Die Macht von Weihnachten

Liebe Gemeinde.

Eigentlich schon verwunderlich, dass ihr heute so zahlreich da seid. Sicher, ich habe gelesen, Weihnachten sei ein Fest um das man sich auch in der Kirche keine Sorgen zu machen braucht. Das boomt von allein und hat keine Werbung nötig. Trotzdem ist es verwunderlich.

Seid ihr heute nicht satt geworden? Seid ihr nicht beschenkt worden? War’s bei euch Zuhause heute nicht besonders schön? Besonders schön aufgeräumt und geputzt? Besonders schön geschmückt und gemütlich? Habt ihr Zuhause nicht eine CD auf der namhaftere Musiker und Sänger Weihnachtliches singen, als bei uns? Habt ihr heute nicht euere Familie um euch? Sind heute nicht kleine und große Wünsche in Erfüllung gegangen? Was fehlt euch da eigentlich noch? Schon verwunderlich, dass ihr da bei der Kälte noch einmal hinaus und hier angekommen seid alle miteinander.

Unternehmer und Angestellte, Arbeiter und Arbeitslose, mit großer und kleiner Wohnung, mit dickem und dünnem Sparbuch, Verheiratete und Singles, Junge und Alte, Leistungsfähige und Kranke. Schaut euch vorsichtig einmal um. Ihr sitzt in einer Kirche und vielleicht sogar auf einer Bank. Auch wenn ihr euch nicht kennt, auch wenn ihr alle Tage euere Interessen notfalls gegeneinander wahrnehmt. Heute ist das einmal ganz anders. Schon verwunderlich!

Was ist das für eine Sehnsucht, die an Weihnachten auch die befällt, denen wenig oder gar nichts fehlt? Was ist das für eine Kraft, die von Weihnachten ausgeht und Menschen zusammenbringt, die nicht im selben Verein, im selben Verband, in der selben Partei sind, die nicht am selben Tisch sitzen oder sitzen wollen?

Liebe Gemeinde, wer sollte uns diese Fragen beantworten, wenn nicht wir selbst! Wir sind ja die Spezialisten auf diesem Gebiet, wir, die wir heute Nacht um die Weihnachtsgeschichte versammelt sind, mit Maria und Joseph und dem Kind, mit den Hirten und Engeln auf dem Feld.

Vielleicht wissen wir die Antwort längst selbst. Wenn nicht mit dem Verstand, dann doch mit dem Herzen. Aber es ist doch gut, wenn wir uns diese Antwort noch einmal sagen und zusagen. Weil die Weihnachtsgeschichte eine gute Geschichte ist, die Sehnsucht weckt und Sehnsucht stillt. Weil offensichtlich wirklich Frieden auf Erden von ihr ausgeht. Oder was ist das sonst, was wir in dieser Nacht jetzt hier in unserer Kirche haben?

Nein, die Idylle ist es nicht, die uns zur Nacht noch einmal aus dem Haus getrieben hat. Bethlehem liegt schließlich nicht auf der Sonnenseite der Welt und das Jesuskind ist keine Barbiepuppe. Der Evangelist Lukas legt besonderen Wert darauf, dass die Weihnachtsgeschichte mit unserer wirklichen und deshalb oft leidvollen und elenden Lebens- und Weltgeschichte zu tun hat.

Vom Kaiser angefangen, der eigentlich Oktavian hieß und sich den Beinamen Augustus gab um seine Göttlichkeit und Anbetungswürdigkeit zu unterstreichen. Die hat er von seinen Untertanen notfalls mit Gewalt eingefordert. Heute vollzieht sich die Abkehr von der Religion ganz freiwillig. Und der Spiegel vermeldet zur Weihnachtszeit: Gott verliert die Mehrheit. Als handle es sich um einen Sieg der Vernunft. Freilich weiß auch der Spiegel, dass sich stattdessen viele Menschen noch unvernünftigeren Dingen zuwenden, wie zum Beispiel dem Okkulten und Bösen, oder den Versprechen von Herren im Maßanzug mit Aktentasche, die für alle Arbeitsplätze schaffen werden, wenn der ganze soziale Mist erst einmal abgeschafft ist. Und das global, weltweit.

Ganz anders die Weihnachtgeschichte. Da schicken sich andere, noch ganz kleine Hände an, die Herrschaft über die Welt anzutreten. Kleine Hände, die zu einem Menschen gehören, den anzubeten nicht das Leben, nicht die Existenz, nicht die Ehre und nicht die Seele kostet. Das ist keiner, der sich unser Leben unter den Nagel reißt, es für seine Interessen nutzt und es womöglich kalt lächeln verspielt. Das ist einer, der unser Leben teilt, um es uns zu schenken.

Oder ist das nicht auch unser Leben. Wie er da noch im Mutterleib herumgetragen wird, noch nicht einmal auf der Welt und schon beteiligt an der verzweifelten Suche nach einem Zuhause oder wenigstens nach einer Herberge für die Nacht, wenigstens für die Nacht seiner Geburt. Sie ist nicht zu haben.

Wie viele Kinder waren das im letzten Jahr, für die keine Platz war, für die keine Möglichkeit zu finden war, um ihren Unterhalt und ihr Auskommen zu sichern. Kein Zuhause, keine Herberge für die Nacht, nicht einmal für die Nacht ihrer Geburt, so dass sie vorher weggemacht wurden.

Und ihr, die ihr es geschafft habt, weil euere Eltern mindestens die Möglichkeiten von Maria und Joseph hatten. Ihr, die ihr euere Daseinsberechtigung in unserer Gesellschaft nachgewiesen habt durch Zeugnisse und Berufsausbildung, durch Arbeit und Einkommen, durch Leistung und Erfolg. Seid ihr schon angekommen an dem Ort, der den Namen Zuhause verdient? Wo man nicht Tag für Tag seine Daseinsberechtigung nachweisen muss. Immer wieder ankommen, sich behaupten und doch wieder vertrieben werden. Bleibt er nicht letzte Sehnsucht, der Ort, der den Namen Zuhause verdient.

Bethlehem liegt nicht auf der Sonnenseite der Welt und doch ist das ein Platz, der den Namen Zuhause verdient. Gerade weil er so viel mit unserem Leben zu tun hat. Ich kenne viele Plätze, die ihm nahe kommen. Wenn ihr in diesen Tagen im Kreis euerer Familien beisammen seid, euch wieder begegnet und wieder zueinander findet. Wenn ihr den Menschen, den ihr liebt in die Arme nehmt.

Aber ich kenne keinen Ort auf der Welt, der Bethlehem gleichkommt. Keinen Platz, wie der Stall, in dem dieses Kind geboren wird. Hart an der Grenze des Lebensmöglichen und doch von Gott behütet und bewahrt. Hineingeworfen in ein Leben ohne Netz und Geländer und doch Gottes Kind. Ohne Insignien, die seine Daseinsberechtigung nachweisen und doch der Retter der Welt. Jahre später wird er am Kreuz von Golgatha seine Arme ausbreiten um alles Elend aus Schicksal und Schuld in Gottes Leben hinein zunehmen. Damit wir sterblichen Menschen und der ewige Gott eine gemeinsame Zukunft haben.

Das Kind in der Krippe hält, was es verspricht. Bei ihm ist der Ort, der uns fehlt. Ein Ort, wo keiner sein Leben und seine Daseinsberechtigung verdienen muss, sondern alles geschenkt bekommt. Ein Ort, wo wir jenseits unserer Leistungen sein und bleiben dürfen. Ein Platz der den Namen Zuhause verdient.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass wir uns heute Nacht noch einmal auf den Weg gemacht haben, spät und spätestens an Weihnachten, um die Geschichte zu sehen und zu hören, die uns der Herr kundgetan hat.

So kamen auch die Hirten einmal in die Kirche, Pardon, in den Stall von Bethlehem. Das waren zwar keine Penner, aber sie waren auch nicht weit davon entfernt. Aber wenn wir die Weihnachtsgeschichte nur ein bisschen verstanden haben, dann ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet sie es waren, denen die Engel erschienen. Die, die am Rande der Gesellschaft, auf unterster sozialen Stufe stehen, werden mit der frohen Botschaft betraut. Sie werden als erste zu Menschen, denen Gott sein Wohlgefallen zuspricht.

Sie sollen, so weiß die Weihnachtsgeschichte, sich den Platz an der Krippe mit Königen und Gelehrten geteilt haben. Man konnte sie alle an ihrer Kleidung, aber nicht an ihrer Haltung unterscheiden. An der Krippe ist das möglich: dass Könige knien, etwas von ihrem Reichtum teilen und neben ihnen auch Hirten Platz haben.

Das ist die Kraft, die von Weihnachten ausgeht. Und deshalb sitzen wir heute Nacht beieinander, auch wenn uns vieles trennt. Heute ist stärker, was uns verbindet.

Das Kind in der Krippe winkt uns herbei, damit wir bei ihm nach Hause kommen. Darin werden alle Menschen Schwestern und Brüder. Hirten treten näher und Könige machen Platz. Sie lernen mit ihren Herzen sehen, was wirklich zählt und was nun wirklich nicht zählt. Sie werden Menschen, die zum Frieden fähig werden, zum Frieden auf Erden.

Den wünschen wir heute Nacht der ganzen Welt. Leben wir ihn, indem wir uns beschenken und uns die Hände reichen. Vielleicht kennen wir genug Menschen, bei denen uns das ganz und gar nicht leicht fällt. Und vielleicht fehlt uns die Kraft. Dann denkt heute und alle Tage an das Kind in der Krippe: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

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