Ein seltsamer Tag

Buß- und Bettag bleibt ein seltsamer Tag am Ende des Kirchenjahres, mit dem Menschen allgemein wenig anzufangen wissen. Wer redet schon gerne von eigener Schuld, gar von Buße? Wer zahlt schon gerne Bußgeld? ‚Ich wars net‘ (saarländische T-Shirt-Aufschrift) trifft es da eher. Immer aufs Neue der Versuch, mich selbst rein zu waschen, mich selbst freizusprechen.

Buß- und Bettag ist ein Gegenpol zu der menschlichen Sehnsucht nach der eigenen Perfektion und auch zu der Vorstellung, ich selber würde eigentlich alles richtig machen, wäre frei von Fehlern. Buß- und Bettag ist der Tag, an dem ich Gott und mir eingestehen kann, dass ich nicht der bin, der ich sein könnte. Davon erzählt Jesus in einer Gerichtspredigt.

[TEXT]

Heiliger Zorn spricht aus diesem Text. Heiliger Zorn auf alle Menschen, die sich selbst gerecht sprechen. Heiliger Zorn auf all die Menschen, die sich selbst für perfekt halten. Heiliger Zorn auf die Menschen, die meinen sich selbst entschuldigen zu können, die nicht riskieren wollen, warten zu müssen, bis Sie jemand entschuldigt.

Heiliger Zorn ist das Eine, übergroße Liebe ist das Andere. Beides kommt hier zusammen. Zorn auf die Selbstgerechten, die es überhaupt nicht interessiert, was aus ihren frommen und guten Worten wird, die überhaupt nicht merken, wie sie mit ihrem Frommsein, Menschen in die Verzweiflung treiben.

Noch heute erleben wir das, wenn Menschen mit guten und gesetzten Worten aus sicherer Position heraus sagen: Jeder findet Arbeit, wenn er will. Diese vielen Scheidungen müssten nicht sein, wenn die jungen Leute nicht so egoistisch wären.

All solche Sätze können richtig sein, aber sie sind so schrecklich falsch, weil sie lieblos und unbarmherzig sind, weil sie das Elend des Einzelnen nicht wirklich wahrhaben wollen, sondern sich vom Leib halten wollen.

Nicht ob meine Worte richtig sind, ist entscheidend. Ob meine Worte voller Liebe sind, das ist wesentlich. Wahrheiten – und erst recht gut gestreute Halbwahrheiten – können Menschen vernichten, wenn sie kalt ausgesprochen werden. Liebe schafft Wärme und Nähe, Liebe erlaubt, dass sich Dinge ändern. Erst die Liebe macht aus meinen Sätzen eine wahre Rede und ohne Liebe werden auch Wahrheiten zur Lüge, weil die Seele nicht hinter ihnen steht.

Jesu Predigt will mir helfen, herauszufinden, was bei mir falsch läuft und mich genau dazu offen zu bekennen. Darum weist er ich darauf hin, dass ich Rechenschaft ablegen muss für jedes Wort und für jede Aktion. Im Kern heißt das nichts anderes als: Ich bin verantwortlich für mein Handeln und Reden, für mein Nichthandeln und Schweigen.

Das meint auch dieses alte Bild vom Baum: Es gibt gute und faule Bäume. Diese Schwarz- Weiß-Malerei stammt aus einer Zeit, als viel mehr vom Nutzen – Denken her geurteilt wurde. Ein Baum wurde nur daran gemessen, wie viel Frucht er trug. Die anderen Erträge wie Schönheit, Schatten oder Ökologie waren nicht wichtig. Der Ertrag war wesentlich ein einer landwirtschaftlichen Gesellschaft und ist es heute noch, wo jemand Obstanbau professionell betreibt. Nur auf dem Hintergrund ist das Bild zu verstehen. Da gibt es nur Hopp oder Flop.

Die Früchte sind Signal, was der Baum wert ist. Dieses Bild darf nicht überstrapaziert werden. Aus dem Kontext geht hervor: Es geht um die Worte und Ergebnisse, die aus unserem Mund kommen.

Mir wird zugetraut, den guten und richtigen Baum zu finden und zur Blüte und zur Ernte zu bringen. Mir wird zugetraut, dass ich zu einem solchen Baum werde.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Mit solchen Sätzen werden Menschen abgestempelt. Jesus erlaubt den Früchten sich zu emanzipieren. An ihnen erkennt man den Wert des Stammes nicht umgekehrt. Ich werde befreit. Ich bin nicht verantwortlich für das, was von Anderen ausgeht. Ich bin nur noch verantwortlich für mein Tun, für mein Reden, für die Folgen dessen, was ich tue. Das ist viel genug.

Jesus möchte, dass ich mich selber anschaue und er möchte, dass ich andere so anschaue, wie ich selber angeschaut werden möchte, mit Liebe und Verständnis.

Ziel ist ‚Freude der Buße‘, die in der Umkehr zu Gott liegt. Das kann eine große Freude werden, wenn ich aus dem Blick in den spiegel lerne, dass ich ein besserer Mensch werden kann. Das ist wie am Ende einer Diät: Wenn ich abgenommen habe, darf ich stolz auf mich sein, mich belohnen und trotzdem nicht nachlassen, weiterzumachen, um Jojo-Effekte zu vermeiden.

In einem alten württembergischen Konfirmandenbüchlein heißt es: „Buße tun, heißt umkehren in die Arme Gottes!“ Ich darf umkehren – jederzeit. Das ist ein Riesengeschenk, dass Gott uns selber macht. Dafür feiern wir den Buß- und Bettag, auch wenn der Staat uns diesen Tag nicht mehr als freien Tag spendiert.

Amen.

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