Machs wie Gott, werde Mensch!

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste,
„Gleich und gleich gesellt sich gern….“ Wenn ich einen Raum betrete, mit vielen unbekannten Gesichtern, mit Menschen, die mir neu und fremd sind – und ich entdecke doch jemanden bekanntes, dann gehe ich auf ihn zu, stelle mich zu ihm, komme leicht ins Gespräch und bin entlastet. Nach und nach taste ich mich von dort aus vor ins unbekannte Gelände.

„Never change a winning team…“ – auf Deutsch: verändere kein Team, das toll arbeitet! Der neue Kollege und die neue Kollegin sind absolut motiviert, sie bringen Schlüsselqualifkationen mit, sind freundlich und aufgeschlossen – und doch: Seitdem sie da sind, ist nichts mehr wie früher. Wir waren aufeinander eingespielt, jeder wusste, wo er hinzugreifen hat. Die beiden neuen stellen jetzt Fragen, wollen verstehen und nachvollziehen, machen Verbesserungsvorschläge – wir wissen noch gar nicht, wo die hinführen werden… Eigentlich war es schöner, als sie noch nicht da waren.

Der Gemeindevorstand debattiert lange über das Schwerpunktthema der Sitzung: Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde. Man hat gehört, die haben Schulden. Und die Kirche ist marode. Und einen Chor haben sie auch nicht. Lohnt sich denn der Aufwand überhaupt, für die paar Leute? Wir werden unseren Pastor dann nur noch halb so oft zu Gesicht bekommen. Und dass die dann hier mit uns zusammen im Vorstand beraten, mit Sitz und Stimme, das geht eigentlich nicht. Könnte die nicht eine andere Gemeinde nehmen? Warum ausgerechnet wir?

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.

Das Annehmen wird dort zur Kunst, wo es um das Fremde geht. Das, was uns überfordert oder unter unserem Niveau zu sein scheint. Das, was wir nicht kennen und was uns deshalb Angst macht. Den, der anders ist als wir.

Annahme-Künstler sollen wir sein. In Christus. Wie Christus.
Liebe Gemeinde, ohne dabei an Christus zu denken, wäre es schwerer, das Annehmen und Akzeptieren. Warum?

Weil wir ja nur darum Christen heißen, weil Christus uns, die Fremden, die, die so ganz anders sind als Er, das göttliche Kind, akzeptiert und wertschätzt.

Darum geht es doch im christlichen Glauben, das ist doch seine Daseinsberechtigung: In Christus zeigt Gott den Menschen, dass er ihnen grundsätzlich gut ist. Sie will. Alle. Sie bei sich haben will, um sich herum, in seiner Nähe. Und das trotz und mit dem, was dazwischen liegt. Dieser unendliche Abstand. Diese völlig andere Art. Dieser eklatante Qualitätsunterschied zwischen Gott und Mensch.

Gott lässt sich herab – nicht herablassend, sondern sich selbst erniedrigend. Das ist das Geheimnis des Christentums, darum feiern wir Weihnachten. Und Karfreitag. Gemeinschaft wird möglich, weil der Starke sich Schwäche leisten kann. Weil der Überlegene dem Überforderten zu Hilfe kommt. Weil der, der alles hat, dem gibt, der nichts hat. Weil der, der alles weiß, den Fragenden ernst nimmt. Weil es einen gibt, der keine Angst hat. Nicht einmal vor einem fremden Menschen.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Zu Gottes Lob.

Macht es so, weil Er sich dann freut, weil der Same, den Er ausgestreut hat, so Frucht bringt.
Versucht es, weil ihr Ihn damit ernst nehmt, Ihm glaubt, dass es geht. Weil ihr dann daran glaubt, dass das, was er eingefädelt hat, auch euch gelingen kann.
Letztlich also: Damit das, was er getan hat, nicht vergeblich getan wurde.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Zu Gottes Lob.

Das ist immer ein Risiko. Immer eine Anstrengung. Und manchmal ein Opfer. Aber davon haben wir ja schon geredet, vom Karfreitag.

Zu allen Zeiten war es nötig, von dieser Einstellung, dieser Überzeugung zu reden. Den Christen Mut zu machen, nicht unter sich zu bleiben. Immer gab es irgendeine Gruppe, die nicht zu passen schien, vor der man sich fürchtete oder die man in die Ecke stellen wollte.

Auch ganz am Anfang der Kirche war es nicht anders. Paulus schreibt seine Zeilen im Römerbrief an eine Gemeinde, durch die ein unsichtbarer Riss ging: Die einen waren von Geburt Juden und die anderen nicht. Die einen sind aus der Synagoge heraus Christen geworden und die anderen kamen aus den heidnischen Tempeln Roms. Und jeder meinte, der andere müsste so sein wie er, wenn die Gemeinde Zukunft haben sollte. Und natürlich ging es um die Wahrheit und um‘s Prinzip und darum, wer Recht hat und wer mehr wert ist. Wie immer.

Das ist nichts Besonderes. Das kennen wir.

Den anderen annehmen, das ist die Kunst. Und das nicht nur, um seine Ruhe zu haben oder nach außen etwas zur Schau zu stellen, sondern aus Überzeugung. Den Fremden annehmen, damit Gott zu seinem Recht kommt – das ist die hohe Kunst.

In dieser Herausforderung leben wir schon, liebe Gemeinde.
Am dritten Sonntag im Advent sei an die Angekommenen in unserer Gemeinde erinnert. Die Männer und Frauen, junge und ältere, einige mit Baby und sympathischem Lebensgefährten andere alleinstehend oder nicht ganz gesund, sie alle sind bei uns in den letzten Jahren angekommen. Sie sind unsere Gäste, einige haben wir als Glieder aufgenommen, andere sind uns überwiesen worden oder von einer anderen Kirche übergetreten. Kennen wir ihre Namen? Sind sie schon wirklich da?

Wer fragt nach ihnen, wer freut sich über ihren fremden Blick, ihre Mitarbeit, ihre neugierigen Fragen? Interessieren uns ihre Lebensumstände?

Und sie selbst – die Neuen, die Jungen, die Dazugekommenen, können sie die Traditionen derer, die schon immer da waren, stehen lassen? Gelingt es ihnen, obwohl sie ja immer nur „Einer“ sind, der Gemeinde selbstbewusst gegenüber zu treten – zu sagen, was sie anders machen würden, vielleicht sogar besser?

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Zu Gottes Lob.

Und: diese Herausforderung wird nicht weniger, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir so weitermachen und einladende Gemeinde sein wollen. Wenn wir Freunde und Bekannte ohne missionarischen Übereifer in vertrauensvollen Gesprächen einladen. Zu dem Einen, der sie angenommen hat, so wie sie sind.

Denn dann werden sie kommen. Noch mehr, als schon gekommen sind. Und wenn nur einer neu in eine Gruppe kommt, verändert sich die ganze Gruppe. Wie wenn man ein Fischlein zusätzlich ans Mobile hängt, dann muss das Gleichgewicht erst wieder hergestellt werden und alle müssen ein bisschen rücken.

Advent heißt Ankunft. Und immer wenn jemand kommt, wird für die, die schon da waren, alles anders. Das war mit Christus so. Und das ist mit jedem so, der zu Christus kommt und deshalb in seiner Gemeinde und Kirche seinen Platz sucht.

Liebe Gemeinde, es wäre doch nun tatsächlich auf die gröbste Art dumm und kurzsichtig, um der Ruhe willen oder des lieben Friedens, oder um der Wahrheit willen oder des eigenen Rechts oder um der Ordnung willen oder der eigenen Beruhigung den, der da kommt, nicht hereinzulassen. Ihn vielleicht da sein zu lassen, aber nicht herein zu lassen. Ihn vielleicht zu sehen, aber ihn nicht wahrzunehmen. Ihn vielleicht anwesend sein zu lassen, aber ich nicht mitspielen zu lassen.

Das kann man mit Christus nicht machen. Und mit einem Menschen auch nicht.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Zu Gottes Lob.

Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.
Es geht ja auch nicht um das, was gesagt wird. Alle Aufforderungen, Appelle, Predigten und Vorträge in dieser Sache setzen voraus, dass Christus seine Gemeinde bereits überzeugt hat: Ihr wärt nicht da, ohne mich. Es gäbe euch nicht, wenn ich nicht so weit auf euch zugegangen wäre. Und nun mutet euch dieselbe Wegstrecke zu! Gegenseitig, aufeinander zu. Na los, na macht schon, es ist doch gar nicht so schwer.

Welche Folgen hatte es, dass Christus auf uns zuging? Er wurde Mensch. Und wir wurden selig.

Um nichts anderes geht es wenn wir diese Bewegung nachvollziehen, um Christi Willen, um Gottes Willen: Wir werden Menschen. Und selig.

drucken