Grund zur Hoffnung aus dem Buch mit Sieben Siegeln

Predigt am 1. Advent 2011 ( 27.11.2011) in der Kirchengemeinde Widdershausen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen!

Text verlesen! (Offb 5,1

Grund zur Hoffnung aus dem Buch mit Sieben Siegeln

Offenbarung 5

1 Ich sah:Der auf dem Thron saß,
hielt eine Schriftrolle in der rechten Hand.
Sie war auf der Vorder- und Rückseite beschrieben
und trug sieben Siegel.
2 Und ich sah einen mächtigen Engel.
Er rief mit lauter Stimme:"Wem steht es zu, das Buch zu öffnen
und seine Siegel aufzubrechen?"
3 Doch niemand war in der Lage, die Schriftrolle zu öffnen
und hineinzuschauen –weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde.
4 Ich weinte sehr. Denn es fand sich niemand, dem es zustand, die Schriftrolle zu öffnen und hineinzuschauen.
5 Da sagte einer von den Ältesten zu mir:
"Weine nicht! Sieh doch: Der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids,hat den Sieg errungen. Er kann die Schriftrolle und ihre sieben Siegel öffnen!
Übersetzung aus der basisbibel

Liebe Schwestern und Brüder!
Der heutige Predigttext ist nicht ganz einfach zu verstehen. In ihm kommen viele Bilder vor, Metaphern und symbolische Beschreibungen Gottes. Im Buch der Offenbarung, in der sog.
Apokalypse, beschreibt der Seher Johannes das Kommen Gottes mit mächtigen, manchmal sogar angsteinflößenden Bildern und Metaphern.
Der Verfasser dieser Apokalypse, der großen endzeitlichen Offenbarung, ein Christ namens Johannes, zu Beginn des 1.Jahrhunderts in Kleinasien lebend, beschreibt darin kodiert und versteckt, die mächtige Ankunft Gottes am Ende der Tage. Er kritisiert die verhängnisvolle und machtbesessene Religionspolitik des heidnischen römischen Staates und ihrer brutalen und rücksichtslosen Kaiser, die die Christen gnadenlos verfolgten und töteten. Das konnte er nur mit den kodierten und versteckten Bildern der Apokalypse. Gottes Ankunft und Sieg über die Mächte der Welt erklärt die Offenbarung den gläubigen Christen im heidnischen römischen Staat. Sie will Hoffnung vermitteln, Hoffnung, Stärkung des Glaubens und Geduld auf die endzeitliche Ankunft Gottes in die Welt.
Wir hingegen leben heutzutage in einer anderen Welt. Unser Glaube und unsere Religionsausübung sind durch das Grundgesetz geschützt. Doch vor nicht all zu langer Zeit war das im Osten unseres Landes durch die Kommunisten und davor auch unter den Nazis nicht erlaubt. Auch damals warteten viele Christen auf die Ankunft des Herrn und eine Verbesserung der Verhältnisse.
Doch bei aller Freiheit zur Ausübung des Glaubens und der Religion gewinnt man hin und wieder den Eindruck, dass das Leben inkl. Glaubensausübung ein Buch mit sieben Siegeln ist, so wie es hier im heutigen Predigttext heißt.

Das Leben scheint ein Buch mit Sieben Siegeln zu sein, so lautet ja auch unsere Redewendung. Es ist ein Buch, das verschlossen scheint, ein Buch, das nicht zu durchschauen ist, ein Buch mit dramatischen und tragischen Seiten, mit Tod, Zerstörung, Einsamkeit und Angst aber auch mit vielen schönen Seiten über Liebe, Freundschaft, Geborgenheit, Familien, Glück und Segen.
Und weil es für viele so aussieht, dass das Leben ein Buch mit sieben Siegeln -verschlossen, geheimnisvoll und undurchsichtig- leben manche in der heutigen Zeit so vor sich hin. Sie leben ohne Ziel und Glaube und glauben allem und jedem, nur dem christlichen Glauben trauen sie wenig Kraft zu.

Wer hingegen dem Predigttext und den Worten des Sehers Johannes Vertrauen schenkt und glaubt, dass unser Herr Jesus Christus am Ende der Zeit, auch der eigenen Zeit kommt, der wird das eigene Leben nicht als ein Buch mit sieben Siegeln, als einen undurchsichtigen biologischen oder physikalischen Prozess, als ein mathematisches Nullsummen-spiel oder gar als vertane Zeit oder ein Roulettespiel ansehen.

Unser Herr kommt, das ist die Botschaft der Botschaften, das Evangelium, der Trost, die Richtschnur und Zuversicht eines christlichen Lebens. Jesus der Christus, der Heiland und Retter der Welt kommt und im Glauben ist er immer gegenwärtig.
Er ist der Spross aus dem Hause David, das Lamm Gottes, das für Gerechtigkeit sorgt.
Und noch etwas: Dieser König, der kommt und kommen wird, ist unser Herr Jesus Christus. Ein König ohne Pomp und Starallüren, ein König des Herzens, der Barmherzigkeit, des Glaubens, des Friedens und der Liebe.
Gerechtigkeit verheißt die Bibel, Gerechtigkeit verheißt Jesus denjenigen, die seine Worte hören und bewahren. Gerechtigkeit ist etwas, was über das Äußere hinaus geht und in die inneren Regionen von uns Menschen vordringt und Leben erneuert und neues Leben schafft. Gerechtigkeit des Glaubens produziert Herzenswärme und Liebe, die an andere weitergegeben wird. Gerechtigkeit ist einer der tiefsten Wünsche von uns Menschen.
Jesus hat uns im Glauben an ihn versprochen, einen Anteil an dieser seiner Gerechtigkeit zu bekommen. Durch Jesus haben wir die Zusage, ja die Garantie, dass er alle Tage dieser Welt bei uns sein will.
An den guten und den schlechten, den erfüllten und traurigen, an den glücklichen und verzweifelten, an den schönen und verregneten. Jesus verspricht mir und Ihnen, Jesus verspricht uns allen, und an diesen Tagen ganz besonders mit seiner Anwesenheit und Ankunft, dass das Leben nicht nur beschwerlich, nutzlos und betrüblich ist, sondern voller Verheißungen, Wärme, Barmherzigkeit und Liebe ist und bleibt.
Aus diesem Grund fordert und fördert unser Glauben auch gerechte Verhältnisse auf der ganzen Erde, nicht bloß hier, sondern auf der ganzen Welt. (Aktion Brot für die Welt)
Als Christen sollten und müssen wir uns gegen den Landraub in der sog. Dritten Welt z.B. in Äthiopien oder in Südamerika wenden, wo große Agrar-Unternehmen Land aufkaufen, rauben und ausbeuten, und die Heimat und der Besitz der dort lebenden Menschen enteignet und geraubt werden. Armut und Hoffnungslosigkeit ist vorprogrammiert.
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Herren dieser Welt kommen und gehen! Das scheint ein Gesetz der Macht und Geschichte zu sein.
Politiker, die gestern noch triumphierten, sind heute schon nicht mehr im Amt, wenn sie sich ungerecht bereicherten und nicht zwischen Amt und Privatleben unterscheiden können.
Große Firmen werden von anderen noch größeren Firmen feindlich übernommen und bildlich geschluckt. Landraub und gewissenlose Enteignung wird in vielen Ländern betrieben.
Und ich weiß, dass dies kein Trost für das Leben ist und viel Angst entsteht über das, was in der Zukunft sein wird, gerade auch in der Finanzkrise hier in Europa.
Und doch will das Evangelium des heutigen Tages uns ermutigen, die Ankunft, den Advent Gottes in Jesus Christus als Trost, Stärke und Verheißung für das eigene Leben zu verstehen und als Aufforderung uns für gerechte Verhältnisse einzusetzen.
Denn unser christliches Leben ist eben kein Buch mit sieben Siegeln. Vor Gott ist unser Lebensbuch aufgeschlagen und fest beschrieben. Gottes Güte und Barmherzigkeit können wir die Seiten unseres Lebens anvertrauen. Wir können darauf vertrauen, dass unser Leben nicht sinnlos und undurchsichtig verläuft, auch wenn es manchmal den Anschein hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
Gottvertrauen, Hoffnung und Optimismus ist nötig, um die frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes immer wieder neu ins eigene Leben hineinkommen zu lassen und zu integrieren, um letztlich auch Zeugnis davon abzulegen.
Und eben nicht den Kopf wegzudrehen, wenn die Lästerer der Religion auftreten und ihren Spott ablassen, sondern sich dazu zu bekennen und zu sagen: "Ich bin Christ und mein Glaube ist mir wichtig. Ich glaube an die Liebe Gottes, die sich durch Jesus Christus offenbart und gezeigt hat. Ich halte das Leben nicht für ein Lotteriespiel, sondern empfinde es als eine große Gabe und ein Geschenk Gottes. Eine Gabe für deren Erhaltung ich mich in Familie und Gesellschaft einsetze.“

In dieser Zeit zünden wir das erste Licht an den Adventskränzen an. Die Lichter sind das Symbol für das göttliche Licht: für Wärme, Helligkeit, Strahlkraft, Leuchtkraft und Wahrheit dessen, der von sich gesagt hat:
"Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern der wird das Licht des Lebens haben:"
Diese Leuchtkraft, diese Helligkeit und Wärme öffnet unser Lebensbuch, öffnet die sieben Siegel.
Und ebenso wie wir die Lichter auf den Kranz setzen oder in die Kerzenhalter, so können wir unser Licht auf den Scheffel setzen statt wie allzu häufig leider unter den Scheffel.
Auch wir können und dürfen etwas von dem Licht für andere abgeben, sozusagen Zeugnis ablegen.
Jeder für sich selbst. An seinem Ort, in seinem Beruf, in seiner Familie und in seinem Freundeskreis. Nicht in dem gewaltigen heilsgeschichtlichem Rahmen und mit der persönlichen Konsequenz des Sehers Johannes, aber immer mit dem Gottvertrauen, einem festen Blick in die Zukunft, mit der hoffenden Gewissheit des göttlichen Reichs und mit Optimismus und Freude statt mit einem alles kritisierenden und zugrunderichtenden Pessimismus und Kleinglauben.
Die Botschaft der Adventszeit ist und bleibt: Gott kommt. Er kommt uns zur Freude. Er schenkt sich uns selbst. Er kommt zu uns und führt uns in sein Reich. Er ist der Friedefürst, der Heiland und der Retter. Darauf haben sich die Christen aller Zeiten verlassen, darauf haben sie vertraut. Und darauf können wir uns auch verlassen, hoffen und fest daran glauben, denn Gott kommt und er will unser Leben erneuern und ändern.
Unser Herr kommt. Gestern, heute und morgen.
Amen.

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