Ertragen und vergeben – aneinander wachsen

Cantate Domino – singet dem Herrn. Singen ist Lebensfreude. Da ist der Gesang unter der Dusche oder in der Wanne. Das Liedchen beim Spazieren und ich summe beim Autofahren leibend gerne mit- ohne Rücksicht auf die richtigen Töne. Wer singt, der hat Lebensfreude. Zumindest wenn wir singen nicht mit dem Ausplaudern von Wissen verwechseln. Singet dem Herrn ein neues Lied. Dieser Aufforderung aus dem Hallelujavers und dem Psalm kommen wir doch gerne nach. Singen ist frohlocken! Singen heißt Gott mit ganzem Körper, mit ganzer Seele und unter vollem Einsatz unserer Gaben zu loben. Singet dem Herrn – ja gerne!

Im Predigttext, den wir schon als Epistel gehört haben, begegnet uns auch die Aufforderung zum Gesang. „Singt Gott in eurem Herzen“. So lese ich uns Text aus dem 3. Kapitel des Kolosserbriefes noch einmal vor.

[TEXT]

Erstaunlich wie klar und eindeutig der Verfasser uns hier zu einem konkreten Verhalten auffordert. Da heißt es nicht einfach nur seid gut und habt euch alle lieb. Da wird es ganz konkret: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. All diese Substantive sind Tugenden. Sie kennen sicherlich die Kardinaltugenden: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Hier im ehemaligen Preußen gab einen eigenen Tugendkatalog. Darin stand Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung, Gehorsam und vieles mehr.

Im Wörterbuch heißt es: Eine Tugend ist eine Fähigkeit und innere Haltung Gutes zu tun. Allgemein könnte man sagen: Eine Tugend ist eine positive Eigenschaft.

Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Diese Tugenden sollen wir „anziehen“. Ein großartiges Bild finde ich. Wie in einen Maleranzug oder einen Mantel sollen wir schlüpfen. Ja wenn es doch so einfach wäre. Aber es fällt mir schwer alle diese Tugenden zu leben. Für mich persönlich kann ich sagen, dass mir Geduld und Freundlichkeit am leichtesten fällt. Immerhin zwei von fünf. Aber bei diesen beiden gibt es auch Ausnahmen. Wie sieht das bei ihnen aus? — ich möchte niemanden unterstellen, dass er bewusst unfreundlich ist. Auch Ungeduldig ist wohl keiner weil er es sein will.

Der Text für den Sonntag Kantate weiß um unser Versagen. Darum heißt es: Ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr. Ertragen und vergeben. Einander ertragen und gegenseitig vergeben – das müssen wir. Und ehrlich gesagt: Dieser Hinweis lässt mir einen kleinen Stein vom Herz fallen. Denn jemanden ertragen muss ich nur, wenn mein Gegenüber nicht ganz fehlerfrei ist. Vergeben kann ich nur, wenn jemand schuldig geworden ist.

Der Verfasser des Textes lebt mitten in dieser Welt. Er weiß um unser Leben. Darum nennt er ertragen und vergeben. Zu den allgemeinen Tugenden kommen zwei konkrete Anweisungen für mein Leben. Das Zusammenleben in dieser Welt und in diesem Ort. Ja das Leben in einer Gemeinde und in einer Familie ist angewiesen auf gegenseitiges ertragen und einander vergeben. Wir sind keine Handpuppen die nur das machen was ihr Spieler will. Wir sind keine ferngesteuerten Autos und wir sind auch keine dressierten Tiere. Wir sind Menschen. Wir sind alle ganz unterschiedlich. Wir haben Ecken und Kanten. Vielleicht ist unser Verhalten auch Abhängig von Ort und Zeit. Manch einer ist Morgenmuffel und eine andere ist am Morgen vielleicht voller Freude. Mancher hat keine Geduld etwas zu erklären ein anderer versucht es auch noch zum hundertsten mal. Und weil wir so unterschiedlich sind, kommt es zwischen uns auch immer wieder zu Streitereien. Das können ganz alltägliche Dinge sein wie die Frage was es zum Mittag geben soll oder ob der Stuhl weiter links oder weiter rechts stehen müsste. Und es kann zu echten Kämpfen untereinander kommen, wenn es um Dinge geht die einem persönlich wichtig sind. In diesen Konflikten sind die Worte des Predigttextes lebensnotwendig. Einander ertragen mit den kleinen und großen Macken und einander vergeben – die kleinen Fehler und die großen erst recht!

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. So verweben sich die Tugenden mit dem konkreten Leben. In den Beziehungen und Ehen können wir einander ertragen. Den Lebenspartner, oder den Freund, die Freundin – in einer Beziehung ist das oft schon schwer, aber da gibt es immer noch die Liebe zum Gegenüber. Am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Verein sieht es schon anders aus. Da ist es nur der Beruf, oder das gemeinsame Interesse das verbindet. Dort einander ertragen und vergeben fällt schon viel schwerer. Und wie sieht es in unserer Gemeinde aus? Leben wir als Christinnen und Christen geduldig und freundlich zusammen? Ertragen wir uns, vergeben wir? Sie merken – das sind rhetorische Fragen. Die Antwort ist klar. Wir tun es nicht. Zumindest nicht immer. So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Ich habe lange über den Aufforderungen gegrübelt und die Wörter in meinem Herzen bewegt. So lange, dass ich das Wesentliche dieses Textes übersah. So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten …

Der Paulusschüler beginnt mit dem was schon ist. Wir sind die Auserwählten, Wir sind geheiligt, wir sind geliebt. Das ist die Voraussetzung für unser Leben als Christ und Christin. Wir sind erwählt, geheiligt und geliebt. Das ist das Fundament unseres Lebens. Das ist das Brot das uns stärkt und die Quelle die uns erfrischt. Weil wir bereits von Gott geliebt sind, darum sollen wir einander ertragen und uns gegenseitig verzeihen. Sanftmut, Liebe, Demut und Geduld sind keine Voraussetzungen für ein Christsein. Es sind Folgen. Darum sollen wir sie anziehen wie einen Maleranzug oder einen Mantel. Wir haben einen Status – wir sind die erwählten, geheiligten und geliebten Gottes.

ICH BIN geheiligt, Ich bin erwählt. Ich bin geliebt. Sprechen wir es gemeinsam: ICH BIN geheiligt, Ich bin erwählt. Ich bin geliebt.

Machen wir uns das bewusst. Weil Gott uns erwählt hat liegen in uns die Samen der Tugenden. Die Keime der Vergebung.
Wenn wir danach leben, dann können wir auch miteinander streiten, dann können wir um Entscheidungen ringen und wir können uns immer wieder vergeben. Dann sind wir eine Gemeinschaft die aneinander wächst.

Gemeinsam sind wir auf dem Weg, Gemeinsam feiern wir Gottesdienst und gemeinsam dürfen wir Gott in unserem Herzen singen. Mit aller Lebensfreude die in uns wohnt. Wenn wir so leben und so miteinander umgehen, dann sind wir attraktiv für andere. Als erwählte, geheiligte und geliebte Kinder Gottes sollen wir voll Lebensfreude singen. Singet dem Herrn und lasst die Lieder in die Welt klingen.

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