Freut euch!

PREDIGT ZU RÖM 15,4-13 (LANGE)
Gnade sei mit euch
und Friede von dem,
der da ist
und der da war
und der da kommt.

Amen.

1. „Freut euch“ als Grundlage des Christseins
Liebe Gemeinde,
Als ich vor nunmehr etwas über drei Jahren diese Stelle angetreten habe, wurde mir von unserem Bischof Dr. Hein zur Ordination ein Satz des Paulus aus dem Philipperbrief mitgegeben:
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“

Das war eine Aufforderung, ja geradezu ein Befehl.
Ich soll froh sein, mich freuen.
Wir alle sollen uns freuen.
Freuen an Gott.
Freuen an Christus.

Das meint auch: Freuen an unserem Leben, freuen an dem, was uns gegeben, was uns anvertraut ist.
Freuen an den schönen Seiten des Lebens, freuen an Festen, die wir feiern.
Freuen an Tagen wie dem heute, an dem miteinander gefeiert und gesungen, gelacht und gescherzt wird.

Wenn der Ordinationsspruch auch ein sehr schöner ist, er positives Denken verlangt und eine optimistische Haltung vorauszusetzen meint, so ist er doch nicht unbedingt immer einfach umzusetzen.

Ich habe versucht, diesem Befehl nachzukommen.
Ihn auch in meinem Amt als Pfarrer dieser Gemeinde sehr ernst zu nehmen.
Die lebendige Freude über unseren Gott, über unseren Glauben nach Außen zu tragen.
Das ist etwas, was mir sogar recht leicht fällt, da ich im Herzen ein fröhlicher Mensch bin.

Und diese Aufforderung auch dann innerlich zu beherzigen, wenn es schwer ist.

Wenn Menschen mir ihre vielfältigen Probleme, ja Leiden und ihre Sünden anvertrauen.
Wenn Menschen sterben.
Und wenn sie beerdigt werden.

Aber auch bei Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, die überall da aufkommen, wo Menschen beieinander und miteinander reden und handeln.

Dann – gerade dann, wenn auch nicht immer – habe ich mich an meinen Ordinationsspruch erinnert:
„Freut euch!“

Dass das nicht immer einfach ist, dass das geradezu widersinnig erscheint, gerade in den Situationen, die ich gerade beschrieben habe, das leuchtet sicherlich jedem ein.

Wie soll man auch der Frau gegenüber, der ich gerade vorgestern die Botschaft über den Tod ihres erwachsenen Sohnes überbringen musste, Heiterkeit und Freude zeigen
– oder sie dazu auffordern, diesem Satz gerade jetzt nachzukommen.

Blanker Hohn wäre so etwas.

Und da ist es dann wie mit vielen Geboten:
Man kann daran auch gut scheitern.
„Freut euch in dem Herrn allewege“ ist wohl so eine Aufforderung, die nicht immer umgesetzt werden kann.

2. Predigttext Röm 15
Nun haben wir für den heutigen dritten Adventssonntag einen Predigttext aus dem Römerbrief.
Wieder etwas von Paulus.
Wieder geht es auch um Freude.
Wie im Ordinationsspruch.

Es geht aber um noch viel mehr. Es ist eine wahre Anleitung dazu, wie man seine Freude bewahren kann.
Hört selbst!

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;
9 die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«
10 Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«
11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!«
12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.«
13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

3. Auslegung
Liebe Gemeinde,
eine Anleitung zum Frohsein. Eine geradezu überschäumende Anleitung zur Freude an Gott und zu seinem Lob – egal in welcher Lebenssituation.
Eine Anleitung, die noch weit über das schlichte „Freut Euch“! meines Ordinationsspruches hinausgeht.

Es sind zumindest drei Gründe, die Paulus uns an die Hand gibt.
Einmal redet er von sich selbst und den ersten Christen, dann spricht er die Juden an, und schließlich richtet er sein Augenmerk auf die Heiden.

3.a): Die Gläubigen: Lehre zur Hoffnung
Er sagt über sich selbst:
„Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“
Um Hoffnung geht es dem Paulus.
Aus der Heiligen Schrift Hoffnung ziehen.
Wer in ihr liest oder sie sich anhört und auslegen lässt, wer das immer wieder tut, der bekommt Geduld und Trost:
Und mit diesen beiden wächst Hoffnung.

Ich muss bei diesem Satz an einen Menschen denken, den ich vor nicht allzu langer Zeit beerdigt habe. Der hat geradezu aus der Schrift heraus gelebt. Vom Wort Gottes. Der hatte soviel Hoffnung in sich, dass er mich, als ich bei ihm war, weil er um ein letztes Abendmahl bat, dass er mich tröstete.

Dieser Mensch hatte soviel Hoffnung aus der Schrift gezogen, dass ich auf der Beerdigung über den Ausspruch Jesu predigte: „Noch nie habe ich solchen Glauben gefunden in Israel!“

Wer aus dieser Hoffnung heraus lebt, den kann nichts mehr wirklich umhauen. Der trägt das „Freut euch“ so sehr im Herzen, dass es nach außen überspringt und man dann tatsächlich einander in Harmonie und Freundlichkeit begegnen kann, wie es der Apostel fordert:
„Seid einträchtig gesinnt“, und: „lobt Gott einmütig mit einem Munde“.
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Wer so lebt, wie es dieser Mann tat, den ich vor seinem Tod noch einmal besucht habe, der lässt sich von nichts irremachen.
Der lebt seinen Glauben in einer tiefen Freude, die keinem Vergleich standhält – und den interessieren die Nebenkriegsschauplätze nicht mehr.

Ob Abendmahl an Kinder ausgeteilt werden darf oder nicht, das war für ihn keine Glaubensfrage.

Der Streit, ob homosexuelle Paare, die in eingetragener Lebenspartnerschaft zusammen wohnen, nun einen Segnungsgottesdienst bekommen, wie es gerade unsere Landeskirche beschlossen hat, das ist für einen derart hoffnungsvollen Menschen nichts weiter als das Gezänk von Leuten, an denen der Kern des Evangeliums, die freimachende Botschaft unseres Gottes, vorbeigeht.

Und selbst die eigenen Befindlichkeiten, wem und was auch immer gegenüber, sind für so jemanden unwichtig im Gegenüber zum großen Ganzen, zur Freude, die wir in und an dem Gott haben dürfen, der uns das ewige Leben schenkt.

Also erster Rat zum Leben in Freude: Hoffnung schöpfen aus dem Wort Gottes.

3.b) Juden: Um der Wahrhaftigkeit willen
Paulus richtet sich in einem zweiten Schritt an das auserwählte Volk Israel, an die Juden. Christus ist gekommen, „um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind.“

Also: Jesus ist der Messias, erkennbar auch in den Texten des Alten Testaments, erkennbar in den Verheißungen der Propheten.

Nun wissen wir ja, dass die Juden Jesus als den Christus nicht anerkennen, sondern weiterhin auf den Messias warten. Unsere Geschwister im Glauben gehen eben einen anderen Weg. Sie warten noch, ebenfalls mit den Verheißungen der Schrift, die für sie nicht so eindeutig auf Jesus weisen wie für uns.

Ganz anders als die Gläubigen im Judentum, aber doch ebenfalls in einer Wartehaltung, scheinen mir auch viele Nicht-Juden auf etwas zu warten. Das ist dann allerdings oft eher etwas Numinoses, etwas, was sie selber gar nicht fassen können.

Viele heutzutage neigen eher einem philosophischen Gottesbegriff zu, der behauptet, Gott selber würde in unser Weltgeschehen nicht eingreifen. Ein unpersönlicher, ja unfassbarer Gott erscheint diesen oft sehr klugen Menschen glaubhafter als der Gott, der sich Christinnen und Christen offenbart hat.

Ein Gott, der irgendwo in der Ferne als Transzendenz oder nicht näher bestimmte „Macht“ ohne Einfluss ist, zu dem man nicht beten kann, der kein Gesicht hat.

Ein Gott, der zugewandt und persönlich ist, der müsste schon zu diesen Leuten nach Hause kommen, klingeln und zeigen: „Hier bin ich!“

Ganz ähnlich wie Paulus zu den Juden möchte ich solchen Menschen hinterher rufen:
„Hier ist er doch! Er hat doch gerade erst angeklopft. Bitte ihn doch einfach nur herein, statt die Klopfzeichen als Hirngespinste, Phantastereien oder anthropologische Projektionen zu bewerten.“

Ganz ähnlich wie Paulus kann man denen nur sagen:
Christus ist doch längst gekommen, um die Verheißungen zu bestätigen, die Gott seinem Volk und dann auch der Welt offenbart hat.
Die Freude, die wir an Gott haben sollen und dürfen, ist die über Gottes große Wahrhaftigkeit.
Der löst seine Versprechungen ein, der hat sich festgelegt auf diesen Jesus, der den Tod überwunden hat.
Und in dem wir das menschenfreundliche Antlitz Gottes erblicken.

Lest doch einfach nach, oder lasst es euch erklären, statt permanent in Abwehrhaltung nur nach Innen zu horchen und jedes Signal dann natürlich als selbstgemacht zu verurteilen.
Beinahe kommen mir diese Leute so vor wie der Pfarrer, der jeden Abend im Gebet Gott bittet, dass er ihn am nächsten Samstag im Lotto gewinnen lassen möge.
Und nach einiger Zeit ihm Gott dann im Traum erscheint und zu ihm sagt: „Ich würde dich ja gewinnen lassen: Aber du musst schon einen Schein ausfüllen!“
Also: Punkt zwei des Anlasses für die Freude an Gott: Wahrhaftigkeit, die für den, den glaubt, überprüfbar ist.

3.c) Die Heiden: Freude über Gottes Barmherzigkeit
Kommen wir zum letzten Punkt unserer kleinen Anleitung zur Freude:
Wegen der Barmherzigkeit Gottes sind wir geradezu zum Lob und zur Freude verpflichtet.

Damit mache ich jetzt noch ein ganz großes Fass auf: Das von Sinn und Existenz.
Gott lässt uns nicht allein auf dieser Erde sitzen.
Dieser winzige Partikel im Universum, auf dem wir Menschen wie Nichtse wirken, der ist für unseren Gott erstaunlicherweise interessant.

Der bloße Versuch, nur mit Hilfe unserer Vernunft Sinn und Zweck des Universums herstellen zu wollen, scheitert kläglich und endet zwangsläufig in einer wie auch immer gearteten Form des Nihilismus.
Allein die gewaltigen Zeit- und Raumdimensionen des Kosmos ersticken jeden Versuch, für unser Leben Sinn herleiten zu wollen.
Egal wie: Wer es dennoch tut, lügt sich selbst etwas vor.

Wäre da nicht der Gott, der sich dessen angenommen hat.
Der barmherzig an uns handelt und uns alle in einen großen Zusammenhang stellt, der uns froh machen soll.
Der selber Sinn herstellt und am Ende aller Dinge unser Leben und die gesamte Welt vollendet.

Liebe Gemeinde, machen wir uns nichts vor: Ob mit oder ohne Gott: Wir treiben auf einem winzigen Planeten um einen relativ kleinen Stern, unsere Sonne, irgendwo in einem kleinen Nebenarm unserer Galaxie, der Milchstraße.
Eine von Milliarden.

Aber der Unterschied ist ein gewaltiger, wenn es eine Barmherzigkeit Gottes gibt!

Denn wenn Gott nicht barmherzig wäre – dann würde unser Leben irgendwann enden – und unser Planet würde irgendwann enden – und unsere Sonne, unsere Galaxie, unser Kosmos.
Unsere kleinen Vorstellungen darüber, was ein sinnvolles Leben nun ausmacht und was nicht.

Doch mit Gottes Barmherzigkeit, die weit über all dem steht, was wir Menschen je begreifen können, ergibt auch dieses große Ganze noch einen Sinn.
Einen Sinn zwar, den wir hier noch nicht ganz erfassen können, aber der unendlich viel mehr ist als alle vernunftgeleiteten oder philosophischen Erklärungsversuche von der Antike bis hin zu den wirklich redlichen Bemühungen des Existentialismus im vergangenen Jahrhundert.

Wohin man kommen kann, wenn der Unglaube an Gott das Denken übernimmt, wird in dem Werbeslogan eines Handelsunternehmens für technische Produkte sichtbar.
Eines Unternehmens, das noch nie durch besonders kluge, aber sehr einprägsame Werbesprüche auf den roten Flyern aufgefallen ist.
Da heißt es jetzt:
„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“

Lassen Sie sich den Irrsinn mal auf der Zunge zergehen: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden!“

Mag sein, dass der flotte Spruch mehr Käufer anzieht und er marktwirtschaftlich besonders schlau ist.
Mag aber auch sein, dass mittlerweile viele dies tatsächlich so sehen!
Weihnachten ist doch das Fest der Liebe und der Geschenke, oder?
Da liegt es doch nahe zu sagen, dass es darauf ankommt, was unterm Baum liegt!

In einer Welt ohne Gott oder ohne Gottes Barmherzigkeit wäre das wohl so.
Da könnten wir das völlig sinnentleerte Weihnachten an Beliebigem messen:
An der Anzahl der Geschenke,
an der Steigerung des Bruttosozialproduktes,
an den Weihnachtsmarktbesuchern, an den Heilig-Abend-Kirchgängern und was dergleichen mehr man nehmen will.

Aber eben nicht in einer Welt, die angefüllt ist mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit.
In einer Welt, die von Gott mit Gnade und Liebe umschlungen wird, dass der, der das verstanden hat, eigentlich auflachen muss, wenn er solche Phrasen liest oder hört.

Advent und Weihnachten, liebe Gemeinde, das wird wo anders entschieden.
Aber nicht unter Baum!

In der Krippe? Vielleicht!
Auf Facebook habe ich mein „Gefällt mir“ einer solchen Antiwerbungsgruppe gegeben: „Weihnachten wird in der Krippe entschieden.“

Wird es aber auch nicht:
Weihnachten wird am Kreuz entschieden.
Und in der Auferstehung des Kindes aus der Krippe.

Besser gesagt: Da hat sich bereits alles entschieden. Unser Weihnachtsfest kann als Freude über Gottes Liebe nur dann wirklich erfasst werden, wenn man den gedanklichen Sprung von der Krippe zum Kreuz wagt.

4. Zusammenfassung
Drei Dinge habe ich euch über die Freude an Gott heute Morgen für die Woche mitgegeben:
– Hoffnung zu ziehen aus dem Wort Gottes.
– Bestätigung zu bekommen über die Wahrhaftigkeit Gottes aus den Verheißungen der Heiligen Schrift
– Und schließlich die Barmherzigkeit Gottes über die Welt zu begreifen und das eigene Leben münden zu lassen in einen einzigen Lobgesang.

Dann mag mein Ordinationsspruch für jeden von Euch ein Leitvers sein im Glauben an unseren guten Gott:

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

drucken