Nur mal theoretisch…

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde, liebe Gäste in unserer Mitte,
heute feiern wir den zweiten Advent. Halbzeit bis Weihnachten. Zwei Kerzen brennen auf unseren Kränzen. Die Stimmung ist gar nicht so schlecht, wir sind inzwischen innerlich in der Adventszeit halbwegs angekommen. Der Stress kommt erst nach dem dritten Advent auf, wenn uns einfällt, was alles noch auf Erledigung wartet. Heute haben wir noch das Gefühl, Zeit zu haben. So sind wir relativ entspannt zusammen, wollen miteinander einen adventlichten Gottesdienst feiern. Sind gespannt auf die Predigt.

Wir haben den etwas komplizierten Predigttext gehört, in dem Gott als Vater gefragt wird, warum er es zulässt, dass sein Volk so von ihm abirrt, und als Folge dessen so leidet, warum er sich nicht einmischt, nicht herabkommt von seinen herrlichen, himmlischen Wohnungen, um seinen Menschen zurecht zu helfen.

Der Pastor will gerade beginnen, die Zeit Jesajas zu erhellen, die Hintergründe dieser Klage zu erläutern, will gerade anfangen von den heimkehrenden Gefangen zu erzählen, die zurück dürfen, in ihr gelobtes Land und doch in Jerusalem von ihrem Tempel, dem Wohnort Gottes, nur noch Trümmer vorfanden. Die sich verzweifelt gefragt habe, wie es soweit kommen konnte und warum Gott das alles nicht verhindert hat.
Er hat seine mit Mühe und Sorgfalt ausgearbeitete Predigt vor sich, in der er später auf das Volk Gottes und sein Schicksal in der Welt eingehen wollte, diese Geschichte des jüdischen Volkes, in der sich Gewalt und Tod und Niederlagen zu einem unermesslichen Ausmaß anhäufen, wollte dann eigentlich mit der Geschichte von Jossel Rakover enden, dem Juden aus dem Warschauer Ghetto, dessen berühmtes „Dennoch-Gebet“ anders als er selbst der Vernichtung entronnen ist und das mit den Worten beginnt: „Mein zorniger Gott, es wird dir nichts nützen! Du hast alles getan, dass ich an dir irre werde, dass ich nicht an dich glaube, Ich sterbe aber gerade so, wie ich gelebt habe, als unbeirrbar an dich Glaubender…“

Da passiert es. Da geschieht es, dass der Pastor innehalten muss. Denn die Blicke der Gemeinde ruhen nicht mehr aufmerksam auf seinen Lippen, sondern verfolgen einen Mann, der aus einer der Bankreihen aufgestanden ist und langsam nach vorn geht. Er geht auf den Adventskranz zu, umrundet ihn einmal, befeuchtet kurz Zeigefinger und Daumen und bringt die eine Kerze zum Verlöschen. Gleich darauf, auf dieselbe Weise, auch die zweite. Dann kommt er die Altarstufen herauf, stellt sich gut sichtbar vor dem Altar auf und schaut offen in die Gemeinde.

Wir sehen ihn und kennen ihn eigentlich, aber sein Name will uns nicht einfallen und obwohl wir ihn eindeutig als einen von uns ausmachen, weiß niemand, wer er ist. Und dann fängt er an zu sprechen: „Ist euch das wirklich schon genug? Zwei lausige Kerzen und ein bisschen besinnliche Musik? Habt ihr vergessen, was da draußen vor sich geht?“

Und dann erzählt er von seiner eigenen Situation: Wie er nach der Wende die Chance seines Lebens kommen sah, wie er gearbeitet hat für zwei, 60-70 Stunden in der Woche, wie er geglaubt hat, es für seine Familie zu tun, für seine Frau und die beiden Kinder. Und dass jetzt, wo beide Kinder aus dem Haus sind, seine Frau ausgezogen ist, weil sie beide sich „auseinander gelebt haben“, wie sie sagt. Weil sie keine Liebe mehr für ihn empfindet und ehrlich sein will und sich deshalb lieber von ihm trennt.

Und dann macht er plötzlich auf dem Absatz kehrt und wendet sich dem Altar zu. Und der Gemeindepastor, der die ganze Zeit über sprachlos das Geschehen verfolgte, sucht von der Mittelkanzel herunter seinen Blick, aber er hat die Augen geschlossen, um erhobenen Hauptes und laut ein Gebet zu sprechen, Gott anzusprechen: "Schau doch hin, Gott," – so fängt er an, "schau doch einmal herunter von dort oben, vom Himmel! Wo ist denn dein Einsatz für uns Menschen und wo ist deine Macht? Wo ist deine große und herzliche Barmherzigkeit? Gegen mich jedenfalls ist sie hart, mein ganzes Leben lang – unmenschlich hart. Ich habe mich nie geschont und jetzt habe ich alles verloren. Warum tust du mir das an?".

Und nach einer kurzen Pause – keiner wagt sich zu rühren – redet er weiter, klagend und fragend: „‚Vater unser‘ sagen wir zu dir, und auch von Erlösung wird hier immer geredet. Aber wenn das so ist: Warum, Gott, warum lässt du uns dann all die Irrwege unseres Lebens gehen? Und warum machst du unsere Herzen so bitter? – Ich bin getauft, damals vor langer Zeit, auf deinen Namen, aber inzwischen bin ich geworden wie einer, über dem nie dein Name ausgerufen wurde".

In den Bankreihen wird es unruhig. Einige blicken suchen umher. Gibt es denn niemanden, der diesem Treiben ein Ende macht? Was ist mit den Verwaltern? Die sind doch auch so was wie Ordner, warum unternehmen die nichts? Warum sagt der Pastor nichts? Der hätte doch längst eingreifen müssen. Na, der wird noch was zu hören bekommen!

Könnte nicht einer vom Vorstand, einer der beherzten Brüder seinen Schreck überwinden und aufstehen und nach vorn kommen und den Störenfried freundlich, aber doch auch bestimmt an der Schulter packen und ihn hinausführen? Vielleicht ihm noch ein aufmunterndes: "Na, na, ist doch alles halb so schlimm, gehn‘ se jetzt mal wieder nach Hause" zuraunen?

Und jener Mann, den wir eigentlich kennen müssten, würde mitgehen, ohne Protest – er hat ja alles gesagt, was ihm auf dem Herzen lag – mit hängendem Kopf und ein bisschen beschämt.

Und der sprachlose Pastor fände seine Fassung wieder und blätterte in seinem Manuskript und sagte ein paar beruhigende Worte vom Licht, dass die Dunkelheit überwindet und spräche schließlich ein besonders eindringliches Gebet. Und die Organistin spielt dann besonders kräftig ein schönes Adventslied. Und alle singen ebenso kräftig mit, so als wollten sie den ganzen Spuk aus der Kirche hinaussingen. Und alles ginge weiter, als wäre nichts geschehen.

Doch nichts von dem geschieht.
Stattdessen hat sich eine Frau erhoben und ist bereits auf dem Weg in den Altarraum. Wieder könnten wir schwören, dass wir sie kennen, sehr gut sogar, aber wir kommen einfach nicht auf ihren Namen. Langsam geht die bekannte Unbekannte nach vorn und stellt sich neben den Mann. Sie schaut zum Altar, die Gemeinde sieht nur ihren gebeugten Rücken.

Und dann bricht es aus ihr heraus, ein leises verzweifeltes Schreien: "Ach, wenn du doch diese Folien zerreißen würdest, die mir die Luft zum Atmen nimmt. Wenn du doch den Dunst, der sich über mir so trübe zusammenzieht, durchbrechen würdest – auf einen Schlag. Wenn du diese Berge, die da vor mir liegen, zerfließen lassen würdest und in mir diesen Lebensfunken wieder entflammen würdest, so wie dürres Reisig sich entzündet! Ja selbst wenn du mich erschrecken oder mich gar strafen würdest – wenn ich doch nur das spüren würde, dass du da bist und das ich mit dir rechnen kann!".

Sie hat noch nicht ausgeredet, da haben sich zwei weitere Menschen an ihrer Seite eingefunden. Ein junger Mann, der einen älteren stützt. Und der ältere beginnt laut zu beten: „Herr, mein Gott, du musst mir helfen. Ich halte es nicht mehr aus. Sie fehlt mir so, wie soll ich weiterleben ohne sie. All die Jahre, du warst doch dabei. Was soll jetzt werden. Ich weiß nicht mehr weiter…“

Dann folgt ein Jugendlicher. Als er sich vorn neben die anderen stellt spricht er mutig und ohne Scheu sein Gebet: „Gott, ich suche dich – so viele Gedanken gehen mir im Kopf umher. Ich bin so unsicher, ob es dich wirklich gibt. Warum kannst du dich nicht endlich klar zeigen und mich überzeugen. Ich will doch nicht glauben, nur weil es meine Eltern wollen. Warum unternimmst du nichts?“

Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe vor dem Altar eingefunden im Halbkreis stehen sie, die Köpfe gesenkt oder erhoben – und reden mit Gott. „Warum… Wie lange noch… Warum hast du nicht… Du könntest doch… Hilf… Wann endlich… Gib… Bitte.“

Da stehen sie vor dem Altar. Jeder und jede mit seinem, mit ihrem Leben. Da sind sie versammelt: Verzweiflung und Sehnsucht, die großen Erwartungen, die Hilflosigkeit, die Fragen und Zweifel. Und auch das Versagen, die Schuld. Menschen schütten ihre Herzen vor Gott aus. Und klagen ihm ihr Leid und bitten ihn um Hilfe und können es nicht lassen, von Gott, ihrem Vater noch etwas zu erwarten.

Hier, am Altar ist der Platz dafür. Als wäre der Altarraum nur dafür geschaffen worden, diesen Menschen einen schützenden Raum zu bieten, an dem sie aussprechen können, herauslassen können, was an Lasten auf ihnen liegt. Niemand schickt sie weg. Niemand schaut auf die Uhr. Am Ende ist es ganz still.

Da ergreift der Mann, mit dem alles begann, noch einmal das Wort und zitiert den letzten Vers des Predigttextes, den der Pastor vor Ewigkeiten gelesen hatte:
„Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn warten.“

Und als sich die Menschen am Altar bei den Händen fassen, wiederholt er diesen Satz noch einmal laut und fest und in seiner Stimme schwingen Leid und Freude zugleich und die Freude ist, wenn man genau hinhört, ein wenig stärker als die Traurigkeit: „… der so wohl tut denen, die auf ihn warten.“
Und in der Art , wie er das ausspricht – SO WOHL TUT – jedes Wort betont – hört man es heraus: Dass da einer wieder aufatmen kann. Er steht auch anders da. Aufrecht und mit offenem Blick.

In geradezu feierlicher Weise stimmen die anderen mit ein: „Warten…. Auf ihn warten…. auf ihn hoffen…. er tut…. er tut etwas…. er tut wohl… so wohl. Er tut wohl denen, die auf ihn warten.“

Liebe Gemeinde,
so hätte es passieren können, an einem Sonntag wie diesem. Rein theoretisch. Nur mal gedacht, nur einmal so vorgestellt.
Es kann aber auch ganz unspektakulär zugehen. Indem sich die Gemeinde am Tisch des Herrn versammelt und miteinander hierher tritt, in den Raum der Nähe Gottes. Und das Abendmahl mit Christus feiert.

Amen

(Diese Predigt entstand nach einer Predigtidee von Pfarrer Andreas Brummer, Hannover am 9.12. 2001)
Im Anschluss an die Predigt feiert die Gemeinde das Heilige Abendmahl.

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