Er hat weggenommen, was uns von Gott trennt

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den letzten Sonntag im Kirchenjahr heute, den Ewigkeitssonntag, kommt wie schon letzten Sonntag aus dem Lukasevangelium. Ich lese aus Kapitel 12 die Verse 42 bis 48…

[TEXT]

Die beiden Sonntage hängen zusammen: Thematisch natürlich mit dem Blick auf Gericht, Ende der Zeiten und die Ewigkeit. In diesem Jahr sind aber auch die Texte ein bisschen wie eine Fortsetzungsgeschichte: Letzten Sonntag haben wir vom einem Verwalter gehört, der Vermögen veruntreut hat und daraufhin einen Rechenschaftsbericht ablegen muss. Er wird entlassen, erwirkt vorher aber noch einen weitgehenden, aber im Grunde unrechtmäßigen Schuldenerlass für viele Menschen. Dafür wird er gelobt. Diese Woche legen wir noch eins drauf: Wieder geht es um einen Verwalter. Arbeitet er, wie er soll, wird er gelobt und klettert auf der Karriereleiter nach oben. Missbraucht er seine Stellung und rechnet nicht mit dem Kommen seines Herrn, wird er aufs Grausamste bestraft.

Liebe Gemeinde, soll man so etwas überhaupt predigen? Wo kommen wir denn in diesen Texten vor? Können wir das denn überhaupt hören in der letzten Konsequenz, wenn wir Lukas und sein Anliegen ernst nehmen? Und ich habe mich gefragt, ob ich das überhaupt predigen will, heute am Ewigkeitssonntag. Wo sind denn da Trost und Zuversicht – hat so ein Text überhaupt eine frohe Botschaft, ein Evangelium?

Aber, wir wollen uns ja nicht vor den schwierigen und sperrigen Themen drücken und bieten Lukas die Stirn! Wie mit spitzen Fingern rücken wir dem Text zuleibe und zerpflücken ihn ein bisschen, um zu verstehen.

Unser Predigttext ist eine der klassischen Bibelstellen für den sogenannten „doppelten Ausgang“[1]: Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird Bilanz gezogen. Es wird zurückgeschaut auf mein Leben – was war gut, was war schlecht. Ein Rechenschaftsbericht. Die Menschen im Mittelalter hatten dabei einen Engel vor Augen, der eine Waage in der Hand hält. Je nachdem, welche Schale mehr wiegt, geht es dann weiter. Die einen in den Himmel, die anderen nicht. Die einen also ewige Gemeinschaft mit Gott, die anderen Beziehungslosigkeit, ausgeschlossen von Gott und vom Heil. Schwarz und weiß. Einfach, aber hart. Da gibt es nichts zu schönen. So steht es da, aufgeschrieben bei Lukas und auch an anderen Stellen in unserer Bibel.

Was jetzt tun? So steht es da. Aber es ist doch die Frage, ob das von uns heute überhaupt gehört wird? Ob das überhaupt noch seinen Platz hat im Leben oder im Glauben? Wir sind es doch eigentlich gewohnt, dass wir uns unser kleines Weltbild selbst zusammenzimmern. Ein buntes Potpourri aus verschiedenen Dingen: Ein bisschen Wiedergeburt, ein bisschen Unsterblichkeit der Seele oder gleich der Eingang ins ewige Nirwana, in dem alles selig und gut ist. Da wirkt unser ernsthafter Engel mit seiner Waage irgendwie deplatziert, oder? Jesus hat schon recht, wenn er nur wenige Verse nach unserem Predigttext sagt (Lk 12, 49+51): Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer anzuzünden; … Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Entzweiung.

Wie es wohl denen unter uns geht, die im letzten Jahr einen Menschen verloren haben? Angesichts des Todes stellt man sich doch ganz unwillkürlich Fragen. Und natürlich wird dann Bilanz gezogen. Auch da ein Rechenschaftsbericht. Was war das denn für ein Leben, was erzählt man, was behält man für sich. Was bleibt denn? Auch da eine Waagschale. Können sie heute solche Gedanken hören?

Aber gehen wir doch noch einmal einen Schritt zurück zum Verwalter. Seine Aufgabe ist es, im Sinne seines Herrn tätig zu werden. Er trägt die Verantwortung für andere. Kommt er dieser Verantwortung nach – wie glücklich ist da der Diener zu preisen! Dem kann man wohl nur zustimmen. Was aber, wenn nicht? Der Verwalter kennt doch ganz genau den Willen seines Herrn. Er hat einen klar umrissenen Auftrag. Und doch handelt er nicht entsprechend. Und er veruntreut ja nicht nur, wie der letzte Woche. Er schindet und quält die, die ihm anvertraut sind und lässt es sich selber gut gehen. „Natürlich muss der bestraft werden“, hat eine Konfirmandin einmal über diesen Text gesagt, „alles andere wäre doch ungerecht! Sonst fühlt sich doch der verarscht, der alles richtig macht!“ Und der Text unterscheidet ja sogar noch: Der, der den Willen des Herrn nicht so genau kennt, der lässt sich weniger zu Schulden kommen, als der, der ganz bewusst dagegen verstößt. Im Grund ist ja auch das gerecht.

Liebe Gemeinde, wo kommen wir denn vor in diesen Texten, war die Frage am Anfang? Offensichtlich war das auch den Jüngern damals nicht so klar, denn Petrus fragt direkt vor unseren Versen (Lk 12, 41): Herr, meinst du mit diesem Vergleich nur uns oder auch alle anderen? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Unterschiedliche Möglichkeiten gibt es: Die ersten Christen, die unseren Text gelesen haben, werden noch besser das Alte Testament in den Ohren gehabt haben. Sie werden an die gedacht haben, die politische Verantwortung haben. An die, die in der Gesellschaft den Ton angeben und die Richtung. Natürlich sind aber auch die im Blick, die Verantwortung tragen in der Kirche – ganz egal ob im Großen oder im Kleinen. Diejenigen, die Kinderkirche machen oder Altenkreis oder im Kirchengemeinderat sind genauso, wie die im Rat der EKD oder im Oberkirchenrat. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel gefordert, und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr verlangt.

Für uns als evangelische Menschen heißt das aber immer auch: Ich selber bin gemeint, nicht „die“. Ich selber stehe in Verantwortung vor meinem Herrn und auch mir ist viel anvertraut. Ich weiß nicht, ob sie Anfang dieser Woche die zweiteilige Dokumentation von Claus Kleber „Machtfaktor Erde“ gesehen haben. Der Moderator vom „heute journal“ hat sich weltweit auf die Suche danach begeben, wie der Klimawandeln unsere Welt verändert und wie dadurch auch unser Zusammenleben und auch der Frieden bedroht ist. Das alles ist erschreckend nah und handfest. Wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr verlangt – er ist lästig, dieser ständig erhobene Zeigefinger, aber es bleibt dabei: Wir sind dabei, unsere Zukunft, unsere Welt zu verzocken. Wie wird es also bei uns sein, wenn der Herr kommt? Wird er uns bei der Arbeit finden oder haben wir unseren Auftrag, von Wert und Würde der Schöpfung zu erzählen, Liebe und Vergebung zu üben, aufgeweicht und ausgedehnt? Werden wir gelobt oder aufs Schreckliste bestraft?

Ich stelle immer wieder fest, dass das, was diese biblischen Texte so sperrig und anstößig macht, wir selber sind. In letzter Konsequenz ist es eben doch schwierig zu lernen, dass Gott mich tatsächlich ernst nimmt. Dass er auch mir etwas zutraut. Ich weiß, was gut ist und ich weiß auch, was böse ist. Jeder von uns. Ich weiß, was anderen schadet und was ihnen gut tun. Und Heil kann auch ausgeschlagen werden. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort zu halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott, weiß schon der Prophet Micha (Micha 6,8).

Und nun? Der Sonntag setzt uns das Messer auf die Brust, wir sind überführt! Es wird viel gefordert und verlangt. Bei manchen löst das – wenigstens kurzfristig – den Drang aus, in fromme Werkerei zu verfallen. Punkte sammeln für´s Himmelreich, könnte man auch flapsig sagen. Also ab jetzt regelmäßig in den Gottesdienst und beim Gemeindebriefaustragen helfen. Doch ich muss sie enttäuschen, das wird nicht funktionieren. Natürlich dürfen sie gerne in den Gottesdienst kommen, denn es tut uns gut, unterbrochen zu werden und Gott zu begegnen. Aber sie können keine Punkte sammeln – dieses himmlische Bonussystem gibt es nicht. Gott hat es in Christus abgeschafft.

Also alles egal? Nein. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel gefordert, und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr verlangt. Unglaublich viel habe ich bekommen. Nur zum wenigsten habe ich wirklich etwas beigetragen. Ich lebe, ich lebe in Frieden, ich leide keinerlei Not (zumindest nicht körperlich), ich lebe in Freiheit. Und daraus kann ich unglaublich viel machen. Das kann mich tragen, ich kann zuversichtlich sein, ich kann mit Hoffnung nach vorne schauen, weil ich Gott an meiner Seite weiß, dem ich nichts vorzumachen brauche. Ich kann glauben und vertrauen und ich kann dem entsprechend auch handeln. Das ist es, was gefordert wird. Meine Aufgabe ist es, zu überlegen, was ich denn tue mit der Zeit, die mir hier auf Erden gegeben ist und deren Ende nicht in meinen Händen liegt (vgl. Psalm 39!).

Und so schlagen der Text und dieser Sonntag dann doch einen Bogen. Sie bauen eine Brücke hin zum 1. Advent nächste Woche. „Wir warten dein, o Gottes Sohn und lieben dein Erscheinen“, singen wir gleich (EG 152,1). Die Kunst von uns Christen ist es, auch mitten im Dunkel ein Licht vor Augen zu haben. Den Blick vom Zurück und der Erinnerung auf die Hoffnung und auf die Zukunft zu richten. Den Blick nicht immer bei mir zu haben, sondern dann und wann auch auf ihn, auf Gott und seine Welt zu richten.

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer – verspricht der Wochenspruch von nächste Woche (Sach 9,9). Vielleicht ist das ja der Schlüssel auch zu unserem Text und dem Ringen mit dem doppelten Ausgang. Zu wissen und darauf zu vertrauen, dass, der, der letztendlich den Rechenschaftsbericht von mir fordert, dass das derselbe ist, der mich gerettet hat. Ich werde dann keinem anderen als Jesus Christus gegenüberstehen. Die Verantwortung für mein Leben werde ich nicht los – Paulus schreibt das ganz nüchtern (1. Kor 3,15): Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Fazit: Gericht ja, eben weil uns allen viel anvertraut ist. Aber ich weiß, dass die Hände, die die Waagschalen halten, Gottes Hände sind. Und der, der mich beurteilen wird, ist Jesus Christus. Der, der als Mensch zu uns Menschen gekommen ist und unser Leben gelebt hat. Er hat weggenommen, was uns von Gott trennt, er ist unseren Tod gestorben. Zu Recht geht die Liedstrophe, die wir jetzt singen, also weiter: „Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.“

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