Wir verstehen das Leben nicht, aber das Leben versteht uns.

Liebe Gemeinde,

als ich am Mittwoch der vergangenen Woche [hier] in der Zuschendorfer Kirche aus den Brautbriefen von Dietrich Bonhoeffer gelesen haben, ist mir eine ganz aktuelle Stelle nachgegangen. Da schreibt er 1944 an Maria von Wedemeyer, seine Braut:
„Wenn du den Brief kriegst, ist wohl schon Advent da, eine Zeit, die ich besonders liebe. Weißt du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein schlechtes Bild für den Advent.“
Angewiesen, dass die Tür von außen aufgetan wird. Das sind wir. Angewiesene auf die Gnade Gottes. Angewiesene darauf, dass sich uns das Leben selbst eröffnet, an uns herankommt, und wir es annehmen. Sonst bleiben wir im Gefängnis. Im Gefängnis unseres Selbst.
Für Dietrich Bonhoeffer hat sich stählerne Tür des Gefängnisses nicht mehr geöffnet. Ein halbes Jahr nach diesem Brief wurde er – nur wenige Tage vor Ende der Nazibarbarei – noch hingerichtet.
Aber das Bild des Advent, der Erwartung, der gewissen Hoffnung, hat ihn befreit. Er hat seinen Weg gehen können mit der Gewissheit, dass der Gott des Trostes, alle Gefängnismauern durchbrechen kann. Seine Hinrichtung vor Augen konnte er sagen: „Das ist nicht das Ende, sondern der Anfang.“
So etwas kann nur sagen, wem von außen die Tür aufgetan worden ist. Wer angesprochen war, wer eine Hoffnung ins Herz gesenkt bekommen hat, die sich kein Mensch selbst geben kann. Eine Hoffnung, die Mensch aber dann auch an sich heranlassen muss, noch etwas erwartend. Wenn die Tür des Gefängnisses der Trostlosigkeit von außen aufgetan wird, dann darf ich auch nicht von innen die Klinke blockieren.
Wenn ich alles, bis hin zum endgültigen Ende dieses Lebens, unter solchem Wort leben will: „Das ist nicht das Ende, sondern der Anfang.“ Wenn mir solche Hoffnung als Grundmelodie meines Lebens klingen soll, dann muss ich erwartungsvoll bleiben, dann muss ich offen sein, dass etwas ankommt bei mir, dann muss ich ein adventlicher Mensch sein, Advent, das heißt Ankunft.
Also: was lasse ich ankommen bei mir?
Was lasse ich in mein Leben?
Was lasse ich mir sagen?
In geradezu verwirrenden Bildern lässt das letzte Buch der Bibel, die Bedrohung und die Verwirrung, die Fragwürdigkeit, die unser Leben befallen kann, erstehen. Aber dann gibt es in all diese unbestreitbaren Lebensbedrohungen einen großen Trost. Den Trost, dass der Lebensbringer, der Überwinder alles Bösen, des Todesbesieger schon angekommen ist. Den Trost, dass die Tür von außen aufgerissen ist. Gott hat schon alles für uns getan. Wir kommen raus. Wir kommen gut raus. Aus allem.
So beschreibt der Seher Johannes von Patmos, was ihm offenbart wurde, im 5. Kapitel seines Buches.
Text der Predigt (Offb 5,1-5 Text der Basisbibel)
Ein Buch mit sieben Siegeln. Sprichwörtlich für alles Verborgene, für unauflösliche Rätsel, für das Unverfügbare. Das Leben, mein Leben, ein Buch mit sieben Siegeln!? Wohl schon.
Alles was wir über das Morgen wissen können, alles, was wir aus uns selbst heraus über den Sinn oder Unsinn des menschlichen Lebens wissen können, alles was uns fragen lässt nach dem Warum, das ist und bleibt uns letztlich ein Buch mit sieben Siegeln. Wir verstehen das Leben nicht … … aber das Leben versteht uns. Wir sind Rätselrater an und in unserer eigenen Existenz, unserem Sein … … aber der Herr allen Seins, und aller Wirklichkeit umfängt unsere Existenz. Wir verstehen das Leben nicht … … aber das Leben versteht uns.
Ja, die Tür geht von außen auf.
Sie ist aufgeschlossen
vom Lebensbringer selbst.
Das Lamm, Christus,
der von sich sagt,
ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben,
versteht uns.
Wir verstehen das Leben nicht,
nicht wirklich,
nicht bis ins Letzte,
aber das Leben versteht uns.
Das ist tröstlich.
Weil:
was, mir auch
rätselhaft,
unbegreiflich
und wohl manchmal
auch schwer auszuhalten
an meinem Leben erscheint,
das kann mich ebenso zum Weinen bringen,
wie den Seher.
Aber wie er
will ich mich
auch trösten lassen.
Trösten lassen
davon,
dass für mich
der Sieg errungen ist.
Dass von Gott
und bei Gott
schon alles gut ist
für mich
und mein ganzes Leben.
Gut ist,
bis in den Tod hinein.
Dass es an jedem Abbruch,
an jeder Kante,
an jedem Absturz
und vermeintlichen Schlusspunkt
von Gott her heißen kann:
„Das ist nicht das Ende,
sondern der Anfang.“
In diesem fünften Kapitel aus dem Buch der Offenbarung, da erlebt der Seher Johannes eine Fortsetzung seiner große Thronsaalvision: Er sieht Gott auf seinem Thron. In seiner rechten Hand, die seine Herrschaft verkörpert, eine Schriftrolle. Eine Schriftrolle, die mit sieben Siegeln verschlossen ist.
Sieben Siegel, die Sieben ist die Zahl der Vollendung. Gottes Welt kommt zum Ende. Zum guten Ende nach seinem Plan. In seinem Gericht muss und wird alles widergöttlich, also alles Bose vergehen.
Und so fragt ein Thronengel, wer würdig sei, die Siegel zu öffnen, wer würdig sei, einen Blick in die Pläne Gottes zu erlangen und sie zu vollstrecken. Kann es darauf eine Antwort geben. auch hier bleibt sie aus.
Aber das ist und bleibt schwer auszuhalten. Das bliebe nur eine endlos gestellte Frage. Ohne Sinn verliert sich der Boden.
Und so ist der Seher so getroffen, ist ihm so der Boden entzogen, dass er in Tränen ausbricht.
In den Grundfesten erschüttert, auf sich selbst geworfen und betroffen von dem „was ihn unbedingt angeht“ (Tillich) wird er angesprochen. Enthoben von jeder Selbstbeschreibung wird er angesprochen und die Tiefe des Sinns benannt.
Einer der Ältesten tritt vor, fordert ihn auf, mit dem Weinen aufzuhören, weil es einen gibt, der würdig ist, die Antwort auf alle Fragen zu sein.
Der Älteste umschreibt ihn als Löwe aus dem Stamm Juda und Wurzelspross Davids. Im weiteren Verlauf wird er als das „Lamm Gottes“ vorgestellt. Das Lamm nimmt die Buchrolle aus Gottes rechter Hand und der himmlische Hofstaat stimmt ein neues Lied an und fällt anbetend nieder.
Aus der Trauermelodie wird ein Freudenlied. Es bleibt wohl so: Wir verstehen das Leben nicht, aber das Leben versteht uns.
Oder ist dieses Leben etwa zu verstehen – aus uns selbst heraus zu verstehen? Seit Gottfried Wilhelm Leibnitz hat das Unverständnis über den Lebenslauf einen gebildeten Namen: Theodizee – die Frage nach dem Leid, in der Welt.
Das ist eine ganz individuelle und persönliche Frage, wo mich, wo euch etwas aus der Bahn wirft, was Schmerzen bereitet an Leib und Seele. Das geschieht uns, wie den Menschen, denen der Seher Johannes sein Trostbuch schreibt.
Denn für sie damals war ihr Glaube, ihr Bekenntnis lebensbedrohlich. Dass kann und will der Seher auch nicht wegreden oder wegschreiben. Aber er kann diesem leidvollen Erleben eine andere Gewissheit entgegenstellen: „Weine nicht! Sieh doch: Der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids, hat den Sieg errungen.“ Der selbst alles Leid der Welt auf sich genommen hat, dem ist kein Leid der Welt egal.
Selbst wenn es gerade nicht so aussieht, der Lebensbringer hat dich gefunden. Auch wenn du das Leben gerade nicht verstehst, Christus, der das Leben ist, versteht dich. Er macht sie auf die Tür und es wird Advent.
Die Frage der Theodizee, die Frage nach dem Leid in der Welt mag Anfechtung bleiben für unser Nachdenken. Und es ist und bleibt für viele Menschen die drängendste, bohrendste Frage, die es ihnen geradezu unmöglich macht, für sich den lieben Gott zu finden. Und das kann dann wie zu einem Gefängnis werden.
Mag da der Advent helfen? Die Zeit, in der wir etwas bereiter sind etwas in uns ankommen zu lassen? Die Tür von außen aufmachen zu lassen, wie es Bonhoeffer beschreibt: „[Rauszukommen aus dem Gefängnis der Fragen], in dem man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird[. Denn das] ist gar kein schlechtes Bild für den Advent.“
Es ist keine ganz einfache Aufgabe sich damit abzufinden, dass wir das Leben aus uns selbst heraus nicht verstehen. Aber vielleicht können wir das mit dem Trost hinnehmen, dass das Leben uns versteht.
Das kann man nur wagen,
das kann man nur als adventlicher Mensch,
der bei sich ankommen lässt,
was Gutes über sein Leben gesagt ist.
Martin Buber erzählt dies in einer seiner chassidischen Geschichten so nach:
„‚Wo wohnt Gott?‘
Mit dieser Frage überraschte der Kozker [also der Rabbi Menachem Mendel von Kotzk] einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren.
Sie lachten über ihn: ‚Wie redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!‘
Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.‘
Amen

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