Jesus der Morgenstern, der für uns leuchtet

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus. Christus! Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Unser Predigttext stammt von einem Menschen, der völlig verzweifelt ist. Warum schaut Gott nicht von seinem Himmel herab? Warum lässt er es zu, dass seine Menschenkinder in die Irre laufen? Warum geht es uns so furchtbar schlecht?
Etliche Menschen befinden sich mit ihren Mitmenschen in einer schlimmen Krise.
Manche Menschen streiten sich untereinander, machen sich das Leben schwer, streiten oftmals wegen Kleinigkeiten.

Jetzt müsste Gott doch helfen, aber wo ist er? Der Himmel ist verschlossen; alles erscheint grau und düster. Alles hat man schon ausprobiert, um Frieden wieder herzustellen, aber es ist nicht gelungen durch Hartherzigkeit und durch mangel-ende Bereitschaft zur aufrechten Versöhnung. Keine Hoffnung auf Versöhnung hat sich erfüllt. Dazu kommt der Zweifel an sich selbst: „Wer bin ich, dass mir alles misslingt? Was mache ich bloß falsch? Wozu tauge ich denn noch?“ Wo ist denn Gott? Gott scheint so unendlich weit weg zu sein! Manche Menschen rufen da in einer solchen schwierigen Lage einen richtigen Verzweiflungsschrei aus: Schau doch hinunter vom Himmel! … Wo bleibt denn dein Interesse? Wo bleibt denn deine Barmherzigkeit? … Wenn du doch bloß den Himmel aufreißen und herun-terkommen würdest!
Da wird eine Sehnsucht nach Erlösung deutlich! Menschen, welche noch den Krieg kennen lernen mussten, haben eine besondere Sehnsucht nach Frieden. Menschen, die schwerkrank im Krankenhaus liegen, haben nur noch einen Wunsch, nämlich gesund zu werden. Menschen, die keine Perspektive mehr ha-ben, sehnen sich nach neuen Möglichkeiten. Jede Sehnsucht nach Besserung, nach Erlösung, ist zugleich Sehnsucht nach Gott!

Wir feiern Advent – Ankunft – die Ankunft Gottes mit Jesus Christus! Gott ist mit Jesus Christus im Stall von Bethlehem auf diese Erde gekommen. „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“(Johannes 1,11+12) So erklärt es Johannes: Gott ist mit Jesus Christus schon einmal hier gewesen, doch er wurde von den meisten Menschen nicht aufgenommen. Er wurde abgelehnt und gekreuzigt!

„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“

In diesen Tagen des Advents suchen wir Trost. Ja, diese Gewissheit des Trostes, die brauchen wir am meisten! Was nützen uns Kerzen, Tannengrün und andere Adventsbräuche, wenn uns die Gewissheit des Trostes fehlt? Trost ist in der heb-räischen Bibel immer zweierlei: Einmal des ermutigende Anhören und Beraten eines Menschen und dann aber auch die helfende, rettende Tat. Manche Men-schen klagen in dieser Zeit: „Ich bin von Gott so fern. Die Lichter zur Weih-nachtszeit machen mir im Grunde nur mein Dunkel bewusst. Wie soll ich mich freuen, wenn mir in meinem Leben so viel missglückt ist, auch durch eigene Schuld!“

Ein älterer Mann bekennt: „Ich denke viel an früher, als unsere Familie noch zu-sammen war. Da war Leben und Licht. Heute kommt das Ende immer näher, und ich warte eigentlich nur noch auf meinem Tod.“

Genau um diese beiden Problemkreise geht es im Advent! Gott kommt ganz nah und erlöst uns von unserer Schuld und von unserer Angst vor dem Tod. Wo ist Gott zu finden und wie macht er das?

Gott finden wir in Jesus selbst, in diesem Kind in der Krippe, dort sehen wir die Gottesnähe und Gotteshoffnung: Christus, Gottes Sohn. Anders können wir Christinnen und Christen diese einzigartige und gnadenbringende Verheißung auch nicht verstehen und weitergeben. Gott kommt uns menschenfreundlich in Christus ganz nah, vergibt uns unsere Schuld und macht den Horizont unserer Hoffnung ganz weit, über dieses irdische Leben hinaus: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Und ich gehe hin, um auch für euch die Wohnung zu bereiten.“

Nicht da, wo wir ein Licht anzünden, wird es Advent. Da wird höchstens so etwas wie Stimmung, nein, sondern, wo wir uns der Vergebung und dem Neubeginn, ja der Ewigkeitshoffnung öffnen, da wird es Advent, und deshalb können und dürfen wir Lichter anzünden.

„Ach Herr, reiß doch den Himmel auf, und komm zu uns herab!“ Ein schö-nes Bild, ein Bild voller Sehnsüchte und Hoffnungen. Die Sache, die damit ge-meint ist, kann man so ausdrücken: Wir sollen herunter vom hohen Ross unserer Selbstsicherheit und Arroganz und heraus aus den Löchern und Abgründen unse-rer Verzweiflung. Selber bewerkstelligen können wir das freilich nicht. Münchhau-sens Geschichte, wie er sich selber am Haarschopf aus dem Sumpf herauszieht, ist und bleibt eine Lügenmär. Aber – einsehen, dass wir es nötig haben, herunter und herauszukommen, danach Sehnsucht haben, es erhoffen und erbitten, dass Gott bei seinem Kommen das Wunder der Verwandlung tun wird, das heißt den Weg zu bereiten. Das Markusevangelium berichtet einmal, dass Jesus in seiner Vaterstadt Nazareth wegen des Unglaubens der Menschen keine einzige Tat tun konnte. Das gilt auch heute noch. Wer sich selbst goldrichtig findet (natürlich mit den üblichen Abstrichen menschlicher Schwäche) und mit der Welt zufrieden und einverstanden ist, der fragt gelassen: Wozu Gottes Advent? Umgekehrt gibt es Menschen – gehören wir nicht selber dann und wann zu ihnen? – die so hoff-nungslos an sich und der Welt verzweifeln, dass sie sich resigniert abwenden: Was kann aus Nazareth Gutes kommen?

Darum gilt: Kehrt um! Lasst euch ändern! Alles Wesentliche ist schon da und für euch bereitet. Das Licht leuchtet, ihr werdet den Weg finden. Die Tür ist offen, ihr braucht nur einzutreten. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe her-beigekommen.“

„Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir.“ Hebe deine Stimme, heißt es in einem Adventslied, sprich mit Macht, mit Vollmacht! Da wird es Advent in unserem Le-ben, wo die Stimme Gottes, die uns erreicht und erlöst, uns in ihrem Dienst nimmt, dass wir nun selber zu einer solchen Stimme für andere werden, die auf unseren Zuspruch warten.

Gottes Wort ist nicht nur ein theologischer Begriff, nein, es ist ein ganz persönli-cher Zuspruch in Zeit und Ewigkeit: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Denken wir an das Glaubensbekenntnis des Apostels Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefes: „Ich bin gewiss, dass uns nicht in der Welt von der Liebe Gottes trennen kann, die uns in Jesus Christus begegnet, weder Leben noch Tod, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.“

Jesus selbst ist der Morgenstern, der für uns leuchtet. Der Advent Gottes hat eine große Bedeutung für alle Menschen und für die gesamte Erde: „Sehet, sehet, alle Welt die Herrlichkeit des Herrn erhellt.“ Amen.

drucken