Der unehrliche Geschäftsführer

Liebe Gemeinde,

ein Lied aus dem 16. Jahrhundert und doch mit einer gewissen Aktualität: Lang macht er es mit seinem Jüngsten Tage – die letzten 500 Jahre hat sich am Warten auf dieses Ereignis nichts verändert. Und bange wird uns heute auch. Es sind nicht mehr Pest oder Teufel, die uns Sorgen machen, heute haben sie andere Namen diese Plagen wie Fukushima oder die Eurokrise.
 
Nach der schönen Sommer- und Erntezeit mit den Natur- und Dankliedern schlägt das Kirchenjahr jetzt einen anderen Ton an: Es geht um Gericht, um eigene Schuld und Versagen; es geht um Umkehr, um Sterben, Trauer und so mancherlei andere Plagen, vor denen einem bang werden kann. Der Blick reicht bis in die Ewigkeit.
 
Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber irgendwie sperrige Themen, unangenehm. Man will nicht so richtig dran, weil das alles vielleicht doch mehr mit einem selbst zu tun hat, als einem so lieb ist.
 
Und, was noch dazu kommt: Die biblischen Texte und Themen, die halten uns plötzlich einen anderen Gott vor die Nase. Kein Kuschelbärgott mehr, kein Kumpel an meiner Seite und nur allzu menschlichen Bruder in Jesus.

Es geht um Gericht, um beurteilt werden. Da wird etwas von mir gefordert, Rechenschaft soll ich ablegen. Da bin ich nicht mehr der Mensch, der doch alles kann und macht, sondern nur das kleine Geschöpf vor dem großen Schöpfer. Die Relationen werden verrückt. Der Gott, dem wir am Ende des Kirchenjahres in diesen drei Gottesdiensten jetzt und nächste Woche begegnen, der will etwas von mir.
 
Liebe Gemeinde, es liegt an jedem einzelnen selbst, ob das – wie so vieles andere – an mir vorbeiplätschert oder ob ich diese sperrigen und anstößigen Gedanken ernst und mir zu Herzen nehme.
 
Ein bisschen sperrig und anstößig ist auch unser heutiger Predigttext, der sich damit ja ganz gut einfügt ins Ende des Kirchenjahres. Ich lese aus Kapitel 16 die Verse 1 bis 9…
 
[TEXT]
 
Eine Geschichte, die so nur beim Evangelisten Lukas vorkommt – lukanisches Sondergut. Für manche Ausleger unklar, wie so ein Text überhaupt im biblischen Kanon bleiben konnte – Gott wird nicht erwähnt. Was will uns Lukas damit sagen und wozu wurde dieser Text überliefert?
 
Wir machen uns auf die Spur…
 
1. … und wenn wir dem Thema der Friedensdekade folgen „Gier-Macht-Krieg“, dann kommen wir ja ganz schnell zum Verwalter aus der Geschichte. Der wurde angezeigt, weil er Vermögen veruntreut haben soll. Er hat seine Macht, seine Position eingesetzt, um seine eigene Gier zu befriedigen – es dreht sich also um Wirtschaftskriminalität. Und das ist uns heute nicht fremd – der Blick allein in diesem Monat in die Zeitung reicht: Da stehen Manager von Olympus wegen Veruntreuung vor Gericht, der frühere Chef der bayrischen Landesbank soll gemeinsam mit dem Formel 1-Manager Ecclestone die Bank – und somit natürlich den Steuerzahler – um rund 50 Mio erleichtert haben; rund 30 Mio an Bestechungsgelder sind wohl geflossen. An die Eurokrise brauchen wir da noch gar nicht zu denken.
 
Der reiche Mann aus der Geschichte lässt sich das natürlich nicht bieten: >Was muss ich von dir hören? Leg die Abrechnung über deine Tätigkeit vor; du kannst nicht länger mein Verwalter sein.< Rechenschaftsbericht mit fristloser Kündigung. So war´s in der Geschichte. Heutige Bankmanager werden zwar auch umgesetzt, erhalten aber zur Abmilderung noch Boni in schwindelerregenden Summen.
 
2. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Der Wochenspruch aus dem 2. Korintherbrief bringt uns direkt auf die zweite Spur. Auch da geht es ja um einen Rechenschaftsbericht. Dann im Jüngsten Gericht, da wird alles offengelegt, nichts bleibt verborgen und unter der Decke. In der Geschichte wird der Verwalter zur Verantwortung gezogen – die Folge ist klar: Kündigung. Alles muss er jetzt offenlegen.
 
Wir müssen alle offenbar werden – wir, alle, die Erwachsenen genauso wie ihr Konfis. Nicht die anderen, von denen wir ja manchmal so ganz genau wissen, was schief läuft und wie wir es besser machen würden. Auch wir sind solche Verwalter. Für unser Vermögen vielleicht nur im kleineren Sinne. Aber wir sind alle Verwalter unserer Welt.

Und ihr Konfis hätten eigentlich ja alles Recht der Welt zu fragen: Was macht ihr denn? Habt ihr euch mal überlegt, wie wir leben sollen in 50 Jahren? Ist das Meer dann leergefischt? Hier im Tongestein um Ulm ein Endlager für radioaktive Abfälle, weil keiner jemals richtig zu Ende überlegt, wohin damit?
 
Was ist mit eurer Rechenschaft als Jugendliche? Ist es egal, wo die seltenen Rohstoffe für Laptop und Handy herkommen – unter welchen Bedingungen Menschen auf der anderen Seite der Welt arbeiten? Ist es egal, wenn Kinder schuften müssen, damit ich eine chice Jeans tragen kann? Das alles war ja Thema vom Konfi-Tag am Mittwoch.

Überlegt doch mal, wie euer Rechenschaftsbericht aussieht?
 
Liebe Gemeinde, und im Grunde reicht eben gottesdienstliche Betroffenheit und ernstes Nicken am Ende des Kirchenjahres nicht mehr aus. Gott erwartet kein Lippenbekenntnis, das an der Kirchentüre schon wieder vergessen ist, sondern er erwartet einen Rechenschaftsbericht, der Folgen haben muss. Eine Spur, die wir am Buß- und Bettag weiterverfolgen unter dem Thema „Genug ist genug“…
 
3. Doch zurück zum Text und dem Verwalter und einer dritten Spur. Der ertappte Verwalter überlegt sich einen Weg, wie er wohl in Zukunft leben kann, denn: Für schwere Arbeit tauge ich nicht, und ich schäme mich zu betteln. Also nimmt er bei den Schuldnern seines Arbeitgebers Schuldenerlässe in kaum fassbarem Ausmaß vor. Alles, damit er später aus Dankbarkeit von diesen Menschen Unterstützung bekommt. Kriminell, aber clever und für ihn selbst folgenlos, da es ja nicht sein Vermögen ist.
 
Da lobte der Herr den ungetreuen Verwalter dafür, dass er so klug gehandelt hatte. Der Verwalter hat die Zukunft im Blick, er nimmt sein Leben – wenn auch mit zweifelhaften Methoden – wieder in die eigene Hand.
 
Gelobt wird allerdings nicht das kriminelle Handeln, gelobt wird, dass im Endeffekt für alle eine bessere Lage entsteht. Es ist mehr Gerechtigkeit entstanden. Der Verwalter hat eine Zukunft und eine Unterkunft. Den Schuldnern sind gewaltige Summen erlassen worden. Und dem reichen Mann scheint das wichtiger zu sein, als sein erneut eingefahrener Verlust durch diese weitere Gaunerei seines Verwalters.

Denn mit diesem Schuldenerlass steht der Verwalter auf gut alttestamentlichem Boden: Im 5. Mosebuch (Dtn 15) sind recht genau die Regeln für solch einen Schuldenerlass vorgegeben. Alle sieben Jahre sollte eine Entschuldung unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten durchgeführt werden. Wie klug war man doch damals – denn so konnte man die Gier zügeln (auch der Mächtigen) und die sich aufschaukelnde Zinsspirale, die uns in diesen Tagen so viel Sorgen bereitet, durchbrechen.
 
Lukas erzählt eine Entscheidungsgeschichte, eine Gerichts-geschichte. Ja, der Verwalter nutzt die Möglichkeiten, die ihm gegeben sind. Er handelt als Mensch dieser Welt und wird darin ja als klug bezeichnet. Sein ganzes Handeln ist offenbar und offengelegt worden vor seinem Herrn. Er selber ist gerichtet worden. Und doch hat er für andere Menschen dadurch Gutes bewirkt und Gerechtigkeit geschaffen.
 
Liebe Gemeinde, auch diese dritte Spur führt uns wieder zurück zum Ende des Kirchenjahres. Denn auch da dreht es sich ja um eine Art von Schuldenerlass. Natürlich, zunächst steht das Thema Gericht, Bekennen, Eingestehen von Schuld im Vordergrund. Doch dabei ist es ja nicht geblieben.

Denn dieser Gott, dem wir in aller Ernsthaftigkeit jetzt begegnen, der ungeschönte Rechenschaft fordert, das ist derselbe, der mitten unter uns als Mensch gelebt hat. Der an unserer Seite steht und der weiß, wie das Leben eben so ist. Der auch weiß, dass es in einer globalisierten Welt, wie wir sie heute haben, gar nicht so leicht ist, gerecht zu handeln. Und er weiß auch, dass es oft leichter ist nur im Hier zu leben ohne immer gleich zu überlegen, was mein Handeln oder Nicht-Handeln für Menschen weit weg bedeuten könnte. Der Strom kommt eben aus der Steckdose, bei Aldi ist es billig und die Strecke fährt man dann doch schnell mit dem Auto.
 
Der reiche Mann in der Geschichte bekommt das Handeln seines Verwalters genauso mit und kennt ihn, wie Gott uns (immerhin sind wir ja seine Geschöpfe) kennt und unser Verwalten seines Vermögens. Für uns soll es auch einen Schuldenerlass geben, allerdings einen, der den unseres Predigttextes weit übersteigt (Kol 2,14): Den Schuldschein, der auf unsere Namen ausgestellt war und dessen Inhalt uns anklagte […], hat er für nicht mehr gültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt.
 
Liebe Gemeinde, wir als Gemeinde, jeder einzelne von uns lebt in dieser Welt. Wir alle sind ein Teil davon und wir gestalten sie mit, auch wenn uns das nicht immer so bewusst ist. Wir sind verantwortlich und stehen nicht wie fromme Beobachter daneben. Diese Gottesdienste am Ende des Kirchenjahres erinnern uns daran: Immer, wenn ich lebe, dann werde ich in irgendeiner Weise schuldig – ob ich will oder nicht.

Und deshalb brauchen wir auch einen Schuldenerlass für uns. Wir brauchen einen, der jetzt schon mitten unter uns ist. Und wir brauchen einen, der uns ernst nimmt und auch Rechenschaft von uns fordert. Wir brauchen aber auch einen, der uns gleichzeitig lehrt zu beten: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
 
Amen.

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