Klagen erwünscht!

Liebe Gemeinde,
der Predigttext dieses 2. Advents nimmt uns mit in eine Zeit größter Erwartungen. Worte des Propheten Jesaja, genauer des dritten Propheten, der unter diesem Namen geschrieben hat. Gesprochen am Ende der Exilszeit. Fast 70 Jahre war es her, dass Israel und der Tempel in Jerusalem zerstört worden waren. Fast zwei Generationen waren in Babylon aufgewachsen. Kaum noch jemand konnte aus eigener Erfahrung aus der alten Heimat in Israel erzählen. Man hatte sich arrangiert. Doch mit der Anpassung verlor sich das Vertrauen in Gott. Kaum noch jemand erwartete eine Rückkehr nach Palästina. Immer kleiner wurde der Kreis derer, die am Glauben festhielten. Wozu noch? Gott war besiegt. Das Mitlaufen mit den Trends der Großmacht so viel bequemer.
Dagegen erhebt Jesaja seine Stimme. Und nicht etwa gegen das Volk. Seine Klage richtet sich an Gott selber. Wo bist du jetzt? Warum lässt du unseren Verfall zu? Aber hören Sie selber seine Worte:
„Gott, So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“
Liebe Gemeinde,
Beim ersten Hören ist nur schwer zu erfassen, was Jesaja hier alles sagt. Schwermütig klingen die Worte und ein wenig pathetisch. Und doch ist es bemerkenswert, was hier aufgeschrieben ist.
Da ist als erstes die Klage selber. Der Prophet Gottes klagt Gott an. Und: spätere Generationen haben diese Worte ausgewählt, um sie der Heiligen Schrift, unserer Bibel, zuzuordnen. Das ist für mich eine der großen Errungenschaften unserer jüdisch-christlich Tradition: Die Klage über das was ich nicht verstehe, ist wichtig. Ich darf damit vor Gott treten. Die Klage gegen Gott war unseren Vorfahren so wichtig, dass davon in der Heiligen Schrift als Gottes Wort berichtet wird. Wenn Juden und Christen mit Gott reden, dann reden sie nicht mit einem unabänderlichen Schicksal. Gott nimmt jede und jeden ernst. Ich darf mit meinen Zweifeln, meiner Unzufriedenheit und mit meinen Sorgen vor ihn treten. Höhepunkt dieser Tradition ist sicher der Ruf Jesu vom Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Das zweite ist der Inhalt der Klage:
Warum, Gott, warum lässt du es zu, dass wir von deinen Wegen abirren? Warum setzt du nicht deutliche Zeichen, damit das Vertrauen wieder wachsen kann?
Und dann wird der Alltag geschildert. Ein Alltag, in dem Gott nicht mehr vorkommt. Ein Alltag in dem Gottes Volk sich mitreißen lässt im Strom der Weltstadt.
Gottes Ruf hat seine lockende Macht verloren. Die Menschen haben sich damit abgefunden, ihren Alltag abzusichern. Das eigene Einkommen ist wichtig. Längst wohnen die Israeliten in festen Häusern in der fremden Stadt. Der Tempel isst vergessen. An die Stelle von Gottes Wort sind die Regeln der Weltwirtschaft getreten.
Manche Klage des Exilspropheten kann man nahtlos in unsere Gegenwart übertragen. Längst haben die Denkmuster der Wirtschaft alle Lebensbereiche durchdrungen. Selbst die Advents- und Weihnachtszeit wird von wirtschaftlichen Fragen dominiert. Weihnachten wird durch die Geschenke entschieden, so wird uns weisgemacht. Mit den Bildern des Glaubens wird der neue Gott Geld beworben. Manche Branchen unserer Wirtschaft arbeiten das ganze Jahr hin auf diese vier Wochen im Dezember. Hier wird der Umsatz des Jahres gemacht. Hier entscheidet sich, ob es unserer Wirtschaft gut geht oder nicht. Verlockend: All dies geschieht mit den Bildern und dem Vokabular unserer christlichen Tradition. Immer geschickter werden Inhalte unseres Glaubens mit den Verlockungen zum grenzenlosen Konsum verbunden.
Auch als Kirche sind wir darin verstrickt. Die gute Konjunktur des vergehenden Jahres und die zurückgehende Arbeitslosigkeit haben auch der Kirche zu unerwarteten Einnahmen verholfen. Wer mag da schon kritisch anfragen, ob das denn alles im Sinn Gottes ist?
Ach Gott, dass Du vom Himmel herabfährst und deutliche Zeichen setzt! Dass vor Dir Berge zerfließen und die Wasser kochen! Dass Du uns Weisung gibst, wie wir leben sollen!
Liebe Gemeinde, der Ruf nach solchen Zeichen Gottes ist für uns Christen nicht ungehört geblieben. Dass ist es, worauf wir uns in dieser Adventszeit vorbereiten: Gott verzichtet auf all seine Macht und wird Mensch. Er wird als Kind unter ärmsten Bedingungen geboren als Vorbild für unsere Solidarität. Wir wissen, was gut und wichtig ist. Immer deutlicher nehmen wir auch wahr, wie wenig der Konsumkult und das Weihnachtsfest zusammen passen. Dennoch ist es schwer, sich diesem zu entziehen.
Wie die Menschen zur Zeit Jesajas warten wir noch immer auf Gottes Eingreifen in diese Welt. Wir sind gleichsam klagend Wartende und hoffend Erwartende. Beides gehört zu uns als Christen: die Klage über den jetzigen Zustand der Welt und die Hoffnung, dass Gott alles neu machen wird. Klagen und Hoffen – beides können wir in Gelassenheit tun. Denn wir glauben, dass unser Rufen und unser Hoffen nicht vergeblich sind. Diese Gewissheit haben wir gemeinsam mit dem Volk, das vor über zweitausend Jahren klagte. Dieses Wissen verkürzt unser Warten. Die Tage sind von Hoffnung ausgefüllt. Nicht nur die zahllosen Adventskalender drücken das aus. In der Hoffnung auf den Beginn von Gottes neuen Welt bestehen wir den Alltag. Wir können uns mit Klage aber auch voller Hoffnung hinsetzen und uns von Gott überraschen lassen.
Und in Hoffnung und Gelassenheit begegnen wir auch der Hektik des Alltags. Denn die größten Geschenke brauchen wir nicht mehr selbst einzukaufen, wir haben sie bereits erhalten.
Wenn Sie sich also in der Adventszeit zwischendurch den Besuch im Café gönnen, bestellen Sie ruhig auch ein Stück Kuchen, bleiben Sie ein bisschen länger und genießen die Erwartung auf das, was noch kommt. Durchbrechen Sie den Wettlauf und lassen Sie es auch in Ihrem Kalender Advent werden : Zeit für die Vorfreude auf Gottes Eingreifen in diese Welt. Amen.

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