Christ, der Retter ist da

„Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Euch ist heute der Heiland geboren! Was für eine Aussage, liebe Gemeinde, ein Trompetenstoß, der es in sich hat! In Oberndorf bei Salzburg hörte Pfarrer Josef Mohr dieses Signal im Jahre 1818 und formte daraus für das unsterblichste aller Weihnachtsleider die wohlbekannten Worte: Christus, der Retter ist da, Christus, der Retter ist da! Wenn Martin Luther mit Heiland übersetzt, dann ist damit dennoch nichts anderes bezeichnet als das Besagte: Christus, der Retter ist da!


Mit den Stichworten „Retter“ und „Rettung“ befinden wir uns nahe am Pulsschlag der Zeit. In diesem vergangenen Jahr ist das Stichwort „Rettung“ zu einem Thema in der Öffentlichkeit und im Gespräch vieler Menschen geworden, die Rettungsrhetorik erschallt, so weit unsere Ohren hören und unsere Augen sehen: Die Rettung Griechenlands begleitet uns nun bereits länger als ein Jahr. Davor ging es um die Rettung der Banken, gegenwärtig wird der Euro gerettet, bzw. ganz Europa. Angela, in deren Namen sich das griechische und das deutsche Wort für Engel wieder spiegeln, Angela und Nikolaus – die beiden Heilsbringer, auch genannt Merkousy – sie spannen über uns alle den Euro-Rettungsschirm, der sich jedoch immer wieder als zu klein herausstellt und vergrößert wird, denn, so heißt es: Wenn einige Länder nicht mehr unter den Rettungsschirm passen und sie bei kräftigem Regen nass werden, dann könnten wir den Rettungsschirm auch gleich einpacken. In Österreich hat man das Wort „Euro-Rettungsschirm“ zum Wort des Jahres 2011 ausgewählt – in Deutschland ist es bekanntlich Stresstest geworden, ein Wort, dass man sowohl Stuttgart 21 als auch dem Rettungsschirm zuordnen könnten. Fast könnte man an dieser Stelle in die berühmten Worte der Internationalen einstimmen, Worte von Emil Luckhardt aus dem Jahre 1910:

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Ja, liebe Gemeinde, ohne Zweifel, wir müssen in einer vielschichtig schwierigen Situation anpacken, die Verantwortlichen müssen handeln, das können sie nur selber tun und dennoch: Ob damit notwendigerweise die Absage an jeden Gottesglauben verbunden sein muss, wie es die Internationale zu suggerieren scheint? In der Tat: Wir Menschen können und müssen handeln, doch steht die Frage im Raum, ob Gott, Kaiser und Tribun auf einer Ebene genannt werden sollten, um gemeinsam im Abstellraum der Geschichte zu verschwinden – oder, ob wir nicht trotz aller unaufhebbaren Verantwortung hinaus einen Retter benötigen, einen, der bei uns ist, auf allen Höhen und in allen Tiefen unseres Lebens, auch in unserm Sterben, ja gerade dann, wenn alle irdischen Rettungsschirme versagen: Christus, der Retter ist da! Gott, der letzte Grund aller Dinge, trägt uns.

Was „Rettung“ ist, liebe Gemeinde, wissen wir aus Erfahrungen in unserm persönlichen Leben. Immer wieder erleben wir Situationen, die Rettung für uns aus dem Abstrakten und Fernen herausholen und zu einer Erfahrung werden lassen, die uns zutiefst angeht, die uns aufatmen und erzählen lässt, was wir erlebt haben: „Das war meine Rettung“ so sagen wir es uns und berichten es unseren Mitmenschen: „Das hat mich gerettet!“ Gerettet, im Straßenverkehr, wo es gerade noch einmal ohne Unfall oder ohne einen schlimmen Unfall abgegangen ist. Gerettet, als wir ein Problem zu lösen hatten, nicht aus noch ein wussten wie es geschehen könnte, doch dann schoß uns der rettende Gedanke durch den Kopf. Gerettet, als wir uns in einer schlimmen finanziellen Notlage befanden und plötzlich aus unverhoffter Richtung Hilfe erhielten! Ein Brief, ein Anruf – und wir waren gerettet! Gerettet, als der Arzt uns beraten und eine Behandlung vorschlagen konnte, die wirklich dazu beitrug, eine schlimme Krankheit zu überwinden. Gerettet! Vielleicht richteten wir, als wir uns gerettet wussten, sogar unser Leben neu ein und aus und sahen uns gerettet in einem umfassenden Sinne! Da ist heute hoffentlich niemand unter uns, der in diesem Jahr nicht Rettung aus Not auf die eine oder andere Weise erfahren hat.

Doch die Rettungsbemühungen in und um Europa, liebe Gemeinde, so notwendig sie auch sind, retten die Völker bestenfalls von Schulden, die, wenn man sie in Zahlen fasst, unfassbar groß geworden sind. Schwindelig wird mir, wenn ich diese Zahlen höre, ja hören und sehen vergehen mir zugleich! Denn dabei handelt es sich um keine überschaubaren Schulden mehr, sondern: Wenn ein Privatmensch vergleichbare Schulden hätte, dann wäre er ohne weiteres insolvent! Wir benötigen Rettung nicht nur von Schulden, sondern von einer Überschuldung, von Schulden, die derart hoch sind, dass wir sie unsern Kindern und Kindeskindern aufbürden müssen! Über viele Jahre und Jahrzehnte sind sie aufgetürmt worden und wir Bürgerinnen und Bürger tragen Verantwortung für sie, weil wir oft genug jene Politiker belohnt haben, die uns mehr zu versprechen schienen als andere und wir auch selber möglichst profitieren wollten. Das Stichwort Gier, so meine ich, deutet den Hintergrund an.

Die Gier nach Mehr und Besserem deutet eine Grenze aller staatlichen Rettungsbemühungen an: Nicht das Geld oder die Märkte, die Politiker oder die Staaten oder die Rating Agenturen sind das eigentliche Problem, sondern es ist doch wohl in uns, in allen. Die hohen Schulden haben etwas zu tun mit dem ihnen verwandten Wörtchen: Schuld. Wir brauchen Rettung auf einer tieferen Ebene als die des Politischen. Es reicht nicht „alles nur selber zu tun“, denn wir Menschen stolpern über kurz oder lang trotz aller Bemühungen, weil kein Rettungsschirm uns vor dem Unheil bewahren kann, das aus unsern Herzen emporsteigt und uns in Schuld fallen lässt. Wir brauchen nicht nur einen Euro-Rettungsschirm, sondern Rettung da und dort, wo wir schuldig werden, wo wir uns belasten mit Gleichgültigkeit, mit Rücksichtslosigkeit, manchmal vielleicht sogar mit Hass, einem Vernichtungswillen oder jener trüben Einstellung, die zu nichts Gutem führt: Nach uns die Sintflut! Es geht deshalb nicht ohne kraftvollen Einsatz aus Verantwortung für eine gerechte und lebenswerte Welt, die jener zerstörerischen Gier entgegenwirkt. Es geht aber auch nicht ohne jene gute Botschaft, die uns sagt, dass Gott da ist, der auf uns wartet – nicht nur mit dem, was wir vorzuweisen haben, mit unseren Erfolge -, sondern ebenso mit unserm Versagen, mit unser Gier und ihren zerstörerischen Folgen, mit unserm Wegschauen, mit unserer Gleichgültigkeit, mit unseren Vorurteilen und der Verachtung anderer Menschen. Christ der Retter ist da, der uns rettet aus unserer Schuld. Der Name Jesus bedeutet: „Er wird sein Volk retten von ihren Sünden!“ Im Vaterunser legte er uns die Worte in den Mund: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Jesus selbst sprach Menschen Vergebung zu: dem Gelähmten, dem Zöllner Zachäus, dem verlorenen Sohn. Das Kind in der Krippe ist für uns ein Siegel aus Gottes Hand: „Deine Schuld ist mir bekannt, doch du sollst auch wissen, dass du sie in meine Hände legen kannst und ich sie dir abnehme.“

Christus der Retter ist da! Kein abgründiger Richtergott ist er, sondern ein Retter, der das Licht der Liebe Gottes leuchten lässt und uns von Schuld befreit, die unsere Möglichkeiten übersteigt. Die Rettungsschirme retten uns hoffentlich vor wirtschaftlichen und politischen Katastrophen, Gott aber sieht unser Herz an. Er rettet von Sünde, Schuld und Tod. Deshalb ertönt in dunkler Nacht das Engelwort: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Amen.

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