Spagat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste und Freunde, liebe adventliche Gemeinde,
alle Jahre wieder feiern wir den ersten Sonntag im Advent, die erste Station auf dem Weg zum Weihnachtfest mit der Schwierigkeit, dass wir nicht so schnell umschalten können. Zumal, wenn die Sonne herbstlich wärmt und es noch November ist. Die erste Kerze kommt uns ein wenig fremd vor, die altbekannten Weisen gehen noch nicht glatt über die Lippen.

Wieder müssen wir es uns erst bewusst machen: Ein neues Kirchenjahr hat begonnen. Die dritte Weise, wie Menschen in unseren Breiten den Lebenstakt zählen, neben dem Geburtstag und dem Jahreswechsel. Freilich sind es weniger geworden, die am heutigen Sonntag das neue erwarten. Advent, Ankunft, damit geht im Denken der Kirche alles los: Christus kommt, und seine Freunde erwarten ihn, wie Freunde.

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, macht es uns nicht leichter, adventlich in Schwung zu kommen, weihnachtliche Fahrt aufzunehmen, kirchenjahresmäßig Tritt zu fassen.
Eines der seltsamen und ein bisschen unheimlichen Bilder des Sehers Johannes ist uns aufgegeben. Eine Vision von vielen, die dieser Mann hatte. Bilder, die der jungen Kirche so wichtig waren, dass es niemand wagte, sie einfach nicht mehr abzuschreiben, wenn der bisher benutzte Papyrus unleserlich
wurde.

Der Seher sieht etwas, und was er sieht, ist zum Heulen. Wollten wir den 1. Advent nicht fröhlich feiern?
Johannes gewährt uns Einblick in den himmlischen Thronsaal. Und auf dem Thron sitzt – in gleißendes Licht gehüllt – der Unbenannte und doch Bekannte, der einzige, dem dieser Platz zukommt, der Schöpfer des Himmels und der Erden. In seiner rechten Hand hält er ein Buch. Seltsam beschrieben, innen und außen, ganz übersät mit Schriftzeichen, zudem geschnürt, gebunden mit Riemen und gesiegelt – unübersehbar versiegelt mit dem alten Schutz vor unbefugtem Öffnen. Alle Siegel sind heil, noch hat niemand in diesem Buch gelesen, seit dem es so verschlossen wurde. Und jetzt, wo es geöffnet werden soll, ist niemand imstande, die Siegel zu brechen. Jetzt, wo sein Inhalt an die Öffentlichkeit des Himmels und der Erde kommen soll, ist niemand zwischen Himmel und Erde in der Lage, es zu öffnen. Es aufzuschlagen und seinen Inhalt vorzulesen.

Das ist noch kein Grund zum Weinen. Traurig wird es erst, wenn man bedenkt, dass dann niemals und nirgendwo jemand wäre, der das tun könnte. Dass dieses Buch in alle Ewigkeit ungelesen bliebe.

Und Johannes, der Seher, ist nicht einfach nur ein neugieriger Mensch. Ein biblischer Seher ist kein Paparazzo, der die neuesten Neuigkeiten aus dem himmlischen Königshaus melden möchte und dafür tage- und nächtelang auf der Lauer liegen und warten kann.
Johannes weint, weil er die Tragweite der Situation begreift. Das Buch wird ungelesen bleiben, wenn niemand es öffnen kann.

Was ist das für ein Buch? Viele Bücher haben wir zu Hause stehen. Einige hatten wir oft in der Hand, andere vielleicht nach dem Einräumen nie wieder. Bücher, die uns interessieren, die uns näher liegen, liegen vielleicht auf unserem Nachtschrank.
Was aber ist das für ein Buch, dessen Seiten nicht ausgereicht haben, so dass es auch noch auf dem Einband beschrieben ist? Handbeschrieben! Ein Tagebuch? Ein Rezeptbuch? Eine Konten-Kladde? Ein Testament? Ein Kaufvertrag? Sind es Buchstaben, sind es Zahlen?

Was sind das für Seiten, die da gebunden und gesiegelt in der Rechten gehalten werden? Die alle Blicke auf sich ziehen? Was ist los mit dem Buch, das die einen den Atem anhalten und den Seher weinen lässt?
Wir erfahren nichts darüber. Kein Wort.

Es geht um etwas anderes. Ein Buch beginnt ein Buch zu sein, wenn man es aufschlägt. Erst dann entlässt es dem aufmerksamen Leser seine Geschichte. Damit ein Buch die ihm innewohnende Kraft entfalten kann, muss man es nicht nur zur Hand haben. Muss man es nicht nur in die Hand nehmen. Man muss es öffnen. Dann erst beginnt das Spiel, entfaltet sich der Zauber, entführt es einen in seine eigene, manchmal ganz andere Welt.

Ja selbst, wenn es nur Zahlen wären, Abrechnungen und Saldi, die die Seiten füllen, die Zahlen blieben ohne Belang für den, der nichts von ihnen weiß.
Die Bücher müssen aufgetan werden, um zu uns zu sprechen.
Und nun gibt es ein Buch, ein Buch mit sieben Siegeln, das niemand öffnen kann. Ein starker Engel im himmlischen Thronsaal findet niemanden, der würdig wäre. Da ist keiner, auch nicht einer. Niemand ist befugt, begnadet, gewürdigt genüg, die Siegel zu brechen. Das ist das Erschütternde, das treibt den Seher zur Verzweiflung: Es ist alles da – und niemand kann es herauslassen!
Und man ist hier nicht irgendwo, etwas in einer Buchhandlung zur Promilesung – das ist der himmlische Raum, das end- und letztgültig Denkbare! Was muss das für ein Buch sein!
Und das Buch kann nicht geöffnet werden. Kein himmlisches Wesen vermag es. Das ist die Katastrophe!

Der Seher Johannes, der Abgeordnete des Menschengeschlechts in dieser Szene, ist der letzte, der für diese Aufgabe in Frage kommt. Schon im Diesseits ist der Mensch schwach und der Glaube klein. Schon in diesem ganz realen Leben häufen sich Worte, Zahlen und Bilder und wir können sie doch nicht lesen. Schon hier und jetzt ist das Leben ein Buch mit sieben Siegeln, voller Rätsel und unabgeschlossener Kapitel. Schon auf der Erde kann niemand das Siegel brechen.

So richtet sich alle Hoffnung auf den Himmel. Was hier nicht geht, muss doch dort funktionieren. Was uns hier fehlt, muss doch dort möglich sein. Unsere menschliche Schwäche wird doch dort von einer göttlichen Kraft ausgeglichen! Oder?
Und jetzt bringt auch im Himmel niemand zustande, was schon auf der Erde nicht funktioniert hat.

Das ist mehr als enttäuschend – für den Zeugen der Szene. Den Menschen unter all den himmlischen Wesen. Das ist das Ende. Sinnlosigkeit. Fatalismus. Alles wird bedeutungslos. Ohne Richtung. Ohne Ziel. Ohne Belang. Die Fragen behalten die Oberhand. Das Unfertige, das Stückwerk. Es gibt eben niemanden, der das kann.
Wir müssen wohl erst tief in diese bodenlose Verzweiflung abtauchen, um ermessen zu können, was dann vor dem Thron geschieht. Vor dem Thron dessen, der vor Licht nicht gesehen werden kann und der das Buch immer noch ungeöffnet in der Rechten hält.

Johannes schildert es so: „Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“…

Einen gibt es doch. Der ist in dieser Situation die Rettung. Und damit der Einzige. Der Stärkste, der Mächtigste, der, auf den es ganz und gar ankommt. Der die Lebensgeschichten freisetzt. Und die Menschheitsgeschichte. Der die Fragen beantwortet und die Saldi abgleicht. Der das Testament vollstreckt und den Willen des Verfassers erfüllt. Der die Bilder herauslässt, die Fakten benennt, alles Wissen öffentlich macht.

Um diesen einen dreht sich in diesem Moment alles. Löwe von Juda, Stern von Bethlehem, Spross Isais, Nachkomme Davids, Mensch wie Johannes und doch geschlachtet wie ein Lamm, gestorben und begraben: Jesus Christus. Gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Liebe Gemeinde: Hier geht es nicht um ein Happy End. Es geht um die ganz adventliche Frage, wo wir denn stehen in der Zeit. Vor dem Bruch der sieben Siegel? Weinen wir noch mit Johannes? Ja, das tun wir, auch hier unter uns. Mit einem Bein stehen wir noch vor der Frage: Wer wird unser Leben öffnen wie man ein schönes, spannendes Buch öffnet? Wird es einen geben, der das kann? Wer wird dem Menschengeschlecht Sinn und Richtung geben, sollte jemand diese unmögliche Aufgabe bewältigen? Mit einem Bein stehen wir ganz nah beim verzweifelten Seher.

Und mit dem anderen dort wo es heißt: Es ist geschehen! Es ist vollbracht! Das Kind ist geboren! Der Sieg ist errungen. Das Buch liegt offen am Tage wie ein Neugeborenes in Windeln gewickelt, der Mann hängt am Kreuz für alle sichtbar, das Grab ist leer – alles ist geklärt. Es ist geschehen, längst bevor mein Leben begann.

Vielleicht ist es in diesem Jahr dieses Bild: Advent heißt, im Spagat stehen. Mit einem Bein beim weinenden Johannes. Und mit dem anderen im himmlischen Thronsaal, der das Lamm feiert, nachdem es die Siegel, eins nach dem anderen, aufgebrochen hat. Advent heißt Spagat. Zwischen den Stühlen sitzen. Zwischen dem, was schon klar ist und dem was noch geklärt werden muss.

Eine unbequeme Haltung. Eine Wartestellung. Ja, lange darf es in dieser Pose nicht mehr dauern. Wie riefen es sich schon die ersten Christen gegenseitig zu: „Maranatha!“: Herr, lass uns nicht so lange warten, bitte, komm doch bald. Und Advent heißt: Ankunft.

Amen

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