Betrug oder Klugheit?

Liebe Gemeinde!

Wenn sie gleich den Predigttext des heutigen Sonntags hören, dann kann es ein, dass Sie ein wenig überrascht sein werden. Es ist keiner nämlich von jenen Texten, die man gut kennt, oder die man im Gottesdienst zu hören gewohnt ist. Es steckt vielmehr etwas Überraschendes, ja Befremdliches in dem Gleichnis, das wir jetzt hören. Etwas, was uns in erstaunlicher Weise an ganz aktuelle Fragestellungen und Problemen denken lässt. Hören Sie selbst. Ich lese aus Lukas 16 in der Übersetzung der Guten Nachricht.

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Soweit erst einmal. Den Schluss des Gleichnisses, nämlich das, was Jesus nun dazu sagt, lese ich etwas später.

Also: was sagen Sie dazu? Wahrscheinlich doch dies: Das ist doch eine Geschichte von einem vorsätzlichen und wiederholten Betrug. Da hat ein Geschäftsführer den Chef seiner Firma hintergangen, ihm wird mit fristloser Kündigung gedroht, und darauf hin geht er zu weiteren Leuten, die bei seinem Chef in der Kreide stehen, und macht mit ihnen einen Deal: Wir fälschen einfach die Unterlagen, wir halbieren eure Schulden oder reduzieren sie wenigstens, der Chef wird das schon nicht merken, und dafür helft ihr mir später, wenn ich auf der Straße stehe.

Schlimmer geht’s doch gar nicht. Das erinnert uns auf fatale Weise an so manche Nachrichten, die wir immer wieder hören, wenn es um Unregelmäßigkeiten oder offensichtlichen Betrug geht. Da sind in jüngster Vergangenheit so manche Spitzenmanager und Politiker in Verruf geraten und verurteilt worden. Oder haben sich irgendwohin abgesetzt. Auf jeden Fall: Das, was da geschieht, ist in höchstem Maße verwerflich und schädigend, so denken wir zu Recht.

Und was das Halbieren der Schulden angeht: Wenn das jetzt in der Politik, etwa gegenüber Griechenland oder manchen Entwicklungsländern vorgeschlagen wird und in diesem Fall womöglich auch ein Schritt in die richtige Richtung ist, dann ist das Geschrei groß, v. a. von seitens der Großbanken: Das geht doch nicht, heißt es dann, dann machen wir keine Gewinne mehr, und das bringt das Wachstum zum Erliegen, Arbeitsplätze sind in Gefahr, und unser ganzes Wirtschaftssystem gerät ins Wanken. Also: Wenn schon Schulden gemacht werden – und unser Wirtschaftssystem baut darauf auf und zieht Gewinne daraus, dass Schulden gemacht werden – dann müssen solche Schulden auch ordnungsgemäß zurückgezahlt werden. Daran ist nicht zu rütteln.

Nun ist die Botschaft des Neuen Testamentes ja dafür bekannt, dass sie an vermeintlichen festen Ordnungen unserer Welt und unserer Vorstellungen mitunter kräftig rüttelt. Das fängt damit an, das Jesus sich besonders den Armen, Kranken und Rechtlosen zugewandt hat, das zeigt sich darin, das er gesagt hat: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie sollen Gottes Kinder heißen, und das hört damit auf, dass seine Kreuzigung und seine Auferstehung sich der scheinbar unwiderruflichen Macht des Todes widersetzen.

Dass an Ordnungen gerüttelt werden, zeigt sich nun auch in diesem Gleichnis vom unehrlichen Verwalter, wie die Überschrift in der Lutherbibel heißt. Wir haben uns beim Hören vielleicht ein wenig gewundert, warum Jesus ausgerechnet eine solche Geschichte erzählt, die doch nichts Gutes an sich hat. Und noch haben wir ja gar nicht gehört, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen will. Hören wir, wie es weitergeht.

Jesus lobte den betrügerischen Verwalter wegen seines klugen Vorgehens, und sagte: .“Die Menschen dieser Welt sind, wenn es ums Überleben geht, viel klüger als die Menschen des Lichtes. Ich sage euch«, forderte Jesus seine Jünger auf, »nutzt das leidige Geld dazu, durch Wohltaten Freunde zu gewinnen. Wenn es mit euch und eurem Geld zu Ende geht, werden sie euch in der neuen Welt Gottes in ihre Wohnungen aufnehmen.«

Was sagen Sie jetzt? Ist das etwas, was wir von einem Gleichnis und von einer Predigt erwarten und was wir gutheißen können? Dass ein Betrüger gelobt und praktisch als Vorbild hingestellt wird? Wo kämen wir denn da hin, wenn sich alle Menschen, ob in verantwortlicher Position in Wirtschaft oder Politik oder auch als Privatleute so verhielten? Das klingt doch eher nach Mafia-Methoden und kann doch nicht Verkündigung des Evangeliums sein?

In der Tat, dieses Gleichnis, das übrigens nur beim Evangelisten Lukas zu finden ist, wird seit alters her als eines der schwierigsten Gleichnisse angesehen; ein Theologe vor 100 Jahren nannte es sogar das „grauenvollste der Gleichnisse“! Grauenvoll und verhängnisvoll wäre es in der Tat, wenn man dies als Lehre heraushören und beherzigen würden: Dass es nämlich nur darauf ankomme, geschickte den eigenen Vorteil zu nutzen und selbst aus der verfahrensten Situation noch etwas zu machen. Oder stets nach der Devise zu handeln: „Eine Hand wäscht die andere“. All das ist uns ja nur zu bekannt, doch dies aus der Bibel am Sonntagmorgen zu hören, ist ja doch einigermaßen befremdend.

Denken wir einen Augenblick nach: „Gier macht Krieg“ – so haben wir es ja noch als Motto der diesjährigen Friedenswoche im Ohr. Dieses Gleichnis aber ist zunächst voller Gier; voller Gier nach Geld und Anerkennung, voller Gier danach, gut dazu stehen oder irgendwie ungeschoren davonzukommen. Und diese Gier, so ahnen wir aus dem Gleichnis und so wissen wir aus der Geschichte der Menschheit, vergiftet das Miteinander von Menschen, führt zu Gewissenlosigkeit und Ungerechtigkeit und schafft alles andere als Frieden. – Aber von Jesu haben wir doch immer gehört, dass er gerade dafür eingetreten ist, dass das Miteinander der Menschen von etwas anderem als dieser unersättlichen Gier bestimmt sein soll. Warum und wozu dann dieses Gleichnis?

Ja, ein wenig Mühe macht es schon, aus dem Gleichnis und besonders aus den abschließenden Worten Jesu etwas herauszuhören, was nun doch mit dem Evangelium zu tun hat, mit der frohen und befreienden Botschaft, und was uns womöglich auch dazu anleitet, von der Gier nach dem immer Mehr wegzukommen hin zu einer Welt, in der es ehrlich und gerecht und friedlich zugeht. Wir hören dazu am Besten noch einmal die Worte, mit denen dieses Gleichnis endet:

Die Menschen dieser Welt sind, wenn es ums Überleben geht, viel klüger als die Menschen des Lichtes. »Ich sage euch, nutzt das leidige Geld dazu, durch Wohltaten Freunde zu gewinnen. Wenn es mit euch und eurem Geld zu Ende geht, werden sie euch in der neuen Welt Gottes in ihre Wohnungen aufnehmen.«

Kinder der Welt – Kinder des Lichts. Ein im Neuen Testament immer wieder genannter Gegensatz, der, um es kurz und knapp zu sagen, auf der einen Seite diejenigen Menschen meint, die von Jesus Christus entweder noch nichts gehört haben oder aber nichts von ihm halten, auf der anderen Seite dagegen diejenigen, die von ihm, dem Licht der Welt, angesprochen und angerührt worden sind. Nun nennt Jesus die Kinder des Lichts klüger als die Kinder des Lichts, weil sie Taktiken und Möglichkeiten zum Überleben finden. Wohlgemerkt, Jesus nennt den Verwalter weiterhin betrügerisch. Und dass, was er tut, heißt er nicht gut. Aber: Er nennt es klug, was er tut. Er macht in seiner verfahrenen Situation das einzig Richtige, sagt Jesus. Dieser Mensch handelt nämlich nüchtern und ohne Zeit zu verlieren. Und das das könnt ihr von diesem Verwalter lernen. Mitten in dieser Welt und mit den Mitteln dieser Welt, also auch mit dem Geld zu leben und zu arbeiten, dass es Menschen nützt.

Dass dabei nicht jedes Mittel recht ist, wusste Jesus natürlich auch, und der Evangelist Lukas hat dieses Gleichnis bestimmt nicht deswegen überliefert, weil er der Meinung war, Jesus hätte hier einmal eine Ausnahme erlaubt. Nein, es geht darum, im Bereich der Kinder der Welt, also im alltäglichen, materiellen Bereich, so zu agieren, dass Menschen leben und überleben können. Die einzelnen Schuldner, die unter ihrer Last wahrscheinlich genau so litten wie der Verwalter unter seiner, sie waren am Ende nun ein Stück weit entlastet, entschuldet, um es wieder mit einem modernen Begriff zu sagen. Und damit hat der Verwalter klug gehandelt, sagt Jesus.

Martin Luther hat einmal gesagt: Wir sind als Menschen immer zugleich gerecht und schuldig – oder sündig. Aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus. Das kann uns lähmen und zum Nichtstun verführen, aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. So soll es aber unter uns Christen nicht sein, das können wir einfach nicht machen: So unentschlossen dastehen und nichts tun – weder im Privatleben noch in der Kirche oder in der Politik. Vielmehr: Voller Vertrauen, ehrlich und entschlossen zu handeln, immer im Bewusstsein, niemals alles richtig machen zu können oder perfekt zu sein, das entspricht der Botschaft Jesu. Seid klug wie die Schlangen, so hat Jesus schließlich auch einmal gesagt, und damit erneut das Bild eines listigen Lebewesens gebraucht und damit seine Jünger aufgefordert, alles Negative in der Welt zu überlisten Das bedeutet: Gier, Macht und Krieg sollen nicht das letzte Wort haben, so etwa nach dem Motto: „Gnade uns Gott“. Sondern Gottes Gnade ist es, dass wir kluge Entscheidungen treffen sollen und können, damit wir Menschen überleben und unser Leben so gestalten, wie es sein Wille ist, mitten in dieser Welt und im Blick und in der Hoffnung auf die neue Welt, die kommt.

Amen.

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