Wo Gottes ja in unserem Leben sichtbar wird

Liebe Gemeinde,

Weihnachten steht vor der Tür – ich weiß nicht, wie es bei Ihnen aussieht, ob schon alles vorbereitet ist, ob sie noch viel zu erledigen haben – oder ob sie alles ganz gelassen einfach auf sich zukommen lassen?

Weihnachten steht vor der Tür – und damit eine Zeit hoher Anspannung, hoher Erwartungen – die allermeisten von uns erwarten (sich) etwas von diesem Fest. Und diese Erwartungen, die sind nicht selten sehr hochgestellt und nicht sonderlich realistisch. Was wünscht man sich nicht alles vom Christkind – die Kinder wünschen sich natürlich schöne Geschenke, wir wünschen uns, dass die Kinder glücklich sind, wir wünschen uns, dass es friedliche Tage werden, dass die Familie zusammenkommt – aber bitte ohne Streit, wir wünschen uns Harmonie, und je mehr davon, desto besser. Dass das nicht alles erfüllt werden kann – das wissen wir, rational. Trotzdem sind wir oft enttäuscht, wenn es nicht so kommt, wie wir uns das gewünscht haben – mancher sagt dann auch „wenigstens an Weihnachten, da könntet ihr euch doch mal vertragen!“ – ja. Enttäuschungen gibt es, (auc) an Weihnachten, und wir werden sie auch dieses Jahr nicht komplett verhindern können. Aber man muss auch nicht so tun, als würde einem das gar nichts ausmachen. Enttäuschung kann und darf man auch laut aussprechen.

So hat es auch die Gemeinde in Korinth wohl gemacht. Paulus hatte diese Gemeinde gegründet, allerdings waren sich Gründe rund Gemeinde schon nach relativ kurzer Zeit über vieles nicht mehr einig. Es lief vieles in Korinth, was Paulus überhaupt nicht gefiel. Und in seinem ersten Brief tadelt er die Gemeinde dafür auch heftig, versucht, sie zurechtzurücken und kündigt zum Schluss an, dass er vorhat, eine längere Zeit nach Korinth zu Besuch zu kommen – „wenn es der Herr zulässt“. Offenbar ist das aber nicht geschehen, und Paulus hat aus Korinth die Botschaft bekommen, dass man darüber gar nicht erfreut ist und ihn jetzt beschuldigt, wortbrüchig zu sein. Paulus antwortet, und verwahrt sich gegen diesen Vorwurf, indem er den Korinthern folgendes schreibt:

[TEXT]

Das Problem in Korinth liegt dabei allerdings tiefer. Er geht vordergründig um den geplatzten Besuch – aber viel tiefer unten geht es auch darum, dass die Korinther zutiefst uneinig sind, was sie eigentlich von Gott glauben sollen, denn da hat man ihnen unterschiedliche Sachen erzählt. Und ob sie überhaupt noch an Gott glauben sollen, denn vieles von dem, was da wortgewaltig angekündigt wurde, ist nicht eingetroffen. Z.B. sterben Menschen noch immer – obwohl sie doch an Christus glauben und die Auferstehung versprochen war. Paulus ist in den Augen vieler Korinther nicht besonders glaubwürdig – und dieser geplatzte Besuch macht die Sache nicht besser. Man weiß nicht, ob man sich überhaupt auf das verlassen kann, was Paulus sagt – und wie soll man da noch glauben können, was er über Gott sagt?

Paulus versucht, zu beruhigen, zu erklären, und sagt: Doch, was ich euch über Gott gesagt habe, das ist wahr. Und außerdem habe ja nicht nur ich das gesagt, sondern Timotheus und Silvanus haben euch doch das gleiche erklärt. Und das ist es, was es über Gott im wesentlichen zu sagen gibt: Jesus Christus ist Gottes Ja zu seinen Verheißungen. Also: Die Tatsache, dass Christus in die Welt gekommen ist: das ist die Bestätigung, dass Gott seine Zusagen hält. Aber, Achtung: Es ist die Bestätigung! Nicht: die komplette, uneingeschränkte Erfüllung aller Wünsche.

Was soll nun das wieder heißen? Vielleicht läßt es sich mit einem Beispiel aus dem Kinder- und Familienleben gut erklären. Wenn meine Kinder etwas von mir wollen: Dann sage ich natürlich schon oft „Ja“ zu ihrem Wunsch. Dieses „Ja“ kann aber sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Aus meiner Sicht heißt es: Ja, ich werde das versprochene einlösen – es kann aber sein, dass es ein wenig dauert – und ich mache das, was ich versprochen habe, aber nicht mehr. Aus Sicht der Kinder kann das durchaus heißen: Mama macht das jetzt sofort, und zwar das Komplettprogramm, auch wenn wir darüber nicht ausdrücklich gesprochen haben. Es ist klar, was dann passiert: Natürlich sind die Kinder öfter mal enttäuscht, weil die Vorlesestunde nicht sofort beginnt, sondern erst wenn ich mit dem staubsaugen fertig bin – und wenn ich nicht das ganze Buch vorlese, sondern nur die versprochenen drei Kapitel. Dabei habe ich durchaus mein Versprechen eingelöst.

Und ähnlich ist es auch mit Christi wirken in der Welt. Er hat bestätigt, was Gott versprochen hat. Er ist in die Welt gekommen, und hat so bestätigt, dass Gott wirklich unter uns Menschen sein will. Er ist gestorben und auferstanden, und hat so bestätigt, dass Gott den Tod überwunden hat. Er hat Menschen geheilt und hat so bestätigt, dass Gott Krankheit und Leid überwindet.

Ja, höre ich jetzt innerlich. Stimmt alles. Und doch: Irgendwie klingt das alles nach leerem Versprechen. Enttäuschend. Man hatte sich das anders vorgestellt. Und gerade wenn man selbst betroffen ist, wenn man weiß, Gott kann heilen – warum tut er es dann nicht bei mir, bei meinem Kind, bei meiner Mutter? Gott hat die Macht, Tod zu überwinden – warum gibt es dann immer noch Krieg, Hunger, Leid? Hält Gott uns wirklich die Treue?

Zweifel sind da. Kann man das wirklich alles glauben?

Das gute ist aber auch: Zweifel sind erlaubt. Selig sind zwar die, die glauben, ohne zu sehen, sagt Jesus. Aber trotzdem lässt er Thomas, den Zweifler, seine Zweifel äußern. Trotzdem darf er handfest begreifen, dass Jesus wirklich lebt, auch wenn das nach allem menschlichen Ermessen gar nicht möglich ist.

Wo aber können wir das? So zweifeln, so begreifen wie Thomas?

Zweifel äußern, Fragen stellen: Dafür ist der richtige Ort genau hier. In der Gemeinde, in der Kirche, unter Freunden. Jeder von uns lebt mit Zweifeln und Anfechtungen – das ist normal. Und deshalb können wir uns ruhig trauen, das auszusprechen, was uns beschäftigt und zweifeln lässt. Ich bin ziemlich sicher, dass sich dann einige finden werden, die sagen: Ehrlich gesagt, geht es mir genau so. Auch Gott würde kaum etwas anderes erwarten. Ich denke nicht, dass er ernsthaft erwartet, dass wir immer felsenfest an ihn glauben, egal was passiert. Wir dürfen zweifeln, auch klagen und schimpfen, wie es ja auch nicht wenige Psalmen tun.

Aber: Hier in der Gemeinde ist nicht nur der Ort, zu zweifeln. Hier ist auch der Ort, von Erfahrungen zu sprechen – von Gotteserfahrungen mitten in der Welt. Die gibt es – für den einen ist das vielleicht der Hospizdienst, der liebevoll und zuverlässig begleitet bis zum Tod, oder die Engel, die bereit sind, einkaufen zu gehen. Für jemand anderen ist es der Gebetskreis. Für jemanden, der gerade einen lieben Menschen verloren hat, ist es ein Mensch, der hilft, zuhört, tröstet. Für eine Frau, die sich schon abgefunden hat, niemals Kinder zu bekommen, ist es die Nachricht, dass sie ganz unverhofft doch schwanger geworden ist. Für eine Mutter sind es die leuchten Augen ihres Kindes nach dem Weihnachts-Aktionstag, den das Kind rundherum gut fand – und sie hatte Zeit, ein paar Stunden für sich.

Gott steht zu seinen Verheißungen, er macht sich unter uns sichtbar. Aber er erfüllt nicht alle Wünsche, die wir so haben. Eben wie Eltern, die zu ihren Kindern sagen: Was ich versprochen habe, das halte ich. Aber das heißt noch lange nicht, dass du alles kriegst, was du dir wünschst.

Was heißt das für den Glauben?

Vielleicht hilft es, zu wissen, dass auch die „großen und Starken“ im Glauben von dieser Frage, von diesen Zweifeln nicht frei waren. So hat Dietrich Bonhoeffer 1944 geschrieben: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott, d.h. er bleibt der Herr der Kirche, er schenkt uns immer neuen Glauben, legt uns nicht mehr auf, als wir tragen können, macht uns seiner Nähe und Hilfe froh, erhört unsere Gebete und führt uns auf dem besten und geradesten Wege zu sich. Indem Gott dies tut, schafft er sich durch uns Lob.“ – also: Gott tut nicht alles – in Bonhoeffers Fall ganz gewiss nicht alles, was der sich gewünscht hat – aber dennoch gibt er, was wir brauchen.

Und haben wir Zweifel, dann dürfen wir uns trotzdem auf ihn berufen – auch Martin Luther tat das immer wieder. Trotz allem war er nie ganz frei von Zweifeln, ob nicht doch der Teufel große Macht hätte, ob nicht doch Gott ihn irgendwo fürchterlich bestrafen könnte – und in diesen Zeiten hat er sich immer wieder gesagt: „Ich bin getauft!“, und sagt anderen: „Darum gedenke in solchen Anfechtungen, dass du nicht mehr seist ein Menschenkind, sondern ein Kind Gottes durch deinen Glauben an Christus in dessen Namen du getauft bist.“

Wir sind getauft, wir gehören zu Gott und wir gehören zu der Gemeinschaft, die er begründet hat – alles eine große Zusage, eine große Rückversicherung, die wir auch in Anspruch nehmen dürfen. Und dadurch im Idealfall: Kraft und Mut zum Leben beklommen, Beharrlichkeit in Glauben und Gebet – so, dass wir für andere „Gottes Ja“ erfahrbar machen können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.

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