Hoffnungs- und erwartungsvoll leben

Der Predigttext, der uns für den heutigen 3. Adventssonntag vorgeschlagen ist, findet sich im Römerbrief, Kapitel 15, die Verse 4 bis 13. Paulus schreibt den Christinnen und Christen in Rom:

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Liebe Gemeinde!

Der Apostel Paulus mutet uns heute – am 3. Adventsonntag – einige schwierige Gedankengänge zu. Aber trösten wir uns – so haben das auch schon die Menschen in der frühen christlichen Kirche bei den Texten des Paulus empfunden. So heißt es im 2. Petrusbrief: „Das hat euch ja schon unser lieber Bruder Paulus in seiner großen Weisheit geschrieben. Allerdings ist manches in seinen Briefen nur schwer zu verstehen.“ (2. Petrus 3,15) Warum also soll es uns heute da leichter fallen?…

Ich möchte Ihnen gerne drei Gedanken weitergeben, die mir an unserem heutigen Bibelabschnitt wichtig geworden sind und von denen ich meine, dass sie für unser Leben als Christinnen und Christen und für uns als Gemeinde Jesu Christi heute noch genauso wichtig sind wie damals für die Christen in Rom. Ein erster Gedanke:

I. „Advent erinnert uns daran: Wir dürfen hoffnungsvoll leben!“

So wie eine große Klammer schließt sich das Wort „Hoffnung“ um unseren Predigttext: „Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ Und Paulus schließt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ …

Und das macht diesen Bibelabschnitt nun zu einem echten Adventstext. Advent ist ja doch die Zeit, in der wir dazu ermutigt werden und uns einander dazu ermutigen, Hoffnung zu haben, begründete Hoffnung. …

Wir gehen nicht nur dem Weihnachtsfest entgegen und warten nicht nur aufs Christkind! Es ist so schade, dass die Adventszeit heute weithin nur als Vorspiel und als Einstimmung auf Weihnachten missverstanden wird. Denn die Adventszeit hat ihre ganz eigene Botschaft. Advent heißt: Wir dürfen Menschen mit Hoffnung sein! …

Wir dürfen hoffnungs- und erwartungsvoll leben, weil wir mit unserem Glauben an den Gott Israels auf dem Fundament einer langen Verheißungs- und Glaubensgeschichte stehen, die in unserer Bibel dokumentiert ist und die uns immer wieder daran erinnert, welche Mut machenden Erfahrungen Menschen mit Gott gemacht haben: Etwa Abraham und Sara, die noch im fortgeschrittenen Alter wider alles menschliche Verstehen und Begreifen Eltern eines Sohnes werden, auf dem Gottes Verheißungen ruhen. Das Volk Israel auf seinem langen Irrweg durch die Wüste, der am Ende doch mit dem Einzug ins verheißene Land endet. Die Verschleppten Israels im Exil in Babylon, die über Generationen auf die Heimkehr nach Jerusalem hoffen und warten. Und die schließlich erleben dürfen, dass Gott sein Volk eben doch nicht vergessen hat, sondern ihm einen Neuanfang in ihrer Heimat ermöglicht.

All das sind Hoffnungsgeschichten in unserer Bibel. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“

Und damit stellt uns Paulus auch in eine Hoffnungsgemeinschaft mit unserem älteren Bruder bzw. unserer älteren Schwester im Glauben, den Jüdinnen und Juden. Denn sie leben ja bis heute von denselben Hoffnungsgeschichten wie wir – aus der Bibel Israels, unserem Alten Testament. Im I. Grundartikel unserer rheinischen Kirchenordnung ist dieser wichtige Gedanke mit dem Satz aufgenommen: „Mit Israel hofft die Kirche auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Christen und Juden – wir stehen in einer Hoffnungsgemeinschaft, die sich aus den Hoffnungsgeschichten der Bibel speist. …

Lassen wir uns also in dieser Adventszeit von den Hoffnungsgeschichten der Bibel ermutigen, selber hoffnungs- und erwartungsvoll zu leben – im Blick auf unser eigenes Leben, im Blick auf die Menschen in unserer Umgebung und auch im Blick auf unsere Gemeinden. Fragen Sie sich selbst: Was hoffen, was erwarten Sie – in dieser Adventszeit? Haben wir überhaupt Erwartungen an Gott? Oder haben wir uns resigniert in einem unveränderlichen Alltag irgendwie eingerichtet? Leben wir hoffnungsvoll – im Blick auf unser eigenes kleines Leben, im Blick auf die Menschen um uns herum, und auch im Blick auf unsere oft so hoffnungslos daherkommende Welt?

Ein zweiter Gedanke des Paulus, der mir wichtig geworden ist.

II. „Hoffnungsmenschen können einander in ihrer Verschiedenheit annehmen!“

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ (Vers 7) Ein großer Theologe hat einmal gesagt: „Mir machen nicht die Bibelstellen Kopfzerbrechen, die ich nur schwer verstehe, sondern die, die ich gut verstehe.“ Und er meinte damit: Gerade mit den scheinbar so einfachen Wahrheiten der Bibel tun wir uns im Grunde am schwersten. „Nehmt einander an!“ – na klar, was ist denn dazu die Alternative? Jede und jeder braucht Menschen um sich herum, und hat sie hoffentlich auch. Aber: Einträchtig gesinnt sein, einander annehmen, wenn das immer so einfach wäre! Wir tun uns schwer damit, Menschen mit einem anderen Lebensstil, mit anderen Überzeugungen oder mit uns störenden Eigenarten zu akzeptieren.

Dagegen ermutigt uns Paulus und sagt: Menschen, die adventlich leben, die von Gott etwas erhoffen und erwarten, die können auch ihre Beziehungen zu anderen Menschen hoffnungsvoll gestalten! Denn Jesus hat es uns ja vorgemacht. Er beurteilte niemanden nach dem Augenschein. Er ging auf alle Menschen offen zu – ob das nun gesellschaftlich akzeptiert war oder nicht.

In der Gemeinde zu Rom gab es dieses Problem gegenseitigen Annehmens in ganz massiver Weise zwischen den Judenchristen und den Heidenchristen. Juden, die zum Glauben an Jesus als den Christus gefunden hatten, lebten natürlich weiter ihren jüdischen Lebensstil. Sie feierten den Schabbat und die jüdischen Feste und hielten die Speisegebote ein, die ihnen den Genuss von Schweinefleisch, aber auch von Fleisch, das aus heidnischen Götzenopferkulten stammte und anschließend auf den Märkten zum Verzehr verkauft wurde, verboten. Und auf der anderen Seite gab es in der Gemeinde Menschen, die Nichtjuden waren und die gewissermaßen als „Seiteneinsteiger“ zum Glauben an den Gott Israels und an den Messias Jesus gefunden hatten. Für sie war es überhaupt kein Problem, alles Fleisch zu essen, das auf den Märkten verkauft wurde. Doch damit wurden sie in den Augen ihrer judenchristlichen Geschwister Unreine, mit denen keine Gemeinschaft möglich war und deren Lebensstil Gott unmöglich gutheißen konnte. Und in diesen bitteren Gemeindekonflikt hinein mahnt Paulus: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ (Vers 7) …

Paulus meint damit nicht, dass man nicht mitunter auch um die Wahrheit streiten muss und darf. Es geht nicht darum, Dinge schön zu reden um des lieben Friedens willen. Es muss auch ausgesprochen werden können, was nicht in Ordnung ist. Aber eben immer an die richtige Adresse. Im respektvollen, offenen Gespräch miteinander. Nicht hinten herum. Und, was noch wichtiger ist: Wir sollten kein abschließendes Urteil über Andere fällen. Das letzte Wort steht uns nicht zu. Es geht also um so etwas wie „versöhnte Verschiedenheit“.

Und wie wichtig dieser Hinweis des Paulus ist, können wir auch heute in unseren Gemeinden immer wieder feststellen. Wie oft gibt es in unseren Gemeinden schier unüberbrückbare Differenzen und Konflikte über Stil-Fragen, über unterschiedliche Frömmigkeitsprofile oder auch über persönliche Eigenarten von Hauptamtlichen. Und über manches muss vielleicht auch geredet und respektvoll gestritten werden. Aber wie oft kann man da auch Rechthaberei, verletzte persönliche Eitelkeiten und schlichtweg Unduldsamkeit beobachten. …

Dagegen setzt Paulus auf unsere Einsicht, indem er sagt: „Habt doch auch Hoffnung auf Veränderung für eure mitunter so verfahrenen menschlichen Beziehungen! Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ …

Und – warum ist das so wichtig?… Weil man uns Christen sonst das Lob Gottes nicht abnimmt!… Da können wir noch so viel singen oder verkündigen – Unversöhnlichkeit im menschlichen Umgang predigt viel lauter! Es steht hier also eine Menge auf dem Spiel, nämlich die Glaubwürdigkeit unserer Verkündigung als Kirche. Denn: Gott loben – das ist unser Amt!

Ein dritter Gedanke zu unserem Predigttext:

III. Jesus weist uns als Nichtjuden unseren Platz an der Seite Israels zu!

Zum Abschluss seines Römerbriefes kommt Paulus nun noch einmal auf sein Herzensthema zu sprechen, das er ja schon in den Kapiteln Römer 9-11 entfaltet hat: das Verhältnis von Judenchristen und Heidenchristen in der Gemeinde und die bleibende Beziehung von Israel und entstehender christlicher Kirche. Paulus hat gemerkt, dass die Gemeinde in Rom in der Gefahr steht, ihre jüdischen Wurzeln zu vergessen. Durch die steigende Zahl von Heidenchristen in Rom geriet der jüdische Wurzelgrund des Glaubens an Jesus als den Christus mehr und mehr in Vergessenheit. Und gegen diese aufkommende Israelvergessenheit legt Paulus in unserem Bibelabschnitt ganz grundsätzlich dar, wie er die Zuordnung von Israel und Kirche sieht. …

Einander annehmen zum Lob Gottes, das heißt für Paulus an dieser Stelle: „Liebe Christinnen und Christen in Rom (und auch in Remscheid), vergesst bitte nicht, welchen Platz Jesus Euch zugewiesen hat! Ihr habt nicht Israel als Gottes Volk beerbt oder ersetzt, sondern Euer Platz als Menschen aus den Völkern ist neben und an der Seite Israels! Und Ihr könnt Eure Identität als Christinnen und Christen immer nur im Verhältnis zu Eurem älteren Bruder oder Eurer älteren Schwester im Glauben, dem Volk Israel beschreiben! Von dieser unauflöslichen Verbindung könnt Ihr Euch niemals emanzipieren! Ihr seid nämlich nicht Gottes Einzelkind, sondern Ihr habt mit Israel einen älteren Bruder bzw. eine ältere Schwester!“ …

Vers 8 und 9: „Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen.“

Liebe Gemeinde, da haben wir die Platzanweisung – für die Christen in Rom und auch für uns nichtjüdische Christinnen und Christen heute: für Jüdinnen und Juden ist Jesus ein Diener geworden (ein „Judenknecht“!), der den Bund Gottes mit seinem Volk Israel bestätigt und bekräftigt hat. Wohlgemerkt: „Bestätigen“ sagt Paulus und nicht etwa „erfüllen“ oder gar „überbieten“ oder „ablösen“. Und wir, die Menschen aus der nichtjüdischen Völkerwelt, sollen Gott loben und preisen, dass er sich uns durch Jesus bekannt und befreundet gemacht hat. …

Paulus fährt dann ein ganzes Arsenal von Bibelstellen auf, um diese Platzanweisung zu belegen – vier Zitate! Zwei Verse aus den Psalmen: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« (Psalm 18,50) »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« (Psalm 117,1) Ein Zitat aus dem 5. Buch Mose: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« (5. Mose 32,43) Und ein Zitat aus dem Propheten Jesaja: »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« (Jesaja 11,10) …

Ich glaube, diese vielen Zitate sind kein Zufall. Paulus zitiert nämlich Stellen aus allen drei Teilen der Bibel Israels: aus der Torah, aus den Propheten und aus den übrigen Schriften, um zu zeigen: Schaut, hier habe ich die ganze Heilige Schrift als Zeugen hinter mir! Übrigens, Paulus hat damit auch Jesus und die Evangelien als Zeugen hinter sich! …

Die Adventsgeschichte, die ich persönlich am meisten liebe, ist die Geschichte von dem alten Simeon aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums.

Simeon ist ein Mensch, der auch im hohen Alter noch erwartungsvoll und hoffnungsvoll lebt. Er hofft darauf, dass er noch zu Lebzeiten den Messias Gottes schauen darf.
Und dann kommt es zu der anrührenden Begegnung zwischen Simeon und Maria und Josef, die mit dem Jesuskind in den Tempel gekommen sind, um ein Dankopfer für die Geburt ihres Kindes darzubringen. Und Simeon nimmt das Kind auf den Arm und singt: „Gott, meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den Du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis Deines Volkes Israel.“ (Lk. 2, 30-32) …

Wir finden in dieser Adventsgeschichte also die gleiche Platzanweisung vor wie in unserem heutigen Predigttext. Als Christinnen und Christen sind wir nicht an die Stelle, sondern an die Seite Israels gestellt. Denn: Jesus war – und ist auch heute! – ein „Diener der Juden“. Und für uns Nichtjuden ist er die „Brücke“ zum Gott Israels. Gott sei Dank!

Liebe Gemeinde, Paulus beschließt unseren Bibelabschnitt, indem er an den Anfang seiner Ausführungen anknüpft. Er wünscht den Christinnen und Christen in Rom und auch uns Hörern heute, dass wir hoffnungs- und erwartungsvoll leben können. Kann es einen schöneren Wunsch für die Adventszeit geben als den, dass uns die Hoffnung nicht ausgehen möge? …

Doch nicht irgendein vager und willkürlicher Optimismus ermutigt uns dazu, hoffnungsvoll zu leben, sondern die Erfahrungen unserer unzähligen Mütter und Väter im Glauben, die Gottes Wirken in ihrem Leben erfahren haben – von der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments bis zum heutigen Tag. …

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

Amen.

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