Aus dem Dank heraus leben

„Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.“, so haben wir es, liebe Gemeinde, zu Beginn des Gottesdienstes als biblisches Wort für diese Woche gehört. Das Warten des Advents, das drängende, hoffende und bittende Warten war uns Leitstern der Predigt am vergangenen Sonntag. Heute gilt es, die andere Seite dieses Wartens zu betrachten: Eben jenes Wegbereiten, vom welchem der Prophet Jesaja schreibt.

Hören wir dazu das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Brief des Paulus an die Römer im 15. Kapitel, die Verse vier bis 13:
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Im Zentrum lesen wir also diese Worte in der Adventszeit: „Damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ So schreibt Paulus an eine Gemeinde in Rom, die er noch nicht kennt, die er aber besuchen will und deswegen – wie in einer Art Empfehlungsschreiben – seine Ansichten, seine Theologie darlegt.

Gott loben also als das ausgleichende Element im Warten, im Harren auf Gott, im Flehen nach seiner Gerechtigkeit, die doch endlich kommen möge. Einmütig und einander annehmend loben darüber hinaus. Daher alle Psalmzitate aus jenem Predigtwort mit dem immergleichen Hinweis auf die Heiden, also die Völker außerhalb des ersten Bundes, den Gott mit den Juden geschlossen hat. Reiht euch ein in das Lob des Volkes Israel, ihr, die ihr nachträglich berufen seid und preist Gott für seine Taten.

Am 2. Advent haben wir im Bedenken des Jesajawortes folgendes gehört: „Der Glaube stellt nicht ruhig, er ist kein Opium für das Volk, kein Schmerzmittel, auf dass man nicht mehr spürt wie es in der Welt zugeht. – Sondern das Gegenteil: Der Glaube hält unruhig, er macht nicht satt an dem, was hier ist, sondern er sieht und hofft und ersehnt mehr: Mehr an Gerechtigkeit, mehr an Heil und Hilfe, mehr an Gottesgegenwart.“ Nun also, am 3. Advent das „Ja-aber“ dazu, das Gegenstück, damit beides wie in einer heilsamem Spannung zusammen gehalten wird. Der Dank an Gott. Ja, der Dank, trotz aller Ungleichheit, trotz aller Unvollkommenheit, trotz allen Leides. „Danke“ zu sagen für das, was uns Gott bis hierhin geschenkt hat. Es ist eine Spannung in dieser Zweiheit, die uns Menschen abbildet. Wenn Martin Luther davon spricht, dass wir als Menschen vor Gott „gleichzeitig Sünder und Gerechter sind“, dann erfahren wir doch eben dies: die Zerrissenheit der Welt und damit unsere eigene Verletzt- und Unvollkommenheit aber eben auch die Annahme durch unseren Gott, der uns gerecht spricht und uns gewiss macht im Glauben. Christsein heißt daher nicht nur Leiden an dieser Welt und ihrer Unvollkommenheit, sondern zugleich dankbar sein zu können für all das, was geschenkt worden ist. Für jeden Augenblick, für jeden Atemzug, für die Möglichkeit des Lebens, so widersprüchlich wie das auch klingen mag. Und ebenso wie letzten Sonntag betone ich heute die Bezogenheit zum Leid. Können doch seltsamerweise oft die Menschen besser dankbar sein, die mehr Leid erfahren haben, als andere. Oder – vielleicht für unsere Ohren leichter zu hören – wie wenig sind doch oft die dankbar, denen es nach allen Maßstäben unserer Gesellschaft so gut geht: Finanzielle Unabhängigkeit, gute Versorgung, relative Gesundheit usw.!

Hören wir eine kurze Geschichte zu unserem Thema heute: „Eine Mutter mit sechs kleinen Kindern hatte sich bei einem Ausflug in die Stadt verirrt. Da es bitterkalt war; trat sie in eine Konditorei ein und richtete an die Verkäuferin die Bitte, eine Weile Platz nehmen zu dürfen, um sich mit den Kindern aufzuwärmen. Das Büfettfräulein lehnte die Bitte nicht ab. Da saßen sie nun ängstlich wie um eine Glucke versammelt und durch und durch arm. Die Kinder, auffallend still, begannen aufmerksam die Gäste und die Einrichtung zu beschauen – ohne auch nur ein einziges Mal die Mutter mit einem Bettelblick anzugehen.

Die Gäste begannen unwillig zu werden. Sie sagten: "Schließlich gibt es doch Wartesäle für solche Leute!" Endlich aber gab ein gut angezogener Herr, vielleicht fünfzig, der sich zunächst nach der Frau erkundigt hatte, mit einem entsprechenden Geldschein den Auftrag, der Mutter Kaffee, den Kindern Schokolade und genügend Kuchen vorzusetzen und ging davon. Die Frau aber weigerte sich entsetzt, etwas anzunehmen, sie besitze kein Geld dazu, sprang auf und rief: "Kommt, Kinder; wir müssen gehen!" "Bleiben Sie ruhig sitzen", wehrte das Fräulein ab, "ein Stammkunde hat alles für Sie bezahlt!" Keines der Kinder rührte den Kuchen oder die Tassen an, sie schauten alle auf die Mutter und erwarteten von ihr das erlösende Zeichen. Die Frau bat: "Dann sagen Sie ihm, dass wir dankbar sind!" Sie wandte sich an die Kinder: "So, ihr dürft jetzt essen!" Aber die Kinder zögerten immer noch, während die Mutter schon die Tasse hob.

Da stand der älteste Junge auf, stellte sich hinter seinen Stuhl, faltete die Hände und begann zu beten. Die Geschwister folgten wie selbstverständlich seinem Beispiel. Auch die Mutter; die es sie gelehrt hatte, erhob sich und fiel beschämt in den Chor ein.

Was sie beteten, verstanden die Gäste nicht, die immer noch beobachteten. Aber sie spürten, dass sie diese Augenblicke nie wieder vergessen würden.“

Beides, liebe Gemeinde, gehört untrennbar zusammen: Der Dank an den Spender, dem es augenscheinlich materiell besser geht, als dieser Familie, aber eben auch der Dank an den, der allem zugrunde liegt: Sein und Leben auch dieser armen Menschen.

„Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.“: Der Dank dieser Kinder und ihrer Mutter, bekannt in einer schwierigen Situation bringt die restlichen Gäste zum Nachdenken, gewissermaßen ohne Worte – sie können das Gebet ja nicht verstehen – allein also durch die Haltung, durch die Einstellung dieser sieben. Dem Herrn den Weg bereiten bedeutet also auch diesen Dank an den Schöpfer in Demut vorzuleben.

Advent: Wir warten auf den Herrn, wiederkehrend jedes Jahr, um uns zu erinnern, dass er kommen wird am Ende der Zeit, um diese Zeit und ihre Welt abzulösen. Ein Ende zu bereiten all dem, was aus dem Gleichgewicht geraten ist, die Wege zu begradigen und Gerechtigkeit im Reiche Gottes erfahrbar und lebbar zu machen. In dieser Hoffnung werden wir reicher durch die Kraft des Heiligen Geistes, wie es im Predigtwort heißt. Sein eigenes Leben bis dahin zu begreifen als ein Leben aus dem Dank heraus verleiht dieser Hoffnung eine konkrete Gestalt, die anderen Menschen sichtbar zu Zeichen wird. Wer aus dem Dank heraus leben kann und darin Gott zu loben weiß und dies begreift als seine Aufgabe im Leben wird selber zum Boten für das kommende Reich werden. Er wird anders handeln können, als diejenigen, die verrechnen müssen, er wird vergeben können und mit tatsächlich mit Liebe dem Bösen begegnen können. Die Adventszeit will uns mahnen, dass auch wir solche Menschen werden können, um darin den Willen Gottes zu erfüllen.

Als Rabbi Mosche Löb gestorben war, sprach er zu sich: "Nun bin ich aller Gebote ledig geworden. Womit kann ich jetzt noch Gottes Willen tun?" Er bedachte sich: "Sicherlich ist Gottes Wille, dass ich für meine unzähligen Sünden Strafe empfange." Sogleich lief er mit der ganzen Kraft und sprang in die Hölle.

Darüber gab’s im Himmel große Unruhe, und bald bekam der Höllenfürst einen Erlass: Solange der Rabbi dort ist, soll das Feuer ruhn. Der Höllenfürst bat den Rabbi, sich nach dem Paradies hinwegzubegeben, denn hier sei nicht sein Platz; es gehe nicht an, dass die Hölle seinetwegen friere.

"Ist dem so", sagte Mosche Löb, "dann rühre ich mich nicht weg, bis alle Seelen mitgehen dürfen. Auf Erden habe ich mich mit der Auslösung Gefangener abgegeben, da werde ich doch diese Menge da nicht im Kerker leiden lassen!" Und er soll sich durchgesetzt haben.

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Kraft und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

Amen.

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