstag, ist der besondere Tag, auf den man vorbereitet sein sollte. Auch wenn das nicht mehr religiös gefüllt wird. Der Slogan ist eine Zeitansage und eine Ortsansage: Nur dann. Nur dort.

Und genau das ist doch auch das Anliegen der alten Weihnachtsgeschichte. Nicht irgendwann mal in grauer Vorzeit. Sondern zur Zeit, als Kaiser Augustus die Schätzung anordnete, und Quirinius war Statthalter in Syrien. Zu der Zeit geschah es. Wo? In Bethlehem. In jenem Stall. Mit dem Auftakt auf der Weide in den Bergen davor. Da kommt auf einmal ein Engel und mischt den grauen Alltag der Hirten auf. Mitten hinein in die Müdigkeit, die Tristesse, kommt ein neuer Klang: Siehe, ich verkündige euch große Freude. Freude für alle. Und er nennt den Grund: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.
Wo soll das passiert sein? Im Stall. Da laufen sie hin. Und sie kamen eilends. Genauso eilig wie die Kinder in den Werbespots des Technikmarktes suchen sie das Geschenk, das angekündigt wurde.

Aber nun kommt das Besondere, einzigartige. Das große Geschenk ist nicht ein Technologieprodukt, das jedes Jahr innovativer, hipper, trendiger sein muss. Das große Geschenk, das Gott uns macht, ist jedes Jahr dasselbe. Und das ist überhaupt nicht zum Langweilen, vielmehr das ist gerade das Großartige. Gott schenkt uns Jahr für Jahr das Allerbeste: Jesus, seinen Sohn.

Und noch etwas an dem umstrittenen Spruch kann uns den Blick auf das Besondere an Weihnachten schärfen. Das Prädikat, also das Verb. Weihnachten wird entschieden, wird da behauptet. Es geht an Weihnachten durchaus um eine Entscheidung. Aber nicht, wie jener Elektronikmarkt mutmaßt, die Top oder Flop Reaktion derer, die ihre Geschenke aufreißen und lange Gesichter machen oder begeistert sind. Selbst wer sich da sich überschwänglich bedankt, wird meist nicht lange dankbar bleiben. Die Ansprüche steigen schnell.

Aber um eine Entscheidung geht es an Weihnachten durchaus. Und anders als jener Werbespruch kennt die Bibel auch ein Subjekt zu dem Prädikat. Das Evangelium verrät uns, wer an Weihnachten die Fäden zieht. Wer die Entscheidungen trifft. Es ist der allmächtige Gott. Er hat sich entschieden, nicht im Himmel zu bleiben. Er hat sich entschieden, zu uns zu kommen. Er hat sich entschieden, sich sozusagen zu verwandeln in ein kleines, ohnmächtiges Menschlein. Er hat sich entschieden, dass wir nicht uns selbst überlassen bleiben. Weihnachten bleibt niemand allein, weil Gott sich entschieden hat, zu uns zu kommen.

Und das war kein spontaner Entschluss. Der war lange überlegt. Es ging nur noch um den optimalen Zeitpunkt. Und dann war es endlich soweit. In der Heiligen Nacht. Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste.“
Das Drama der Erlösung beginnt mit der Geburt des Heilands im Stall. Die Entscheidung Gottes für uns, lange im voraus getroffen, wird da sichtbar.

Vielleicht wundert sich mancher von uns heute abend, wieso ich dem Spruch der „Ich bin doch nicht blöd“ Kette einiges abgewinnen kann. Gott vermag eben auf krummen Linien gerade zu schreiben. Er kann uns auch über Abwege und Umweg zu Christus führen. So wie bei den Weisen aus dem Morgenland. Die der Meinung waren, über unser Schicksal entscheiden die Gestirne. Gott führt sie über ein Sternbild zur Krippe. Sie finden Christus und beten ihn an.

Wie wohl in allen Kirchen steht auch hier , obwohl das eigentlich keinen christlichen Ursprung hat, an Weihnachten ein großer Tannenbaum. Und in meiner letzten Gemeinde in Bremen Hastedt war der immer so postiert, dass man sogar mit gutem Gewissen sagen kann: Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Da steht nämlich vor dem Baum ein Tisch mit einer Krippe. Große Tonfiguren drum herum. Im Zentrum das Christuskind. Der Tisch verhüllt mit einer Decke, bestickt in roten Buchstaben mit dem Refrain vom Siegeslied der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Fried auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Da liegt wirklich unterm Baum die Gabe, die vom Himmel hoch uns bereitet ist. Das ultimative Geschenk. Für dich! Nimm es, ergreif es, freu dich daran. Dann wird auch dies Jahr, was immer geschehen ist und geschieht, Frohe Weihnachten.
Amen.

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