Jeder braucht mehr Liebe als er verdient

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ [Werbeplakat hochhalten]- „Wie entsetzlich ist das!“, dachte ich, als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal so einen Werbedruck eines großen Elektroladens in den Händen hielt.
Nach der „Geiz ist geil“ Mentalität und der „Unterm Strich zähl ich“ Logik nun also ein Frontalangriff, der uns zeigt wie weit heruntergekommen anscheinend unser Weihnachtsfest über die Jahre ist hin zur Konsumorgie unterm Weihnachtsbaum.

Das, was wir in den letzten 20/30 Jahren immer schon ahnten, wird hier ganz unverhohlen ausgesprochen: Weihnachten ist zu einem gigantischen Wettstreit geworden, sowohl von Industrie und Handel wie auch von den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Und es wird unterm Baum entschieden, wer am Schluss die Nase vorn hat, welcher Produzent am meisten seiner Geräte dort liegen hat und welcher Konsument sich am meisten leisten kann und seinen Lieben damit möglichst viele Wünsche erfüllen.

Wieder einmal hat irgendein Werbemensch sich im Ton vergriffen – und wieder einmal reibt er sich klamm heimlich die Hände über die Empörung, weil dadurch überall davon gesprochen wird – nun, ich will darüber nicht weiter sprechen! – [Werbung ZERKNÜLLEN und nach hinten werfen].

Und doch sagen auch die Psychologen: „Es gibt wohl kaum eine Zeit, in der die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Sehnsucht und Enttäuschung so klaffend empfunden wird wie in der Advents- und Weihnachtszeit.“

Spanungen und Widersprüche durchziehen die ganze Welt und in der Advents und Weihnachtszeit, werden sie besonders intensiv empfunden. Spanungen und Widersprüche – nicht nur da draußen in der großen Politik, die langsam immer mehr zum Tollhaus von Geiz und Gier wird – "Unterm Strich zähl Ich!“

Spanungen und Widersprüche drohen auch unser eigenes Leben, unsere eigene Seele zu zermürben.

Menschen machen oftmals gerade das kaputt, was sie am meisten lieben. Das, was ihnen am besten helfen könnte, lassen sich sich nehmen und zerstören. Das, wonach sie sich sehnen, ertränken sie in beißendem Zynismus – und das gilt nicht nur für das Fest der Liebe. Das gilt auch für den Umgang mit Freunden und Familie und für den Umgang mit mir selbst. Aber warum ist das so?

Warum lebe ich selbst so seh gegen meinen eigenen Strich, gegen meine eigene tiefe Überzeugung. Wider besseren Wissens tue ich Dinge, die ich nicht tun will – und tue die Dinge nicht, die ich so nötig hätte für mich, meine Seele, mein Leben und das Leben meiner Lieben um mich herum! Warum nur?
Paulus gibt darauf zunächst eine eher spröde wirkende theologische Antwort:

Er sagt: Wir leben so widersprüchlich, so umgetrieben, so zerrissen, weil wir immer noch auf dem Weg sind durch die gefallene Schöpfung und Zeit. Wir leben in einer in Sünde gefangenen und zerrissenen Welt. Und das treibt uns um.

Niemand verfügt bereits über die volle Erkenntnis der Wahrheit. Niemand hat den einen Lebensentwurf gefunden, der ein für alle Mal für alle gilt und auf alle Herausforderungen des Lebens die richtigen Antworten parat hat.

Übrigens auch zur Zeit des Paulus gab es ähnliche Symptome der Zerrisenheit und des Widerspruchs: Gerade die Botschaft Jesu, die Botschaft von der Liebe zum Nächsten, wurde zur Quelle unerbittlicher Auseinandersetzungen.
Die junge christliche Gemeinde in Rom stritt darüber, ob die neuen Christen, die vorher Heiden waren, auch die strengen Gesetzte einhalten müssen wie es für Christen aus dem Judentum üblich war. Die Gemeinde drohte sich zu spalten. Man sprach sich gegenseitig das Christsein ab.

„Seid einträchtig gesinnt untereinander!“, mahnt schließlich Paulus. – Aber Paulus bleibt nicht beim bloßen Appell hängen.
Er stellt gegen den düsteren Blick der Zerrissenheit einen entlastenden Blick der Hoffnung!
Denn Gott selbst wird kommen und diese Welt und uns alle zur endgültigen Vollendung führen. »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, der Gott der Hoffnung der euch mit aller Freude erfüllt und Frieden im Glauben.“

– Liebe Gemeinde: das ist Advent! Gott kommt, und nimmt sich unser an: dieser Welt, seiner Schöpfung, seiner Menschen, dir und mir. Weil er uns nicht aufgibt, nicht abschreibt, sondern weil er eben Hoffnung hat und Hoffnung schenkt!

„Nehmt einander an!“, sagt deshalb auch Paulus, und dann bringt er die Schlüsselstelle: „…wie Christus euch angenommen hat!“
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!“
Annehmend miteinander umgehen – mit dem andern, aber zuerst mit mir selbst – das öffnet die Tür für erfülltes, für gelingendes Leben, das weiter trägt, über die materielle Obefläche hinaus in die Weite und Tiefe.

Und schließlich bist zuerst einmal du es, mit dem in Liebe umgegangen wurde. Schließlich hat Gott auch zuerst einmal dich angenommen – ja was heißt angenommen: er ist begeistert von dir: Gott brauchte kein Ultraschallbild, um schon bevor du geboren wurdest, dich in sein Herz zu schließen. Da konntest du ihm noch gar nichts großes anbieten.

In der Taufe wurde dir das von ihm unverbrüchlich zugesagt, dass er dein Leben lang dich begleiten und zu dir stehen wird – egal was kommt. Ohne Vorbedingung hat Gott ja zu dir gesagt: Hier, bei Gott, bist du Mensch, hier darfst du sein – mit all deinen Stärken, mit all deinem Potenzial, deinen Besonderheiten und Eigenarten, aber auch mit deinen Schwächen und Abgründen, mit deiner Sturheit und Verbissenheit.

Gott kennt deine Fehler, ja -, aber er nagelt dich nicht darauf fest. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Er sagt ja zu dir, so wie du bist. Seine vergebende Liebe lässt dir immer wieder Raum, neu anzufangen.

Bedingungslos geliebt zu werden – wir alle brauchen das, um leben zu können:.
Wir alle brauchen das, ob in Ehe und Familie, ob in der Nachbarschaft und im Freundeskreis und unter den Kollegen auf der Arbeit.
Wir alle brauchen das: So, wie ich bin, angenommen zu sein. Ohne Vorbedingungen und ohne Gegenleistung. Ohne Berechnung – nicht leben auf Pump, bis der Kredit verbraucht ist. Einfach akzeptiert und geschätzt zu werden, weil ich lebe, weil ich da bin.

Wie befreiend wirkt solche Liebe! Sie gibt Halt und Sicherheit.
Sie lässt mir Raum und Kraft, an mir selbst zu arbeiten, mich meinen eigenen Fehlern und Abgründen zu stellen, ohne gleich gänzlich infrage gestellt zu werden.

Paulus sagt: „Du merkst doch, wie gut das dir gut tut, weil es Gott dir schenkt. Schenke es jetzt doch weiter. Nimm auch die anderen an, auch die mit denen du dich schwer tust, auch die, die du nicht verstehst, auch die, die dir manchmal viele Nerven kosten. – denn auch sie sind von Gott angenommen. Auch sie haben Potenzial und etwas an sich, das sie einmalig macht. Auch für sie hat Gott Hoffnung, auch ihnen will er immer wieder eine neue Chance geben – also mach du das doch genau so. Es geht dir dabei doch nichts verloren: Am Ende könnt ihr ja vielleicht sogar beide gewinnen.“

„Seid einträchtig gesinnt untereinander!“ Das schließt Kritik am anderen nicht aus. Im Gegenteil: das, was uns umtreibt, was uns trennt, muss offen auf den Tisch.

Aber die Frage ist: Geht es mir nur darum, zu gewinnen und Recht zu haben, oder geht es mir wirklich um den Anderen und darum, dass wir gemeinsam ein Stückchen voran kommen?- Dann kann ich meine Kritik auch so sagen, dass ich den Anderen nicht gleich wieder gänzlich in Frage stelle.

Der Schriftsteller Max Frisch hat das einmal so ausgedrückt: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.“

Befreiende Liebe hilft dem anderen an seinen Schwachpunkten zu arbeiten und zu wachsen. Sie gibt dem Anderen die wohl tuende Sicherheit, auch dann nicht fallen gelassen zu werden, wenn er nicht meinen Wünschen entspricht.

Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden sondern es wurde im Herzen Gottes entschieden. Jeder Mensch braucht mehr Liebe, als er verdient. Gott schenkt uns solche Liebe. Und er hilft uns auch dabei, sie einander weiterzuschenken.
Das ist ein wirklich gutes Geschenk – nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit!

– Amen.

[Die Anregung zum Bezug auf das Werbeplakat habe ich von Pfr. Johannes Taig bekommen – Vielen Dank dafür]

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