Das 7-milliardenste Kind

Am 30. Oktober 2011 um 23.58 Uhr brach in einem Krankenhaus in Manila ein Blitzlichtgewitter aus. Zwei Minuten vor Mitternacht wurde ein kleines philippinisches Mädchen geboren. Sie war 2,5 kg schwer. Journalisten aus aller Welt dokumentierten das Ereignis im Kreißsaal. Ein Vertreter der UNO überbrachte einen Kuchen. Danica May Camacho wurde als 7-milliardster Mensch auf der Erde willkommen geheißen. Der Reformationstag 2011 wurde zum „Tag der 7 Milliarden“ und außer Danica May wurden an diesem Tag noch über 350.000 andere Kinder geboren, in jeder Sekunde rund 4,2 Babys.
Zwei von ihnen könnten Mohammed aus Afrika und Marcella aus Argentinien sein. Bei ihrer Geburt stehen keine Reporter Schlange. Vielleicht wird Mohammed wie 17.000 von diesen 350.000 Babys des Tages nicht einmal seinen ersten Geburtstag erleben, weil er unterernährt ist oder krank. Vielleicht überlebt er.Vielleicht wird er Kindersoldat. Und Marcella wächst in Argentinien in einem Zimmer voller Barbiepuppen auf wie eine kleine Prinzessin und hat ein Kindermädchen, das sie bedient. Vielleicht aber schlägt sie sich völlig allein gestellt auf der Straße durch so wie 80 Millionen Straßenkinder weltweit, die jüngsten von ihnen gerade einmal 5 Jahre.
Viele Babys werden heiß erwartet von ihren Eltern. Die älteren Geschwister blicken neugierig in den Kinderwagen und bestaunen sie. Bei anderen wird ihren Müttern erst einmal schwindelig, wenn sie schwanger sind, weil sie sich keinen Rat wissen, wie alles werden soll mit einem kleinen Kind.

So war es bei Maria, damals, vor 2000 Jahren. Jesus war nicht geplant. Er kam einfach. Kein richtiger Vater (von Josef war das Kind jedenfalls nicht), keine richtige Bleibe, nicht einmal ein Babybett. So brachte Maria ihren Sohn auf die Welt. Kurz nach der Geburt mußten sie sich schon verstecken, denn das Kind, kaum auf der Welt, wurde steckbrieflich gesucht von König Herodes.
Dieses Kind ist Gott, sagt die Bibel. Und Weihnachten freuen wir uns, weil Gott gerade nicht in ideale Verhältnisse kommt, zu den obersten Zehntausend, sondern geboren wird wie die meisten der 350.000 Kinder Tag um Tag, bei denen keine Begrüßungskapelle aufspielt. Deshalb singen die Engel an der Krippe. Der Himmel jubiliert. Die Hirten, die Habenichtse kommen zu Besuch und freuen sich mit den Eltern. Wildfremde Leute helfen der jungen Familie mit dem Neugeborenen wenig später bei der Flucht ins Ausland, nach Ägypten.

Die Kinder sind nicht das Problem (etwa daß es zu viel wären oder zu wenig), im Gegenteil. Die meisten Probleme auf dieser Welt machen wir uns selbst. Ein Kind ist die Lösung, findet die Bibel. Dieses Kind ist die Lösung. Es bringt Licht und neue Hoffnung. Gott purzelt als Kind in unsere auf Wohlstand getrimmten Verhältnisse, bringt unsere Wohnstuben und Maßstäbe durcheinander – oder besser gesagt rückt sie wieder zurecht.
Gott kommt als Kind, so wie die Kinder die Erwachsenen auf Trab bringen, den nackten Kaiser entlarven und es spielend schaffen, daß ach so sorgfältige Planungen von einer Sekunde zur anderen hinfällig sind. Mit Protestgeschrei, mit Bauchweh oder einem entwaffnenden Lächeln machen sie klar, was jetzt wichtig ist: Zuwendung, Zeit, Geduld, Trost, Neugier. Wichtig ist nicht, wie viel wir haben, sondern wie wir sind und wie wir miteinander umgehen, sorgsam, zärtlich, gerecht. Wichtig ist, daß wir das, was wir haben, miteinander teilen. Gott kommt als Allerweltskind, damit die Kinder dieser Welt etwas zu lachen haben.

Zu Weihnachten schmücken wir unsere Häuser mitten im Winter mit frischen Hoffnungsgrün. Wir stellen Weihnachtskrippen auf und singen Lieder für ein Kind, das gar nicht unser eigenes ist, sondern das Kind aller Menschen. Wir zünden Kerzen an und ihr Schein lässt die Herzen schmelzen und darum geht es ja. Heute und bei Gott. Es ist ein bisschen wie im Himmel und es soll noch viel mehr werden, zuhause bei uns und auch bei Danica, Mohammed und Marcella.

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